Ein Dorf am Ende der Welt

Sacha Naspini: Hinter verschlossenen Tueren

Stellt euch vor, ihr reist durch Italien. Ihr kommt dabei durch Städte, kleine Orte und völlig abgelegene Dörfer. Stellt euch ein solch einsames Dorf vor, es liegt vielleicht auf einem Bergrücken. Ihr erreicht es am frühen Nachmittag, es gibt einen Supermercado, der gerade Mittagspause hat, einen leeren Platz mit ein, zwei Cafés und einer Bar. Vielleicht sitzen dort ein paar alte Männer im Schatten der Bäume und schweigen gemeinsam. Stellt euch die Häuser des Dorfes vor, wie sie sich verschachtelt entlang der Durchgangsstraße hinziehen, die ins Nirgendwo zu führen scheint. Die paar engen Gassen, die rechts und links abgehen. Wäsche, die vor den Fenstern zum Trocknen hängt, geschlossene Fensterläden. Natürlich gibt es eine Kirche, alt und verwittert – so wie der ganze Ort. Es ist still. Keine Menschen sind unterwegs. Seht ihr ein solches Dorf vor euch? Hört ihr die Stille? Unwillkürlich würde ich mir in diesem Moment die Frage stellen, wie es wohl sein muss, in einem Ort wie diesem sein Leben zu verbringen. Und was sich wohl hinter all den schweigenden Fassaden abspielen mag. Welche Menschen in den Häusern wohnen, die still der Mittagshitze trotzen. Was sie bewegt. Wie es sich anfühlt, alle anderen Bewohner jahrzehntelang zu kennen. Und ich wäre neugierig darauf, welche Geschichten sie wohl erzählen könnten. In dem Roman »Hinter verschlossenen Türen« von Sacha Naspini lernen wir ein solches Dorf kennen. Und wir erfahren Kapitel für Kapitel mehr über das Leben in einer Dorfgemeinschaft, die eher wie eine Schicksalsgemeinschaft wirkt. Und vielleicht möchte man dann doch nicht so genau wissen, was sich alles hinter den Fassaden abspielt, die in der Mittagszeit vor sich hinbrüten. Denn es sind Dramen und ein Blick tief hinein in menschliche Abgründe. Aber dann ist zu spät, denn man hat dieses grandiose Buch bereits durchgelesen. Und muss erst einmal tief durchatmen. 

Sacha Naspini: Hinter verschlossenen Tueren

Le Case ist ein altes, aussterbendes Dorf auf einem felsigen Höhenzug der Maremma, »ein Ort, der deine Seele erstickt.« Die Menschen dort führen tagein, tagaus das immergleiche Leben. Die Wolken hängen tief, weit unten liegt der nächste größere Ort, nur selten verirren sich Fremde in Le Cases Abgeschiedenheit – es ist ein Dorf am Ende der Welt. 

»Wenn du von Le Case eines lernst, dann, mit wenig zufrieden zu sein. Le Case massakriert dich schon im Kindesalter, indem es dir die schönen Erwartungen aus der Hand nimmt, die man ans Leben hat, und schon mit fünfzehn steckst du in einer Haut, die dir langsam zu eng wird. Wenn du dann nicht den Weg findest oder den Mut hast, diesen Fels hinter dir zu lassen, bekommst du einen anderen Blick auf diese Mauern. Erst waren sie das Tor, um in die Welt hinauszugehen. Jetzt schließen sie dich ein, und statt deine Augen zum Funkeln zu bringen, nehmen sie dir die Luft zum Atmen. Also lässt du allmählich den Kopf hängen. Du sagst dir: ›Es gibt Leute, denen es schlechter geht.‹ Und das ist die eigentliche Todsünde. Denn sie wird zu einer Ausrede und am Ende glaubt man sie wirklich.«

