Die Pausenhofschläger stoppen

Wolf Iro: Was jetzt zaehlt - Gegen den alltaeglichen Rechtsextremismus

»Sollte die AfD im Herbst 2026 die Mehrheit in Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern erlangen und das Amt des Ministerpräsidenten besetzen, kann niemand sagen, dass dies überraschend gekommen sei. Mit der höhnischen Freimütigkeit eines Pausenhofschlägers formuliert die Partei inzwischen ihre Absichten.« Dieses Zitat stammt aus »Was jetzt zählt« von Wolf Iro, eine – wie es der Wagenbach treffend nennt – Handreichung »Gegen den alltäglichen Rechtsextremismus«. Es ist ein schmaler Band, nur unwesentlich größer als ein Reclamheft, aber er hat es in sich: Er enthält eine Bestandsaufnahme unserer jetzigen politischen Situation, präzise formuliert und brillant auf den Punkt gebracht. Und die Bezeichnung »Handreichung« ist wörtlich gemeint, denn er liefert zahlreiche Handlungsempfehlungen. 

Erschienen ist der Band wenige Monate, bevor die Pausenhofschläger die Wahl in Sachsen-Anhalt gewonnen haben. Ein Ergebnis, das alle klar denkenden Menschen ratlos zurücklässt – das aber ein Gegensteuern umso wichtiger macht. Denn es geht dabei nicht nur um Wahlergebnisse, sondern um unseren Alltag, um die Veränderungen in unserer Gesellschaft, die sich immer deutlicher bemerkbar machen. Alleine, dass wir schon über den im Untertitel genannten »alltäglichen Rechtsextremismus« sprechen müssen, ist dramatisch genug. Natürlich war ewiggestriges Denken nie verschwunden, aber nun drängt es sich immer frecher in die Mitte unserer Gesellschaft.

Ein wichtiger Punkt ist die klare Benennung unserer Feinde. Dabei ist es ein großes Problem, die Begriffe »rechts« und »rechtsextrem« gleichzusetzen. Natürlich ist es immens wichtig, dass es Initiativen wie »Omas gegen Rechts«, »Rock gegen Rechts« oder »Verlage gegen Rechts« gibt, doch der Autor beschreibt, wie sehr diese Formulierungen auch denjenigen dienen, die es zu bekämpfen gilt: »Es war ein schwerer strategischer Fehler der demokratischen Parteien, die Gleichsetzung von rechts/rechtsextrem nicht verhindert zu haben. Etwas Besseres konnte der AfD nicht passieren.« Denn eine konservative, »rechte« Meinung steht auf dem Boden unserer demokratischen Verfassung, eine rechtsextreme dagegen niemals. Die Gleichsetzung begann schon vor Jahrzehnten, etwa bei der Selbstbeschreibung der »Neuen Rechten«. Damit begann der Weg der Rechtsradikalen in die gesellschaftliche Mitte. »Wenn der Unterschied nicht mehr deutlich erkennbar ist, kann man sein extremes Gedankengut als lediglich rechts vermarkten.« Und macht sich anschlussfähig. Um dem entgegenzuwirken, sollte man die AfD so oft wie möglich als das bezeichnen, was sie ist: Antidemokratisch. Wichtig dabei: »Selbstverständlich heißt das nicht, auf eine Einstufung der Partei als rechtsextrem zu verzichten. Eine solche ist, im Gegenteil sehr wichtig. In vielen Fällen aber ist die Beschreibung der Partei als antidemokratisch die sinnvollere Variante, denn sie betont deren zerstörerische Absichten: Es geht der AfD um die Abschaffung des demokratischen Systems.«

Daher kann man es nicht oft genug sagen: Die AfD ist kein politischer Gegner. Sie ist der Feind unserer freien Gesellschaft. Unserer Demokratie.

Dieses antidemokratische Denken und Handeln muss so oft wie möglich deutlich gemacht werden. Hier sind die Medien gefragt. Doch wie oft bieten sie in Talkshows den AfDlern einfach nur eine Plattform, um ihre Lügen und Halbwahrheiten zu verbreiten? Wolf Iro nennt hier Beispiele für vollkommen misslungene Veranstaltungen, etwa die Talkrunde zwischen Boris Palmer und dem baden-württembergischen AfD-Chef. Besser geschulte Gesprächspartner, Live-Faktenchecks, permanentes Nachhaken – das sind die Diskussionstechniken, auf die es nun ankommt. Denn wenn man Demokratiefeinden schon eine Bühne bietet, dann muss man alles tun, um ihre Worthülsen aufzubrechen und sie medial zu stellen. 

