Die Pausenhofschläger stoppen

Wolf Iro: Was jetzt zaehlt - Gegen den alltaeglichen Rechtsextremismus

»Sollte die AfD im Herbst 2026 die Mehrheit in Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern erlangen und das Amt des Ministerpräsidenten besetzen, kann niemand sagen, dass dies überraschend gekommen sei. Mit der höhnischen Freimütigkeit eines Pausenhofschlägers formuliert die Partei inzwischen ihre Absichten.« Dieses Zitat stammt aus »Was jetzt zählt« von Wolf Iro, eine – wie es der Wagenbach treffend nennt – Handreichung »Gegen den alltäglichen Rechtsextremismus«. Es ist ein schmaler Band, nur unwesentlich größer als ein Reclamheft, aber er hat es in sich: Er enthält eine Bestandsaufnahme unserer jetzigen politischen Situation, präzise formuliert und brillant auf den Punkt gebracht. Und die Bezeichnung »Handreichung« ist wörtlich gemeint, denn er liefert zahlreiche Handlungsempfehlungen. 

Erschienen ist der Band wenige Monate, bevor die Pausenhofschläger die Wahl in Sachsen-Anhalt gewonnen haben. Ein Ergebnis, das alle klar denkenden Menschen ratlos zurücklässt – das aber ein Gegensteuern umso wichtiger macht. Denn es geht dabei nicht nur um Wahlergebnisse, sondern um unseren Alltag, um die Veränderungen in unserer Gesellschaft, die sich immer deutlicher bemerkbar machen. Alleine, dass wir schon über den im Untertitel genannten »alltäglichen Rechtsextremismus« sprechen müssen, ist dramatisch genug. Natürlich war ewiggestriges Denken nie verschwunden, aber nun drängt es sich immer frecher in die Mitte unserer Gesellschaft.

Ein wichtiger Punkt ist die klare Benennung unserer Feinde. Dabei ist es ein großes Problem, die Begriffe »rechts« und »rechtsextrem« gleichzusetzen. Natürlich ist es immens wichtig, dass es Initiativen wie »Omas gegen Rechts«, »Rock gegen Rechts« oder »Verlage gegen Rechts« gibt, doch der Autor beschreibt, wie sehr diese Formulierungen auch denjenigen dienen, die es zu bekämpfen gilt: »Es war ein schwerer strategischer Fehler der demokratischen Parteien, die Gleichsetzung von rechts/rechtsextrem nicht verhindert zu haben. Etwas Besseres konnte der AfD nicht passieren.« Denn eine konservative, »rechte« Meinung steht auf dem Boden unserer demokratischen Verfassung, eine rechtsextreme dagegen niemals. Die Gleichsetzung begann schon vor Jahrzehnten, etwa bei der Selbstbeschreibung der »Neuen Rechten«. Damit begann der Weg der Rechtsradikalen in die gesellschaftliche Mitte. »Wenn der Unterschied nicht mehr deutlich erkennbar ist, kann man sein extremes Gedankengut als lediglich rechts vermarkten.« Und macht sich anschlussfähig. Um dem entgegenzuwirken, sollte man die AfD so oft wie möglich als das bezeichnen, was sie ist: Antidemokratisch. Wichtig dabei: »Selbstverständlich heißt das nicht, auf eine Einstufung der Partei als rechtsextrem zu verzichten. Eine solche ist, im Gegenteil sehr wichtig. In vielen Fällen aber ist die Beschreibung der Partei als antidemokratisch die sinnvollere Variante, denn sie betont deren zerstörerische Absichten: Es geht der AfD um die Abschaffung des demokratischen Systems.«

Daher kann man es nicht oft genug sagen: Die AfD ist kein politischer Gegner. Sie ist der Feind unserer freien Gesellschaft. Unserer Demokratie.

