Mit eleganter Leichtigkeit

Juan Gabriel Vasquez: Lieder für die Feuersbrunst. Erzaehlungen

Es war der Buchtitel, der mich neugierig gemacht hat. »Lieder für die Feuersbrunst« klingt auf eine so poetische Weise dramatisch, dass ich an diesem Buch auf keinen Fall vorbeigehen konnte. Es enthält Erzählungen des kolumbianischen Autors Juan Gabriel Vásquez, ebenso wie der Band »Die Liebenden von Allerheiligen«. Auf beide Bücher machte mich Vanessa Marzog aufmerksam, die für Holtzbrinck Berlin arbeitet und unter anderem für die Kommunikation rund um die Samuel Fischer Gastprofessur verantwortlich ist. Sie bot an, mir diese beiden Bücher zuzusenden; dafür sollte ich sie in einer Café-Situation photographisch in Szene setzen und ein paar Sätze über den Autor schreiben, der im Sommer 2021 Dozent der Samuel Fischer Gastprofessur an der TU Berlin ist. Eigentlich gehe ich auf Kooperationsanfragen dieser Art nie ein, denn zu viele noch nicht vorgestellte Bücher stehen in der Blog-Warteschlange. Aber wie gesagt, den Buchtitel fand ich so grandios und das Thema der Gastprofessur so interessant, dass ich in diesem Fall nicht anders konnte, als zuzusagen. Zumal ich ein Faible für Literatur aus Süd- und Mittelamerika habe. Und es hat sich gelohnt, denn die Erzählungen der beiden Bände haben mich sehr begeistert.

Juan Gabriel Vásquez lebt und arbeitet in Bogotá, nachdem er zuvor sechzehn Jahre in Europa unterwegs war; mit Stationen in Paris, den belgischen Ardennen oder Barcelona.  Er gilt als einer der wichtigsten zeitgenössischen Autoren Lateinamerikas; auf Deutsch erscheint sein Werk im Schöffling Verlag. Um die Samuel Fischer Gastprofessur für Literatur hier vorzustellen, zitiere ich aus deren Webseite: »Die Samuel Fischer Gastprofessur für Literatur wurde zu Beginn des Sommersemesters 1998 ins Leben gerufen. Sie wird getragen vom S.Fischer Verlag, der Freien Universität Berlin, dem DAAD und dem Veranstaltungsforum Holtzbrinck Publishing Group. Jeweils für ein Semester wird eine Autorin oder ein Autor eingeladen, am Peter Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft zu lehren. Neben jeweils einem Seminar an der Freien Universität Berlin werden öffentliche Lesungen und Veranstaltungen mit den Gastprofessoren in Berlin und anderen deutschen Städten durchgeführt.« Ein sehr spannendes Projekt und die Liste der bisherigen Dozenten liest sich so, dass ich gerne noch einmal Student wäre. 

Am 22. Juni 2021 war Juan Gabriel Vásquez im Zuge der Gastprofessur zusammen mit Rike Bolte im Instituto Cervantes Berlin zu Gast. »Política de la ficción« lautete das Thema, über das die beiden sprachen; die Veranstaltung ist auf YouTube abrufbar.

Nach all diesen Hintergrundinformationen geht es jetzt zum Wesentlichen, zu den beiden Büchern.

Juan Gabriel Vásquez: Lieder für die Feuersbrunst

Was für ein Titel! Poesie schwingt darin mit, Schönheit, Eleganz und Gewalt. Neun Erzählungen sind in diesem Band versammelt, die vollkommen unterschiedliche Menschen und Situationen beinhalten – doch alle kreisen sie um den großen Themenkomplex der Lebenslügen, der Unwahrheiten, der Sprachlosigkeit angesichts entscheidender Wendepunkte. Die kürzeste Erzählung umfasst gerade einmal neun, die längste zweiunddreißig Seiten, aber der Umfang spielt keine Rolle. Denn Juan Gabriel Vásquez schafft es stets, seine Leser mit einem, maximal zwei Sätzen mitten hinein in eine Geschichte zu ziehen. Eine kleine Kostprobe?

