Und alles ändert sich

Roscoe T. Martin ist Elektriker. Das wäre an sich nicht besonders spektakulär. Im Alabama des Jahres 1923 allerdings schon, denn abseits der großen Städte ist die Elektrifizierung noch lange nicht angekommen und das Leben auf den Farmen hat sich seit dem 19. Jahrhundert nicht groß verändert. Und auf einer solchen Farm ist Roscoe T. Martin gestrandet – bis eine einzige falsche Idee sein Leben in den Grundfesten erschüttert. Virginia Reeves erzählt in ihrem Roman »Ein anderes Leben als dieses« seine Geschichte. Eine Geschichte über den Wunsch nach Fortschritt und Glück, über das Scheitern, den Verlust und – vielleicht – der Möglichkeit eines Neuanfangs.

»Die Transformatoren, die eines Tages George Haskin töten würden, befanden sich auf einem hohen Mast etwa zehn Meter vom nordöstlichen Teil der Farm entfernt, auf der Roscoe T. Martin mit seiner Familie lebte.« 

Das ist der Buchbeginn, ein markiger erster Satz, der sofort eine Spannung aufbaut, den Leser direkt in die Handlung hineinzieht und klar macht, dass es keine Wohlfühlgeschichte wird.

Roscoe T. Martin liebt seinen Job. Er ist mit Herz und Seele Elektriker, sein Talent und seine Begeisterung boten ihm die Chance, dem Schicksal als Minenarbeiter zu entkommen, das ihm durch seine Familiengeschichte vorherbestimmt schien. Er ist glücklich, geht auf in seiner Arbeit, lernt Marie kennen, sie heiraten, ihr gemeinsamer Sohn Gerald wird geboren. Alles könnte perfekt sein. Dann stirbt Maries Vater, sie erbt seine Farm und die Familie zieht aufs Land, um ein neues Leben als Farmer zu beginnen. Marie fühlt sich dazu verpflichtet, Roscoe kommt widerstrebend mit. Eine fatale Entscheidung. Denn zum einen sind die Zeiten nicht einfach für ein solches Leben, zum anderen wird Roscoes Aversion gegen ein bäuerliches Dasein immer größer. Die Farm wirft zu wenig ab, sie können ohne Geld für Hilfskräfte die Arbeit nicht bewältigen, die Schulden wachsen – ein Teufelskreis.

»Die Farbe der Verandatreppe war gesprungen, einige Splitter davon flogen durch die Luft, als Roscoe die Stufen hinunterging. Früher war die Treppe ebenso weiß gewesen wie das Haus, aber jetzt war alles grau, sowohl die nackten Bohlen als auch die verbliebene, vom Alter stumpf gewordene Farbe. Roscoe blickte zu seiner Frau auf der Veranda zurück, sah, wie trostlos alles war, was sie umgab, die Spuren des Verfalls am Haus und auf dem Land ihres Vaters. Kletterpflanzen überwucherten die Schornsteine und Fliegengitter der Veranda, zerfraßen den Mörtel. Das Heim ihrer Kindheit war nicht mehr dasselbe, und Roscoe konnte, hier und jetzt, die Enttäuschung seiner Frau verstehen. Sie hatte die Farm retten und den Glanz, den diese unter ihrem Vater erlebt hatte, wiederherstellen wollen, aber seit ihrer Ankunft hatte sich nichts zum Besseren gewendet. Ihnen gelang es nicht einmal, den Status quo aufrechtzuerhalten. Ihre Erträge und ihre Ersparnisse schrumpften mehr und mehr, das Haus verfiel und das Land ließ sie im Stich.«

Die Ehe von Roscoe und Marie, ihre gemeinsame Existenz stehen kurz vor dem Aus. Da setzt Roscoe alles auf eine Karte und zapft gemeinsam mit Wilson, dem schwarzen Hilfsarbeiter der Farm, die Überlandstromleitung an, die – wie wir ja im ersten Satz des Buches erfahren haben – »etwa zehn Meter vom nordöstlichen Teil der Farm entfernt« vorbeiführt. Marie erzählt er die Lüge, dass er als Elektriker den Auftrag erhalten habe, quasi als Pilotprojekt mit der Elektrifizierung auch der abgelegenen Farmen zu starten. Wilson hilft ihm bei dem illegalen Vorhaben nur widerwillig.

Und alles ändert sich.

Eine elektrische Dreschmaschine übernimmt mühsame Arbeiten, die Erträge können gesteigert werden, es gibt elektrisches Licht, die Talsohle scheint durchschritten, Roscoe beginnt sich mit seinem Leben als moderner Farmer anzufreunden und eine im wahrsten Sinne des Wortes leuchtende Zukunft zeichnet sich am Horizont ab.

Und alles ändert sich.

George Haskin ist als Techniker beauftragt, regelmäßig die staatlichen Stromleitungen zu überprüfen und zu warten. Als er sich die  von Roscoe installierte Abzweigung genauer ansieht, wird er von einem Stromschlag getötet, die Hände verkohlen, Kopf und Gesicht verbrennen.