Dieses antidemokratische Denken und Handeln muss so oft wie möglich deutlich gemacht werden. Hier sind die Medien gefragt. Doch wie oft bieten sie in Talkshows den AfDlern einfach nur eine Plattform, um ihre Lügen und Halbwahrheiten zu verbreiten? Wolf Iro nennt hier Beispiele für vollkommen misslungene Veranstaltungen, etwa die Talkrunde zwischen Boris Palmer und dem baden-württembergischen AfD-Chef. Besser geschulte Gesprächspartner, Live-Faktenchecks, permanentes Nachhaken – das sind die Diskussionstechniken, auf die es nun ankommt. Denn wenn man Demokratiefeinden schon eine Bühne bietet, dann muss man alles tun, um ihre Worthülsen aufzubrechen und sie medial zu stellen. 

Stichwort Verfassungspatriotismus; ein weiteres wichtiges Thema. Wir dürfen nicht zulassen, dass sich die Antidemokraten die Insignien unseres Staates aneignen. Die Bundesrepublik Deutschland ist eines der freiesten Länder der Welt und unsere Fahne Schwarz-Rot-Gold oder unsere Hymne sind die Symbole nicht nur unseres Staates, sondern unserer Verfassung. Viele Menschen, die sich dem linken Meinungsspektrum zuordnen, zucken beim Wort Patriotismus zusammen. Aber wie bereits im Beitrag zu Timothy Snyders Band »Über Tyrannei« geschrieben: Patriotismus ist das Gegenteil von Nationalismus, denn ein Patriot sorgt sich um sein Land, um dessen Freiheit und Wohlergehen. Ein Nationalist ist getrieben von seinem Hass auf andere – was wiederum dem eigenen Land schadet. Es ist daher patriotisch, Parteien wie die AfD nicht zu wählen. Und Verfassungspatriotismus ist das Gegenteil des ethnisch-völkischen Nationenbegriffs der blauen Antidemokraten.  Wolf Iro schreibt über unsere Verfassung: »Lässt sich unter dem Druck der Bedrohungslage das Bewusstsein für den Wert der Verfassung zu einer antifaschistischen Gegenerzählung umformen? Dies entspräche dem Geist des Grundgesetzes, in dem die Grundrechte an erster Stelle aufgeführt sind. Es ist eine zu wenig bekannte Tatsache, dass Menschenwürde, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und föderale Struktur von den Verfassern als so zentral für das neue, postfaschistische Deutschland angesehen wurden, dass sie mit der sogenannten Ewigkeitsklausel abgesichert sind – selbst eine Zwei-Drittel-Mehrheit im Bundestag und Bundesrat könnte diese Artikel nicht abschaffen.« Mir war in der Tat nicht bekannt, dass ein solcher Verteidigungswall in unserer Verfassung eingebaut ist. 

Das sind ein paar der zentralen Gedanken des Buches. In weiteren Kapiteln geht es um das wichtige Thema der Verteilungsgerechtigkeit und Ungleichheit und was die Politik hier liefern muss – und wie schädlich für uns alle hier die Lobbyarbeit einzelner Interessengruppen ist, etwa der Stiftung Familienunternehmen. Die tatsächlich nur 0,2 Prozent aller Familienunternehmen im Land vertritt, »aber mit aggressivem Gebaren und besten Verbindungen einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Politik ausübt und dabei gegen alle Arten progressiver Vorhaben vom Klimaschutz bis zu europäischen Transferleistungen agitiert.« 

Es geht um gesellschaftliches Engagement, das im Großen funktioniert – wie zum Beispiel beim WIR-Festival in Halle als stadtweite und bunte Gegenveranstaltung zur dumpf-antidemokratischen Buchmesse »Seitenwechsel«. Oder im Kleinen – etwa, wenn wir keine Produkte mehr aus dem Hause Müller-Milch kaufen, dessen Inhaber Theo Müller ein engagierter AfD-Unterstützer ist. »Landliebe« und »Weihenstephan« sind dabei die bekanntesten Marken und sie wandern schon längst nicht mehr in meinen Einkaufswagen. Hier gibt es die vollständige Liste mit zahlreichen weiteren, meist regionalen Marken. 

