Literatur verbindet

Leipziger Wohnzimmerlesung | Anne Stern: Die weisse Nacht

Literatur verbindet Menschen. Diese Erkenntnis mag nicht neu sein, aber selten habe ich dies so unmittelbar gespürt wie bei unserer Leipziger Wohnzimmerlesung. Wie immer – so kann man inzwischen sagen – stellt mein guter Freund Hannes Lehner während der Leipziger Buchmesse sein Wohnzimmer für eine Lesung zur Verfügung, die wir gemeinsam organisieren. Zu Gast war dieses Jahr die Autorin Anne Stern mit ihrem Roman »Die weiße Nacht«. Und wie immer war das Wohnzimmer leergeräumt und mit Bierbänken ausgestattet. Wie immer war der Raum mit etwas mehr als dreißig Personen proppenvoll. Wie immer war die Atmosphäre ganz und war wunderbar. Und wie immer kannten wir einen Teil der Anwesenden überhaupt nicht, es waren Menschen, die über die Ankündigungen im Leipzig-liest-Programm, über Postings in den sozialen Medien oder über den Veranstaltungs-Newsletter des Verlags den Weg ins Wohnzimmer gefunden hatten. Dieses Mal waren etwa zwei Drittel der Lesungsgäste Unbekannte; mehr als in den Jahren zuvor – aber es fühlte sich gar nicht so an. Hannes brachte es bei seiner Begrüßung auf den Punkt: Gerade in Zeiten großer Ungewissheiten wie diesen sei es ihm eine große Freude, seine Wohnung zur Verfügung zu stellen, damit einander fremde Menschen für einen Moment zusammenfinden, miteinander ins Gespräch kommen, sich über Bücher austauschen, ein Glas Wein gemeinsam trinken. Denn dieses Miteinander sei das, auf was es ankommt. In diesem Augenblick waren wir alle in diesem Raum eine Gemeinschaft. Und dann redeten Anne Stern und ich über ihr Buch.

Anfang des Jahres hatte ich »Die weiße Nacht« mit großer Begeisterung gelesen und spontan bei der Autorin angefragt, ob sie sich vorstellen könnte, bei unserer Wohnzimmerlesung dabei zu sein. Konnte sie. Und zwei Monate später saßen wir nun hier zusammen. Anne Sterns Werdegang als Autorin ist spannend: Ursprünglich arbeitete sie als Lehrerin, fing dann an, online erste Texte zu veröffentlichen – so erfolgreich, dass Verlage auf sie aufmerksam wurden. Heute erscheinen ihre Bücher im Rowohlt Verlag, im Aufbau Verlag und »Die weiße Nacht« ist ihr erster Titel beim Piper Verlag. Es ist ihr vierundzwanzigstes Buch, nicht mitgerechnet drei Romane, die unter Pseudonym erschienen sind. 

»Die weiße Nacht« führt uns zurück in das Jahr 1946, mitten hinein in das zerstörte Berlin. Es ist kurz vor Weihnachten, der Krieg ist schon seit eineinhalb Jahren vorbei, aber von Normalität kann keine Rede sein. Jener Winter war extrem hart, Monatelang herrschten zweistellige Minustemperaturen, Kohle und Holz waren Mangelware, die Menschen lebten in einer Trümmerwüste, in Wohnungen ohne Heizung, ohne Strom, ohne Fensterscheiben. Kälte und Hunger forderten Tag für Tag, Nacht für Nacht ihren Tribut; der Anblick von Toten war allgegenwärtig.