Stichwort Verfassungspatriotismus; ein weiteres wichtiges Thema. Wir dürfen nicht zulassen, dass sich die Antidemokraten die Insignien unseres Staates aneignen. Die Bundesrepublik Deutschland ist eines der freiesten Länder der Welt und unsere Fahne Schwarz-Rot-Gold oder unsere Hymne sind die Symbole nicht nur unseres Staates, sondern unserer Verfassung. Viele Menschen, die sich dem linken Meinungsspektrum zuordnen, zucken beim Wort Patriotismus zusammen. Aber wie bereits im Beitrag zu Timothy Snyders Band »Über Tyrannei« geschrieben: Patriotismus ist das Gegenteil von Nationalismus, denn ein Patriot sorgt sich um sein Land, um dessen Freiheit und Wohlergehen. Ein Nationalist ist getrieben von seinem Hass auf andere – was wiederum dem eigenen Land schadet. Es ist daher patriotisch, Parteien wie die AfD nicht zu wählen. Und Verfassungspatriotismus ist das Gegenteil des ethnisch-völkischen Nationenbegriffs der blauen Antidemokraten.  Wolf Iro schreibt über unsere Verfassung: »Lässt sich unter dem Druck der Bedrohungslage das Bewusstsein für den Wert der Verfassung zu einer antifaschistischen Gegenerzählung umformen? Dies entspräche dem Geist des Grundgesetzes, in dem die Grundrechte an erster Stelle aufgeführt sind. Es ist eine zu wenig bekannte Tatsache, dass Menschenwürde, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und föderale Struktur von den Verfassern als so zentral für das neue, postfaschistische Deutschland angesehen wurden, dass sie mit der sogenannten Ewigkeitsklausel abgesichert sind – selbst eine Zwei-Drittel-Mehrheit im Bundestag und Bundesrat könnte diese Artikel nicht abschaffen.« Mir war in der Tat nicht bekannt, dass ein solcher Verteidigungswall in unserer Verfassung eingebaut ist. 

Das sind ein paar der zentralen Gedanken des Buches. In weiteren Kapiteln geht es um das wichtige Thema der Verteilungsgerechtigkeit und Ungleichheit und was die Politik hier liefern muss – und wie schädlich für uns alle hier die Lobbyarbeit einzelner Interessengruppen ist, etwa der Stiftung Familienunternehmen. Die tatsächlich nur 0,2 Prozent aller Familienunternehmen im Land vertritt, »aber mit aggressivem Gebaren und besten Verbindungen einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Politik ausübt und dabei gegen alle Arten progressiver Vorhaben vom Klimaschutz bis zu europäischen Transferleistungen agitiert.« 

Es geht um gesellschaftliches Engagement, das im Großen funktioniert – wie zum Beispiel beim WIR-Festival in Halle als stadtweite und bunte Gegenveranstaltung zur dumpf-antidemokratischen Buchmesse »Seitenwechsel«. Oder im Kleinen – etwa, wenn wir keine Produkte mehr aus dem Hause Müller-Milch kaufen, dessen Inhaber Theo Müller ein engagierter AfD-Unterstützer ist. »Landliebe« und »Weihenstephan« sind dabei die bekanntesten Marken und sie wandern schon längst nicht mehr in meinen Einkaufswagen. Hier gibt es die vollständige Liste mit zahlreichen weiteren, meist regionalen Marken. 

Es geht um die großen Social-Media-Plattformen, die zu toxischen Empörungsschleudern mutiert sind und deren Betreiber nichts zu tun haben wollen mit all der Hetze, den Lügen und der demokratiefeindlichen Propaganda, die von dort aus das Internet fluten, die öffentliche Meinung beeinflussen und (nicht nur) unser Land destabilisieren. Wenn sie nicht sogar selbst mitmischen und wie Elon Musk dort rechtsradikalen Schwachsinn verbreiten. Es wird allerhöchste Zeit, diese Plattformen als Medien zu betrachten – mit allen strafrechtlichen Konsequenzen für die dort kommunizierten Inhalte. Wir selbst können hier auch recht einfach tätig werden: Twitter nicht nutzen, Amazon nicht nutzen, Alternativen zu Google, WhatsApp und PayPal nutzen.