»Schon immer wollte ich die Geschichte aufschreiben, die mir die Fotografin erzählt hat, konnte es aber nur mit ihrer Erlaubnis, ihrem Einverständnis. Die Geschichten der anderen sind unantastbares Terrain, zumindest für mich, denn oft steckt in ihnen etwas, was ein ganzes Leben erklärt und begründet, und sie zu stehlen und aufzuschreiben ist weitaus schlimmer, als ein Geheimnis zu verraten.«

Wer möchte da nicht weiterlesen, um die Geschichte der Photographin kennenzulernen. Eine Geschichte, die ein zwischenmenschliches Drama schildert inmitten der blutigen Verwerfungen der kolumbianischen Politik.

Oder dieser Anfang einer Erzählung: 

»Ich hatte den Auftrag angenommen, weil die Bezahlung gut war, aber vor allem, weil sich mir der absurde Gedanke in den Kopf gesetzt hatte, eine Woche Busreise durch Spanien würde mir zeigen, ob ich in dem Land würde leben können oder ob ich mich wieder einmal im Ziel getäuscht hatte und zum vierten Mal die Koffer packen und einen anderen Ort zum Bleiben suchen musste.«

Ein Satz voller Wurzellosigkeit, aber auch Neugier auf das Leben: In der Geschichte begleitet der Ich-Erzähler als Journalist eine mexikanische Corrido-Band auf ihrer Tournee durch Spanien und versteht nach und nach, welche Familientragödie sich mit dieser Reise verbindet. 

Diese elegante Leichtigkeit der Sprache begeistert mich, sie hebt sich wohltuend ab von der erdrückenden Schwere, die in den letzten Jahren so häufig in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur anzutreffen ist. Dass ich sie genießen durfte, habe ich der Übersetzungsleistung von Susanne Lange zu verdanken. 

Sechs der neun Erzählungen sind in Kolumbien angesiedelt. Bei ihnen schimmert die jüngere Geschichte des Landes durch die Zeilen, die geprägt war von Bürgerkrieg und Gewalt. Und die ihre Spuren in der Gesellschaft hinterlassen hat. Besonders intensiv gelingt dies in der titelgebenden Erzählung »Lieder für die Feuersbrunst«; hier schafft es der Autor auf knapp dreißig Seiten unterschiedliche Zeitebenen einzubauen und uns Leser auf eine dramatische Reise mitzunehmen, die sich über ein ganzes Jahrhundert erstreckt. Und deren Tragik mit jedem Satz deutlicher zutage tritt. 

Juan Gabriel Vásquez: Die Liebenden von Allerheiligen

Die Erzählungen von Vásquez entwickeln einen Sog, dem ich mich nicht entziehen konnte. Nachdem ich »Lieder für die Feuersbrunst« beendet hatte, folgte daher direkt der andere Band. »Die Liebenden von Allerheiligen« ist einige Jahre früher erschienen, doch stilistisch ebenso brillant. Es gibt nur einen Unterschied, denn die sieben Geschichten sind allesamt in Frankreich oder in den belgischen Ardennen angesiedelt. Darin spiegeln sich die europäischen Jahre des Autors wider.

Gescheiterte Beziehungen, Einsamkeit oder Verzweiflung an der Gnadenlosigkeit des Lebens – das ist die erzählerische Klammer, die alle sieben Miniaturen miteinander verbindet. Auch hier werden wir Leser wieder mitten hineingeworfen, lernen Personen kennen, die der Autor mit wenigen Pinselstrichen so eindrucksvoll vorstellt, als hätten wir schon einen halben Roman gelesen. Und auch hier erleben wir Situationen voller Tragik, werden Zeugen von Handlungen, die unumkehrbar sind. 

Es sind Menschen auf der Suche nach einem Halt im Leben, nach Liebe und Geborgenheit – und die meisten fallen dabei in eine Leere, aus der es kein Zurück mehr gibt. Besonders beeindruckt hat mich die Erzählung »Der Untermieter«, in der der beste Freund eines seit vielen Jahren verheirateten Ehepaars sich bei einer Jagd selbst erschießt – und Satz für Satz wird klar, warum dies alles genau so kommen musste, warum es gar nicht anders hätte enden können.

»Wie bequem war doch die Zukunft, die die Leute so sehr fürchteten. Sie wussten eben nicht, dass das Schlimme der Schmerz der Vergangenheit war, die Erinnerung an diesen Schmerz, denn ihr schlechter Geschmack im Mund ist wie die Kleidung, die einem im Sommer ins Heu fällt und den ganzen Tag über am Hals und Rücken juckt.«

Oder die Erzählung »Das Leben auf der Insel Grimsey«, in der eine Frau und ein Mann gemeinsam in einem Auto durch das nächtliche Frankreich fahren. Und sich auf wenigen Seiten ein Drama abspielt, das uns zwei Gescheiterte zeigen wird, die zufällig aufeinandertrafen. Und deren Einsamkeit und Trauer so überwältigend sind, dass auch hier das Ende der Geschichte von einer Konsequenz ist, die mir als Leser im Gedächtnis bleiben wird.  

