Ein Fremder unter Fremden

Daniel Galera: Flut

Der Mann, von dem der brasilianische Autor Daniel Galera in seinem Roman »Flut« erzählt, hat ein Problem. Ein großes. Er kann sich keine Gesichter merken. Es ist ein pathologisches Vergessen, denn er erkennt nie jemanden wieder, egal um wen es sich handelt. Weder seine Eltern, seine Freunde oder die Frau, die morgens neben ihm aufwacht. Nicht einmal sein eigenes Gesicht – wenn er in den Spiegel schaut, erblickt er jeden Tag einen für ihn vollkommen fremden Menschen. Daniel Galera hat damit einen Protagonisten geschaffen, der vollkommen einsam ist. Der Mann versucht, andere Menschen an bestimmten Details wiederzuerkennen, an ihrem Gang oder ihrer Körperhaltung. Doch letztendlich ist er auf sich selbst zurückgeworfen, seine Existenz ist permanent die eines Fremden unter Fremden.

»Manchmal fragt er sich, ob Frauen in den Augen anderer Männer genauso schön sind wie in seinen, und insgeheim hegt er den Verdacht, seine Unfähigkeit, sich Gesichter mehr als ein paar Minuten lang zu merken, könnte ihnen eine besondere Ausstrahlung verleihen, die außer ihm niemand so wahrnimmt. Gerade weil Schönheit so flüchtig ist, hat er gelernt, sie überall zu sehen.«

Seine Freundin Viviane hatte ihn verlassen und lebt in São Paulo mit seinem Bruder Dante zusammen. Und sein Vater erschießt sich vor seinen Augen, nachdem er ihm vom Tod seines eigenen Vaters erzählt hat, der in einem kleinen Strandort an der langen Küste Santa Catarinas im Süden Brasiliens ums Leben gekommen ist. Er wurde umgebracht, vor vielen Jahren und vor der Geburt des Mannes, unter ungeklärten Umständen. Mit diesem letzten Gespräch beginnt der Roman, ein geladener Revoler liegt bereits auf dem Tisch bereit. »Das Leben ist zu lang, und ich habe keine Geduld. Wenn man so gelebt hat wie ich, ist das Leben ab sechzig nur noch eine Frage der Sturheit. Ich habe Respekt vor den Leuten, die sich das antun, aber ich habe keine Lust dazu.«

Kurz darauf ist sein Vater tot. Und der einsame Mann, der nicht weiß, wie es mit ihm und seinem Leben weitergehen soll, fährt mit Beta, dem Hund seines toten Vaters, in Richtung Süden. Ans Meer. Um herauszufinden, was damals mit seinem Großvater, einem jähzornigen Mann, der keinem Streit aus dem Weg ging, geschehen ist.

Santa Caterina ist der zweitsüdlichste Bundesstaat Brasiliens. Die Gegend ist berühmt für die endlosen Strände, an denen zahlreiche Küstenorte liegen. Im Sommer sind diese Orte voller Leben, Urlauber genießen das Meer, Surfer finden alles, was sie brauchen, die Strandbars sind brechend voll. Im Winter, wenn das Wetter rau wird und die Stürme über den kalten Atlantik fegen, versinken viele der kleinen Städte in Trostlosigkeit, leere Ferienhäuser und geschlossene Hotels prägen die Straßen.

Eines jener Städtchen ist Garopaba mit seinen knapp 12.000 Einwohnern und hier steigt der Mann aus seinem Auto. Hier ist sein Großvater 1969 gestorben, hier haben sich dessen Spuren verloren und hier lässt er sich nieder. Er sucht sich einen Job als Schwimmlehrer, mietet ein Haus am Meer und beginnt mit seinen Nachforschungen. Erst ganz sachte, fragt mal hier mal dort. Ohne Ergebnis. Allerdings fällt ihm auf, dass manche älteren Bewohner ihn erschrocken anstarren – denn der Mann ist seinem toten Großvater, der damals in einem ähnlichen Alter war – wie aus dem Gesicht geschnitten. Und je länger der Bart wird, den er sich wachsen lässt, umso größer wird die Ähnlichkeit. Der Originaltitel des Buches lautet »Barba ensopada de sangue«, auf deutsch »Blutgetränkter Bart«. Ein sehr passender Titel, denn irgendwann öffnet sich eine kleine Pforte zurück in die Vergangenheit. In eine blutige Vergangenheit. Der Mann geht hindurch, doch was er dann findet, wird ihm nicht gefallen. Und einigen der Bewohner Garopabas ebenfalls nicht.

