Gespiegelte Verzweiflung

Christian Torkler: Der Platz an der Sonne

Mit Sätzen wie „Dieses Buch sollte jeder lesen“ bin ich immer etwas vorsichtig, denn zu unterschiedlich sind die Lesevorlieben der Menschen. Dem Roman „Der Platz an der Sonne“ von Christian Torkler wünsche ich allerdings so viele Leser wie möglich, denn er ist für mich eines der wichtigsten Bücher für die Zeit, in der wir gerade leben. Es geht darin um Flucht und Migration, aber auf eine Art und Weise, die uns dieses emotional aufgeladene Thema vollkommen anders nahebringt als gewohnt. Und das mit einem ganz einfachen Trick: Torkler vertauscht den Blickwinkel. Wobei „einfach“ das falsche Wort ist, denn der Autor hat eine vollkommen neue Welt erschaffen, ausgefüllt mit zahllosen Details, die das Geschehen so wahrheitsgetreu und realistisch wie möglich machen.

„Nämlich vom Leben mehr zu verlangen als das Butterbrot“ – mit diesen berühmten Worten aus dem Vorwort von „Berlin Alexanderplatz“ beschreibt Alfred Döblin seinen Franz Biberkopf. Der Protagonist in Torklers Roman heißt Josua Brenner und wäre froh, wenn er sich regelmäßig ein Butterbrot leisten könnte. Berlin ist auch in „Der Platz an der Sonne“ der Schauplatz des Geschehens, zumindest in der ersten Hälfte des Romans. Doch es ist ein anderes Berlin. In einem vollkommen anderen Land, nachdem die Weltgeschichte anders verlaufen ist.

1948 entzündete sich an der Berlin-Krise ein weiterer Krieg in Europa; es war ein Schlagabtausch der beiden Machtblöcke USA und Sowjetunion, der dem noch vom zweiten Weltkrieg verheerten Kontinent den Rest gab. Nachdem sich der Pulverdampf verzogen hatte, war Mitteleuropa endgültig nicht mehr wiederzuerkennen. Deutschland zerfiel mit dem Friedensvertrag von Reykjavik 1961 in sechs Staaten: Den Freistaat Bayern, den Süddeutschen Bund, die Bundesrepublik Rheinland, Westfalen und Nassau, die Sozialistische Volksrepublik Mitteldeutschland, die Norddeutsche Föderation und die Neue Preußische Republik mit ihrer Hauptstadt Berlin. Allesamt mehr oder weniger totalitär regiert, die Infrastruktur praktisch nicht mehr vorhanden, Trümmer überall;  Länder voller ausgemergelter Menschen, die versuchten, irgendwie zu überleben.

Wir steigen in unserer Gegenwart in die Geschichte ein, Josua Brenner sitzt in einem vergitterten Raum und schreibt als Ich-Erzähler über sein Leben. Geboren 1978 wächst er in einem halbzerstörten Berlin auf und das Elend ist von Beginn an greifbar. Aufgeplatzte Straßen, Ruinen zwischen notdürftig instandgehaltenen Häuserblöcken, U-Bahn und S-Bahn existieren nicht mehr, es gibt nicht immer Strom, fließendes Wasser ist Luxus, die Stadt erstickt im Smog der zahllosen alten Autos, Slums ziehen sich um die angeschlagene Metropole, die Armut ist allgegenwärtig. Aber auch die Polizei und das Militär prägen das Straßenbild, wer sich über Kanzler August Kroll und sein Unterdrückungsregime beschwert, wird mundtot gemacht, wird deportiert, verschwindet.

Ziemlich schnell ist dem Leser klar, dass wir uns in einem mitteleuropäischen Dritte-Welt-Szenario befinden. Nach und nach erfahren wir, was geschehen ist, wie es soweit kommen konnte. Manchmal sind es nur eingestreute Details, manchmal ist es ein halber Satz; alles zusammen lässt ein Bild vor dem geistigen Auge erscheinen, das sich mit jedem Kapitel deutlicher herausschält. Es entsteht eine Wirklichkeit, wie es sie tatsächlich hätte geben können, denn der beschriebene Verlauf der Geschichte ist ein zwar theoretisches, aber durchaus realistisches Szenario.

Auf der Suche nach dem Butterbrot möchte Josua Brenner so gut, wie es nur geht anständig bleiben, sich irgendwie durchschlagen, ohne in die Kriminalität abzurutschen wie so viele andere aus seiner Nachbarschaft. Immer wieder versucht er es aufs Neue, immer wieder prallt er an unsichtbare Mauern aus Korruption, Willkür, Unterdrückung, Mangelwirtschaft, Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit in einem Alltag voller Schikanen. Und die Gerüchte vom guten Leben in den prosperierenden und reichen afrikanischen Staaten, vom Wohlstand dort und der Arbeit für alle beginnen sich immer stärker in seinem Gedächtnis festzusetzen, sich zu verdichten. Immer öfter denkt er an Geschichten von Bekannten, die es irgendwie dorthin geschafft haben, betrachtet die Palmen auf einer zerknickten Postkarte, die er vor Jahren von einem Freund erhielt, der sich nach Tanganyika aufgemacht hatte. Ein Land, das in unserer Welt Tansania heißt.

