Ein Buch für unsere Zeit

Ian Kershaw: Höllensturz

Seit über sieben Jahrzehnten herrscht in Europa weitgehend Frieden. Allen Auswüchsen des Kalten Krieges, den Balkankonflikten der Neunziger oder den ehemals bürgerkriegsähnlichen Zuständen Nordirlands zum Trotz: Dass sich Europas Länder gegenseitig zerfleischt und den Kontinent an den Rand des vollkommenen Zusammenbruchs gebracht haben, scheint endlos lange zurückzuliegen. So lange, dass man zu vergessen beginnt, was für ein fragiles Gebilde dieser Friede ist. In Zeiten zunehmender Abschottung, der Rückkehr des Nationalismus, vor dem Hintergrund des Brexit und der Erfolge dumpfrechter Parteien liefert uns der Historiker Ian Kershaw ein Werk, das uns die europäische Geschichte im 20. Jahrhundert nahebringt. Es ist auf zwei Bände angelegt; der erste Band trägt den passenden Namen „Höllensturz“ und beschreibt den Zeitraum zwischen 1914 und 1949. Packend und mitreißend geschrieben, lehrreich ohne professoral-dozierenden Tonfall zeigt er uns, wie Europa den Weg in den Abgrund beschritten hat. Zweimal.

Es ist kein Buch des Detailwissens, sondern eines der großen geschichtlichen Linien. Bekannte Abläufe – etwa wie der brüchige Friede nach dem Ersten Weltkrieg auf mehr oder weniger direktem Weg in den Zweiten führte – werden neu gedacht, die im Nachhinein scheinbare Unausweichlichkeit wird neu untersucht. Und zwar in einem gesamteuropäischen Kontext, in dem insbesondere die nach dem Ersten Weltkrieg neu entstandenen Staaten Mittel- und Osteuropas mehr im Fokus stehen als bisher üblich.

Ian Kershaw hat vier Hauptursachen für Europas katastrophale erste Hälfte des 20. Jahrhunderts ausgemacht: Eine „explosionsartige Ausbreitung eines ethnisch-rassistischen Nationalismus, erbitterte und unversöhnliche territoriale Revisionsforderungen“, ein schon lange schwelender Klassenkonflikt, der mit dem Aufkommen des Bolschewismus ein konkretes Feindbild erhielt und eine „langanhaltende Krise des Kapitalismus“, die im Verlauf von Inflation und Wirtschaftskrise zahllose Existenzen vernichtete. Diese vier Ursachen benennt Kershaw direkt in der Einführung des Werkes und danach folgen 700 Seiten, in denen er die verheerende Wirkung in deren Kombination darstellt.

Alles beginnt mit dem Ersten Weltkrieg, dessen Bezeichnung „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ durch Kershaws Buch noch einmal eine neue Wucht entfaltet. Kurz werden die Machtkonstellationen vor 1914 dargestellt, die Kriegsursachen im Schnelldurchlauf abgehandelt – diesen Teil finde ich als einzigsten etwas kritikwürdig, da der Autor den sogenannten „Blankoscheck“ des deutschen Kaisers an Österreich wieder als hauptursächlich darstellt. Dabei ist die Diskussion seit Christopher Clarks „Die Schlafwandler“ an dieser Stelle weiter. Natürlich war dies ein wichtiger Auslöser der Katastrophe, der aber den Blick auf die von Frankreich massiv forcierte Unterstützung Russlands für Serbien nicht verstellen sollte. Zu komplex ist die Situation im Sommer 1914 mit all ihren Fehlentscheidungen, säbelrasselnden Machtpolitikern aller Nationen, Sympathien und Antipathien zwischen den Herrschenden, um sie auf ein paar Seiten abzuhandeln. Aber so schrecklich der Erste Weltkrieg auch war, letztendlich sind es dessen Folgen, um die es in diesem Buch geht. Und die um ein Vielfaches verheerender sein sollten.

Deshalb muss auch ein einziges Kapitel für die Darstellung des Ersten Weltkriegs reichen. Es endet mit den Sätzen: „Das Gemetzel war ungeheuer gewesen, die Zerstörung gewaltig. Was dieser Krieg einem dramatisch veränderten Europa hinterließ, reichte tief. Die lange Abrechnung sollte bald beginnen.“ 

Was dann folgt, ist ein bravouröser Ritt durch die Geschichte der europäischen Staatenlandschaft, wie sie sich nach dem Versailler Vertrag darstellte. Die ausgebluteten, hochverschuldeten Siegermächte, das in viele Länder zerfallene ehemalige Habsburgerreich, das von Revolution, Bürgerkrieg und anschließendem Staatsterror gebeutelte Russland und in der Mitte Europas das Deutsche Reich, jetzt eine von vielen Bürgern ungeliebte Republik, wirtschaftlich am Ende, großer Gebiete verlustig, gedemütigt von den Siegern des Großen Krieges. Dann der Blick nach Italien, wo sich der Faschismus ankündigt und durchsetzt, die unüberbrückbaren gesellschaftlichen Gegensätze in Spanien, die in einem brutalen Bürgerkrieg münden werden, die demokratischen Experimente in den neuen Staaten, die aus dem verschwundenen Österreich-Ungarn hervorgegangen sind, Militärherrschaft in Polen, aber auch Ausblicke in die Peripherie, nach Skandinavien oder nach Irland, ebenfalls zermürbt von Unabhängigkeits- und Bürgerkrieg, oder nach Südeuropa mit seiner ausgeprägten, korrupten Klientelpolitik.

