Die Macht der Erinnerung

Nadja Spiegelman: Was nie geschehen ist

Das Buch »Was nie geschehen ist« von Nadja Spiegelman habe ich mir wegen des Covers gekauft, ohne vorher auch nur einen Blick auf den Text zu werfen. Das Photo auf dem Schutzumschlag zeigt eine junge Frau, die gerade mit Zigarette zwischen den Fingern aus einer Kaffeetasse trinkt. In Zeiten, in denen sich alles um gesunde Ernährung und Selbstoptimierung dreht, fand ich das Bild auf eine anarchische Art sympathisch. Zwar rauche ich schon eine ganze Weile nicht mehr, aber die Kombination von Koffein und Nikotin ist ein Genuss, den ich mir drei, vier Mal im Jahr gönne. Belohnt wurde ich bei dieser spontanen Kaufentscheidung mit einem faszinierenden Einblick in die Familiengeschichte der Autorin, genauer gesagt in die Lebensgeschichten ihrer Mutter, ihrer Großmutter und ihrer eigenen. Lebensgeschichten, die weit in das 20. Jahrhundert zurückreichen. Die um Ungesagtes kreisen, um widersprüchliche Erzählungen und Erinnerungen. Und um die Frage, wie wir uns an bestimmte Geschehnisse erinnern. Erinnnern wollen. Erinnern können.

Wer ist Nadja Spiegelman? Die Eltern sind berühmt, ihr Vater Art Spiegelman erlangte durch seinen Comic »Maus – Die Geschichte eines Überlebenen« weltweite Bekanntheit und wurde 1992 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Ihre Mutter Françoise Mouly ist die legendäre Art-Direktorin der Zeitschrift New Yorker. Es ist ein vollkommen intellektuelles Umfeld mitten in New York, in dem Nadja Spiegelman aufwächst; zu Beginn des Buches schildert sie eine Szene, wie etwa Paul Auster und Siri Hustvedt zum Essen vorbeikommen. Eine Szene übrigens, die gleich das zentrale Thema des Buches vorwegnimmt, denn im Tischgespräch taucht die Frage auf, wie sehr wir uns durch unsere mutmaßlichen Erinnerungen täuschen lassen.

Der Vater Art Spiegelman wird in dem Buch nur am Rande erwähnt. Denn es handelt von den Frauen der Familie, es geht um Verbindendes und Trennendes, um Beziehungen zwischen den Generationen, um Liebe und Kälte, um Warmherzigkeit und Härte. Und um nie Ausgesprochenes. Nadja Spiegelman hat sich daran gemacht, die Lebensgeschichten ihrer Mutter und Großmutter aufzuschreiben, um herauszufinden, woher sie selbst kommt und wie diese Lebensgeschichten Spuren in ihrer eigenen hinterlassen haben.

Im ersten Kapitel schreibt sie: »Jetzt, also jetzt, da ich ihre Vergangenheit kannte, sah ich beides. Ich sah, was meine Mutter alles getan hatte, um sich von ihrer eigenen Mutter zu unterscheiden. Und ich sah auch, wie die so lang verschwiegene Vergangenheit uns lenkte. Sie glich einer unsichtbaren Strömung im Ozean, sie definierte unseren Abstand, unsere Nähe zueinander, und sie verlief in einer solchen Tiefe, wir merkten kaum, dass wir nicht selbst den Kurs bestimmten.«

Das Verhältnis zwischen der Mutter und der Großmutter war stets sehr distanziert. Nadja Spiegelmans Mutter hatte kein liebevolles Aufwachsen, ihr Vater war einer der ersten Schönheitschirurgen Frankreichs mit einer Praxis in Paris, ihre Mutter – also Nadjas Großmutter – kam aus eher einfachen Verhältnissen. Die Praxis des Vaters boomte, es waren die Sechzigerjahre in Paris, es gab Partys, viel Alkohol, Auschweifungen; Zeit, sich um Françoise zu kümmern blieb da nicht. Dann Streit, Scheidung, eine zerbrochene Ehe, vollkommenes Gefühlschaos. Als Nadjas Mutter eine junge Frau war, ist ein Selbstmordversuch verbürgt. Mit achtzehn dann machte sie sich auf den Weg nach New York, ohne Plan, ohne Geld und eigentlich ohne Zukunft. Doch die schuf sie sich.