»Der weiße Tod, so nannte man es, wenn jemand in diesem Winter erfror, und täglich wurden es mehr. Sie gesellten sich zu den unzähligen Geistern, die bereits zwischen den Lebenden umhergingen. … All die Toten waren Teil der Stadt, in der sie einmal gelebt hatten, und in den Mauern der Ruinen flüsterten ihre Stimmen. Der Unterschied war nur, dass der Tod jetzt langsamer kam. Auf leisen Sohlen schlich er sich von hinten an die Menschen heran. Er holte sie im Schlaf, all die Erfrorenen dieses Winters, die Kranken, die Kinder, die Greise, die Hungernden. Er machte kein Getöse mehr, der Tod, er war genügsamer geworden, bescheiden fast. Er wusste ja, dass einer nach dem anderen in seine Hand fallen würde, ganz von selbst, wenn er nur lange genug wartete.«

Leipziger Wohnzimmerlesung | Anne Stern: Die weisse Nacht

Als allerdings die Photographin Lou Faber in einer Ruine die sorgfältig aufgebahrte Leiche einer Frau entdeckt, ist das dann doch ein ungewöhnlicher Anblick. So ungewöhnlich, dass die Kripo sich des Falles annimmt: Auftritt Kriminalkommissar Alfred König. Er und Lou kennen sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht, doch das wird sich ändern. Sie beide sind Menschen mit harten Brüchen in ihrer Biographie; zwei Einzelgänger, die ihre sichtbaren und unsichtbaren Narben tragen und versuchen, durch die Tage und durch ihre Leben zu kommen. 

Und damit beginnt eine Geschichte, die tief hineinführt in eine Zeit des Umbruchs und uns immer wieder in die Abgründe einer dunklen Vergangenheit blicken lässt, die noch allgegenwärtig ist. Denn das Buch fängt sehr gelungen die Stimmung der unmittelbaren Nachkriegszeit ein: die vollkommene Zerstörung, ein verlorener Krieg, die Mitschuld an barbarischen Verbrechen. Und gleichzeitig Verbitterung, Wut auf die Besatzungsmächte, und eine Mentalität des Nicht-darüber-Redens: Der Nationalsozialismus war ja nicht über Nacht verschwunden, überall trifft man auf überzeugte Nazis, die mal mehr, mal weniger deutlich ihre Gedanken äußern. Man versuchte, eine Art Normalität zwischen den Trümmern aufzubauen. Doch dies war nur eine hauchdünne Schicht, die mühsam die zahllosen Verbrechen der Nazi-Jahre überdeckte; Verbrechen in die fast alle direkt oder indirekt verwickelt gewesen sind. Gewöhnliche Menschen waren zu Tätern geworden, andere hatten davon profitiert, viele haben weggesehen.

Die Photographin Lou Faber und Alfred König sind dabei beide so etwas wie Außenseiter, wie Fremdkörper. Lou war Mittelpunkt einer Künstler- und Intellektuellen-Clique gewesen, die irgendwann in die Fänge der Gestapo geraten war. 1946 sind fast alle ihre Freunde tot, ermordet. Sie selbst kam traumatisiert aus dem Gefängnis, voller Schuldgefühle, überlebt zu haben. König wiederum unterlag lange, viel zu lange dem Irrglauben, dass Polizeiarbeit nichts mit Politik zu tun hätte. Bis er irgendwann als Mitglied einer Polizeistaffel in einem brennenden Dort in Weißrussland stand und den Befehl erhielt, die jüdischen Einwohner zu erschießen. Einen Befehl, den er verweigerte – was ihn ebenfalls ins Zuchthaus führte. Schwer misshandelt und auf einem Auge blind überlebte er den Krieg. Und wurde von der Roten Armee gezwungen, im besetzten Berlin wieder als Kriminalkommissar Dienst zu tun. 

Leipziger Wohnzimmerlesung | Anne Stern: Die weisse Nacht
Photo: Petra Kyriss

Bei unserem Gespräch berichtete Anne Stern darüber, welche Gedanken sie sich bei der Ausgestaltung der beiden Protagonisten gemacht habe. Sie wollte den Eindruck vermeiden, dass die beiden wie Beispiele für »die Guten« wirken würden, wie Bespiele für all die Widerständler, die hinterher jeder in seiner Familie gehabt haben wollte. Daher war es ihr besonders bei König wichtig zu zeigen, wie lange man ein Rädchen im Getriebe eines mörderischen Unrechtsstaats sein und dabei alles um sich herum ausblenden konnte. Bis es bei ihm nicht mehr ging – tatsächlich gab es Verweigerer von Mordbefehlen immer wieder einmal, aber sie waren die Ausnahme. 

