Buchpreis-Blues

Der Deutsche Buchpreis 2018: Ein Resümee

Alltag ist wieder eingekehrt. Der Deutsche Buchpreis wurde vergeben, die Jurytätigkeit ist beendet und die Frankfurter Buchmesse 2018 vorbei. Ein Hauch von Melancholie weht durch den Blog – es ist Zeit für ein Resümee. Doch wo beginnen? Vielleicht gleich mit einem der schönsten Momente der letzten sechs Monate, mit dem späten Montagabend der Buchpreisverleihung. Gegen Mitternacht saß die Buchpreisjury in der Hotelbar des Frankfurter Hofs zusammen. Auf ein letztes Glas. Ein allerletztes. Wir sprachen über unsere Zeit als Jurorinnen und Juroren, über Bücher, über die Preisverleihung, über Persönliches. Niemand von uns wollte aufstehen und gehen, der Moment des Aufbruchs wurde weiter und weiter herausgezögert, ein wirklich allerletztes Glas geordert. Denn danach würden wir wohl nie wieder in dieser Konstellation zusammentreffen.

Am Tag zuvor hatte sich die diesjährige Jury des Deutschen Buchpreises zur finalen Sitzung versammelt, in der es um den Siegertitel ging. Natürlich darf ich nichts darüber verlauten lassen, wie die Jurytreffen abliefen, aber so viel sei gesagt: Sieben Menschen mit unterschiedlichen Lesevorlieben müssen aus sechs starken, aber ebenso unterschiedlichen Romanen einen einzigen auswählen – man kann sich vorstellen, dass es kein kurzer Tag war. Vierundzwanzig Stunden später dann die Preisverleihung im Frankfurter Römer, die Anspannung im Saal, die fast mit den Händen greifbar war, dann die strahlende, vollkommen überwältigte Inger-Maria Mahlke, deren Roman „Archipel“ schließlich das Rennen gemacht hat. Danach Wein, Begrüßungen, Gespräche und viel später jenes Ausklingenlassen in der Hotelbar, ein letztes Zusammensein der Jury, ganz entspannt im Bewusstsein, eine anspruchsvolle Arbeit zu Ende gebracht zu haben.

Das letzte halbe Jahr war bei jedem von uns geprägt gewesen vom Deutschen Buchpreis, es war ein intensiver Austausch über Literatur und fühlte sich ein wenig an, als wäre man Teil einer Schicksalsgemeinschaft. So viel gelesen habe ich noch nie in meinem Leben, buchstäblich in jeder freien Minute, während sich die Buchpreis-Bücherstapel zu beeindruckenden Höhen türmten. Das soziale Leben wurde auf ein Minimum reduziert, der Satz „Ich kann heute nicht, ich muss lesen“ zu einer regelmäßig verwendeten Formulierung.

Es war ein breites Spektrum an Leseerfahrungen: Manche Bücher haben mich gefordert, manche fand ich belanglos. Doch viele haben mich sehr begeistert und einige haben deutliche Spuren in meinem Leserleben hinterlassen. Interessant war zu sehen, wie sehr bei manchen Titeln die Jurymeinungen auseinandergingen, wie verschieden sie sein konnten – das ist die Stärke eines so unterschiedlich besetzten Gremiums. Besonders spannend fand ich es, die Shortlist-Titel ein zweites Mal zu lesen, denn dabei haben sich Akzente verschoben oder sind Details der Handlung stärker in den Fokus gerückt als zuvor.

Und jetzt ist alles vorbei. Beim Schreiben denke ich noch einmal – und ganz bestimmt nicht das letzte Mal – an den eingangs geschilderten Abend im Frankfurter Hof, an das letzte Zusammensein der Jury und bin froh, dieses halbe Jahr erlebt zu haben. Es war eine wunderbare, anstrengende, grandiose Zeit, ein bereichernder Austausch und eine hochinteressante Erfahrung, so unmittelbar andere Sichtweisen auf Literatur kennengelernt zu haben. Ich werde es vermissen.

