Eigentlich wollte ich nur über Bücher bloggen

Eigentlich wollte ich nur über Bücher bloggen. Das war einer der unzähligen, leicht wirren Gedanken, die mir am 3. Mai 2019 spätabends durch den Kopf wirbelten. In 24 Stunden sollte die 1. Kölner Literaturnacht stattfinden und ich kam nicht zur Ruhe. Das war auch nicht verwunderlich: Das Organisationsteam der Kölner Literaturnacht, zu dem auch ich gehöre, hatte jetzt vier Monate lang an diesem Projekt gearbeitet. Stunden über Stunden, alles ehrenamtlich und neben unseren eigentlichen Jobs. An anderer Stelle hatte ich bereits darüber berichtet.

Unzählige Dinge mussten geklärt werden und viele Detailfragen waren erst in den letzten Wochen aufgekommen, als der Termin näher und näher heranrückte. 137 Veranstaltungstermine, 42 Orte, 1 Ticket für alles – kann das funktionieren? Was, wenn nicht? Wir müssen wahnsinnig sein. Ob es voll wird? Oder ein Flop? Wir nicht genügend Tickets verkaufen, um alle Kosten zu decken, die trotz großzügiger Förderung angefallen waren? Und eigentlich wollte ich ja nur über Bücher bloggen – was mache ich hier eigentlich gerade?

So drehte sich das Gedankenkarussell weiter und weiter an jenem Freitagabend. Erst nach zwei Gläsern Rotwein war Ruhe. Endlich. Dann kam der nächste Morgen. Und dann hieß es warten. Und warten. Und irgendwann machte ich mich auf den Weg, hinein in die Literaturnacht.

Die meiste Zeit verbrachte ich im Comedia Theater und war dort als einer der Ansprechpartner des ausrichtenden Vereins Literaturszene Köln e.V. vor Ort. Die Comedia ist eine alte Gründerzeit-Feuerwache, die zu einem Veranstaltungsort mit schönem Foyer, einem Restaurant und zwei unterschiedlich großen Theatersälen umgebaut wurde. Ein echtes architektonisches Schmuckstück. Und auftreten sollten dort im Laufe des Abends Navid Kermani, Melanie Raabe, der „Game-of-Thrones“-Übersetzer Andreas Helweg, die Preisträger eines Wettbewerbs der Kölner Literaturinitiative Land in Sicht sowie die Kölner Band Erdmöbel. Die Kulturdezernentin der Stadt Köln hielt eine Eröffnungsrede – kurz gesagt: Zum Nachdenken über Gelingen oder Nichtgelingen des gesamten Projekts war keine Zeit mehr.

Und die Besucher kamen. Viele Besucher, das Foyer füllte sich, die Säle füllten sich. Von zahlreichen der 41 anderen Veranstaltungsorte trudelten erste Tweets, Facebook- und Instagram-Postings ein, die ein oder andere WhatsApp-Nachricht übermittelte Botschaften von vollen Räumen, gut gelaunten Besuchern, positivem Feedback – und mitten in dem ganzen Trubel machte sich ganz sachte das erste Gefühl von Beruhigung bemerkbar.

Ein persönliches Highlight war für mich der Moment, als ich Melanie Raabe und Ulrich Noller auf die Bühne geleitet habe und ihr Gespräch kurz anmoderierte. Und als ich dann im Publikum saß und der durch und durch sympathischen Unterhaltung der beiden lauschte – über das Schreiben, über Bücher, über Literatur, über Persönliches – da war er wieder da, der Gedanke von gestern Abend: Eigentlich wollte ich nur über Bücher bloggen. Diesmal aber begeistert davon, wohin einen das führen kann. Begeistert und dankbar.

Später, viel später am Abend, als das Programm dem Ende zuging, trafen viele der Mitwirkenden aus ganz Köln kommend in der Comedia ein; hier war der finale Treffpunkt für jene, die den Abend gemeinsam ausklingen lassen wollten. Alle erzählten von ihren Veranstaltungen und die ersten positiven Rückmeldungen verdichteteten sich mit jedem Gespräch mehr.