Sacha Naspini: Hinter verschlossenen Tueren

Diese wenigen Sätze lassen ein Dorf vor dem inneren Auge entstehen, dessen Einsamkeit schon fast mit den Händen zu greifen ist. Doch wer sind die Menschen, die dort leben? Die dort seit Jahrzehnten Haus an Haus, Wand an Wand wohnen und glauben, alles voneinander zu wissen. Aber hinter den Fassaden schlummern die Geheimnisse – und was für welche. In neunundzwanzig Kapiteln lernen wir zahlreiche der Bewohner kennen, jedes Kapitel ist aus der Perspektive der jeweiligen Person geschrieben. Manche tauchen mehrfach auf, viele nur ein einziges Mal, werden aber in anderen Kapiteln erwähnt. So entsteht ein kunstvoll komponiertes Kaleidoskop menschlicher Schicksale, die alle untrenn- und unentrinnbar mit Le Case verbunden sind. Kapitel für Kapitel tauchen wir tiefer ein in die Straßen und Gassen von Le Case, in eine kleine Welt für sich. Und nein, die Menschen dort wissen bei weitem nicht alles voneinander. Ein paar der Dorfbewohner stelle ich hier vor.

Sacha Naspini: Hinter verschlossenen Tueren

Der tote Zwilling
Sonia Antichi vermisst ihren tödlich verunglückten Ehemann Achille – trotz all der freud- und lieblosen Jahre, die sie miteinander verbracht haben. Dessen Zwillingsbruder Angiolino, der mit Antiquitäten handelt und versucht, seine Homosexualität vor den Dorfbewohnern zu verbergen, gleicht dem Verstorbenen aufs Haar – was sie jedes Mal zutiefst erschüttert. Aber was genau war eigentlich geschehen? Wie kam es zu dem Unfall? Wir werden es erfahren. Sonia nicht. 

Der hassende Arzt
Emilio Salghini ist der Arzt von Le Case. Ein Arzt, der es schafft, seinen finsteren Hass auf sein Schicksal und auf Le Case vor allen anderen zu verbergen. Aber nicht vor uns Lesern. 

Die alte Jungfer
Giovanna Ginanneschi ist das, was man im Dorf eine alte Jungfer nennt. Ihre Jugendliebe entschied sich für eine andere – und damals nahm Giovanna Rache. Eine geradezu monströse Rache, die bis in die Gegenwart andauert, aber niemand weiß davon. 

Der Schatz im Wald
Filippo Nencioni ist ein Kind mit einem geistigen Handicap und wird von niemandem ernst genommen. Daher kümmerte sich auch niemand um den »Schatz«, den er im Wald gefunden hat. Mit fatalen Folgen.

Das große Geheimnis
Piera del Casino ist – ebenso wie ihr Zwillingsbruder – als taube Kleinwüchsige geboren. Als Kinder war es ein hartes Schicksal, sie wurden verspottet und ausgegrenzt. Aber als Erwachsene haben sie ein Geheimnis, das sie für alle erlittenen Demütigungen entschädigt. Ein Geheimnis, das die morschen Grundfesten des Ortes zum Einsturz brächte, sollte es bekannt werden. Ein Geheimnis, das sich der Autor als augenzwinkernde Meta-Ebene des Romans erdacht hat.

Die Gescheiterte unter den Gescheiterten
Adele Centini hatte es fast geschafft, dem einsamen Elend Le Cases zu entkommen und mit einem gescheiterten Leben immer noch hier festhängt. »In jener Zeit lernte ich das Wesen der Maremma-Bewohner kennen: einig, wenn es darum ging, sich nicht in die Angelegenheiten des anderen einzumischen, und noch einiger, wenn es darum ging, jemanden, der einen Fehler begangen hat, zu bestrafen. Ist man in dieser Gegend einmal gebrandmarkt, stirbt man nicht nur einen Tod, sie lassen sich jeden Tag dafür büßen.«

Sacha Naspini: Hinter verschlossenen Tueren

Die verlorenen Millionen
Renato Staccioli betreibt den Tabakladen des Dorfes und er hasst sein Leben – seit dem Tag, an dem er mit einem Los der staatlichen Lotterie die Millionen des Hauptgewinns gewonnen hätte. Hätte. Denn seine Träume von einem besseren Leben anderswo lösten sich in Luft auf – der Spielschein war irgendwo auf seinen Wegen durch Le Case verloren gegangen. Es ist viele Jahre her, aber niemand hat je herausgefunden, wer mit dem gefundenen Los stattdessen die Millionen erhielt. Auch Renato wird es nie erfahren. Wir schon. 

