Über Literatur reden? Unbedingt!

Ueber Literatur reden? Unbedingt!

Vor ein paar Tagen las ich auf Facebook den Post »Literaturliebe in Zeiten von Corona? Mache mir gerade um anderes Sorgen.« Es war eine Reaktion auf aktuelle Lektürelisten zu den Themenbereichen Ausnahmezustand, Pandemie oder soziale Distanzierung. Nun kann ich verstehen, dass man angesichts verstörender Bilder und mit der Angst vor einem drohenden wirtschaftlichen Zusammenbruch nicht unbedingt »Die Pest« von Albert Camus lesen möchte – wobei der Roman gerade eine wahre Renaissance erlebt.

Aber gerade die ohne Zweifel kommende Wirtschaftskrise betrifft in besonderem Maße auch die Literaturlandschaft und unsere fragile literarische Infrastruktur. Es gibt bei uns ein dichtes Netz von Buchhandlungen, die sich engagieren, die Autoren eine Bühne geben und dafür sorgen, dass Bücher in der Öffentlichkeit sichtbar sind. Viele dieser mittelständischen Buchläden waren schon vor der Corona-Krise unterkapitalisiert, sie funktionierten nur durch den unermüdlichen Einsatz der dort beschäftigen Buchhändlerinnen und Buchhändler. Eine möglicherweise monatelange Schließung hätte katastrophale Folgen für sie.

Und wenn Buchhandlungen aus den Städten verschwinden, dann verschwindet auch die Sichtbarkeit von Büchern, es droht eine ernsthafte Beschädigung unserer Literaturlandschaft. „Über Literatur reden? Unbedingt!“ weiterlesen

Land in Trümmern

George Packer: Die Abwicklung

Bücher mit USA-Bezug werden zur Zeit gerne mit dem Versprechen beworben, Aufklärung über das in unseren Augen unverständliche Verhalten der Trump-Wähler zu liefern. Denn es ist und bleibt nur schwer nachvollziehbar, wie ein solch vulgärer Mensch mächtigster Mann der Welt werden konnte. Das Buch, das ich hier vorstellen möchte, ist bereits 2013 erschienen. Und trotzdem gibt es wie kein anderes Auskunft über ein Land im Niedergang, über die Vereinigten Staaten zu Beginn des 21. Jahrhunderts. George Packer schafft es in „Die Abwicklung“ die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen in den USA von den 1970er-Jahren bis heute anschaulich und spannend darzustellen. Und danach wird einem als Mitteleuropäer so einiges klar. Oder zumindest klarer. „Land in Trümmern“ weiterlesen

Ein Buch für unsere Zeit

Ian Kershaw: Höllensturz

Seit über sieben Jahrzehnten herrscht in Europa weitgehend Frieden. Allen Auswüchsen des Kalten Krieges, den Balkankonflikten der Neunziger oder den ehemals bürgerkriegsähnlichen Zuständen Nordirlands zum Trotz: Dass sich Europas Länder gegenseitig zerfleischt und den Kontinent an den Rand des vollkommenen Zusammenbruchs gebracht haben, scheint endlos lange zurückzuliegen. So lange, dass man zu vergessen beginnt, was für ein fragiles Gebilde dieser Friede ist. In Zeiten zunehmender Abschottung, der Rückkehr des Nationalismus, vor dem Hintergrund des Brexit und der Erfolge dumpfrechter Parteien liefert uns der Historiker Ian Kershaw ein Werk, das uns die europäische Geschichte im 20. Jahrhundert nahebringt. Es ist auf zwei Bände angelegt; der erste Band trägt den passenden Namen „Höllensturz“ und beschreibt den Zeitraum zwischen 1914 und 1949. Packend und mitreißend geschrieben, lehrreich ohne professoral-dozierenden Tonfall zeigt er uns, wie Europa den Weg in den Abgrund beschritten hat. Zweimal. „Ein Buch für unsere Zeit“ weiterlesen