Zum Wolf werden

Guillermo Arriaga: Der Wilde

Wie anfangen? Diese Frage stelle ich mir oft zu Beginn einer Buchvorstellung, doch selten war ich so unschlüssig wie diesmal. Denn es geht um ein Buch, in dem zwei vollkommen unterschiedliche Handlungsstränge gekonnt zusammengeführt werden; das alles auf drei, vier Zeitebenen. An der Oberfläche ist der Roman »Der Wilde« von Guillermo Arriaga die Geschichte einer Rache. Doch dies in einer Vielschichtigkeit, die weit darüber hinaus geht.

Im Zentrum der Handlung steht das Kleine-Leute-Viertel Unidad Modelo in Mexiko-City, in dem der Ich-Erzähler Juan Guillermo und sein Bruder Carlos aufwachsen. Das Leben findet zu großen Teilen auf den flachen Dächern der Häuser statt, die »Landschaft aus Wassertanks, Wäscheleinen und Fernsehantennen« ist ein Ort, an dem sich besonders die jungen Menschen treffen. Es gibt Wege von Dach zu Dach, die schmalen Gassen müssen übersprungen werden. Der Grund für diese Rückzugsgebiete ist die politische Situation: Es ist das Jahr 1969 und die konservative mexikanische Regierung mit ihrer Kommunisten-Paranoia geht rigoros gegen jeden vor, der nicht in das offizielle Weltbild passt; lange Haare bei einem Mann reichen, um von den patrouillierenden Polizisten zusammengeschlagen zu werden. Ein Jahr zuvor endete eine Studenten-Demonstration im Kreuzfeuer des mexikanischen Militärs. „Zum Wolf werden“ weiterlesen

Familien.Geschichte

Per Leo: Flut und Boden

Viele Leser kennen das: Man ist hin- und hergerissen von einem Roman; während der Lektüre kann man gar nicht genau beschreiben, was einem an dem Werk gefällt, ist aber gleichzeitig davon fasziniert. Doch ist es nicht gerade das, was ein gutes Buch ausmacht? Dass es einen nicht loslässt, auch wenn man beim Lesen merkt, dass es völlig anders ist als erwartet? Dass man es auch danach nicht wieder vergisst und auch viele Monate später noch darüber nachdenkt; eine Stimmung verinnerlicht hat, die nachschwingt. So ging es mir mit „Flut und Boden“ von Per Leo. Ich habe es vor über einem Jahr gelesen und merke, dass es zu den Büchern gehört, die mir nachhaltig im Kopf geblieben sind. Ein guter Grund also, es endlich hier vorzustellen. „Familien.Geschichte“ weiterlesen

Wer nichts weiß, muss alles glauben

Kant: Was ist Aufklärung?

1989 hatte man das Gefühl, ab nun würden Europa und die Welt friedlichere Orte werden. Plötzlich standen sich nicht mehr zwei Großmächte waffenstarrend gegenüber, die Gefahr eines versehentlich ausgelösten Atomschlags schien gebannt, Grenzen öffneten sich und fast ganz ohne Blutvergießen stürzten die Regime der Unterdrücker in Osteuropa.

Doch die Illusion währte nur kurz, so als hätte die Geschichte lediglich für einen Moment den Atem angehalten. Dieser Moment war schnell vorbei. „Wer nichts weiß, muss alles glauben“ weiterlesen

Made in Germany

Gerhard Seyfried: Verdammte Deutsche

Was es bedeutet, nicht in einer bestimmten Phase seines Lebens hängenzubleiben, das zeigt beeindruckend der Cartoonist und Schriftsteller Gerhard Seyfried. Erschienen in den Achtzigern seine wunderbar schrägen Comics rund um die linksalternative Berliner Hausbesetzerszene, hat er sich in den letzten elf Jahren einen Namen als Autor beeindruckend recherchierter historischer Romane gemacht. „Verdammte Deutsche“ thematisiert wie die Vorgänger-Romane „Herero“ und „Gelber Wind“ die Zeit des wilhelminischen Kaiserreichs und nimmt uns mit in ein Europa kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. „Made in Germany“ weiterlesen