Und nun ist König gegen seinen Willen also erneut Polizist. Als der Kriminalkommissar feststellt, dass die Tatortphotos des Polizeiphotographen misslungen sind, bleibt ihm nichts anderes übrig, als Lou Faber zu kontaktieren. Denn sie hatte die Leiche und ihr Umfeld festgehalten – und so beginnt eine widerwillige Zusammenarbeit der beiden; eine Zusammenarbeit zweier misstrauischer Einzelgänger, die es nicht gewohnt sind, sich auf andere verlassen zu können. Der Fall wird die beiden kreuz und quer durch die zerstörte Stadt führen und die Ermordete wird nicht die einzige aufgebahrte Leiche bleiben. Bis ihnen irgendwann klar wird, wie alles miteinander zusammenhängt: Denn die grauenvollen Jahre des »Dritten Reiches« lagen zwar in der Vergangenheit, aber vorbei waren sie längst noch nicht. 

Im Wohnzimmer redeten wir darüber, wie man sich die Polizeiarbeit im Berlin des Jahres 1946 vorstellen muss. Es gab keine Ausrüstung, kaum Uniformen, nur sehr wenig Fahrzeuge – für Tatortbesuche muss die U-Bahn herhalten – und die die Aufteilung in vier Besatzungszonen mit vier Zuständigkeitsbereichen machte die Ermittlungen nicht leichter. »Die Polizei war eines der Schlachtfelder, auf denen die Besatzer stellvertretend ihre Fehde führten.«

Wir sprachen über die Strukturen der Polizei, in der ehemalige KPD-Mitglieder ohne weitere Qualifikation plötzlich leitende Posten hatten – sofern sie tatsächlich in der KPD gewesen waren. Über das Ansehen der ersten Polizisten bei der Bevölkerung, da sie ja mit den Besatzern zusammenarbeiteten. Wir sprachen über den Schwarzmarkt in der Stadt, der verboten war, aber die Menschen am Leben erhielt. Über die beiden Nebenfiguren der Handlung, Gerti und Justus, zwei elternlose Jugendliche, die inmitten der Trümmer irgendwie überleben mussten. Und wie wir durch diese beiden das Thema der Jugendbanden kennenlernen, die in jener Zeit auch vor schweren Verbrechen nicht zurückschreckten. Wir sprachen darüber, wie es sich anfühlt die eigene Stadt – Anne Stern ist Berlinerin – mit literarischen Mitteln wieder in eine Ruinenwüste zu verwandeln. Und wir sprachen vor allem über die Recherche zu einem historischen Roman. Denn Anne Stern ist eine begnadete Spurensucherin. Besonders beeindruckt hat alle im Wohnzimmer Anwesenden ihr Bericht über einen Besuch in alten Bunkerräumen unter dem Gebäude des Flughafen Tempelhofs, in denen die gesamten Polizeiakten der Nachkriegszeit lagern. Unzählige Akten und Berichte, getippt auf Papier von schlechter Qualität und vollkommen unsortiert. Hier hielt sie sich lange auf, las sich durch Protokolle und Notizen und erhielt einen Einblick in die Polizeiarbeit jener Jahre, wie er authentischer kaum möglich ist.

