Zehn Sekunden mit Paul Auster

Paul Auster: 4321

Nach 1259 Seiten war das Buch zu Ende. Zugeklappt lag es vor mir und ich verabschiedete mich schweren Herzens von Archie Ferguson. Es fiel mir schwer, wir hatten einige Wochen miteinander verbracht, waren Vertraute, Freunde geworden. Aber jetzt musste ich ihn ziehen lassen, ihn, den vierfachen Helden aus Paul Austers „4 3 2 1“. Was für ein Roman! Und jetzt überlege ich seit ein paar Tagen, wie ich darüber schreiben soll. Wie sich einem Werk nähern, das bereits seit Wochen in Blogs und im Feuilleton besprochen und hochgelobt wird. Einer der ersten, der über „4 3 2 1“ berichtet hat, war Jochen Kienbaum auf lustauflesen.de und er gelangte zum Fazit: „Das schreibe ich selten bis nie: 4321  ist ein Meisterwerk!“ Und dem schließe ich mich von ganzem Herzen an.

Ein Meisterwerk also. Aber warum? Was macht dieses Buch so besonders, so anders? Natürlich ist die Sprache brillant, seitenlange Sätze, die trotzdem ungekünstelt wirken, die den Leser mitnehmen; schon beinahe atemlos liest man und liest und merkt erst beim Umblättern, dass es immer noch derselbe Satz ist. Aber vor allem ist der Roman ein Spiel mit der Realität in einer Form, die man so noch nie gelesen hat. Paul Auster erzählt die Lebensgeschichte Archie Fergusons von seiner Geburt im Jahr 1947 bis zum Neujahrsmorgen 1970. Und zwar gleich vier Mal. Vier Versionen gibt es von Archies Leben, jedes Kapitel existiert in vier Ausführungen. Zu Beginn unterscheiden sie sich nur durch Nuancen; winzige Stellschrauben, an denen der Autor dreht, die dann aber dafür sorgen, dass die Lebensläufe immer weiter auseinanderklaffen, sich immer stärker voneinander unterscheiden. Als Leser blättert man oft zurück, etwa, wenn man zu Beginn von Kapitel 4.3 sich erinnern möchte, wie Kapitel 3.3 ausgegangen war. Das sorgte bei mir dafür, dass dieser Roman am Ende vollgestopft mit Lesezeichen war; alles Mögliche an Papierschnipseln, die ich in den Wochen des Lesens gerade so zur Hand hatte.

Die Zeit von Archies Aufwachsen in Newark, New Jersey, und in New York fällt zusammen mit einer Zeit gravierender gesellschaftlicher Umwälzungen in den USA. Vietnamkrieg, Rassenunruhen bis hin zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen, politische Verwerfungen, von der Polizei niedergeknüppelte Studentenproteste – es ist die Epoche, in der die behäbigen Wirtschaftswunderjahre der 50er-Jahre abgelöst werden von einer Dynamik, die außer Kontrolle gerät und das Land nachhaltig verändern wird. Vor diesem Hintergrund sucht Archie – egal welcher – seinen Platz, seine Rolle und hadert mit sich, mit seinen Vorstellungen, mit dem Erwachsenwerden und dem Erwachen seiner Sexualität; muss Schicksalsschläge verkraften, familiäre Dramen aushalten. Manches ist allen Archies gemeinsam: Die Liebe zu Büchern, zur Literatur, zu Texten, die ein Leben verändern können. Und zum Baseball.

Nicht alle der vier Archies überleben. Dies wird schon aus dem Titel deutlich, der vier, drei, zwei, eins herunterzählt. Das hat mich besonders berührt, denn es hat eine Erinnerung wieder hervorgeholt, die mich schon lange beschäftigt – und wohl mein ganzes Leben lang beschäftigen wird. Gleich mehr dazu.

Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass ich über diese Was-wäre-wenn-Fragen im eigenen Leben schon immer viel nachgedacht habe. Ich finde es faszinierend, diese Scheidepunkte seines Lebens zu identifizieren, von denen an alles anders verlaufen wäre. Seien es eigene Entscheidungen für oder gegen einen Weg, eine Beziehung, eine neue Arbeit, seien es die von anderen, die einem den Job oder den Studienplatz in einer anderen Stadt gegeben haben. Oder eben auch nicht. Wer wäre man dann heute? Wie wäre man? Und wo? Wen anderes würde man kennen? Klar ist es müßig darüber nachzudenken, aber ist es nicht so, „dass die Welt wie sie war allenfalls ein Bruchteil der Welt sein konnte, da das Wirkliche auch aus dem bestand, was sich hätte ereignen können, aber nicht ereignet hatte, und dass ein Weg nicht besser oder schlechter war als ein anderer, aber das Qualvolle daran, in einem einzigen Körper am Leben zu sein, war, dass man sich zu jedem beliebigen Zeitpunkt auf nur einem Weg befinden musste, auch wenn man auf einem anderen hätte sein und einem ganz anderen Ort hätte entgegengehen können.“