Deutscher Buchpreis als Schulprojekt

Natürlich war es sehr spannend, nach Veröffentlichung der Longlist, der Shortlist und nach Bekanntgabe der Gewinnerin jeweils die Resonanz in den Medien zu verfolgen und die Rückmeldungen zu lesen, die uns von allen Seiten erreichten. Eine Resonanz, die oft zustimmend, manchmal auch kritisch war – aber die Beschäftigung mit Literatur ist naturgemäß stets subjektiv, ebenso wie jede Jurydiskussion immer eine eigene Dynamik haben wird.

Eine Nachricht hat uns – ich denke, dass ich da für alle Jurymitglieder sprechen kann – ganz besonders gefreut. Wir erhielten Post vom Auguste-Viktoria-Gymnasium in Trier. Dort hatten sich elf Schülerinnen und Schüler im Grundkurs Deutsch der Jahrgangsstufe 11 mit den für den Deutschen Buchpreis nominierten Büchern beschäftigt. Eine eigene Shortlist wurde erstellt und gerne zitiere ich aus dem Brief der kursleitenden Lehrerin Birgit Eiffler: „Die Wochen der Lektüre und der Debatte waren intensiv. Selten habe ich Schülerinnen und Schüler so konzentriert, so engagiert über Literatur debattieren gesehen. Spannend war die Entscheidung über unsere Shortlist: Inhalte und Wirkung der Werke, persönliche Vorlieben und Überzeugungskraft wurden kontrovers diskutiert.“ 

Es folgte der Abgleich mit der offiziellen Shortlist, zu der es mit den Romanen von Maxim Biller und Stephan Thome zwei Übereinstimmungen gab. Die Schülerinnen und Schüler schrieben Rezensionen zu Shortlisttiteln, aber auch Widerreden, wenn sie eine Nominierung nicht nachvollziehen konnten. Alle diese Texte wurden uns zugesandt; ich habe sie mit großer Begeisterung gelesen. Begeistert hat mich vor allem die Art und Weise, wie junge Menschen an die aktuelle deutschsprachige Literatur herangeführt werden. Vorbild dafür ist übrigens – wie uns mitgeteilt wurde – Frankreich, wo es in fast allen großen Schulen Leseclubs gibt, die den Prix Goncourt begleiten und aus den eingereichten Büchern ihren eigenen Goncourt wählen.

Solche Aktionen sollten auch bei uns im wahrsten Sinne des Wortes Schule machen, denn das ist Leseförderung par excellence – um ein Vielfaches sinnvoller als die müden „Jetzt ein Buch“-Imagekampagnen, für die der Börsenverein des Deutschen Buchhandels viel Geld ausgibt. Dieses Geld wäre meines Erachtens besser angelegt, wenn man genau solche den Buchpreis begleitenden Leseclubs an Schulen fördern würde. Warum nicht ein Kontingent Longlistpakete zur Verfügung stellen, das Schulen abrufen können? Warum nicht Fördergelder von Bund und Ländern einfordern, um an möglichst vielen Schulen diese Leseprojekte zu initiieren? Aktionen von Buchhandlungen gemeinsam mit Schulen? Autorenlesungen rund um den Buchpreis an Schulen? Kooperationen zwischen Literaturhäusern und Schulen? Dahin gehen, wo die Leser von morgen sind.

Plötzlich stehen ganz viele Ideen im Raum und das ist ein Ausblick, der den Buchpreis-Blues hinwegfegt. Denn wer weiß, was aus dieser einzelnen Initiative aus Trier noch entstehen mag? Ich gratuliere jedenfalls allen Schülerinnen und Schülern ganz herzlich zu ihrem literarischen Experiment und wünsche ihnen noch viele inspirierende Leseerlebnisse.

8 Kommentare

  1. Huhu Uwe,
    danke für deinen tollen und informativen Post, ich habe ihn sehr gerne gelesen. Ich bin zeitlich leider noch nicht dazu gekommen, die Titel zu lesen, die mich interessieren. Ich bin neugierig wie mir eure Auswahl gefällt.
    Die Leseclubs finde ich eine großartige Idee und noch schöner ist, dass es hier einen Anstoss gefunden hat! Hoffentlich passiert da noch vieles in der Richtung.
    Liebe Grüße, Petra

  2. Ein interessanter Einblick und das Buchpreis Schulprojekt ist wirklich eine tolle Idee! Das würde sich ja auch für den Deutschen Jugendbuchpreis anbieten. Ich verfolge den Buchpreis eher passiv, doch es wäre schön, eine stärkere Diskussionskultur dazu zu haben wie z.B. zu der Oscar Verleihung.