Und natürlich geht es um die rechtlichen Möglichkeiten, die AfD-Antidemokraten zu bekämpfen und um die Frage, ob eine Demokratie alles tolerieren muss (Spoiler: Nein). Es geht darum, eine starke Gegenerzählung zu entwickeln (nochmals Stichwort Verfassungspatriotismus; die Aktion von Boris Pistorius und der SPD-Fraktion auf dem Berliner Bebelplatz war genau richtig). Darum, die Diskussion um ein AfD-Verbot endlich ernsthaft zu führen – hier spielt der Autor die möglichen Szenarien durch. Und auch wie ein möglicher Prozess aussehen müsste, nämlich als faires, demokratisches Verfahren, voll transparent und unter kompletter Einbeziehung der Öffentlichkeit.

Es geht um die Rolle der etablierten Medien im Kampf gegen die Antidemokraten, um die Rolle der Kunstschaffenden und Literaten, aber dabei auch um das Versagen unserer derzeitigen Regierung, indem sie wichtigen demokratiefördernden Projekten die Geldmittel entzieht oder einen Kulturstaatsminister mit einem konservativ-autoritären Weltbild eingesetzt hat. 

Der Blogbeitrag ist länger geworden als gedacht, aber trotzdem bildet er nur die Oberfläche des Buches ab. Denn es steckt so viel Wissens- und Nachdenkenswertes in diesem Band. Es ist eine sorgfältige Analyse der Bedrohungslage unserer Demokratie, gut lesbar, unaufgeregt, mit historischen Bezügen, exakt in den Schlussfolgerungen und mit der ein oder anderen süffisante Spitze, die zeigt, welch Geistes Kind die blauen Pausenhofschläger sind. Etwa wenn es heißt: »Beatrix von Storch, jene Funktionärin, die ihren christlichen Glauben mit der Forderung nach Schusswaffeneinsatz gegen Flüchtlinge zu vereinbaren weiß.«

Am Ende des Buches gibt es eine To Do-Liste, die alle Schlussfolgerungen nochmals als kurze Handlungsaufforderungen zusammenfasst. Lesen sollten den Band besonders »die Fatalisten und die Optimisten«. Die einen, um sich aufrütteln zu lassen, die anderen, um zu verstehen, dass sich nichts einfach von selbst zum Guten wendet. Nie. 

Wir mögen nicht in einem perfekten Land leben. Aber ein besseres und freieres Deutschland hat es nie zuvor gegeben. Und daher lohnt es sich, für unsere Freiheit zu kämpfen. Und niemals den Demokratiefeinden zu weichen. 

Buchinformation
Wolf Iro, Was jetzt zählt – Gegen den alltäglichen Rechtsextremismus
Wagenbach Verlag
ISBN 978-3-8031-3774-6

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Schon alles gesagt. Eigentlich.

Caro Claire Burke: Yesteryear

Über dieses Buch ist schon alles gesagt. Zumindest fühlt es sich so an, denn ich weiß nicht, wie viele Rezensionen, Buchvorstellungen und Texte über den weltweiten Bestseller »Yesteryear« von Caro Claire Burke in den letzten Monaten geschrieben wurden. Ziemlich viele jedenfalls, zumindest war der Roman eine Weile lang allgegenwärtig. Daher muss ich mich hier im Blog eigentlich nicht mehr dazu äußern, denn wer wollte das noch lesen? 

Ich muss nichts zu der Hauptperson aus »Yesteryear« sagen, der Ich-Erzählerin Natalie Heller Mills, die aus christlich-konservativer Familie stammt, mit ihrem Ehemann Caleb völlig abgelegen auf einer Farm lebt, dort eine Heile-Welt-Idylle mit klassischen Rollenbildern zelebriert und damit zu einer erfolgreichen Tradwife-Influencerin wird. „Schon alles gesagt. Eigentlich.“ weiterlesen

»Ich las oft im Gehen«

Anna Burns: Milchmann

Belfast. Ich muss nur dieses Wort, diesen Städtenamen schreiben – schon sind Bilder und Erinnerungen in meinem Kopf. Bilder einer regennassen Straße, über die ein Panzerwagen fährt. Eines belebten Platzes in der Innenstadt, der von einer schwerbewaffneten Einheit britischer Soldaten schnell durchquert wird. Eines hohen Zaunes, dem Peacewall, und zweier Uniformierter, die an einem Tor stehen und angespannt schauen, die Maschinenpistolen im Anschlag. Bilder von Mauern, übersät mit martialischen Graffiti, von trostlosen, grauen Straßen, von ausgebrannten Ruinen inmitten der Häuserzeilen, fehlenden Zähnen gleich. Und über allem das unterschwellige Gefühl von Gewalt, die jederzeit ausbrechen kann. Ich war im März 1993 nur drei Tage in Belfast, aber ich werde diesen kurzen Besuch nie vergessen. Die Schwarzweißbilder in diesem Beitrag sind während dieses Aufenthalts entstanden. Sie sind etwas körnig, da ich keine Negative dazu habe und sie abphotographieren musste.