Auf dem Boden sitzende Zuhörer bei Mariana Leky in der artothek, Lyrikbegeisterte bei der Präsentation des Verlags parasitenpresse in der Buchhandlung Klaus Bittner, volles Haus mit Frank Schätzing in den Verlagsräumen von Kiepenheuer & Witsch, eine bis zum letzten Platz bestuhlte Maternus-Buchhandlung bei der Lesung von Julia Trompeter, großer Andrang bei den LübbeAudio-Tonstudios, zahlreiche Besucher im Siebter Himmel beim Knausgård-Übersetzer Paul Berf, viele Interessenten bei der Vorstellung des Studiengangs Literarisches Schreiben an der Uni Köln, zusätzlich benötigte Stühle bei der literarischen Fuckup-Night, in der Gunther Geltinger und Ulrike Anna Bleier gescheiterte Romanprojekte vorstellten, gute Stimmung in der Traumathek, wo sich die Kölner Comicszene tummelte, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Trotz regelmäßiger Wolkenbrüche waren überall Literaturbegeisterte unterwegs gewesen, Menschen mit dem Programmheft in der Hand liefen durch die Stadt, die Lesungen, Diskussionen, Performances, Workshops waren gut besucht – all die unterschiedlichen Programmpunkte der 1. Kölner Literaturnacht.

Social-Media-Rangerin Wibke Ladwig war als rasende Reporterin in Köln unterwegs, um von so vielen Veranstaltungen wie möglich Eindrücke für die Literaturnacht-Story auf Instagram zu sammeln. Und auch darüber hinaus flackertern Bilder und Tweets durch das Netz, aus diesen Bruchstücken und den Gesprächen setzte sich langsam ein Bild zusammen: Die 1. Kölner Literaturnacht, sie hat funktioniert, die Planung war aufgegangen.

Alle aus dem Orga-Team spürten wohl das gleiche: Ein Gefühl unendlicher Erleichterung, gepaart mit Stolz auf das Geschaffene – eine Nacht, in der Menschen in der ganzen Stadt zusammenkommen, um die Literatur zu feiern, die in ihrer Stadt entsteht. Natürlich wird es Optimierungsmöglichkeiten geben, Verbesserungsvorschläge und vieles mehr. Nicht zu vergessen den Kassensturz, um dann einmal weiterzusehen.

Aber das Gefühl an diesem Abend, das war unbeschreiblich. Beim Gehen fand ich eines der Literaturnacht-Tickets zerknickt auf dem Boden liegen. Ich habe es mitgenommen, als Andenken und für das Photo zu diesem Blogbeitrag. Denn, einmal muss ich es noch schreiben, denn eigentlich wollte ich nur über Bücher bloggen. Und bin immer wieder dankbar für all das, was sich dadurch ergeben hat und wie viele wunderbare Menschen ich dadurch kennenlernen durfte.

#kölnerliteraturnacht

10 Kommentare

  1. Ehrlich gesagt hätte es mich gewundert, wenn solch eine Veranstaltung nicht erfolgreich gewesen wäre. Ich fand es nur Schade, dass man nicht spontan an einer Veranstaltung gezielt teilnehmen konnte. Ich hatte einfach keine Zeit, die ganze Nacht herumzustromern und wäre eventuell in die „Buchhandlung nebenan“ gegangen, um an einer Lesung teilzunehmen.
    Naja, vielleicht habe ich bei der nächsten Literaturnacht etwas mehr Zeit ;)

    Viele Grüße
    Der Büchernarr Frank

    • Doch, es gab bei allen Veranstaltungen die Möglichkeit, direkt vor Ort ein Einzelticket nur für diese eine Veranstaltung zu erwerben. Wovon auch rege Gebrauch gemacht wurde. Aber vieles muss sich natürlich erst einmal einspielen, es war für alle Beteiligten ein großes Experiment, das gut angelaufen ist.

      Herzliche Grüße
      Uwe

  2. Hallo,

    danke für den spannenden Bericht! Da wäre ich wirklich gerne dabei gewesen, leider war das bei mir gesundheitlich dieses Jahr nicht drin – vielleicht nächstes Jahr? ;-)

    LG,
    Mikka

  3. Wie schön Uwe – herzlichen Glückwunsch allen Beteiligten zu diesem Erfolg. Ja, einfach tun … nicht jammern, dass niemand mehr liest, denn das stimmt nicht, sondern JA MANN wir machen was, sagen. Großartig. Das wird sicher eine richtige Institution. Und gut, dass Du nicht egoistisch genug bist, um nur über Bücher zu bloggen ;)

    LG, Bri

  4. Lieber Uwe,

    das klingt nach einer großartigen Erfahrung. Gratulation zu dem gelungenen Projekt und hab vielen Dank für deinen wunderbaren Bericht!

    Ja, schon erstaunlich, wohin uns unsere Blogarbeit führen kann.

    Sei herzlich gegrüßt,

    Klappentexterin

    • Liebe Simone,

      ja, das war es – besonders die Arbeit in einem wunderbaren Team mit lauter literaturbegeisterten Menschen hat allen Anstrenungen zum Trotz riesig Spaß gemacht. Und sie ist ja noch nicht zu Ende …

      Herzliche Grüße

      Uwe

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