Der Schachspieler im Due Porte
Niccodemo Tempesti hat es mit seinem Schachtalent hinaus in die Welt geschafft – hinaus zu den großen Turnieren in den leuchtenden Städten. Dabei heißt er eigentlich ganz anders und ist vor langer Zeit, in den letzten Monaten des Krieges nur durch Zufall in Le Case gelandet. Aber das wissen nur er und seine Mutter. Und wir. Jetzt ist er alt und verbraucht und verbringt seine Tage im Due Porte, der Bar von Le Case. 

Der Motorradfahrer
Ein zwar loser, aber ein roter Faden des Romans ist Samuele, ein junger Mann, der mit seinem Motorrad gleich zu Beginn der Handlung die steilen Kurven nach Le Case hinaufrast (mit einer dieser Kurven hat es eine ganz besondere Bewandtnis, aber das würde langsam den Rahmen des Blogbeitrags sprengen) und sich in seinem leerstehenden Elternhaus verbarrikadiert – misstrauisch beäugt von der Dorfgemeinschaft. Über sein Leben werden wir eine ganze Menge erfahren, in seiner Person laufen zahlreiche der Handlungsstränge zusammen. Er dachte es geschafft und Le Case endlich hinter sich gelassen zu haben – aber die Maremma holt sie alle wieder ein. 

Sacha Naspini: Hinter verschlossenen Tueren

Das sind jetzt nur ein paar der Dorfbewohner, die wir als Leser Kapitel für Kapitel kennenlernen. Ich hoffe, dass die kurzen Vorstellungen zumindest einen kleinen Einblick in die zahlreichen Handlungsstränge geben konnten – sie sind nur ein winziger Bruchteil all der Verwerfungen, Dramen und Schicksale, von denen wir auf 570 Seiten erfahren und die sich alle miteinander verknüpfen. »Hinter verschlossenen Türen« ist komplexer und vielschichtiger, als dass man dem Buch mit einem Blogbeitrag gerecht werden könnte. Sacha Naspini hat mit diesem Roman ein kunstvoll arrangiertes Tableau einer Dorfgemeinschaft geschaffen. Einer Dorfgemeinschaft, die bei genauerem Hinsehen nur eines vereint: Der Hass auf das Schicksal, das sie auf diesem gottverlassenen Flecken Erde hat stranden lassen. In einem Dorf am Ende der Welt. In einem Leben ohne Träume.

»Die Wahrheit ist, dass es in Le Case Dinge gibt, die einen auch nach sechzig Jahren einholen können. Sie sind vor deiner Zeit entstanden und halten jeder Witterung stand, um im richtigen Moment vor deiner Nase hochzugehen. Le Case ist ein Ort voller Minen, die größte bleibt das madige Hirn derjenigen, die hier leben.«

Ein starker, bitterböser Roman, brillant erzählt und eine ganz große Leseempfehlung.

Buchinformation
Sacha Naspini, Hinter verschlossenen Türen
Aus dem Italienischen von Mirjam Bitter und Henrieke Markert
Kein & Aber Verlag
ISBN 978-3-0369-5014-3

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Weit oben in den Bergen

Regina Denk: Die Schwarzgeherin

Als ich mir Gedanken darüber gemacht habe, wie ich die Vorstellung des Romans »Die Schwarzgeherin« von Regina Denk beginnen könnte, ist mir aufgefallen, dass hier im Blog inzwischen etliche Romane zusammengekommen sind, die weit oben in den Bergen spielen. Und es geht darin meist um Menschen, die in einer Umgebung, einer Landschaft überleben müssen, die keinen Fehler verzeiht. Oft um Einzelgänger, die versuchen, aus gesellschaftlichen Strukturen auszubrechen oder sich mit ihnen auseinanderzusetzen, ihnen vielleicht sogar Risse zuzufügen. Es sind festgefügte Regeln des Zusammenlebens, die sich über die Jahrhunderte geformt haben und die – bedingt durch die Einsamkeit und Lebensfeindlichkeit der Berge – noch undurchdringlicher sind als anderswo. Ein weiterer Gedanke: Vielleicht hat die Faszination für Bücher, deren Handlung im Gebirge angesiedelt ist, auch damit zu tun, dass ich in Sichtweite der Alpen aufgewachsen bin, wer weiß.