Dabei waren zu Beginn der Neunziger die allerschlimmsten Jahre schon vorbei; in den Siebzigern oder Achtzigern herrschte Bürgerkrieg in Belfast und in Nordirland – Katholiken gegen Protestanten, die IRA gegen die britische Armee und die Milizen des Oranierordens. Dabei ging es schon längst nicht mehr um Freiheit oder Unabhängigkeit; die IRA war zu einer Organisation mit mafiaartigen Strukturen mutiert, die von Schutzgeldern und Erpressungen lebte und die Briten vergalten Terror mit Gegenterror, mit Unterdrückung, willkürlichen Verhaftungen und flächendeckender Überwachung. Und zwischen den Fronten saßen die Menschen fest, die in einem permanenten Ausnahmezustand lebten und deren Alltag bestimmt war von totalitären Strukturen und strengkonservativen gesellschaftlichen Zwängen. Mitten hinein in diese Zeit, mitten hinein in das Belfast der Siebzigerjahre führt uns der Roman »Milchmann« von Anna Burns. Ohne Belfast, Nordirland oder Großbritannien auch nur ein einziges Mal beim Namen zu nennen. „»Ich las oft im Gehen«“ weiterlesen

Sieben Jahre später

J.D. Vance: Hillbilly-Elegie | Sieben Jahre später

Es geschieht nicht oft, dass ich sieben Jahre nach einem Blogbeitrag noch einmal über das gleiche Buch schreibe. Es geschieht allerdings auch nicht oft, dass ein Autor als Kandidat für das Amt des Vizepräsidenten in den US-Wahlkampf zieht – und dabei mit grotesk reaktionären Sprüchen den blondierten Psychopathen unterstützt, der eine ernsthafte Gefahr für die Demokratie und die freie Welt darstellt. Natürlich ist die Rede von J.D. Vance und seinem autobiographischen Werk »Hillbilly-Elegie«. Ein Werk, das mich sehr beeindruckt hat, als ich es 2017 gelesen habe. Damals schrieb ich hier im Blog: »Ein Buch über das Verschwinden einer Arbeiterklasse, über die Verlogenheit des amerikanischen Traums und über den steinigen Weg zu einem bürgerlichen Leben: J.D. Vance zeigt uns in »Hillbilly-Elegie« eine für uns kaum vorstellbare Welt und beschreibt anschaulich den Zerfall der amerikanischen Gesellschaft. Außerdem ist es ein Buch, das mir eine Türe zu längst vergessen geglaubten Erinnerungen aufgestoßen hat.«  „Sieben Jahre später“ weiterlesen

Brief an den Vater

Necati Oeziri: Vatermal

Für die Überschrift dieses Blogbeitrags habe ich mir den Titel von Franz Kafkas »Brief an den Vater« geborgt; eines der bekanntesten Zeugnisse der Literaturgeschichte, in dem ein Autor mit der alles dominierenden Präsenz eines Familienpatriarchen abrechnet. Und auch wenn es vollkommen unterschiedliche Texte sind und nichts miteinander zu tun haben, finde ich den Titel auch hier passend. Denn Arda Kaya, der Protagonist des Romans »Vatermal« von Necati Öziri, schreibt ebenfalls an seinen Vater und prangert dessen Verhalten als verhängnisvoll für das Leben seiner Familie an. Zwar gibt es einen wichtigen Unterschied, denn Ardas Vater dominiert nicht mit seiner Präsenz, sondern hat mit seinem unvermittelten Weggang eine riesige Lücke gerissen. Doch gerade diese Leerstelle prägt das Leben von ihm, seiner Schwester Aylin und ihrer Mutter Ümran auf eine alles erdrückende Weise. 