Vielleicht. Und jetzt komme ich zu der Erinnerung, die mich schon so lange beschäftigt. Es war im Winter 1985, ich war sechzehn und habe nie, unter gar keinen Umständen das Haus ohne Walkman oder Musik verlassen. Auf meinem Schulweg musste ich durch eine Unterführung die Eisenbahnlinie unterqueren. Im Winter waren die Stufen vereist und es war einfacher, über den Zaun zu klettern und über die Schienen zu laufen. An dieser Stelle konnte man in beide Richtungen kilometerweit schauen, von daher war es eigentlich eine gefahrlose Sache. An einem dieser Wintertage war ich auf dem Rückweg von der Schule, die Musik dröhnte im Kopfhörer, die Sonne schien, der freie Nachmittag lag vor mir. Wie immer kletterte ich über die Absperrung und lief über die beiden Gleise. Aus irgendeinem Grund allerdings ohne in beide Richtungen kilometerweit zu schauen.

Es ist inzwischen 32 Jahre her, aber ich sehe immer noch die blonde Frau mit Kinderwagen auf der anderen Seite, die mit weit aufgerissenen Augen schrie. Wobei ich nur den geöffneten Mund wahrnehmen konnte, da die Musik ja so laut war. Ich wunderte mich und fragte mich, was sie wohl haben mochte, lief ungerührt weiter, wunderte mich erneut über ein paar unmelodische, signalhornartige Töne im Hintergrund und hatte Sorge, dass etwas mit der Kassette oder dem Walkman nicht in Ordnung sein könnte. Ich sehe das alles wie in Zeitlupe vor mir, sehe mich selbst über den hüfthohen Zaun steigen, an der blonden Frau vorbeilaufen, die mich vollkommen entgeistert anstarrte. Etwa zehn Sekunden oder zehn Schritte später – und das sehe ich nicht mehr in Zeitlupe – raste der Güterzug vorbei.

Ich hätte den Schlag wahrscheinlich gar nicht einmal gespürt. Diese zehn Sekunden waren eine der kleinen, aber immens wichtigen Stellschrauben des eigenen Lebens. Zufall? Schicksal? Glück? Wer kann das sagen?

Das alles hat jetzt eigentlich nichts mit Paul Austers Roman zu tun. Doch indirekt schon, denn es gibt dort Versionen von Archie Fergusons Leben, die vorzeitig abbrechen, wie ausgeknipst enden.

Und seitdem, seit diesem Buch frage ich mich, in welcher Version meines Lebens ich mich jetzt wohl befinden mag. Diese zehn Sekunden jedenfalls begleiten mich seit diesem sonnigen Wintertag. Oder wie Paul Auster schreibt: „Die Zeit bewegte sich in zwei Richtungen, denn jeder Schritt in die Zukunft beinhaltete eine Erinnerung an die Vergangenheit.“

Der Beitrag ist jetzt ganz anders geworden, als gedacht. Aber das ist vielleicht ganz gut so, denn ich glaube, anders als auf die persönliche Art hätte ich mich diesem epochalen Werk nicht zu nähern getraut, wäre dieser Vielschichtigkeit und überbordenden Fabulierlust Austers nicht gerecht geworden. Es ist wahrlich das Opus Magnum eines Schriftstellers, dessen „New York Trilogie“ oder „Musik des Zufalls“ mich seinerzeit begeistert haben, von dem ich aber seit Langem nichts mehr gelesen hatte. Und plötzlich ist er wieder da, erobert sich einen Ehrenplatz im Buchregal und bringt auch gleich noch eine Menge Gedanken über das eigene Leben mit. Man braucht ohne Zweifel einen langen Atem für die 1259 Seiten mit Archie Ferguson. Aber jede einzelne lohnt sich.