Die Suche nach dem Grund für den Tod seines Großvaters mag zwar der Auslöser für den Aufenthalt des Mannes in einem kleinen, abgeschiedenen Ort am Meer sein. Doch letztendlich geht es dem vollkommen Einsamen darum, sich selbst und seinen Frieden mit sich zu finden. Und dieses existenzielle Drama erzählt Daniel Galera meisterhaft.

Das Meer mit seiner Endlosigkeit spielt dabei die Hauptrolle, man meint, beim Lesen des Romans stets die Brandung zu hören, die Wellen, die sich an den Felsen brechen oder am Strand ausrollen. Ein permanentes Hintergrundrauschen, das dem Roman eine schon fast mystische Tiefe verleiht; ein Rauschen, hinter dem eine endgültige Stille zu spüren ist, die auf uns alle wartet. An einem seiner ersten Abende läuft der Mann nachts am Ufer entlang: »Hinter dem Morro da Vigia, gesprenkelt mit den Lichtern von Häusern und Straßenlaternen, liegt die Leere, derentwegen er hergekommen ist. Aber dafür ist es jetzt noch zu früh. Er hatte sich eine lange, vielleicht endlose Suche ausgemalt, und es frustriert ihn, so schnell an etwas erinnert zu werden, von dem er lieber weiter so tut, als würde er es nicht wissen, daran nämlich, dass das Gefühl der Leere, nach dem er sich sehnt, in ihm selbst schlummert und er es überall mit hinschleppt.«

In seinem Haus am Meer, in dem die Luft des Salzwassers alles klamm oder rostig werden lässt, ist er ständig von dieser tobenden Stille umgeben; er spricht regelmäßig mit den Fischern, die dort ihre Boote liegen haben und die viele der alten Geschichten kennen. Der Mann schwimmt lange Strecken, lässt sich immer wieder sinken, genießt die Lautlosigkeit. Und hat Respekt vor der Wucht, mit der dieses unberechenbare Wasser Leben ausknipsen kann, einfach so.

Mit der Zeit ist er, der in der Vergangenheit stochernde Zugereiste, in der kleinen Stadt bekannt wie ein bunter Hund. In einer besonders starken Szene läuft er durch die Menschenmenge bei einem Stadtfest, weiß, dass er umgeben ist von vielen Menschen, mit denen er geredet hat, mit denen er sich ein wenig angefreundet hat, mit denen er Bier getrunken hat – Skol oder Brahma aus der Dose. Auch von dem ein oder anderen, mit dem er sich geprügelt hat. Und er erkennt niemanden. Ein Fremder unter Fremden.

Wird der Mann, der Einsame, dessen Namenlosigkeit nur konsequent ist, seinen Frieden finden? Einen Ort, an dem ihn jene Leere, die er sucht und die er längst in sich trägt, zur Ruhe kommen lässt? Nun, dies soll hier nicht verraten werden. Nur so viel: Nichts ist wie es scheint und der Weg des Mannes wird einige Überraschungen für ihn bereithalten. Schmerzhafte Überraschungen und Überraschungen, die ihn an eine Grenze bringen werden. Und vielleicht darüber hinaus.

Unbeeindruckt von allen menschlichen Dramen und Verwirrungen ist das Meer. Es ist einfach nur da. Mit seiner Leere, seiner Endlosigkeit, seiner Wucht. Und seiner Stille.

Ein wahrhaft grandioser Roman.