In der Erzählung »Ein passendes Versteck« klingelt ein Telefon und nach dem Anruf wird nichts mehr so sein wie zuvor. Dieser kurze Moment ist so großartig beschrieben, dass ich mit diesem Zitat den Blogbeitrag beenden möchte.

»Nichts kommt plötzlicher als das Klingeln eines Telefons, nichts sonst verwandelt in weniger als einer Sekunde Wohlbefinden in Verlust. Das Warten auf eine Person umfasst auch ihre Schritte bis an unsere Tür, das Warten auf einen Brief umfasst auch die Zeit, die wir den Umschlag vor dem Öffnen noch in Händen halten, aber ein Anruf verändert die Welt im Nu: Eben war er noch nicht da, nun schon. So schnell geschehen Dinge.«

Ich bedanke mich bei Vanessa Marzog und der Samuel Fischer Gastprofessur dafür, dass ich diesen Autor für mich entdecken konnte. Und es werden sicherlich nicht die letzten Bücher sein, die ich von ihm gelesen habe.

Bücherinformationen
Juan Gabriel Vásquez, Lieder für die Feuersbrunst
Aus dem Spanischen von Susanne Lange
Verlag Schöffling & Co.
ISBN 978-3-89561-018-9

Juan Gabriel Vásquez, Die Liebenden von Allerheiligen
Aus dem Spanischen von Susanne Lange
Verlag Schöffling & Co.
ISBN 978-3-89561-007-3

#SupportYourLocalBookstore

Leichtigkeit im Belagerungszustand

Hilmar Klute: Oberkampf

Nicht das Ende zu verraten fällt mir bei diesem Roman außerordentlich schwer, denn die letzte Seite in »Oberkampf« von Hilmar Klute ist wie ein Schlag in die Magengrube. Eine Seite, die dem gesamten Buch eine überraschende, im Rückblick aber konsequente Wendung beschert; ein Finale, das einen schaudernd und hoffend zurücklässt. Und sich ins Gedächtnis einbrennt. 

Das Photo auf dem Umschlag des Buches zeigt die Metro-Station Oberkampf im 11. Arrondissement von Paris. Keiner der ultraschicken Stadteile, aber eine sehr lebendige Gegend mit vielen Cafés, Restaurants und Bars. Das Bild hat mich gedanklich sofort in die wunderbare Stadt an der Seine katapultiert, fast meinte ich, den typischen Geruch der Pariser Metro in der Nase zu haben. Jonas jedenfalls hat ihn in der Nase, als er spätabends sein neues Viertel betritt. Sein Gepäck und ein paar Kisten Bücher, die wenige Tage später mit der Post eintreffen werden, sind alles, was von seinem alten Leben in Berlin übriggeblieben ist. „Leichtigkeit im Belagerungszustand“ weiterlesen

Germinals Erben

Sorj Chalandon: Am Tag davor

Es ist die Schlüsselszene im Roman »Am Tag davor« von Sorj Chalandon: Zwei Brüder – der sechzehnjährige Michel und der dreißigjährige Joseph – brettern am 26. Dezember 1974 auf Josephs Moped durch die nächtlichen Straßen von Liévien-Lens, einer Stadt mitten im nordfranzösischen Kohlegebiet. Dieser Moment scheinbar ungetrübter Ausgelassenheit wird im Verlauf der Handlung immer wieder auftauchen, wird seine Bedeutung verändern und zum Schluss die Erzählung auf eine vollkommen neue Ebene hieven. Denn die nächtliche Mopedfahrt prägt das gesamte Leben des Ich-Erzählers Michel. Es ist der Tag davor. 

