Menschen auf der Flucht

Sebastiao Salgado: Exodus

Ist es möglich, sich dem Thema Flucht und Migration auf eine künstlerisch anspruchsvolle Weise zu nähern? Darf man das überhaupt, ohne die Tragik zahlloser menschlicher Schicksale zu ästhetisieren? Oder hilft es den von unzähligen Nachrichtenmeldungen abgestumpften Betrachtern ihr Mitgefühl zu bewahren? Ein Buch möchte ich hier vorstellen, das in herausragender Form klar macht, was es bedeutet, seine Heimat verlassen zu müssen – auf der Flucht vor Krieg, Folter und Tod oder auf der Suche nach einem Stückchen Hoffnung auf ein besseres Leben. Es ist der Photoband „Exodus“ von Sebastião Salgado, der bereits 2000 erschienen ist und 2016 vom Taschen Verlag neu aufgelegt wurde. Und in Zeiten, in denen Zynismus und Menschenverachtung zunehmend die Politik dominieren, ist dieses Werk aktueller denn je.

Sebastião Salgado ist einer der großen Photographen unserer Zeit, den seine zum Teil jahrelangen Projekte immer wieder um die ganze Erde führen. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Beschäftigung mit den Schattenseiten unserer Welt. Er dokumentiert Armut, Hunger, Migration, Völkermord, Vertreibung und deren Ursachen, um den Menschen ein Gesicht zu geben, die niemand sehen will; die im Elend leben, die keine Perspektiven haben, die ganz unten angekommen sind, die niemals woanders waren oder sein werden. Dabei tritt er nie als Voyeur auf, sondern stets als Beobachter, als Chronist der Ungleichheit und Ungerechtigkeit unserer Welt.

Sebastiao Salgado: Exodus

„Exodus“ ist in den Neunzigerjahren entstanden, Salgado war für dieses Photoprojekt fast sieben Jahre unterwegs. Ging dorthin, wohin sonst keiner geht. Sah, was sonst keiner sieht. Sprach mit den Menschen, versuchte, deren Vertrauen zu gewinnen. Photographierte. Holte die Vergessenen zurück in unsere Wahrnehmung. Und zeigt uns, was wir vielleicht gar nicht sehen möchten – umso wichtiger ist es, ganz genau hinzuschauen. Im Vorwort des Buches schreibt er:

„Mehr denn je bin ich überzeugt, dass die Menschen eins sind. Es gibt unterschiedliche Hautfarben, Sprachen, Kulturen und Chancen, aber in ihren Gefühlen und in ihrem Handeln sind sich die Menschen so ähnlich. Sie fliehen vor Kriegen, um dem Tod zu entgehen, sie wandern aus, um ein besseres Los zu finden, sie bauen sich in fremden Ländern ein neues Leben auf, sie passen sich den härtesten Bedingungen an. Überall setzt sich der Überlebenstrieb des Menschen durch. Nur als Spezies scheinen wir unbeirrbar unsere Selbstzerstörung zu betreiben. Vielleicht sollte an diesem Punkt das Nachdenken einsetzen: dass unser Leben gefährdet ist. … Wir halten den Schlüssel zur Zukunft der Menschheit in Händen, aber wir müssen uns zuerst Rechenschaft über die Gegenwart ablegen. Diese Photographien zeigen einen Teil unserer Gegenwart. Wir können es uns nicht leisten, den Blick abzuwenden.“

Sebastiao Salgado: Exodus

Das Buch ist in vier große Kapitel unterteilt.

In Migranten und Flüchtlinge: Der Überlebensinstinkt sieht man Menschen, die unterwegs sind, die aus zerstörten Städten und verwüsteten Landstrichen fliehen mussten und deren Reise irgendwo an einer Grenze endet oder in einem trostlosen Lager.  Manchmal für Jahre, manchmal für immer.

In Afrikanische Tragödie: Kontinent der Enwurzelten geht es um den Bürgerkrieg im Südsudan, um ruandische Flüchtlinge in Tansania oder in Zaire, um die Spannungen in Ruanda nach den Gewaltexzessen des Genozids an den Tutsi; Salgado zeigt uns die hoffnungslose Situation der geflohenen Angolaner nach dem Bürgerkrieg und begleitet die heimkehrenden Flüchtlinge in Mosambik, die vor dem Nichts stehen.

Die Kapitel Lateinamerika: Landflucht und Chaos in den Städten und Asien: Das neue urbane Gesicht der Welt zeigen uns zwei Kontinente, die sich rasant verändern. Immer mehr Menschen ziehen auf der Flucht vor ländlicher Armut in die urbanen Großräume oder versuchen, in eines der westlichen Industrieländer zu gelangen. Mit der Folge, dass sich in Mega-Cities wie etwa São Paulo, Mexico City, Mumbai, Jarkata oder Manila Slumgebiete weiter und weiter ausbreiten; die Städte sind dabei kaum noch zu verwalten.

Die Schwarzweißbilder sind ohne Beschriftung, die Erläuterungen werden in einem beiliegenden Booklet mitgeliefert. Durch diese Darstellung wirken die Photos auf die Betrachter noch unmittelbarer; losgelöst von Zeit und Ort. Dieses Zeitlose macht das Buch so aktuell, denn zum einen hat sich an vielen gezeigten Situationen auch heute, zwei Jahrzehnte später, nichts geändert. Und zum anderen sind zahlreiche neue Krisenherde dazugekommen, an denen es ähnlich aussieht. Es sind Bilder voller Schrecken, voller Trostlosigkeit, die einen verzweifeln lassen angesichts des Elends. Doch sie zeigen oft auch Gesichter voller Würde, die uns eine Botschaft vermitteln: Wir sind alle Menschen. Eine Botschaft, die in Zeiten einer unfassbaren sprachlichen Verrohung in Vergessenheit zu geraten droht. Zeiten, in denen populistische Politik Menschen in Seenot lieber ertrinken lässt, anstatt ihnen zu helfen. Ich glaube, das beantwortet die eingangs gestellten Fragen.