Es geht um die großen Social-Media-Plattformen, die zu toxischen Empörungsschleudern mutiert sind und deren Betreiber nichts zu tun haben wollen mit all der Hetze, den Lügen und der demokratiefeindlichen Propaganda, die von dort aus das Internet fluten, die öffentliche Meinung beeinflussen und (nicht nur) unser Land destabilisieren. Wenn sie nicht sogar selbst mitmischen und wie Elon Musk dort rechtsradikalen Schwachsinn verbreiten. Es wird allerhöchste Zeit, diese Plattformen als Medien zu betrachten – mit allen strafrechtlichen Konsequenzen für die dort kommunizierten Inhalte. Wir selbst können hier auch recht einfach tätig werden: Twitter nicht nutzen, Amazon nicht nutzen, Alternativen zu Google, WhatsApp und PayPal nutzen.

Und natürlich geht es um die rechtlichen Möglichkeiten, die AfD-Antidemokraten zu bekämpfen und um die Frage, ob eine Demokratie alles tolerieren muss (Spoiler: Nein). Es geht darum, eine starke Gegenerzählung zu entwickeln (nochmals Stichwort Verfassungspatriotismus; die Aktion von Boris Pistorius und der SPD-Fraktion auf dem Berliner Bebelplatz war genau richtig). Darum, die Diskussion um ein AfD-Verbot endlich ernsthaft zu führen – hier spielt der Autor die möglichen Szenarien durch. Und auch wie ein möglicher Prozess aussehen müsste, nämlich als faires, demokratisches Verfahren, voll transparent und unter kompletter Einbeziehung der Öffentlichkeit.

Es geht um die Rolle der etablierten Medien im Kampf gegen die Antidemokraten, um die Rolle der Kunstschaffenden und Literaten, aber dabei auch um das Versagen unserer derzeitigen Regierung, indem sie wichtigen demokratiefördernden Projekten die Geldmittel entzieht oder einen Kulturstaatsminister mit einem konservativ-autoritären Weltbild eingesetzt hat. 

Der Blogbeitrag ist länger geworden als gedacht, aber trotzdem bildet er nur die Oberfläche des Buches ab. Denn es steckt so viel Wissens- und Nachdenkenswertes in diesem Band. Es ist eine sorgfältige Analyse der Bedrohungslage unserer Demokratie, gut lesbar, unaufgeregt, mit historischen Bezügen, exakt in den Schlussfolgerungen und mit der ein oder anderen süffisante Spitze, die zeigt, welch Geistes Kind die blauen Pausenhofschläger sind. Etwa wenn es heißt: »Beatrix von Storch, jene Funktionärin, die ihren christlichen Glauben mit der Forderung nach Schusswaffeneinsatz gegen Flüchtlinge zu vereinbaren weiß.«

Am Ende des Buches gibt es eine To Do-Liste, die alle Schlussfolgerungen nochmals als kurze Handlungsaufforderungen zusammenfasst. Lesen sollten den Band besonders »die Fatalisten und die Optimisten«. Die einen, um sich aufrütteln zu lassen, die anderen, um zu verstehen, dass sich nichts einfach von selbst zum Guten wendet. Nie. 

Wir mögen nicht in einem perfekten Land leben. Aber ein besseres und freieres Deutschland hat es nie zuvor gegeben. Und daher lohnt es sich, für unsere Freiheit zu kämpfen. Und niemals den Demokratiefeinden zu weichen. 