Menschen in Ausnahmesituationen, auf sich allein gestellt; Menschen die kämpfen müssen, um ihren eigenen Weg zu gehen – das ist eines der klassischen literarischen Themen, von denen ich nie genug bekomme. In den Bergen angesiedelt entsteht dabei eine Situation, in der es kein Ausweichen geben kann und in der alles auf ein Drama hinausläuft. Hinauslaufen muss. Und trotz der ähnlichen Rahmenbedingungen erzählt jeder dieser Romane seine Geschichte auf eine einzigartige Weise. So, dass man sie nicht wieder vergisst. »Die Schwarzgeherin« ist eines dieser Bücher. „Weit oben in den Bergen“ weiterlesen

Im Gefängnis der Geschichte

Matteo Melchiorre: Der letzte Cimamonte

Es war ein Zufallsfund, wie so oft. Beim Besuch einer Buchhandlung stand der Roman frontal präsentiert im Regal – ich sah das Titelbild und musste ihn haben. Der Klappentext, den ich nur kurz überflog, bestärkte mich in dieser Entscheidung. Und jetzt liegt das Buch »Der letzte Cimamonte« von Matteo Melchiorre gelesen neben mir und ich weiß, dass ich die Geschichte, die Stimmung und die Sprache noch sehr lange im Kopf behalten werde; es war ein großartiges Leseerlebnis. 

Im Zentrum der Handlung steht das Dorf Vallorgàna, hoch oben in den Ausläufern der Alpen. Und noch etwas weiter steht die alte Villa, der Adelssitz der Familie Cimamonte, der jahrhundertelang das Dorf und alles darum herum gehörte, Wiesen, Wälder und Berge. Doch diese Zeiten sind vorbei, Vallorgàna ist ein sterbender Ort, die Jungen sind gegangen, nicht wenige Häuser stehen leer. Aber noch ist Leben in den Höfen, die das Dorf prägen. Es gibt Tiere auf den Weiden, die Wiesen werden im Rhythmus der Jahreszeiten gemäht, ein Pfarrer hält die Messen und die Bar in der Ortsmitte ist nach wie vor das abendliche Wohnzimmer der alten Bauern. Während der alles umgebende Wald aufgegebene Wiesen wieder in Besitz nimmt, die Wölfe näher kommen und die Krähen wie Unglücksvögel über Vallorgàna kreisen, den Luftraum im Tal beherrschend. 

»Wir gehen. Die Krähen kommen. So sieht es aus.«  „Im Gefängnis der Geschichte“ weiterlesen

Wohnzimmerlesung mit Kai Meyer

Leipziger Wohnzimmerlesung mit Kai Meyer

Die Leipziger Buchmesse ist seit vielen Jahren ein fester Termin in meinem Kalender. Einer, auf den ich mich jedes Mal besonders freue – denn es ist immer wieder etwas Besonderes, all die literaturbegeisterten und buchaffinen Menschen zu treffen. Nicht nur auf dem Messegelände, sondern in der ganzen Stadt kommen sie zusammen; in unzähligen Veranstaltungsorten, in Cafés, Kneipen, Restaurants, Clubs. Und im Wohnzimmer meines guten Freundes Hannes, der bei jedem Leipzig-Besuch mein Gastgeber ist. Seit 2018 veranstalten wir bei ihm unsere Wohnzimmerlesungen, für die er den größten Raum seiner Wohnung leerräumt, ihn mit Bierbänken ausstattet und den Kühlschrank mit Getränken befüllt. Eine Autorin oder ein Autor tritt auf, das Wohnzimmer ist voller Menschen, von denen wir nur die Hälfte kennen und es sind wunderbare Abende mit guten Gesprächen und spannenden Begegnungen. Dieses Jahr hatten wir Kai Meyer zu Gast und ich hatte das große Vergnügen, mit ihm über seine Romane »Die Bücher, der Junge und die Nacht« und »Die Bibliothek im Nebel« zu reden. Und über das Leipziger Graphische Viertel, das heute nur noch als Mythos existiert. Vierunddreißig Gäste füllten jeden Quadratzentimeter des Wohnzimmers – es war eine ganz besondere Stimmung. „Wohnzimmerlesung mit Kai Meyer“ weiterlesen