Der Ich-Erzähler Arda liegt im Krankenhaus. Er ist jung, noch zu Beginn seines Studiums, aber es ist sehr ungewiss, ob er die Klinik lebend verlassen wird. Die Diagnose lautet Autoimmunhepatitis, sein eigenes Immunsystem greift die Organe an und niemand weiß, ob und wie dies zu stoppen ist. Ein junger Mensch, dessen Leben gerade gestartet war, steht bereits vor dem Ende. Und er nutzt dies, um alles aufzuschreiben, was er Metin, seinem Vater, gerne gesagt hätte. Seinem Vater, den er nie kennengelernt, der ihn durch seinen Weggang im Stich gelassen hat. Und gleich auf den ersten Seiten fällt ein starker, ein entscheidender Satz: »Ich möchte dir für immer die Möglichkeit nehmen, nicht zu wissen, wer ich war.«  „Brief an den Vater“ weiterlesen

Drama im Nieselregen

Nadifa Mohamed: Der Geist von Tiger Bay

Jedem literaturbegeisterten Menschen wünsche ich, mindestens eine Buchhandlung seines Vertrauens in Reichweite zu haben. Bedingt durch die Größe der Stadt, in der ich lebe, sind es bei mir sogar mehrere; eine davon ist nur einen kurzen Spaziergang entfernt. Es ist keine große Buchhandlung, tatsächlich ist sie sogar recht klein. Aber sie ist so gut sortiert, dass ich jedes Mal, wenn ich sie besuche, ein Buch finde, von dem ich zuvor noch nicht wusste, dass ich es dringend benötigen würde. Dort stieß ich auch auf den Roman »Der Geist von Tiger Bay« von Nadifa Mohamed, ein Werk, das ohne diesen Buchhandlungsbesuch wahrscheinlich an mir vorbeigegangen wäre. Und damit hätte ich eine beeindruckende und erschütternde Lektüre verpasst. Eine, die man nicht mehr so schnell aus dem Kopf bekommt. 

Die Handlung führt zurück in das Jahr 1952, ins walisische Cardiff. Die Stadt war damals einer der wichtigsten Häfen der Welt, in dem ein großer Teil der Kohle aus den walisischen Bergwerken verschifft wurde. Und Tiger Bay wurde das Hafenviertel genannt; ein lebendiger und multikultureller Stadtteil, in dem Menschen aus über fünfzig Nationen zusammenlebten. Eine Arbeitergegend, in der auch viele Matrosen ein Zuhause fanden. Straßenzüge mit einfachen Häusern, kleine Geschäfte, in denen Dinge des täglichen Bedarfs oder Ausrüstungsgegenstände für Seeleute verkauft wurden; der Geruch der Kohleöfen, der sich mit der brackigen Luft des Hafens vermischte, ständiger Nieselregen, Kneipen, Spelunken, Bars, Tanzlokale, das ein oder andere Bordell. Kleinkriminelle und Diebe machten das Viertel unsicher, aber es lebten auch unzählige Familien dort, einfache Menschen mit ihren Kindern, die versuchten, irgendwie über die Runden zu kommen. Es war eine raue Gegend; mit dem Niedergang des Hafens und der Kohleförderung ist sie verschwunden. Straßenzüge wurden abgerissen, Menschen zogen fort, Häuser verfielen. Und Tiger Bay wurde zu einem Mythos. „Drama im Nieselregen“ weiterlesen

Leben um des Lebens willen

Guillermo Arriaga: Das Feuer retten

Der Roman »Das Feuer retten« von Guillermo Arriaga liegt neben mir, gerade habe ich ihn beendet und schaue auf das ziegelsteingroße Buch. Aus den achthundert Seiten scheint Qualm aufzusteigen, so als verströmen sie nach der Lektüre noch eine Mischung aus Testosteron, Adrenalin und Pulverdampf. Was habe ich da gelesen? Die Geschichte einer leidenschaftlichen Liebe. Die Geschichte einer Selbstzerstörung. Die Geschichte einer kaputten Gesellschaft. Die Geschichte eines zerrissenen Landes, geprägt von Gewalt und Ungerechtigkeit. Die Geschichte zweier Menschen, deren Anziehungskraft füreinander sie alle Normen vergessen lässt – mit dramatischen Folgen. Und lebensgefährlichen Konsequenzen. 