Buchinformation
Wolf Iro, Was jetzt zählt – Gegen den alltäglichen Rechtsextremismus
Wagenbach Verlag
ISBN 978-3-8031-3774-6

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Sieben Jahre später

J.D. Vance: Hillbilly-Elegie | Sieben Jahre später

Es geschieht nicht oft, dass ich sieben Jahre nach einem Blogbeitrag noch einmal über das gleiche Buch schreibe. Es geschieht allerdings auch nicht oft, dass ein Autor als Kandidat für das Amt des Vizepräsidenten in den US-Wahlkampf zieht – und dabei mit grotesk reaktionären Sprüchen den blondierten Psychopathen unterstützt, der eine ernsthafte Gefahr für die Demokratie und die freie Welt darstellt. Natürlich ist die Rede von J.D. Vance und seinem autobiographischen Werk »Hillbilly-Elegie«. Ein Werk, das mich sehr beeindruckt hat, als ich es 2017 gelesen habe. Damals schrieb ich hier im Blog: »Ein Buch über das Verschwinden einer Arbeiterklasse, über die Verlogenheit des amerikanischen Traums und über den steinigen Weg zu einem bürgerlichen Leben: J.D. Vance zeigt uns in »Hillbilly-Elegie« eine für uns kaum vorstellbare Welt und beschreibt anschaulich den Zerfall der amerikanischen Gesellschaft. Außerdem ist es ein Buch, das mir eine Türe zu längst vergessen geglaubten Erinnerungen aufgestoßen hat.«  „Sieben Jahre später“ weiterlesen

F wie Faschismus. Ein Textbaustein*

Simon Stranger: Vergesst unsere Namen nicht

Es ist schon ein paar Jahre her, ich war damals erst seit kurzem für den Eichborn Verlag tätig und begleitete den norwegischen Autor Simon Stranger auf einer Lesereise. Im Gepäck hatte er seinen gerade auf Deutsch erschienenen Roman »Vergesst unsere Namen nicht«. Es gibt einen Satz in diesem Buch, der sich mir besonders eingeprägt hat und über den ich hier schreiben möchte. Denn er fühlt sich auf eine bedrohliche Art hochaktuell an. 

Der norwegische Originaltitel des Romans lautet »Leksikon om lys og mørke«, frei übersetzt: Lexikon des Lichts und der Finsternis. Simon Stranger erzählt darin die Geschichte der jüdischen Familie seiner Frau im von Nazi-Deutschland besetzten Norwegen. Jedes Kapitel beginnt wie in einem Lexikon mit einem Buchstaben und den passenden Worten, die sich daraus ergeben – von A wie Anklage bis Z wie Zugvögel. Für den Übersetzer Thorsten Alms war dies eine echte Herausforderung, die er souverän gelöst hat. Und beim Kapitel zum Buchstaben F steht er, der Satz, den ich nicht vergessen kann:

»F wie früher, die Vergangenheit, die es immer noch gibt, und wie der Faschismus, der sich hineinfrisst, wie ein Furunkel in die Kultur.«  „F wie Faschismus. Ein Textbaustein*“ weiterlesen

Wem gehört die Stadt?

Eva Ladipo: Raeuber

Eine marode Sozialbausiedlung steht im Zentrum des Romans »Räuber« von Eva Ladipo. Aber natürlich geht es um viel mehr; die Überschrift, die ich mir von der Rückseite des Buches geliehen habe, sagt es schon: Die Frage, wie wir in den Städten leben wollen oder vielmehr können – sie ist für viele Menschen existenziell geworden. Und zwar nicht erst, seit Wohnungen zu reinen Spekulations- und Investitionsobjekten verkommen sind; diese Entwicklung hat schon viel früher eingesetzt. Nur haben diejenigen, die bereits seit Jahren von der Gentrifizierung vor sich hergetrieben werden, keine Lobby, keine Stimme und meist keine Kraft, sich zu wehren. Und sie stehen nun mit dem Rücken an der Wand. Solche sozialen Verwerfungen gibt es in vielen Großstädten, aber in Berlin sind sie besonders drastisch. Die fiktive Sozialbausiedlung in diesem Buch symbolisiert stellvertretend die Veränderungen in der Stadt. Ebenso wie die drei Protagonisten der Handlung, die aus unterschiedlichen Perspektiven mit den geschilderten Entwicklungen zu tun haben. „Wem gehört die Stadt?“ weiterlesen