Buchinformation
Daniel Galera, Flut
Aus dem Brasilianischen von Nicolai von Schweder-Schreiner
Suhrkamp Verlag
ISBN 978-518-42409-4

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Ein Suchender, verloren gegangen

Tina Ger: Das Angeln von Piranhas

Ab und zu habe ich Buchpost im Briefkasten. Doch über diese habe ich mich ganz besonders gefreut: »Das Angeln von Piranhas« von Tina Ger hatte ich im Februar 2018 Jahren als Manuskript in der Rohfassung gelesen und es für den Blogbuster-Preis eingereicht. Damals gewann ein anderer Titel und erhielt dadurch einen Verlagsvertrag. Umso schöner finde ich es, dass nun auch mein Favorit als gedrucktes Buch erschienen ist. „Ein Suchender, verloren gegangen“ weiterlesen

Zum Wolf werden

Guillermo Arriaga: Der Wilde

Wie anfangen? Diese Frage stelle ich mir oft zu Beginn einer Buchvorstellung, doch selten war ich so unschlüssig wie diesmal. Denn es geht um ein Buch, in dem zwei vollkommen unterschiedliche Handlungsstränge gekonnt zusammengeführt werden; das alles auf drei, vier Zeitebenen. An der Oberfläche ist der Roman »Der Wilde« von Guillermo Arriaga die Geschichte einer Rache. Doch dies in einer Vielschichtigkeit, die weit darüber hinaus geht.

Im Zentrum der Handlung steht das Kleine-Leute-Viertel Unidad Modelo in Mexiko-City, in dem der Ich-Erzähler Juan Guillermo und sein Bruder Carlos aufwachsen. Das Leben findet zu großen Teilen auf den flachen Dächern der Häuser statt, die »Landschaft aus Wassertanks, Wäscheleinen und Fernsehantennen« ist ein Ort, an dem sich besonders die jungen Menschen treffen. Es gibt Wege von Dach zu Dach, die schmalen Gassen müssen übersprungen werden. Der Grund für diese Rückzugsgebiete ist die politische Situation: Es ist das Jahr 1969 und die konservative mexikanische Regierung mit ihrer Kommunisten-Paranoia geht rigoros gegen jeden vor, der nicht in das offizielle Weltbild passt; lange Haare bei einem Mann reichen, um von den patrouillierenden Polizisten zusammengeschlagen zu werden. Ein Jahr zuvor endete eine Studenten-Demonstration im Kreuzfeuer des mexikanischen Militärs. „Zum Wolf werden“ weiterlesen

Zwei Jäger

Niklas Natt och Dag: 1793

Gut recherchierte historische Kriminalromane lassen auf ihrem Weg weit zurück in die Vergangenheit Epochen auferstehen, die scheinbar längst verschwunden sind. Aber nur selten gelingt dies so vielschichtig wie in dem Roman »1793« von Niklas Natt och Dag, der uns mitnimmt nach Stockholm in das titelgebende Jahr. Und in eine Zeit der Umbrüche.

1793 also. 100 Jahre zuvor war Schweden noch eine der wichtigen europäischen Großmächte gewesen, ein Land, dem der Dreißigjährige Krieg große Territorialgewinne eingebracht hatte. Mit dem Scheitern der Feldzüge Karls XII. und dessem Tod im Jahr 1718 setzte der Niedergang ein und 1793 war Schweden ein Land der extremen Gegensätze, bitterste Armut existierte neben dem verschwenderischen Lebensstil der Reichen. Vier Jahre zuvor hatten genau diese Gegensätze in Frankreich zu einer Revolution geführt, und nur wenige Monate vor Beginn der Romanhandlung war der französische König guil­lo­ti­nie­rt worden – ein Ereignis, das in ganz Europa für Unruhe unter den Mächtigen sorgte. Es brodelte auf dem Kontinent und jahrhundertealte gesellschaftliche Strukturen bekammen erste Risse. „Zwei Jäger“ weiterlesen