Buchinformation
Paul Auster, 4 3 2 1
Aus dem Englischen von Thomas Gunkel,
Werner Schmitz, Karsten Singelmann
und Nikolaus Stingl
Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-498-00097-4

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19 Kommentare

  1. Lieber Uwe,
    diese lebhafte und differenzierte Rezension hat mich nun sehr, sehr leseneugierig gemacht. Das wäre dann meine Paul-Auster-Premiere! 🙂

    Romane, die mit verschiedenen Lebensentwicklungsläufen spielen, scheinen langsam zu einem neuen Trend zu bilden. Letztes Jahr hat Laura Barnett mit „Drei mal wir“ auf knapp 500 Seiten ebenfalls dieses Thema bespielt.

    Die Autorin stellt ihrem Roman – gleichsam einleitend – ein Zitat von Anne Tyler (aus Im Kriege und in der Liebe) voran:
    „Manchmal phantasierte er, dass er in der Stunde seines Todes, wie in einem Amateurfilm, all die Wege gezeigt bekäme, die er nicht eingeschlagen hatte, und wohin sie ihn geführt hätten.“

    Das ist nichts, was sich im wirklichen Leben jemals ganz zu Ende denken ließe, aber im Rahmen eines Romans kann dieses Was-wäre-wenn-Gedankenspiel sehr gut inszeniert werden, und genau dies gelingt Laura Barnett mit „Drei mal wir“ sehr berührend, filigran-verflochten, lebensnah, wohldurchdacht und mitfühlend.

    Falls Dich dieser schicksalsspielerische Roman mit seinen drei alternativen Lebensweichenstellungen interessiert, findest Du nachfolgend den Link zu meiner ausführlichen Rezension:
    https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/04/28/drei-mal-wir/

    Bibliophile Grüße
    Ulrike von Leselebenszeichen

  2. Toll, was Du schreibst. Die hohe Seitenzahl hat mich bislang abgehalten, das Buch von Auster zu kaufen. Vielleicht war ich Auster auch ein bisschen über. Ich habe viel von ihm gelesen und dachte, na, noch eins – !? Aber jetzt bin ich neugierig geworden!

    • Das freut mich. Man braucht schon ein wenig Zeit für den Auster, aber ich finde, dass sich jede Leseminute gelohnt hat. Bin gespannt, ob es Dir ebenso geht, falls Du es lesen wirst.

  3. Ein toller Beitrag, gerade weil so persönlich geschrieben!

    Ich habe „4321“ auch in meinem Regal stehen und auf mich warten aber irgendwie denke ich, dass ich zuerst noch zu „Leviathan“ greife. Das wartet einfach noch länger 😉

    Du lässt mich nach Deiner Rezension jedenfalls in meinem Entschluss wanken. So oder so – Auster ist ein großartiger Schriftsteller, dem ich unbedingt einmal einen Extra-Beitrag widmen sollte!

  4. Ich hatte ein ähnliches Erlebnis wie mit dem Güterzug. Allerdings war es die Straßenbahn, die nicht bremste, und ich war derjenige, der sich die Kehle aus dem Leib brüllte. So etwas vergisst man auch von der anderen Seite nicht.

  5. ich kann mich Deiner Hymne nur vorbehaltlos anschließen. Obwohl meine Lektüre schon einige Zeit zurückliegt, spukt mir Archie nach wie vor im Kopf herum. Er wird wohl in den Ballsaal meines Leseherzens einziehen, die anderen wie z.B. Owen Meany und Heathcliff warten bereits…

  6. Hallo Uwe,

    (mal wieder ;-)) eine sehr schöne Rezension, der man anmerkt, wie sehr das Buch in Dir „gegriffen“ hat (die Frage, welche Wendepunkte es im Leben gibt, auch außerhalb der „Klassiker“ wie Berufswahl oder Hochzeit, lässt ja einiges an Gedanken frei werden).

    Ich tänzele jetzt schon seit einiger Zeit um Paul Auster herum. Mit Mitte zwanzig hatte ich mal einen unglücklichen Leseversuch mit ihm, seitdem war er bei mir außen vor. Aber vielleicht wäre es interessant, einen neuen Versuch zu wagen, manchmal hängen Leseerlebnisse ja auch mit der eigenen Biografie und eben einfach dem falschen Zeitpunkt zusammen.

    Thematisch interessiert mich „4321“, aber es ist ja schon ein langer und komplexer Wälzer. Würdest Du ihn für einen Auster- (Wieder-)Einstieg empfehlen oder doch eher andere Werke?