In zwei Welten

Dorit Rabinyan: Wir sehen uns am Meer

In New York begegnen sich durch Zufall zwei junge Menschen, die sich ineinander verlieben und eine intensive Zeit miteinander verbringen. Etwas, das tagtäglich geschieht. Doch diese beiden wissen von Beginn an, dass diese Zeit nur ein paar Monate dauern, dass ihre Liebe keine Zukunft in ihren jeweiligen Welten haben kann. Denn Liat ist Israelin und Chilmi Palästinenser. Im Roman »Wir sehen uns am Meer« erzählt Dorit Rabinyan ihre Geschichte. „In zwei Welten“ weiterlesen

Menschen auf der Flucht

Sebastiao Salgado: Exodus

Ist es möglich, sich dem Thema Flucht und Migration auf eine künstlerisch anspruchsvolle Weise zu nähern? Darf man das überhaupt, ohne die Tragik zahlloser menschlicher Schicksale zu ästhetisieren? Oder hilft es den von unzähligen Nachrichtenmeldungen abgestumpften Betrachtern ihr Mitgefühl zu bewahren? Ein Buch möchte ich hier vorstellen, das in herausragender Form klar macht, was es bedeutet, seine Heimat verlassen zu müssen – auf der Flucht vor Krieg, Folter und Tod oder auf der Suche nach einem Stückchen Hoffnung auf ein besseres Leben. Es ist der Photoband »Exodus« von Sebastião Salgado, der bereits 2000 erschienen ist und 2016 vom Taschen Verlag neu aufgelegt wurde. Und in Zeiten, in denen Zynismus und Menschenverachtung zunehmend die Politik dominieren, ist dieses Werk aktueller denn je. „Menschen auf der Flucht“ weiterlesen

56 Hope Road, Kingston

Marlon James: Eine kurze Geschichte von sieben Morden

Was weiß ich eigentlich über Jamaika? Oder vielmehr, was wusste ich über diese Insel, bevor ich den Roman »Eine kurze Geschichte von sieben Morden« von Marlon James gelesen habe? Nicht allzu viel, außer dass dort Bob Marley und Peter Tosh den Reggae erfunden hatten. In Verbindung mit dieser Musik stellte ich mir das Leben dort irgendwie entspannt vor. Weit gefehlt. Sehr weit.

Nichts wusste ich von der erschreckenden Gewalttätigkeit. Nichts von den Elendsvierteln in Kingston wie etwa Eight Lanes, Copenhagen City, Rema oder den riesigen Müllbergen in Garbage Lands. Nichts von den Gangs, die diese Viertel beherrschten. Nichts von dem alltäglichen Rassismus, einem Erbe der düsteren Kolonialzeit. Nichts von der brutalen Kriminalität, dem Drogenhandel, der korrupten Polizei, von der Verstrickung der Politik in zahlreiche Morde. Und nichts davon, dass in den siebziger Jahren die PNP – eine der beiden großen politischen Parteien –  eine Art sozialistisches Experiment gestartet hatte. Was auf der einen Seite sofort die CIA mit ihren Destabilisierungsexperten auf den Plan rief, da man kein zweites Kuba vor der Haustüre haben wollte. Und zum anderen Fidel Castro seine Unterstützer schickte. Die rivalisierenden Gangs wurden bewaffnet, Überfälle und Drive-by-Shootings waren an der Tagesordnung, das Land versank in Chaos und Gewalt, Menschenleben zählten nichts, alles war nur einen Schritt von einem Bürgerkrieg entfernt.

Legendär dann das erste Friedenskonzert am 5. Dezember 1976 in Kingston, das Smile Jamaica Peace Concert, in dem Bob Marley zur Versöhnung zwischen den Gangs und zwischen den Parteien aufrief. Ein angeschossener Bob Marley, denn zwei Tage zuvor kam er bei einem Anschlag nur knapp mit dem Leben davon; ein Schuss hatte seine Brust durchlöchert, als sieben Männer mit Pistolen und automatischen Waffen sein Anwesen in der 56 Hope Road stürmten.