Ein Mann in Schwarz

John Wray: Die rechte Hand des Schlafes

Es ist manchmal erstaunlich, auf welchen Wegen man auf ein Buch aufmerksam wird. Die meisten Empfehlungen erhalte ich durch Buchhandlungsbesuche oder über andere Literaturblogs. Bei „Die rechte Hand des Schlafes“ von John Wray allerdings war eine Photographie der Auslöser für den Kauf des Buches. Und zwar ein Portraitphoto, das ich schon seit über 25 Jahren in meinen Besitz habe. Ohne zu wissen, wen es eigentlich zeigt.  „Ein Mann in Schwarz“ weiterlesen

Zeitlose Gier nach Macht

Jo Nesbø: Macbeth - Das Shakespeare Projekt

William Shakespeares Drama „Macbeth“ dürfte eines der düstersten Stücke der Weltliteratur sein und es hat auch nach über vier Jahrhunderten nichts von seiner Faszination eingebüßt. Es ist die Geschichte des siegreichen Helden, der auf die dunkle Seite wechselt, zum machtbesessenen Tyrannen wird und im Irrsinn endet. An seiner Seite Lady Macbeth, Vertraute, Geliebte und tückische Verschwörerin in einer Person, vereint im blutig-bösen Triumph und im wahnhaften Scheitern.

Nun hat Jo Nesbø das Stück adaptiert und ins 20. Jahrhundert verlagert. Sein Roman „Macbeth“ ist ein wilder, actiongeladener Ritt durch Shakespeares Stück mit Noir-Elementen vom Feinsten. Als gleichermaßen begeisterter Shakespeare- und Nesbø-Leser war ich natürlich sehr gespannt auf das Buch. „Zeitlose Gier nach Macht“ weiterlesen

Gespiegelte Verzweiflung

Christian Torkler: Der Platz an der Sonne

Mit Sätzen wie „Dieses Buch sollte jeder lesen“ bin ich immer etwas vorsichtig, denn zu unterschiedlich sind die Lesevorlieben der Menschen. Dem Roman „Der Platz an der Sonne“ von Christian Torkler wünsche ich allerdings so viele Leser wie möglich, denn er ist für mich eines der wichtigsten Bücher für die Zeit, in der wir gerade leben. Es geht darin um Flucht und Migration, aber auf eine Art und Weise, die uns dieses emotional aufgeladene Thema vollkommen anders nahebringt als gewohnt. Und das mit einem ganz einfachen Trick: Torkler vertauscht den Blickwinkel. Wobei „einfach“ das falsche Wort ist, denn der Autor hat eine vollkommen neue Welt erschaffen, ausgefüllt mit zahllosen Details, die das Geschehen so wahrheitsgetreu und realistisch wie möglich machen. „Gespiegelte Verzweiflung“ weiterlesen

Die Stunde der Idealisten

Volker Weidermann: Traeumer

Volker Weidermann beschreibt in seinem Buch „Träumer“ die wenigen Monate zwischen November 1918 und Mai 1919, als in München eine Handvoll beherzter Idealisten nach der Macht griff, um eine bessere Welt zu schaffen. Und die damit dramatisch scheiterten.

Eine der eindrucksvollsten Szenen des Buches finden wir gleich im ersten Kapitel: Kurt Eisner, Journalist, Schriftsteller und Pazifist, besetzt mitten in der Nacht mit einer Gruppe Getreuer den bayerischen Landtag. Schon fast verwirrt über diesen leichten Erfolg übernehmen sie den notdürftig beleuchteten, leeren Sitzungssaal und entwerfen eine Proklamation für die Republik. Eine gespenstische Situation. In den frühen Morgenstunden ruft Eisner den bayerischen Freistaat aus, mit sich als Regierungschef. Es ist November 1918 und auf den Straßen herrscht das Chaos. „Die Stunde der Idealisten“ weiterlesen