Das Europa, das nach dem Ersten Weltkrieg entstanden war, trug den Keim der kommenden Katastrophe schon in sich. Dies ist keine neue Erkenntnis, aber Kershaw „weiß seine Überlegungen mit so überzeugender analytischer Intelligenz vorzutragen und seine Einschätzungen sind so prägnant formuliert, dass manches vertraute Faktum in neuer Beleuchtung erscheint“. So urteilt Urs Bitterli, emeritierter Professor der Geschichte an der Universität Zürich. Eine großartige Buchbesprechung in einer Bücherbeilage der NZZ am Sonntag, die leider online nicht zur Verfügung steht.

Ian Kershaw verliert sich nicht in Details, erzählt dennoch genau und präzise. Hier die richtige Mischung zu finden, beweist sein immenses Können. Eine Meisterleistung, für die der Autor unzählige Quellen ausgewertet und dieses gesammelte Material in genau die richtige Form gegossen hat. Unser gesamter Kontinent in seiner Vielfalt mit den unterschiedlichen Schicksalen all seiner Nationen ersteht vor unserem geistigen Auge.

Dann beginnt die Entwicklung in Deutschland mehr und mehr Raum einzunehmen, der Aufstieg Hitlers, die „Machtergreifung“ und die schnelle Verwandlung Deutschlands in eine gnadenlose Diktatur stehen in engem Zusammenhang mit der gesamteuropäischen Entwicklung, mit der Machtlosigkeit der immer noch geschwächten Siegermächte, aber auch mit den Ereignissen in Sowjetrussland, wo in der ersten Hälfte der Dreißigerjahre ein psychopathischer Stalin den bürgerlichen Demokratien Westeuropas mehr Furcht einflößte als ein Hitler mit seinen absurd-rassistischen Thesen.

Bei aller Schwerpunktsetzung auf die beiden Diktatoren und ihrer Unrechtsregimes verliert der Autor nie sein Ziel der gesamteuropäischen Darstellung aus den Augen. Das Rad beginnt sich schneller zu drehen, wir erleben mit, wie sich Europas Landkarte wieder zu verändern beginnt, erst langsam, dann immer zügiger. Die Zerschlagung der Tschechoslowakei – der einzigen funktionierenden Demokratie in Mitteleuropa – durch das „Dritte Reich“ ist der letzte Stopp, bevor Europa in einem Wirbel aus Krieg, Gewalt, Genozid und Vernichtung untergeht. Und die letzte Schwelle zur Barbarei überschritten wird. „Im gesamten Katalog von Zerstörung, Verwüstung und Elend, die den Zweiten Weltkrieg ausmachten, bezeichnet der Mord an den europäischen Juden den tiefsten Punkt des Abstiegs der Menschheit in den Abgrund der Unmenschlichkeit. Die Flammen der Krematorien in den Todeslagern waren buchstäblich die physische Manifestation der Hölle auf Erden.“

1945 war Europa am Ende. Millionen von Menschen tot, Millionen von Menschen auf der Flucht, zerstörte Städte, vernichtete Infrastruktur, dramatisch veränderte Grenzen. Die einstige globale Vorherrschaft Europas – schon nach dem Ersten Weltkrieg in Mitleidenschaft gezogen – war verschwunden, die endgültige Auflösung der Kolonialreiche England und Frankreichs nur eine Frage der Zeit. Die beiden Supermächte USA und Sowjetunion teilten sich den alten Kontinent in ihre Machtsphären auf. Die letzten Kapitel zeigen, wie sich der Eiserne Vorhang senkt. Aber auch, wie sich kulturelle, gesellschaftliche und soziale Entwicklungen wie ein roter Faden durch alle Umbrüche ziehen. Zum Schluss des Buches liegt ein Hauch von Frieden in der Luft, so als würden der geschundene Kontinent und der Leser gemeinsam Luft holen, bevor es mit dem zweiten Band weitergeht, der hoffentlich nicht lange auf sich warten lässt.

„Höllensturz“ ist ein Buch, das eigentlich jeder Europäer lesen sollte. Es sind die eingangs genannten großen Linien, die es so lesenswert machen: Geschichtlich Interessierte finden darin eine Darstellung von Zusammenhängen mit neuer Gewichtung; Leser, die bisher kaum ein geschichtliches Werk in den Händen hielten, erhalten einen brillant geschriebenen Überblick. Und egal, wer es liest, selten erfährt man so anschaulich, wie Europa tief hinab in die Hölle stürzte. Und wieder daraus empor stieg. Niemals sollten wir das vergessen und uns spätestens nach der Lektüre diese Buches die Frage stellen: Wo stehen wir heute?

Unbedingte Leseempfehlung!

Buchinformation
Ian Kershaw, Höllensturz
Aus dem Englischen von Klaus Binder,
Bernd Leineweber und Britta Schröder
Deutsche Verlags-Anstalt
ISBN 978-3-421-04722-9

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9 Kommentare

  1. Urteil allein aus der Rezension: Sehr oberflächlich! Beschrieben wurde offenbar wie und was alles passiert ist, aber nicht, warum. Analyse gesellschaftlicher Zusammenhänge fehlt völlig.

    • Man sollte ein Buch nicht unbedingt nur aus einer Besprechung heraus beurteilen. Die gesellschaftlichen Zusammenhänge spielen in der Beschreibung dessen, was geschehen ist, natürlich eine wichtige Rolle.

  2. Pingback: Europas offene Wunde | Kaffeehaussitzer

  3. Das klingt nach einem großartigen und sehr interessanten Buch. Hab es mir gleich auf die Wunschliste geschrieben. Danke für die tolle Rezension!
    LG Cora

    • Ian Kershaw ist ein Historiker, der großartig erzählen kann. Einer der besten unserer Zeit, finde ich.

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