    Herzliche Grüße aus dem Ruhrpott!
    Andrea

    • Hallo Andrea,

      vielen Dank! Zu Deiner Frage: Es ist – natürlich – ein typischer Auster mit extrem wenig Dialogen und viel, viel erzähltem Text. Für einen (Wieder)Einstieg ist es natürlich schon ein umfangreiches Buch, allerdings eben thematisch ein großartiges Projekt. Wenn es „nur“ um Austers Schreibstil geht, würde ich z.B. zuerst die „New York Trilogie“ lesen. Aber wie gesagt, „4321“ ist einfach ein ganz besonderes Buch, das einen wochenlang begleitet. Und danach im Kopf bleibt.

      Ich hoffe, Du konntest mit dieser Antwort etwas anfangen… 😉

      Beste Grüße

      Uwe

      • Hallo Uwe,

        herzlichen Dank – und ja, ich kann etwas damit anfangen. 😉
        Vielleicht nehme ich mir dann erst einmal die „New York Trilogie“ vor und sehe dann weiter.

        Ein schönes Wochenende mit schönem Lesestoff wünsche ich Dir!
        Andrea

  7. Eigentlich hatte ich mir geschworen, keine einzige Rezension zu diesem großartigen Buch zu lesen, bevor ich meine eigene Besprechung fertig habe – geschweige denn das Buch durch – ich lese, genußvoll und ehrfürchtig immer noch an den knapp 1300 Seiten, aber als ich Deinen Text überflog … bliebe ich hängen und habe mein Vorhaben einfach mal über Bord geworfen. Mir ging / geht es ähnlich: Er war immer da, nie vergessen, Die New-York-Triologie, Auggie Wren, Smoke, Mr. Vertigo … alles da, nicht nur im Regal, auch in meinem Kopf … aber richtig präsent wurde er jetzt wieder. Opus Magnum ist genau der richtige Ausdruck. Ich habe tatsächlich vorher nie ein solches Buch gelesen, das man meiner Meinung nach auch mehrfach und immer wieder anders lesen kann. Vielleicht bin ich auch deshalb so langsam dabei … und genieße es so sehr. Danke für diese tolle Besprechung, die offensichtlich anders als Du dachtest, aber augenscheinlich nicht anders werden konnte. LG, Bri

  8. Was für eine eindringliche Rezension! Ich habe auch schon oft über diese Stellschrauben nachgedacht, erst kürzlich wieder. Dieses „was wäre wenn“ ist ja ein sehr müßiger, auch spannender Gedanke! Da ich mich jetzt durch einige dermaßen dicke Bücher gefuttert habe, bin ich in Übung – und bereit für den Auster… 😉

  9. Habe deinen Text nur kurz überflogen, da ich immer etwas Angst vor „Spoilern“ habe. Der neue Auster liegt nämlich auch noch bei mir auf dem Stapel, allerdings im englischen Original. Bin aber nach deinen lobenden Worten ganz zuversichtlich, dass ich auch bald damit beginne. 🙂

    Liebe Grüße
    Karin

    • Das kenne ich nur zu gut… Meistens lese ich Besprechungen eines Buches erst nach dessen Lektüre.
      Wünsche Dir viel Lesevergnügen mit 4321.

      Liebe Grüße

      Uwe

  10. Schon der zweite Blogger in kurzer Zeit, der den neuen Auster über alle Maßen lobt (vom Feuilleton mal ganz abgesehen). Hatte vor ein paar Jahren mal eine ausgedehnte Auster-Phase und dann irgendwann plötzlich genug gehabt. Vielleicht wäre jetzt wieder ein guter Zeitpunkt, die „alte Freundschaft“ zu erneuern.

    • Das ging mir ganz genau so. In den Neunzigern habe ich „New York Trilogie“ oder „Musik des Zufalls“ immer wieder gelesen, so gut haben mir die beiden Bücher gefallen. Dann: Nichts mehr von Auster. Bis jetzt „4321“ kam und sich als absoluter Volltreffer erwiesen hat.

      • Bei mir waren es „Die Brooklyn-Revue“, „Das Buch der Illusionen“ und eben auch die fulminante „New York Trilogie“. „Sunset Park“ und „Unsichtbar“ warten noch im Regal, doch „4321“ reizt mich derzeit irgendwie doch mehr. Wenn ich meine blogeigene Belletristik-Tour durch das Werk von Richard Yates beendet habe, wird wohl Auster ins Blickfeld rücken. Und da bietet sich als Start der neue Titel bestens an. Danke fürs „Appetit anregen“ und die schöne Besprechung!

  11. Sehr schöner (und wahrer) Text! Und ich habe jetzt einige Besprechungen zu diesem Roman gelesen und fürchte, ich komme doch nicht drum herum…. auch dank Dir! 🙂

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