Sein von ihm vergötterter älterer Bruder Joseph ist Bergmann in der Zeche Saint-Amé, in der am nächsten Tag 42 Bergleute bei einem Unglück ums Leben kommen werden. Joseph stirbt ein paar Wochen später im Krankenhaus. „Germinals Erben“ weiterlesen

Eine Geschichte erzählen

Alex Capus: Koenigskinder

Die Bücher von Alex Capus mochte ich schon immer und einmal durfte ich auch seine Entertainer-Qualitäten bei einem Liveauftritt erleben – ein denkwürdiger Spätnachmittag auf einem Ausflugsschiff weit draußen auf dem Zürichsee. Jetzt aber soll es um seinen Roman »Königskinder« gehen. Darin erzählt Alex Capus die unglaubliche Liebesgeschichte von Jakob und Marie, die es aus den Schweizer Bergen am Vorabend der französischen Revolution an den Versailler Königshof verschlug. Und das alles charmant eingebettet in eine Autopanne im Hier und Jetzt – denn elegant springt die Handlung immer wieder ins Heute und schafft mit diesem Perspektivwechsel ein wunderbares Lesevergnügen.
„Eine Geschichte erzählen“ weiterlesen

Das Bovary-Projekt

Gustave Flaubert: Madame Bovary

»Madame Bovary« von Gustave Flaubert ist einer der berühmtesten Romane der Literaturgeschichte. Bei seinem Erscheinen 1857 löste er einen Skandal aus, der Autor wurde wegen unmoralischen Verhaltens, insbesondere »Verherrlichung des Ehebruchs« angeklagt und musste sich vor Gericht verantworten. Die Verhandlung endete mit einem Freispruch – und förderte natürlich die Popularität des Werkes enorm. Der Roman ist als Frühwerk des Realismus ein Meilenstein auf dem Weg in die literarische Moderne; Flaubert zieht sich als Autor auf die Rolle eines Beobachters, eines Chronisten der Ereignisse zurück und beschreibt das tragische Leben der Emma Bovary. Eine Frau, die an ihrer provinziellen Umgebung verzweifelt und auf der Suche nach Erfüllung alles opfert. Und eben jenes Stilmittel der bloßen Beschreibung – ohne Wertung und ohne moralische Richtschnur – sorgte für die Empörung der Öffentlichkeit, die es nicht gewohnt war, auf solche Weise einen Spiegel vorgehalten zu bekommen. Realistisch und ohne Verklärung.

Auf der Frankfurter Buchmesse 2017 sprach ich mit BuchGeschichten-Booktuberin Ilke Sayan über »Madame Bovary« und wir stellten fest, dass wir beide das Buch noch nie gelesen haben. So beschlossen wir, gleichzeitig mit der Lektüre zu starten und uns anschließend darüber auszutauschen. Die Idee war, im Gespräch über das Buch die weibliche und die männliche Leserperspektive miteinander zu vergleichen, Gemeinsamkeiten und unterschiedliche Sichtweisen auszuloten. Daraus ist nun ein Film auf BuchGeschichten entstanden – mein erster Booktube-Auftritt, ich war ehrlich gesagt, etwas nervös und bewundere alle Menschen, die entspannt und ohne zu stocken vor der Kamera über Bücher sprechen. Und dieser Blogbeitrag, der parallel zum BuchGeschichten-Film veröffentlicht wird. „Das Bovary-Projekt“ weiterlesen

Peace for our time

Robert Harris: München

Es ist eines der bekanntesten Photos des 20. Jahrhunderts: Der britische Premierminister Neville Chamberlain steht vor zahlreichen Mikrofonen und hält ein Stück Papier in die Höhe. »Peace for our time« ruft er dabei den zuhörenden Menschen zu. Es ist der 30. September 1938, Chamberlain kommt gerade von der Unterzeichnung des Münchner Abkommens zwischen ihm, dem französischen Präsidenten Daladier, Hitler und Mussolini. Der damit vermeintlich gesicherte Friede war mit der Zerstückelung der Tschechoslowakei erkauft, deren Regierung erst gar nicht um ein Einverständnis gebeten wurde. Das Bild, mit dem Chamberlain in die Geschichtsbücher einging, ist das eines etwas distinguierten, älteren Herrn, der sich mit seiner Appeasement-Politik von dem deutschen Diktator über den Tisch ziehen ließ. Aber war er das wirklich? Der Autor Robert Harris rückt in seinem Roman »München« dieses Bild zurecht und bringt uns jene dramatischen Tage auf seine unnachahmlich mitreißende Art und Weise so nahe, wie es literarisch nur möglich ist. „Peace for our time“ weiterlesen