Sebastiao Salgado: Exodus

Laut den Angaben des Flüchtlingshilfswerks UNHCR sind momentan etwa 70 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht – ein historischer Höchststand. Manche mögen sich fragen, was wir in Mitteleuropa damit zu schaffen haben, dabei liegen die Antworten auf der Hand. Denn solange wir Waffen verkaufen, mit denen Krieg geführt wird, solange unsere Fangflotten die Fischbestände vor der afrikanischen Küste dezimieren, solange wir akzeptieren, dass Großkonzerne die Natur in Dritte-Welt-Ländern zerstören, damit es bei uns günstige Rohstoffe, billige Nahrungs- und Lebensmittel gibt, solange Kinder in Zwölfstundenschichten unsere Kleidung nähen, unsere Möbel zimmern, unseren Elektroschrott entsorgen müssen – solange wir immer nur nehmen und nehmen und nehmen, solange werden Menschen gezwungen sein, sich auf den Weg zu machen. Zu uns.

Und solange wir an dieser globalen Gesamtsituation nichts ändern, werden auch die Migrationsbewegungen unserer Zeit nicht abnehmen, eher im Gegenteil. Wir stehen an einem Wendepunkt der europäischen Geschichte, denn noch könnten wir Europäer das Thema Migration politisch mitgestalten, aber leider fällt den Verantwortlichen unserer Zeit außer Abschottung nichts ein – und das wird auf Dauer der falsche Weg sein. Denn der Umbau Europas in eine Festung kann die Menschen auf der Flucht nicht dauerhaft aufhalten und hat zudem nicht nur Folgen nach außen, sondern auch massive Konsequenzen nach innen: In einem verbarrikadierten Kontinent wird sich unsere Gesellschaft verändern, hin zu totalitären Systemen.

Es hat schon angefangen.

Zum Abschluss möchte ich aus dem Beitrag „Avantgarde der Völker“ von Daniel Beiswanger zitieren, der dies mit Hilfe Hannah Arendts perfekt auf den Punkt bringt:

„Hannah Arendt hat aus ihren Untersuchungen (und ihrer Erfahrung) des Totalitarismus den Schluss gezogen, dass die Missachtung der Grundrechte in einer ersten Phase stets nur Flüchtlinge und schutzlose Minderheiten betrifft, bevor sie sich in einer zweiten Phase generalisieren kann. Historisch betrachtet war die Flüchtlingspolitik das Laboratorium der Barbarei. Erst zielt die Aufhebung der Menschenrechte nur auf Migranten – und irgendwann auf die gesamte Bevölkerung.

Wir sollten nicht so naiv sein, zu glauben, dass die namenlosen Tragödien, die sich Tag für Tag und Nacht für Nacht auf offener See abspielen, ohne Einfluss bleiben werden auf das Leben, die Politik und die Gesellschaft in Kontinentaleuropa.

Wir sollten nicht so naiv sein, zu glauben, dass diese Toten nicht die unseren sind.“

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Buchinformationen
Sebastião Salgado, Exodus
Taschen Verlag
ISBN 978-3-8365-6129-7

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2 Kommentare

  1. Zustimmung zur Beobachtung von Hannah Arendt am Ende: Wenn man irgendwo anfängt, die Menschenrechte abzusprechen, dann gibt es kein Halten mehr. Aber sonst ist mir dieser Beitrag politisch viel zu einseitig und zeitgeistig. — Waffenlieferungen und militärisches Eingreifen können auch stabilisierend wirken. Die Produktion von Gütern für die westliche Welt hat in vielen Entwicklungsländern eine Perspektive aus dem Elend heraus eröffnet. Der Fortschritt macht den zweiten Schritt nun einmal nicht vor dem Ersten. — Und überhaupt muss der Menschenfreund die Frage stellen, ob denn die jungen Männer, die da in Scharen nach Europa strömen, wirklich diejenigen „Flüchtlinge“ sind, an die wir alle denken, wenn wir an „Flucht“ denken. Eine Abschottung Europas gegen eine unkontrollierte, beliebige Migration könnte die Chance eröffnen, das Asylrecht für jene großzügiger zu gestalten, die es wirklich benötigen, und die Chance eröffnen, den Menschen vor Ort zu helfen, statt nur jenen (vergleichsweise) wenigen, die es nach Europa schaffen. Außerdem ist eine Abschottung Europas unerlässlich, wenn man den Rechts- und Linksradikalen nicht das Feld überlassen will. Es gibt immer noch einige, die haben den Schuss noch nicht gehört. Gerade hat die New York Times dazu veröffentlicht: Why Merkel Must Go! Siehe Link.
    https://www.nytimes.com/2018/07/05/opinion/angela-merkel-germany-immigration-european-union.html

  2. Toller Beitrag über die Gründe für Flucht, die zu oft ignoriert werden! Ich bin ein großer Fan von Salgados Arbeit und halte in Buchläden und Büchereien immer Ausschau nach seinen Büchern. Leider gibt es dort meistens nur seine neueren Bände mit Naturfotos. Die sind natürlich auch toll, aber die älteren Bände mit Bildern von Menschen interessieren mich mehr. Ich habe in einem Fotografie Kurs mal eine Doku über ihn gesehen und war total beeindruckt von seiner Arbeit! Es ging auch darum, wie belastend es auch für den Fotograf ist, diese Schicksale mitzuerleben und abzulichten und dann feststellen zu müssen, dass sich nichts geändert hat.

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