Leipziger Wohnzimmerlesung | Anne Stern: Die weisse Nacht

Und ganz nebenbei gab Anne Stern einen Einblick in ihren Schreibprozess, der uns alle sehr beeindruckt hat: Sie verzichtet fast komplett auf das Plotten, hat eine Grundidee im Kopf und beginnt zu schreiben. Am Anfang weiß sie noch nicht, wohin sie die Handlung führen wird, das Ende ergibt sich erst beim Schreiben. Und offensichtlich funktioniert das ziemlich gut, denn in »Die weiße Nacht« stimmt alles: ein akribisch recherchierter und atmosphärisch perfekt geschilderter, historischer Hintergrund. Mit feiner Hand geschaffene Protagonisten und Nebenfiguren, die man nicht wieder vergisst und in denen sich die Verheerungen jener Jahre widerspiegeln. Und eine spannende Geschichte, die uns in eine längst vergangene Zeit zurückführt. In eine Zeit, in der ein Unrechtsstaat in einem Strudel der Vernichtung untergegangen war, während sich am Horizont das Machtgefüge des Kalten Krieges abzuzeichnen begann. Und dazu immer wieder Sätze, die man am liebsten laut lesen mag, so wunderschön sind sie. Etwa diese Textstelle: 

»Heute war sie älter als ihre Eltern in ihrer Erinnerung. Das Leben war eine abgefeuerte Kugel, die, war sie erst einmal in der Luft, immer weiterflog, bis sie ins Nichts fiel. Niemand wusste, wann und wo.«

Wie wahr. 

Leipziger Wohnzimmerlesung | Anne Stern: Die weisse Nacht

Vielen Dank, liebe Anne, dass Du bei unserer Wohnzimmerlesung dabei gewesen bist. Es war uns ein Fest! Und ich bin jetzt schon gespannt auf den zweiten Fall von Lou & König, der hoffentlich nicht lange auf sich warten lässt. Vielen Dank an alle Gäste fürs Kommen und für eure Buchbegeisterung. Und wie immer danke, lieber Hannes für deine wunderbare Gastfreundschaft, die unsere Wohnzimmerlesungen stets zu ganz besonderen Orten der Begegnung machen. Die nächste findet zur Leipziger Buchmesse 2027 statt. Wir freuen uns schon. 

Buchinformation
Anne Stern, Die weiße Nacht
Piper Verlag
ISBN 978-3-492-07461-2

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Madonna in den Trümmern

Cay Rademacher: Nacht der Ruinen

Eigentlich mag ich sie sehr, die Romane von Cay Rademacher, die ein historisches Setting haben. Die Hamburg-Trilogie etwa, angesiedelt in den Jahren 1947 und 1948, als es in der zerstörten Stadt für viele Menschen um die nackte Existenz ging. Oder den Roman »Die Passage nach Maskat«, in dem die Passagiere eines Ozeandampfers ein Abbild der Gesellschaft Deutschlands sind, unmittelbar vor der großen Weltwirtschaftskrise 1929 – und das inklusive einer spannenden Whodunit-Geschichte in der Tradition Agatha Christies. Der Roman, um den es in diesem Beitrag gehen soll, trägt den Titel »Nacht der Ruinen«, er führt uns nach Köln und in das Jahr 1945. Das Wort »eigentlich«, mit dem ich den Text begonnen habe, lässt erahnen, dass mich dieses Buch nicht ganz überzeugen konnte. Zumindest was die Handlung angeht; vieles wirkte zu überfrachtet und gleichzeitig zu vorhersehbar. Doch die Schilderung der vollkommen zerbombten Stadt geht unter die Haut. „Madonna in den Trümmern“ weiterlesen

Aufgestanden ist er, welcher lange schlief

Georg Heym: Der Krieg. In: Kurt Pinthus (Hg.): Menschheitsdämmerung

Der Krieg
Georg Heym, 1911

Aufgestanden ist er, welcher lange schlief,
Aufgestanden unten aus Gewölben tief.
In der Dämmrung steht er, groß und unerkannt,
Und den Mond zerdrückt er in der schwarzen Hand.

In den Abendlärm der Städte fällt es weit,
Frost und Schatten einer fremden Dunkelheit,
Und der Märkte runder Wirbel stockt zu Eis.
Es wird still. Sie sehn sich um. Und keiner weiß.

In den Gassen faßt es ihre Schulter leicht.
Eine Frage. Keine Antwort. Ein Gesicht erbleicht.
In der Ferne wimmert ein Geläute dünn
Und die Bärte zittern um ihr spitzes Kinn.