Ein Buch für unsere Zeit

Ian Kershaw: Höllensturz

Seit über sieben Jahrzehnten herrscht in Europa weitgehend Frieden. Allen Auswüchsen des Kalten Krieges, den Balkankonflikten der Neunziger oder den ehemals bürgerkriegsähnlichen Zuständen Nordirlands zum Trotz: Dass sich Europas Länder gegenseitig zerfleischt und den Kontinent an den Rand des vollkommenen Zusammenbruchs gebracht haben, scheint endlos lange zurückzuliegen. So lange, dass man zu vergessen beginnt, was für ein fragiles Gebilde dieser Friede ist. In Zeiten zunehmender Abschottung, der Rückkehr des Nationalismus, vor dem Hintergrund des Brexit und der Erfolge dumpfrechter Parteien liefert uns der Historiker Ian Kershaw ein Werk, das uns die europäische Geschichte im 20. Jahrhundert nahebringt. Es ist auf zwei Bände angelegt; der erste Band trägt den passenden Namen »Höllensturz« und beschreibt den Zeitraum zwischen 1914 und 1949. Packend und mitreißend geschrieben, lehrreich ohne professoral-dozierenden Tonfall zeigt er uns, wie Europa den Weg in den Abgrund beschritten hat. Zweimal. „Ein Buch für unsere Zeit“ weiterlesen

Wenn der Krieg kommt

Sandheim ist ein verschlafenes Dorf in der badischen Provinz, fernab von der großen, weiten Welt. Doch im Frühjahr 1945 rollt plötzlich der Krieg darüber hinweg und verändert alles. Jochen Metzger beschreibt in seinem dokumentatorischen Roman »Und doch ist es Heimat« schmerzhaft genau, was mit den Menschen geschieht, wenn ihr Zuhause zum Kriegsgebiet wird. So genau, dass ich immer wieder eine Pause einlegen musste, um das Gelesene zu verarbeiten. „Wenn der Krieg kommt“ weiterlesen

Am Leben bleiben

Anthony Price: Die Chandos-Falle

Frühmorgens sieht Jack Butler am Ufer der Loire die Morgendämmerung heraufziehen. Langsam taucht die andere, die südliche Seite des Flusses im Dunst auf; Baumgruppen, Büsche, dahinter Felder und einzelne kleine Häuschen schälen sich nach und nach aus dem Morgennebel. Es ist ein Moment voll andächtiger Stille, eine beindruckende Stelle im Roman »Die Chandos-Falle« von Anthony Price. Doch dieser Moment täuscht. Denn Jack Butler ist eigentlich Corporal Jack Butler, Angehöriger der britischen Armee. Es ist der Sommer des Jahres 1944 und Butler ist Teil einer Kommandoeinheit, die hinter die feindlichen Linien vordringen soll. Und die feindlichen Linien beginnen am südlichen Ufer der Loire. „Am Leben bleiben“ weiterlesen

Jahr-Bücher

Jahr-Bücher: Nur eine Jahreszahl als Titel. Eine Liste.

In letzter Zeit tauchen sie vermehrt auf, die Bücher, die lediglich eine Jahreszahl als Titel tragen. Mit welchem hat es angefangen? Bewusst wahrgenommen habe ich es zum ersten Mal bei »1913« von Florian Illies. Seitdem hat es etliche weitere Jahre gegeben, die zum Anlass genommen wurden, sie im Bezug auf den Verlauf der Geschichte darzustellen. Das Konzept finde ich reizvoll, denn es waren tatsächlich immer wieder besonders ereignisreiche Zeiten, die den Lauf der Dinge maßgeblich beeinflusst haben. Berühmte Vertreter sind 1968 oder 1989, keine Frage. Aber darüber hinaus gab und gibt es immer wieder Jahre, in denen sich entscheidende Ereignisse kumulierten oder die einfach repräsentativ für eine ganze Epoche stehen. Momentaufnahmen in Buchform.

Ich habe einmal einen Blick ins heimische Bücherregal geworfen und hier zusammengestellt, welche Jahr-Bücher sich bei mir angesammelt haben; Sachbücher vor allem, aber auch Romane: Eine kleine Rundreise durch die Geschichte. „Jahr-Bücher“ weiterlesen

Ein schemenhafter Gruß

Thomas Asbridge: Der größte aller Ritter - Das Leben von Guillaume le Maréchal

Gemeinhin bezeichnen wir das Mittelalter als »finster«, zum einen, weil das Leben damals oft hart, kurz und entbehrungsreich war. Zum anderen aber auch, weil wir nicht viel darüber wissen. Aus alten Handschriften, Büchern, Aufzeichnungen oder durch die Arbeit der Archäologen lässt sich zwar einiges der damaligen Lebensverhältnisse rekonstruieren. Doch direkte Lebensbeschreibungen, also noch im Mittelalter verfasste Biographien, sind äußerst rar. Und genau das macht das Buch »Der größte aller Ritter« von Thomas Asbridge zu einem fulminanten Leseerlebnis und zu einer Reise mitten hinein in diese »finstere« Zeit. Wobei es interessant wäre, wie ein Mensch von damals wohl die heutige Weltlage beurteilen würde. Aber das ist ein anderes Thema.