Roscoe und Wilson werden verhaftet und verurteilt. Roscoe muss für zwanzig Jahre ins Gefängnis, Wilson erhält zehn Jahre Haft, wird aber als Schwarzer zu Zwangsarbeit in einer Kohlenmine verurteilt – ein System, dass in jener Zeit den großen Industrieunternehmen zu Gute kam und bis weit ins 20. Jahrhundert hinein eine verdeckte und perfide Fortsetzung der Sklaverei war. Bei der Gelegenheit eine Leseempfehlung: Im Roman »White Tears« beschäftigt sich auch Hari Kunzru mit diesem Thema.

Ein großer Teil des Romans spielt im Gefängnis, als Ich-Erzähler berichtet Roscoe darüber, wie die Jahre vergehen, wie er versucht, irgendwie durchzukommen, wie ein Gnadengesuch abgelehnt wird und noch eines, wie der letzte Rest Hoffnung sich nach und nach in Fatalismus verwandelt. Aber auch, wie er als Hilfskraft des Gefängnisbibliothekars einen neuen Zugang zu Büchern und zur Literatur findet, wie er lernt, mit der Situation klar zu kommen, wie sich auch im Gefängnis kleine Auszeiten vom tristen Alltag ergeben können. Wie er nichts erwartet, aber auch niemals vergisst, dass er seine Zukunft an die Wand gefahren hat.

Durch regelmäßige Rückblicke erfahren wir mehr über sein Leben vor der Zeit im Gefängnis, über sein Aufwachsen, sein schwieriges Verhältnis zu seinem Vater, seinen Entschluss, das Leben in die eigenen Hände zu nehmen, sein und Maries Kennenlernen, den Umzug auf die Farm und die Erosion des kurzen Glücks. Bis hin zur falschen, aber nachvollziehbaren Entscheidung, die Stromleitung anzuzapfen – mit all ihren dramatischen Folgen. Dramatisch nicht nur für ihn, sondern auch für Wilson, den er mit hinunterzieht in den Strudel von Verantwortung und Strafe. Ebenso erfahren wir, wie es in der ersten Zeit nach seiner Verhaftung bei seiner Frau und seinem Sohn weitergeht, wie sie mit der Situation umgehen, welche Konsequenzen alles für sie hat. Und welche sie daraus ziehen. Dieser Erzählstrang dünnt mehr und mehr aus, bis er fast ganz verschwindet. Neun Jahre lang wird Roscoe seine Familie nicht mehr sehen, denn die beiden kommen ihn nie besuchen, lassen Briefe unbeantwortet.

Wie wird sie sein, die Zeit nach dem Gefängnis? Roscoe weiß, dass er Schuld auf sich geladen hat, die er nie wieder gut machen kann. Beginnt zu ahnen, dass da draußen nichts und niemand mehr auf ihn wartet. Und fragt sich, ob er sich je selbst verzeihen kann.

»Es ist 1926, und man sollte doch meinen, es bedeutet etwas, dass schon ein Viertel dieses Jahrhunderts hinter uns liegt. Ich bin jetzt seit drei Jahren an diesem Ort, und auch das bedeutet etwas, sollte man meinen. Ich habe gerade meinen dreiundreißigsten Geburtstag hinter mir und mein Leben besteht nur noch aus den Jahren vor Kilby und denen darin. Ich hoffe auf die Jahre danach, aber nicht zu oft. Hoffnung macht die darauffolgende Enttäuschung nur umso bitterer.«

Doch als er dann wegen guter Führung einige Jahre vor dem offiziellen Ende seiner Strafe tatsächlich entlassen wird und zur Farm seiner Frau zurückkehrt, kommt alles ganz anders. So anders, wie es weder er noch wir Leser erwartet hätten.

Im Zentrum der Handlung steht die Frage nach Schuld und Verantwortung. Haben Menschen eine zweite Chance verdient, die für den Tod eines anderen verantwortlich sind? Die ein Leben genommen haben? Die nicht aus Bösartigkeit oder mit Vorsatz getötet haben, sondern die durch eine fatale Verkettung von Umständen mit dieser Schuld leben müssen. Und ebenso mit der Schuld, das Leben des Mithelfenden in die falsche Richtung gelenkt zu haben. Kann Roscoe für sich selbst einen Neuanfang finden? Und wie könnte dieser aussehen? Die behutsamen Antworten darauf sind eingebettet in die gelungene Schilderung einer Zeit, in der Rückständigkeit und technische Veränderungen aufeinanderprallen. In der Rassismus zum Alltag gehört und wirtschaftliche Schwierigkeiten die Menschen in die Knie zwingen und durch alle Netze fallen lassen.

Roscoe T. Martin trifft eine falsche Entscheidung. Und alles ändert sich.

Nicht nur für ihn.

Buchinformation
Virginia Reeves, Ein anderes Leben als dieses
Aus dem Englischen von Simone Jakob und Hannes Meyer
DuMont Buchverlag
ISBN 978-3-8321-9869-5

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