Auf den Bergen hebt er schon zu tanzen an
Und er schreit: Ihr Krieger alle, auf und an.
Und es schallet, wenn das schwarze Haupt er schwenkt,
Drum von tausend Schädeln laute Kette hängt.

Einem Turm gleich tritt er aus die letzte Glut,
Wo der Tag flieht, sind die Ströme schon voll Blut.
Zahllos sind die Leichen schon im Schilf gestreckt,
Von des Todes starken Vögeln weiß bedeckt.

Über runder Mauern blauem Flammenschwall
Steht er, über schwarzer Gassen Waffenschall.
Über Toren, wo die Wächter liegen quer,
Über Brücken, die von Bergen Toter schwer.

In die Nacht er jagt das Feuer querfeldein
Einen roten Hund mit wilder Mäuler Schrein.
Aus dem Dunkel springt der Nächte schwarze Welt,
Von Vulkanen furchtbar ist ihr Rand erhellt.

Und mit tausend roten Zipfelmützen weit
Sind die finstren Ebnen flackend überstreut,
Und was unten auf den Straßen wimmelt hin und her,
Fegt er in die Feuerhaufen, daß die Flamme brenne mehr.

Und die Flammen fressen brennend Wald um Wald,
Gelbe Fledermäuse zackig in das Laub gekrallt.
Seine Stange haut er wie ein Köhlerknecht
In die Bäume, daß das Feuer brause recht.

Eine große Stadt versank in gelbem Rauch,
Warf sich lautlos in des Abgrunds Bauch.
Aber riesig über glühnden Trümmern steht
Der in wilde Himmel dreimal seine Fackel dreht,

Über sturmzerfetzter Wolken Widerschein,
In des toten Dunkels kalten Wüstenein,
Daß er mit dem Brande weit die Nacht verdorr,
Pech und Feuer träufet unten auf Gomorrh.

Was für ein Gedicht. Georg Heym schrieb es 1911, drei Jahre vor dem Ausbruch des ersten Weltkriegs. Ein rußgeschwärzter Riese, der wie eine unaussprechliche Monstrosität aus dem Dunkel erscheint, den Mond in seiner unbarmherzigen Hand zerdrückt und damit das Signal gibt für den Beginn des Weltenbrands. Der wie ein Köhlerknecht mit seinem Stab die alles verschlingenden Feuer anfacht, wieder und wieder. Das Grauen, in Worte gefasst. „Aufgestanden ist er, welcher lange schlief“ weiterlesen

Täterland ist abgebrannt

Andreas Pflueger: Ritchie Girl

»So hätte ein Roman beginnen können, der im Reich der Toten spielte: mit den Schemen von Häusern, die sie fühlte, obwohl sie nicht mehr da waren, Geistergebäude, blumengeschmückt, fahnenbehängt, an jedem Fenster schreiende Menschen, ihre Heil-Rufe ein Echo, so wie alles in  Deutschland nur noch ein Echo war – von Schamlosigkeit und Obszönität und Gier, von Hass, von weißer Farbe, die auf Schaufensterscheiben klatschte, von klirrendem Glas, von Zahnbürsten auf Straßenpflaster, vom Wegschauen, Schulterzucken, dem Was-hätte-ich-denn-tun-können, dem Das-ging-mich-nichts-an. Das schlimmste und lauteste Echo, der wahre Grund für all dies. Sie fragte sich, was käme, wenn die Echos irgendwann verhallt wären, wenn es still wurde.«

Der Roman »Ritchie Girl« von Andreas Pflüger ist voller Textstellen, die einen den Atem stocken lassen und die einen tief in die erzählte Geschichte hineinziehen. Doch diese starke Passage ragt noch einmal daraus hervor und ich konnte nicht anders, als die Buchvorstellung mit ihr beginnen zu lassen. Denn mit wenigen Worten skizziert der Autor darin ein Land in Trümmern, besiegt, zerstört, am Ende. Und beladen mit einer Schuld, wie es sie nie zuvor gegeben hat. „Täterland ist abgebrannt“ weiterlesen