Die Großmutter Josée wiederum war ein uneheliches Kind in der französischen Provinz – kein einfaches Aufwachsen im frühen 20. Jahrhundert. Es war ein langer und harter Weg bis in die höhere Gesellschaft von Paris. Ein Weg, auf dem wenig Platz für elterliche Wärme, Liebe und Zuneigung war. Und diese Leere gab sie an ihre eigene Tocher weiter; Françoises Kindheit war geprägt von Lieblosigkeit und dem permanenten Streben nach Perfektion.

Nadja Spiegelmans Buch ist ein Erinnerungsprojekt. Jahrelang redete sie mit ihrer Mutter in New York und ihrer Großmutter in Paris, die dort auf einem Hausboot lebte – eine schillernde Gestalt. Sie findet zahlreiche Lücken und Widersprüche in den Familienerinnerungen, schwarze Löcher, die sie schließen möchte.

»Ich sah bloß die ausgefransten Ränder der Löcher in den Geschichten, spürte lediglich die Nachbeben der Explosionen.«

Doch natürlich geht es nicht. Erinnerungen sind subjektiv; sie vertauschen die Monate, die Jahre, die Personen, ändern die Wahrheit, passen sie den eigenen Wünschen an. Jener Selbstmordversuch von Françoise ist klar recherchierbar. Doch was war der Grund, der Auslöser? Ein Missbrauchsfall steht im Raum, es gibt vage Andeutungen, schwache Indizien, aber die Erinnerungen von Mutter und Großmutter werden unkonkret, die Blicke traurig, die Gesten verdrängend,  vorsichtig geäußerte Gedanken verschwinden wieder in den hintersten Schubladen des Gedächtnisses. Eine monströse Ungeheuerlichkeit, die »nie geschehen ist« und die doch immer da ist. Unsichtbar, unfassbar.

Die Macht der Erinnerung ist ein eigenes Phänomen. Die Autorin kommt stets darauf zurück, besonders dann, wenn sie wieder einmal festgestellt hat, dass nach all den Jahren Erinnerungen – auch wenn sie ganz objektiv falsch sein müssen – nicht mehr korrigiert werden können.

»Die Vergangenheit formte die Gegenwart, doch ebenso konnte die Gegenwart die Vergangenheit verändern.«

Und natürlich schreibt sie über ihre eigene Identität. Über ihr Aufwachsen, ihr Verhältnis zu sich, über ein diffuses Gefühl der Fremdheit gegenüber ihrem eigenen Körper, über ihre Beziehung zu ihrer Mutter und zu ihrer Großmutter. Sie beschreibt, wie das Buchprojekt ihr half, sich selbst im Leben zu finden. Und wie es das Verhältnis zu Françoise und Josée vollkommen verändert, intensiver werden ließ. Besonders zwischen ihr und ihrer Großmutter ändert es sich; Josée schenkt ihrer Enkelin Nadja die Liebe, die sie ihrer eigenen Tochter nicht geben konnte. So, wie sie es selbst erlebte, als sie auch Enkelin war, mehrere Jahrzehnte zuvor.

»Ich sah über die Generationen hinweg ein Muster entstehen, es verbreitete sich wie die Kreise, die ein über das Wasser geworfener Stein auf der Wasseroberfläche hinterlässt: all die Enkelinnen und Großmütter, die sich liebten, all die Mütter, die dabei auf der Strecke blieben.«

»Was nie geschehen ist« ist ein lohnendes Buch.  Die aufgezeichneten Lebensläufe der drei Frauen sind in der Erzählweise so eng miteinander verzahnt, dass man sich manchmal stark konzentrieren muss, um nicht den Faden zu verlieren, um nicht in den Zeitebenen und den Generationen zu verutschen. Doch genau dies verdeutlicht, wie eng die Beziehungsstrukturen sind. Und es macht die Lektüre umso reizvoller, denn auch in unseren Lebensgeschichten hängt alles miteinander zusammen. Was unsere Eltern erlebten und was sie prägte, gaben sie an uns weiter; ebenso wie wir unsere Erfahrungen an unsere Kinder weitergeben.

Umso spannender ist die Frage, inwieweit unsere gespeicherten Erinnerungen der Realität entsprechen. Eine Frage allerdings, auf die wir wohl nie eine Antwort erhalten werden.

Buchinformation
Nadja Spiegelman, Was nie geschehen ist
Aus dem Amerikanischen von Sabine Kray
Aufbau Verlag
ISBN 978-3-351-03705-5

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