Mitten hinein in die aufgeheizte und angespannte Atmosphäre dieser Zeit führt uns Marlon James‘ Roman. „56 Hope Road, Kingston“ weiterlesen

Land in Trümmern

George Packer: Die Abwicklung

Bücher mit USA-Bezug werden zur Zeit gerne mit dem Versprechen beworben, Aufklärung über das in unseren Augen unverständliche Verhalten der Trump-Wähler zu liefern. Denn es ist und bleibt nur schwer nachvollziehbar, wie ein solch vulgärer Mensch mächtigster Mann der Welt werden konnte. Das Buch, das ich hier vorstellen möchte, ist bereits 2013 erschienen. Und trotzdem gibt es wie kein anderes Auskunft über ein Land im Niedergang, über die Vereinigten Staaten zu Beginn des 21. Jahrhunderts. George Packer schafft es in »Die Abwicklung« die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen in den USA von den 1970er-Jahren bis heute anschaulich und spannend darzustellen. Und danach wird einem als Mitteleuropäer so einiges klar. Oder zumindest klarer. „Land in Trümmern“ weiterlesen

»Unsere Demokratie muss die Fäuste oben halten«

Mit Volker Kutscher durch Köln-Klettenberg

Durch Köln-Klettenberg mit Volker Kutscher – ein Autorenspaziergang

Hier auf Kaffeehaussitzer habe ich mich schon mehrmals mit der Krimireihe rund um den Ermittler Gereon Rath beschäftigt. Die Reihe ist ein spannendes und faszinierendes Projekt, denn der Autor Volker Kutscher schafft es damit, die verhängnisvollsten Jahre in der deutschen Geschichte am Beispiel seiner Protagonisten zu erzählen. Gemeinsam mit Gereon Rath erleben wir das Ende der Weimarer Republik und den Weg in die Dunkelheit der Nazi-Diktatur. Und das alles verpackt als spannende Kriminalfälle mit akribisch recherchiertem historischen Hintergrund.

Im Herbst 2016 fragte mich Philipp Achilles vom Verlag Kiepenheuer & Witsch ob ich Interesse hätte, mich einmal mit Volker Kutscher zu treffen und aus dem Gespräch einen Beitrag zu verfassen. Klar, dass ich sofort zugesagt habe und herausgekommen ist dabei ein Text über das Schreiben, über Zeitgeschichte und den Bezug zum Heute, über Köln und Berlin. Und natürlich über Gereon Rath.  „»Unsere Demokratie muss die Fäuste oben halten«“ weiterlesen

Ein Buch für unsere Zeit

Ian Kershaw: Höllensturz

Seit über sieben Jahrzehnten herrscht in Europa weitgehend Frieden*. Allen Auswüchsen des Kalten Krieges, den Balkankonflikten der Neunziger oder den ehemals bürgerkriegsähnlichen Zuständen Nordirlands zum Trotz: Dass sich Europas Länder gegenseitig zerfleischt und den Kontinent an den Rand des vollkommenen Zusammenbruchs gebracht haben, scheint endlos lange zurückzuliegen. So lange, dass man zu vergessen beginnt, was für ein fragiles Gebilde dieser Friede ist. In Zeiten zunehmender Abschottung, der Rückkehr des Nationalismus, vor dem Hintergrund des Brexit und der Erfolge dumpfrechter Parteien liefert uns der Historiker Ian Kershaw ein Werk, das uns die europäische Geschichte im 20. Jahrhundert nahebringt. Es ist auf zwei Bände angelegt; der erste Band trägt den passenden Namen »Höllensturz« und beschreibt den Zeitraum zwischen 1914 und 1949. Packend und mitreißend geschrieben, lehrreich ohne professoral-dozierenden Tonfall zeigt er uns, wie Europa den Weg in den Abgrund beschritten hat. Zweimal. „Ein Buch für unsere Zeit“ weiterlesen