Das Bovary-Projekt

Gustave Flaubert: Madame Bovary

„Madame Bovary“ von Gustave Flaubert ist einer der berühmtesten Romane der Literaturgeschichte. Bei seinem Erscheinen 1857 löste er einen Skandal aus, der Autor wurde wegen unmoralischen Verhaltens, insbesondere „Verherrlichung des Ehebruchs“ angeklagt und musste sich vor Gericht verantworten. Die Verhandlung endete mit einem Freispruch – und förderte natürlich die Popularität des Werkes enorm. Der Roman ist als Frühwerk des Realismus ein Meilenstein auf dem Weg in die literarische Moderne; Flaubert zieht sich als Autor auf die Rolle eines Beobachters, eines Chronisten der Ereignisse zurück und beschreibt das tragische Leben der Emma Bovary. Eine Frau, die an ihrer provinziellen Umgebung verzweifelt und auf der Suche nach Erfüllung alles opfert. Und eben jenes Stilmittel der bloßen Beschreibung – ohne Wertung und ohne moralische Richtschnur – sorgte für die Empörung der Öffentlichkeit, die es nicht gewohnt war, auf solche Weise einen Spiegel vorgehalten zu bekommen. Realistisch und ohne Verklärung.

Auf der Frankfurter Buchmesse 2017 sprach ich mit BuchGeschichten-Booktuberin Ilke Sayan über „Madame Bovary“ und wir stellten fest, dass wir beide das Buch noch nie gelesen haben. So beschlossen wir, gleichzeitig mit der Lektüre zu starten und uns anschließend darüber auszutauschen. Die Idee war, im Gespräch über das Buch die weibliche und die männliche Leserperspektive miteinander zu vergleichen, Gemeinsamkeiten und unterschiedliche Sichtweisen auszuloten. Daraus ist nun ein Film auf BuchGeschichten entstanden – mein erster Booktube-Auftritt, ich war ehrlich gesagt, etwas nervös und bewundere alle Menschen, die entspannt und ohne zu stocken vor der Kamera über Bücher sprechen. Und dieser Blogbeitrag, der parallel zum BuchGeschichten-Film veröffentlicht wird. „Das Bovary-Projekt“ weiterlesen

Der letzte Ort

Andreas Moster: Wir leben hier, seit wir geboren sind

Ein Buch von gerade einmal 175 Seiten ist normalerweise in wenigen Stunden durchgelesen. Nicht so der Roman „Wir leben hier, seit wir geboren sind“ von Andreas Moster. Für diesen schmalen Band habe ich vier Tage gebraucht, musste immer wieder innehalten, die gelesenen Sätze nachklingen lassen, konnte immer nur ein paar Seiten am Stück lesen, langsam und behutsam, um kein Wort zu überspringen. Denn es ist eine ganz besondere Sprache, die das Buch auszeichnet. Roh und zart, abweisend und einladend zugleich, archaisch und düster, durchsetzt mit hellen Flecken einer unbestimmten Hoffnung. Und jedes Wort sitzt perfekt an der Stelle, an der es stehen soll. „Der letzte Ort“ weiterlesen

Liebe in Zeiten des Überlebens

Isabelle Autissier: Herz auf Eis

Ein Paar nimmt sich ein Jahr Auszeit, kauft ein Schiff und startet zu einem Segeltörn um die Welt. Was traumhaft klingt, wird zu einem Alptraum, als die beiden bei einer Wanderung auf einer abgeschiedenen Insel ein heftiger Sturm überrascht. Nachdem sie sich aus ihrer Notunterkunft herauswagen, ist das Meer wieder ruhig. Und das Schiff verschwunden. So beginnt der Roman „Herz auf Eis“ von Isabelle Autissier. „Liebe in Zeiten des Überlebens“ weiterlesen

Eine Chance nutzen

Cynan Jones: Alles, was ich am Strand gefunden habe

„Alles, was ich am Strand gefunden habe“ von Cynan Jones ist eines dieser Bücher, bei denen man erst einmal tief durchatmen muss, wenn die letzte Seite gelesen ist. Zumindest mir ging das so. Nachdem mich schon der Vorgänger „Graben“ sehr begeistert hat, war ich gespannt auf den neuen Roman – und wurde nicht enttäuscht. Ganz und gar nicht. „Alles, was ich am Strand gefunden habe“ ist eine düstere Geschichte voller erhabener Momente; eine Geschichte, die unter die Haut geht. Und die man nicht so schnell wieder aus dem Kopf bekommt. Erhaben sind die Beschreibungen der walisischen Landschaft, düster die Schicksale dreier Männer.