Die Lagune weint um ihre Stadt

Isabelle Autissier: Acqua Alta

Zwei Mal in meinem Leben war ich bisher in Venedig: Im Februar 1997 für einen Tag und im Oktober 2003 fast eine ganze Woche lang. Wie so viele andere Menschen hat auch mich diese Stadt bezaubert – mit ihrer Einzigartigkeit, mit ihrer geschichtsträchtigen Atmosphäre, mit ihrem maroden Charme, mit ihren Nebelschwaden, von denen sie regelmäßig eingehüllt wird und mit ihrer ganz besonderen nächtlichen Stimmung, die schon ans Mystische grenzt. Und trotz aller Touristenmassen hinterlässt sie Bilder im Kopf, die mich seitdem begleiten. Dabei ist die Schönheit Venedigs fragil: Das die Lagunenstadt umgebende, äußerst empfindliche Ökosystem ist durch Industrie und menschliche Gier aus dem Gleichgewicht geraten, während der alles niedertrampelnde Massentourismus Venedig mehr und mehr zu einem Freilichtmuseum verkommen lässt – die Photos der alles überragenden Kreuzfahrtschiffe sind schrecklich anzusehen. Im Roman »Acqua Alta« von Isabelle Autissier geht es um all dies. Die Autorin erzählt die Geschichte einer Familie, die aufs Engste mit Venedig verbunden ist. Mit der stolzen Vergangenheit der Stadt – und mit ihrem Untergang. „Die Lagune weint um ihre Stadt“ weiterlesen

Welch vortrefflich Werk

Thomas Willmann: Der einserne Marquis

Das Warten hat sich gelohnt. Der 2010 erschienene Roman »Das finstere Tal« von Thomas Willmann hatte mich seinerzeit vollkommen begeistert und seitdem war ich gespannt auf das nächste Buch des Autors. »Er schreibt daran« – so hieß es seitens des Liebeskind-Verlags Jahr für Jahr, wenn ich auf den Buchmessen danach fragte. Das war schon fast eine Art liebgewonnenes Ritual, bis es in diesem September endlich soweit war und tatsächlich ein neuer Roman von Thomas Willmann in den Buchhandlungen auftauchte. »Der eiserne Marquis« lautet der Titel, über zwölf Jahre lang hat er daran geschrieben, über zwölf Jahre lang haben seine Leser darauf gewartet. Und auch wenn ich mich wiederhole: jeder einzelne Tag davon hat sich gelohnt. 

»Der eiserne Marquis« führt uns in die Mitte des 18. Jahrhunderts, hinein in eine Zeit, in der sich große Umbrüche andeuteten. Absolutistische Monarchen herrschten mit eiserner Hand über ihre Länder, während die Epoche der Aufklärung den klerikalen Mief beiseite fegte und den Weg frei machte für neues Denken. Noch beinahe mittelalterliche Strukturen prägten das Leben der Landbevölkerung, während sich gleichzeitig eine Blütezeit der Wissenschaft anbahnte, sich der Beginn der Industrialisierung bemerkbar machte, der Fortschrittsglaube ein wesentliches Merkmal des aufklärerischen Denkens war. Kriege begannen globale Ausmaße anzunehmen – der Siebenjährige Krieg zwischen 1756 und 1763 wurde nicht nur in Mitteleuropa, sondern auch in Nordamerika und Indien ausgetragen. Und über alldem lag der erste, noch vorsichtige, aber spürbare Dufthauch einer großen Revolution. Stillstand und Bewegung in Richtung einer ungewissen Zukunft – das sind die beiden Pole jener Epoche, die sie moderner erscheinen lassen, als es uns gemeinhin bewusst ist. „Welch vortrefflich Werk“ weiterlesen

Fünfzehn Bücherfragen

Fuenfzehn Buecherfragen

»Ein Buch, das außer dir alle gemocht haben?« Oder: »Ein Buch, in dem du gern leben würdest?« Beim Flanieren durch die Literaturblogs bin ich auf der Seite Wissenstagebuch auf fünfzehn Bücherfragen gestoßen. Es ist ein Beitrag, der zum Mitmachen einlädt und schon beim Lesen ratterten die Gedanken los – ich konnte gar nicht anders, als mir diese Fragen zu schnappen und selbst zu beantworten. Und wer sich ebenfalls beteiligen mag: Lasst beim Wissenstagebuch in den Kommentaren einen Link da, so entsteht eine schöne Sammlung mit vielen Buchempfehlungen. Die Fragen stammen ursprünglich von der amerikanischen YouTuberin Steph Borer, um als book recommendation tag mehr Literatur in die Timelines zu bringen. Aber langer Rede kurzer Sinn: Hier sind sie, die Bücherfragen. Und meine Antworten. „Fünfzehn Bücherfragen“ weiterlesen