  3. Lieber Uwe,

    ein lesenswerter Beitrag! Danke!

    Leseclubs in Schulen fände ich großartig, ebenso großartig fände ich es, wenn Verlage Schulen Buchpakete überließen, um die Kinder und Jugendlichen zum Lesen zu animieren. Wenn ich allerdings sehe, wie sehr man auf Elternabenden am Gymnasium oft vergeblich für mehr Lektüre (in Deutsch, Fremdsprachen, Geschichte) argumentiert, dann habe ich kein gutes Gefühl. Vielleicht sollte man die daddelnen Eltern (und da sind alle Schichten dabei!) gleich in die Leseclubs einbeziehen.

    Was passiert, wenn wir das Lesen verlernen, erläutert der Hirnforscher Wolf Singer in einem lesenswerten Interview in der FAZ: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/hirnforscher-wolf-singer-ueber-lesen-und-digitalisierung-15833090.html?printPagedArticle=true#pageIndex_0

    Viele Grüße aus Tübingen
    Norbert

  4. Hallo Uwe,

    Mit Spannung habe ich immer verfolgt, wenn du mal eine Wortmeldung in das Netz geschickt hast und quasi deinen Kopf über die Bücherberge stecktest. Ich finde es faszinierend, wie man innerhalb von nicht einmal 6 Monaten über 150 Bücher lesen kann. Für mich ist es bar jeder Vorstellung. Da ziehe ich auf jeden Fall meinen Hut. Das Gewinnerbuch have ich leider nicht gelesen, dafür 4 Bücher der Shortlist und ich fand die alle auf ihre Art spannend und faszinierend. Ich bin gespannt, welche Ideen du aus dieser Zeit mitnimmst und wie du den Blues übersteht, der nach so einer Menge gelesene Bücher wohl unweigerlich erstmal eintritt und hoffe auch, dass du der Literatur deswegen nicht überdrüssig wirst.

    Die Idee der Trierer Schule ist sowas von richtig und gut in den heutigen Zeiten, im Literatur lebendig und vor allem aktuell zu vermitteln. Das ist das völlige Gegenteil von trocken, so wie ich es kannte, wobei unser Deurdchlehrer auch modernere Ansätze verfolgte. So etwas sollte viel öfter geschehen anstatt sich dröge auf irgendeinen veralteten Kanon zu stürzen, denn so verliert man die Leser von morgen.

    Liebe Grüße
    Marc

  5. Als ehemalige Deutschlehrerin habe ich ganz besonders die Worte der Frau Eiffler über die Wochen mit den lesenden und diskutierenden Schülern der 11. Klasse gelesen! Das werden die jungen Leute so schnell nicht vergessen. So wie Sie nicht diesen letzten Abend im Frankfurter Hof!
    Gruß von Sonja

  6. Wie schön. Das ist doch gerade das Schöne daran, wenn man mit anderen Menschen über Literatur sprechen kann. Man muss nicht immer einer Meinung sein, aber der Austausch ist es, den ich dabei auch immer am schönsten finde. Bin gespannt auf die Ideen, die sich ergeben haben – und natürlich vor allem auf deren Umsetzung. LG, Bri

  7. Lieber Uwe,
    Deinen „Buchpreisblues“ kann ich nach dem intensiven Lese- und Leseaustauschhalbjahr zu gut verstehen. Ich denke, die Erfahrung ist einfach ganz einzigartig.
    Deinen Bericht über den Deutschkurs, der die Long- und Shortlist begleitet hat, finde ich toll, würde ich gerne sofort umsetzen. Dazu habe ich aber leider die Klassen nicht, weil ich kaum noch Deutsch unterrichte. Aber die Idee ist prima. Hoffentlich lassen sich Kollegen davon inspirieren!
    Viele Grüße, Claudia

  8. Lieber Uwe,
    das mit den Leseclubs in den Schulen finde ich super. Das sollte man hier in Deutschland auch einführen. Da würde ich sofort Unterstützung anbieten.

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