Wer war »der größte aller Ritter«? Es ist die Lebensgeschichte Guillaume le Maréchals, aufgeschrieben im 13. Jahrhundert, die erste und wohl einzige bekannte Biographie eines Ritters, die während des Mittelalters niedergeschrieben wurde. Schon die Entdeckung der mittelalterlichen Handschrift, die das Leben Maréchals detailliert beschreibt, gleicht einem Krimi. „Ein schemenhafter Gruß“ weiterlesen

Weg.Gegangen

Olivier Adam: An den Rändern der Welt

Das Buch »An den Rändern der Welt« von Olivier Adam habe ich vor über fünf Monaten gelesen und es hat mich seit Jahren kein Roman so berührt und getroffen wie dieser. Seither überlege ich, wie ich diese Begeisterung in Worte fassen kann. Es fällt mir diesmal nicht leicht und auch jetzt sitze ich schon seit geraumer Zeit vor dem Bildschirm und versuche es wieder einmal aufs Neue. Denn es geht um nichts weniger als alles, was mich in den letzten Jahrzehnten meines Lebens bewegt hat. Und bis heute bewegt. „Weg.Gegangen“ weiterlesen

Die Blinde und der Gehorsame

Anthony Doerr: Alles Licht, das wir nicht sehen

Wenn auf dem Umschlag eines Buches ein Schwarzweiß-Photo abgebildet ist, werde ich immer aufmerksam; in meinem Fall haben die Marketingmenschen der Verlage damit alles richtig gemacht. So ging es mir auch bei »Alles Licht, das wir nicht sehen« von Anthony Doerr. Gesehen, für interessant befunden, gekauft, obwohl ich noch nie etwas von diesem Autor gehört hatte. Kurz darauf dann die Nachricht, dass er für dieses Buch den Pulitzer-Preis für Belletristik erhalten hat und umso gespannter war ich dann auf die Lektüre. „Die Blinde und der Gehorsame“ weiterlesen

Schelm ohne Gesicht

Piere Lemaitre: Wir sehen uns dort oben

Mit drei unterschiedlichen Charakteren haben wir es in dem Buch »Wir sehen uns dort oben« von Pierre Lemaitre zu tun. Da ist einmal der skrupellose Schurke, der bereit ist, für seinen Erfolg über Leichen zu gehen, dann der naive Tor, unbeholfen, etwas zu gut für diese Welt und schließlich der gerissene, aber an sich gutmütige Schelm. Drei Charaktere, drei Personen, vom Schicksal aneinandergekettet, ohne es zu wollen. „Schelm ohne Gesicht“ weiterlesen

Maigret als Gesamtkunstwerk

Maigrets Frankreich: Photos und Texte

Bereits vor einiger Zeit hatte ich hier beschrieben, wie ich Georges Simenons Kommissar Maigret für mich entdeckt habe. Inzwischen sind wieder ein paar Bände der Reihe in der Sammlung dazugekommen und jeder einzelne von ihnen ist ein kleines Buchjuwel. Alleine die sorgfältig ausgewählten Schwarzweiß-Photos auf dem Titelbild sind ein Hingucker – handelt es sich doch oft um die Werke bekannter Photographen der dreißiger, vierziger und fünfziger Jahre. So gehen Titelbild, Gestaltung und Inhalt eine perfekte Symbiose ein, wie so oft beim Diogenes Verlag.

Im Blog Analog-Lesen hatte Sebastian Kretzschmar einmal ein Loblied auf Diogenes veröffentlicht und dem Titel »Das gute Gefühl, ein Diogenes-Buch zu lesen« müsste ich hier eigentlich nichts mehr hinzufügen (leider ist der Blog nicht mehr online, daher gibt es keine Verlinkung).

Eigentlich. Denn jetzt halte ich ein wahres Schmuckstück in den Händen, das mich völlig begeistert. „Maigret als Gesamtkunstwerk“ weiterlesen