Der Autor hat dem Buch zwei Sätze des französischen Regisseurs und Autors Jean Cocteau vorangestellt: »Wenn das Feuer mein Haus niederbrennt, was würde ich retten? Ich würde das Feuer retten.« Dieses titelgebende Zitat ist eine Kampfansage an die Mittelmäßigkeit, in der es sich die meisten von uns bequem eingerichtet haben. Doch wehe, wenn die Mauer, die unser bequemes Leben umgibt und die das Gefühlschaos und die brennende Leidenschaft aussperrt, auch nur einen hauchdünnen Riss bekommt. Dann bricht die eigene, kleine Welt auseinander. „Leben um des Lebens willen“ weiterlesen

Corona in der Literatur? Bitte (noch) nicht

Corona in der Literatur: Bitte (noch) nicht

In den freien Tagen nach Weihnachten 2021 machte ich es mir auf dem Sofa bequem: Ich wollte mich mit »Never«, dem neuen Polit-Thriller von Ken Follett entspannen. Das funktionierte nur bedingt, denn das Ende dieses Buches geht – vor allem bei der aktuellen Nachrichtenlage – so unter die Haut, dass ich nachts nur schwer einschlafen konnte. Aber davon möchte ich gar nicht erzählen, sondern nur von einem winzigen Detail des Romans; von einer einzigen Formulierung. Denn die Handlung ist in der unmittelbaren Zukunft angesiedelt, so nah an unserer Zeit, dass sie schon fast in der Gegenwart spielt. Aber eben nur fast. An einer Stelle wird eine Straße, ein Stadtviertel beschrieben. Es heißt darin, dass durch die Pandemie viele der zahlreichen Restaurants und Cafés schließen mussten, inzwischen aber neue eröffnet hätten.

Das war alles zu Corona, was darin zu lesen war. Gleichzeitig war es für mich das erste Mal, dass ich das Thema überhaupt in einem Roman erwähnt fand. Und in dieser Form, als eine vage Erinnerung an eine Zeit, die glücklicherweise vorüber ist, fand ich es erträglich. Aber mehr muss nicht sein, denn das pandemische Geschehen der letzten zwei Jahre ist so bedrückend und frustrierend, dass ich nicht auch noch meine wertvolle Leselebenszeit damit verbringen möchte. Daher mache ich einen großen Bogen um Romane, die auf irgendeine Weise Corona in die Handlung mit einbauen, wie etwa Juli Zehs »Über Menschen«. Auch für das kommende Jahr sind Bücher mit dem Label »Corona-Roman« geplant; diese wandern bei mir automatisch auf die Werde-ich-sicher-nicht-lesen-Liste. „Corona in der Literatur? Bitte (noch) nicht“ weiterlesen

Freundschaft mit Glaswand

Ob jemals ein klassenloses Zusammenleben möglich sein wird? Ich glaube das nicht, zu ausgeprägt ist das menschliche Bedürfnis, sich in Gruppen zusammenzufinden und sich mit ungeschriebenen Verhaltensregeln und Codes von anderen Gruppen abzugrenzen. Natürlich ist unsere heutige Gesellschaft durchlässiger geworden, zumindest in der Theorie. Doch auch wenn ein sozialer Aufstieg gelingen sollte, dann endet er meist an der Glaswand jener Verhaltensregeln und Codes. »Wenn ich kämpfe, kann ich gewinnen« – dies ist das Credo von Freddy, der in einer halbkriminellen Prekariatsfamilie aufwächst. Das ihn allerdings nicht weit gebracht hat: Wir lernen ihn kennen, als er aus dem Gefängnis entlassen wird. Damit startet der Roman »Alleingang« von Stefan Moster. Es ist eine starke Szene. Die erste von vielen. „Freundschaft mit Glaswand“ weiterlesen

Über Gentrifizierung. Ein Textbaustein*

Ueber Gentrifizierung: Textstelle aus »Der Sollist« von Jan Seghers

»Als Gentrifizierung bezeichnet man den sozioökonomischen Strukturwandel großstädtischer Viertel durch eine Attraktivitätssteigerung zugunsten zahlungskräftigerer Eigentümer und Mieter und deren anschließenden Zuzug. Damit verbunden ist der Austausch ganzer Bevölkerungsgruppen.« Diese dürre Wikipedia-Definition beschreibt eines der größten Probleme unseres Wohnungsmarktes, bei dem es nicht nur um bezahlbaren Wohnraum, sondern um eine zunehmende Spaltung der Gesellschaft geht. „Über Gentrifizierung. Ein Textbaustein*“ weiterlesen