Schicksal gibt es nicht

Lauren Groff: Licht und Zorn

Der Roman »Licht und Zorn« von Lauren Groff sollte schon längst hier vorgestellt werden, denn es ist schon etwas her, dass ich ihn gelesen habe. Allerdings finde ich es auch immer wieder spannend, erst mit einigem zeitlichem Abstand über ein Buch zu berichten, denn da zeigt es sich, ob die Lektüre im Gedächtnis geblieben ist, ob sie Spuren hinterlassen hat. Und bei besonderen Büchern hat man auch noch nach langer Zeit die Stimmung im Kopf, die sie ausgestrahlt, weiß noch, was sie zu einem besonderen Leseerlebnis gemacht haben. »Licht und Zorn« ist eines dieser Bücher und jetzt, wo es wieder neben mir liegt und ich mit diesem Text beginne, steht die erzählte Geschichte mit all ihren überraschenden Wendungen vor mir. „Schicksal gibt es nicht“ weiterlesen

Ein Echo aus der Vergangenheit

Leif Davidsen: Der Augenblick der Wahrheit

Es gibt mehrere Kriterien, nach denen ich entscheide, ob ein gelesener Roman dauerhaft im Bücherregal bleibt oder nicht. Eine wichtige Frage ist dabei: Hat mich das Buch so begeistert, dass ich mir vorstellen könnte, es noch einmal zu lesen? Denn das mache ich gerne und manchmal ist es sehr spannend, wie ganz anders das Erzählte auf einen wirken kann, wenn seit der ersten Lektüre viele Jahre vergangen sind. So geschehen bei »Der Augenblick der Wahrheit« von Leif Davidsen; ein Roman, den ich vor etwa zwanzig Jahren las – und in dem ich beim erneuten Lesen viele Textstellen fand, die mir damals kaum aufgefallen waren, die dieses Mal aber eine vollkommen andere Stimmung schufen. „Ein Echo aus der Vergangenheit“ weiterlesen

Keiner kommt hier lebend raus

Benjamin Whitmer: Flucht

Der Begriff »Noir« dürfte allen Literaturinteressierten bekannt sein, aber was genau verbirgt sich dahinter? Für diese Stilrichtung gibt es keine allgemeingültige Definition; vor einiger Zeit tastete sich die Journalistin Sonja Hartl in ihrem Essay »Was ist Noir?« an die Thematik heran. Unter anderem heißt es darin: »Die Düsterheit der Existenz, das Erkennen von Moral bzw. deren Abwesenheit und die Einsicht, dass es keine Erlösung – kein glückliches Ende – gibt, machen somit den Noir aus. … Aus dieser zugrunde liegenden Weltsicht lassen sich Themen und Handlungselemente ableiten. Oft geht es um die zerstörerische Kraft der Macht, die Bedeutungslosigkeit und Absurdität der Existenz, die Korrumpierung des öffentlichen Lebens, um Unordnung, Missbehagen, Unzufriedenheit. Die Protagonisten sind häufig Einzelgänger und soziale Außenseiter. Sogar wenn die Hauptfigur gut ist, ist sie zynisch und glaubt, dass die Gesellschaft korrupt sei, sie aber der Gerechtigkeit Genüge tun kann. Extreme sind die Norm – und weder das Gute noch die Gerechtigkeit werden zwangsläufig siegen.« Zwar muss ein Noir-Roman nicht unbedingt ein Kriminalroman sein, aber dieses Genre bietet sich natürlich geradezu an. Daher ist es kein Zufall, dass Sonja Hartls Essay im Blog Polar-Noir veröffentlicht wurde, dem Verlagsblog des Polar-Verlags; eines Verlags, der sich auf grandios-düstere Kriminalromane spezialisiert hat. Und das Buch »Flucht« von Benjamin Whitmer ist ein gutes Beispiel für die literarische Qualität des Verlagsprogramms: Noir vom Feinsten. „Keiner kommt hier lebend raus“ weiterlesen