Es ist ein langer, schwieriger und gefährlicher Weg. Doch irgendwann kann Josua Brenner einfach nicht mehr so weitermachen wie bisher, kann sich nicht mehr ununterbrochen im Kreis drehen, sich zu Tode schuften – für nichts. Er verlangt nicht viel vom Leben, aber auch das wenige wird er in Berlin, in der Neuen Preußischen Republik, in Mitteleuropa nicht bekommen. Er beschließt, alles auf eine Karte zu setzen und begibt sich auf eine Reise in die Ungewissheit, getrieben von Verzweiflung und einer vagen Hoffnung. Damit beginnt die zweite Hälfte des knapp 600 Seiten umfassenden Buches.

Viel mehr soll nicht verraten werden, aber das fällt mir schwer. Um es kurz zu machen: Christian Torklers „Der Platz an der Sonne“ hat mich vollkommen begeistert. Das liegt vor allem an der langsamen Entwicklung der Geschichte; eine Langsamkeit, die es einem klar macht, dass niemand nur aus einer Laune heraus seine Heimat verlässt. Und die deutlich macht, wie weit das Ziel entfernt liegt, wie umständlich und gefährlich der Weg dorthin ist und wie einer, der aufbricht, sein Leben in die Waagschale wirft auf der Suche nach einem Quentchen Glück.

Man leidet mit Josua Brenner. Hofft, dass er es beim x-ten Versuch in Berlin schafft, sich eine bescheidene Existenz aufzubauen, bevor er wieder mit leeren Händen dasteht, bevor die nächste Katastrophe über ihn hereinbricht. Kann verstehen, dass es irgendwann einfach keine Zukunft mehr für ihn in Europa gibt. Erlebt mit, wie er auf seinem langen Weg durch die deutschen Staaten, durch die Schweiz, über die Alpen, durch Italien und über das Meer als Illegaler betrogen, ausgenutzt und ausgebeutet wird, in Lebensgefahr gerät, andere sterben sieht, wie er weitergeht, weiter und weiter und immer weiter. Es ist die Geschichte eines verzweifelten Mannes, der sich auf den Weg macht, um einen Platz zu finden, wo er ein Leben leben kann, dass diesen Namen verdient.

Jetzt habe ich doch zu viel vom Inhalt preisgegeben? Ich hoffe nicht. Immer wieder musste ich innehalten beim Lesen, denn obwohl die Idee des Buches – uns durch die Umkehrung der Welt einen Spiegel vorzuhalten – plakativ und schnell durchschaubar ist, wirkt diese Technik umso eindrucksvoller. Es ist eine lehrreiche Erfahrung, wenn diejenigen, die wir als illegale Einwanderer bezeichnen, die Menschen, die vor Armut und Perspektivlosigkeit fliehen und dabei ihr Leben aufs Spiel setzen, wenn diese Menschen plötzlich keine Fremden aus fernen Ländern sind. Sondern wir Europäer, wir Deutschen. Ob es Josua Brenner schaffen wird? Ob wir das schaffen würden?

„Der Platz an der Sonne“ ist kein raffiniert-literarisches Werk mit diversen Zeitebenen oder Perspektivwechseln. Und das muss es auch nicht sein, um die volle Wirkung zu entfalten: Es ist ein konventionell erzählter Roman, geschrieben in einer einfachen Sprache, mitreißend, spannend, mit vielen schockierenden Details. Die es alle wirklich gibt. Nur auf der anderen Seite des Mittelmeers.

Ich mag Was-wäre-wenn-Geschichten, Dystopien oder alternative Geschichtserzählungen sowieso sehr gerne. Aber Christian Torkler hat mit „Der Platz an der Sonne“ ein ganz besonderes Werk geschaffen, schlüssig durchdacht, glaubwürdig umgesetzt und außerordentlich detailreich ausgestaltet; ein Roman, der den eigenen Blick verändert und lange im Gedächtnis bleibt.

Und deshalb schreibe ich ihn jetzt doch noch, diesen eingangs erwähnten Satz: Jeder sollte dieses Buch lesen.

Unbedingt.

Buchinformation
Christian Torkler, Der Platz an der Sonne
Verlag Klett-Cotta
ISBN 978-3-608-96290-1

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4 Kommentare

  1. Hallo lieber Uwe,

    ich bin gerade durch Zufall auf Deinen Blog gestoßen:-)
    Erstmal großes Lob dafür!!
    Das Buch hört sich richtig gut an, auch wenn das nicht ganz mein Genre ist, welches ich bevorzuge. Aber meine Mutter mag gerne solche Literatur.
    Vielen Dank für die ausführliche Vorstellung!
    Ich wünsche Dir einen tollen Tag.
    Herzliche Grüße
    andrea / printbalance

  2. „wie einer, der aufbricht, sein Leben in die Waagschale wirft auf der Suche nach einem Quentchen Glück“

    Dieser Satz ist mir unter die Haut gegangen. Wie viel „wiegt“ ein Menschenleben? Wie viel ein Quentchen Glück?

  3. Ich habe diesen Roman auch auf den knien liegen. Habe zwar erst dir ersten 12 Kapitel hinter mir, aber bin doch schon gefangen.
    Schade ist, dass Menschen, die sich gegen alle stellen, die aus Verzweiflung in unser Land kommen, nicht solche Bücher lesen. Es würde vielleicht etwas in ihrer Sichtweise ändern.
    Danke für diese tolle Rezension
    Andrea

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