Die Handlung beginnt mit dem Fund einer übel zugerichteten Leiche an einem Strand irgendwo in Wales. Was war geschehen? Das erfahren die Leser nach und nach, wobei von Beginn an eine unterschwellige Anspannung in jedem Satz mitschwingt. Denn schnell spitzt es sich auf die Frage zu: Für wen geht es nicht gut aus? Wer wird am Ende als Leiche am Strand liegen? „Eine Chance nutzen“ weiterlesen

Eine Entscheidung treffen

Blogbuster-Preis: Der Longlist-Titel des Blogs Kaffeehaussitzer

Das ist ein Beitrag, den ich eine Weile vor mir her geschoben habe, weil er mir nicht leichtfällt. Denn es musste eine Entscheidung getroffen werden. Und gleichzeitig freut er mich auch, denn ich habe eine literarische Entdeckung gemacht. Es geht um den Blogbuster-Wettbewerb und um den Titel, der durch den Blog Kaffeehaussitzer der Jury vorgelegt wird. „Eine Entscheidung treffen“ weiterlesen

Im Lawinenwinter

Das Buch "Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod" von Gerhard Jäger erzählt vom Lawinenwinter 1951

Das Buch „Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod“ von Gerhard Jäger ist der Roman, der mich von allen Büchern in den letzten Monaten am meisten begeistert hat. Dabei wäre er beinahe an mir vorbeigegangen, wenn nicht Bloggerkollegin Mareike Fallwickl ihn auf Facebook als ihre nächste Lektüre angekündigt hätte, ich neugierig nachfragte, worauf Buchhändlerin Nina Merks meinte, ich würde das Buch lieben. Wir haben uns im realen Leben noch nie gesehen, trotzdem kennen wir unsere Lesevorlieben gegenseitig so gut, dass ich umgehend in eine der Buchhandlungen meines Vertrauens spaziert bin und das Buch gekauft habe. Und was soll ich sagen, sie hatte recht. Und wie. „Im Lawinenwinter“ weiterlesen

Schuld und Reue

Owen Sheers: I Saw a Man

Als ich das Buch „I Saw a Man“ von Owen Sheers fertig gelesen hatte, musste ich erst einmal durchatmen. Dann aber gleich meine Begeisterung auf Twitter zum Ausdruck bringen, indem ich es dort als „absolute Leseempfehlung“ anpries. Daraufhin entspann sich eine Twitter-Diskussion, denn Bloggerkollegin Mareike Fallwickl war ganz und gar nicht dieser Meinung, sie fand den Roman „vorhersehbar, langweilig, mit blassen Figuren.“ Zwei Leser, zwei Meinungen, und das, wo ich ihre Buchempfehlungen in ihrem Blog Bücherwurmloch sehr schätze. Doch diesmal war es, als hätten wir komplett unterschiedliche Bücher gelesen – Begeisterung hier, vernichtende Kritik dort. Es ging auf Twitter hin und her, andere Leser klinkten sich ein, tendierten mal zur einen, mal zur anderen Seite, fanden das Ende nicht gelungen, aber schließlich waren 140 Zeichen doch zuwenig Platz, um dieses Buch angemessen vorzustellen. Deshalb erzähle ich jetzt hier, warum ich „I Saw a Man“ für sehr lesenswert halte. Natürlich ohne zuviel davon zu verraten.

Owen Sheers knüpft in „I Saw a Man“ ein Netz aus Tragik, Schuld und Reue, in dem sich seine Protagonisten verfangen; alles ist miteinander verwoben und verbunden, auch wenn sie sich zum Teil nicht kennen. Es ist die alte Frage nach der Ursache, dem Auslöser einer Tragödie, die dann immer weitere Kreise zieht. Ist es Schicksal oder Zufall? Eine Antwort gibt auch das Buch nicht, liefert aber ein eindrucksvolles Beispiel für eine genau solch dramatische Verkettung. „Schuld und Reue“ weiterlesen