Menschen auf der Flucht

Sebastiao Salgado: Exodus

Ist es möglich, sich dem Thema Flucht und Migration auf eine künstlerisch anspruchsvolle Weise zu nähern? Darf man das überhaupt, ohne die Tragik zahlloser menschlicher Schicksale zu ästhetisieren? Oder hilft es den von unzähligen Nachrichtenmeldungen abgestumpften Betrachtern ihr Mitgefühl zu bewahren? Ein Buch möchte ich hier vorstellen, das in herausragender Form klar macht, was es bedeutet, seine Heimat verlassen zu müssen – auf der Flucht vor Krieg, Folter und Tod oder auf der Suche nach einem Stückchen Hoffnung auf ein besseres Leben. Es ist der Photoband »Exodus« von Sebastião Salgado, der bereits 2000 erschienen ist und 2016 vom Taschen Verlag neu aufgelegt wurde. Und in Zeiten, in denen Zynismus und Menschenverachtung zunehmend die Politik dominieren, ist dieses Werk aktueller denn je. „Menschen auf der Flucht“ weiterlesen

Unsere Welt. Nur anders

Omar El Akkad: American War

Natürlich war mir das Buch mit dem düsteren Cover und dem einprägsamen Titel schon in einer der Buchhandlungen meines Vertrauens aufgefallen. Doch spätestens nach der mitreißenden Besprechung im Blog masuko13 war klar, dass ich an dem Roman »American War« von Omar El Akkad auf keinen Fall vorbeikommen würde. Und es hat sich gelohnt, denn diese finstere Geschichte wird für eine lange Zeit im Gedächtnis bleiben.

Um was geht es? Der Titel sagt es schon, um einen amerikanischen Krieg. Genauer: Um den zweiten amerikanischen Bürgerkrieg, der zwischen den Jahren 2074 und 2095 stattgefunden hat und über den rückblickend berichtet wird. Um eine Welt in Auflösung; die letzten zwei Sätze des Prologs fassen das gesamte Buch zusammen: »Dies ist keine Geschichte über den Krieg. Es ist eine Geschichte über Zerstörung.« Und zerstört wird im Laufe der Handlung nicht nur das Land, nicht nur die Städte, nicht nur Straßen und Brücken und Bahnlinien. Zerstört werden die Menschen, auch wenn sie nicht ihr Leben im Krieg verlieren. Zerstört wird alles, was das menschliche Miteinander ausmacht. „Unsere Welt. Nur anders“ weiterlesen

Wenn der Krieg kommt

Sandheim ist ein verschlafenes Dorf in der badischen Provinz, fernab von der großen, weiten Welt. Doch im Frühjahr 1945 rollt plötzlich der Krieg darüber hinweg und verändert alles. Jochen Metzger beschreibt in seinem dokumentatorischen Roman »Und doch ist es Heimat« schmerzhaft genau, was mit den Menschen geschieht, wenn ihr Zuhause zum Kriegsgebiet wird. So genau, dass ich immer wieder eine Pause einlegen musste, um das Gelesene zu verarbeiten. „Wenn der Krieg kommt“ weiterlesen

Spurensuche im Graphischen Viertel

Durch das Graphische Viertel: Der Leipziger Gutenbergweg

Man stelle sich eine Stadt vor. Eine Stadt mit weit über 700.000 Einwohnern. Eine Stadt, in der Kultur, Handel und Industrie in einer perfekten Symbiose existieren. Eine Stadt mit mehr als unzähligen Buchhandlungen, Verlagen und Druckereien. Eine Stadt als Zentrum der Medienproduktion schlechthin. Eine Buchstadt. Wohlhabend. Lebendig. Innovativ. Verschwunden im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs. Geblieben ist ein Mythos. „Spurensuche im Graphischen Viertel“ weiterlesen