Neues aus den USA

Neue Bücher von T.C. Boyle, Paul Auster, Jonathan Safran Foer und Hanya Yanagihara

Ich war noch niemals in New York. Und noch niemals in San Francisco. Oder in Chicago. Noch niemals in den USA, außer einmal vier Stunden lang auf dem Flughafen von Los Angeles beim Warten auf den Anschlussflug nach Neuseeland. Durch unzählige Bücher und Filme fühlen sich die USA trotzdem stets irgendwie vertraut an, keine Ahnung wie oft ich mit Roman- oder Filmhelden schon in New Yorker Cafés saß, schnurgerade Straßen in eine endlose Weite hinein gefahren bin oder die Golden Gate Bridge im Nebel auftauchen sah.

Die USA sind für mich immer ein Sehnsuchtsort gewesen, trotz ihrer Doppelmoral, wegen der es unter 21-Jährigen zwar möglich ist, eine Waffe zu besitzen, nicht aber ein Bier zu kaufen. Oder trotz ihrer Prüderie, übertriebenen, weltfremden Political Correctness oder einer bornierten Religiösität, die das eigene Land in den Mittelpunkt stellt und dabei ausblendet, wie viel Elend die Außenpolitik Amerikas über die Welt gebracht hat. Aber Literatur aus den USA ist ein wesentlicher Bestandteil meines persönlichen Kanons. Einer, den ich auf keinen Fall missen möchte, der mich mit geprägt hat, auch wenn ich noch nie in dem Land war, das in so vielen Geschichten in meinem Kopf vorkommt.

Die meisten von uns schauen gerade fassungslos über den Atlantik und sehen, wie eine jahrhundertealte Demokratie durch einen blondierten Egomanen und seine Helfershelfer demontiert oder zumindest schwer beschädigt wird. Jeden Tag prasseln neue Nachrichten von Ungeheuerlichkeiten auf uns ein. Wobei man natürlich nicht vergessen darf, dass ein sehr großer Anteil der Amerikaner es gut findet, was da gerade geschieht. Was das Ganze noch schwerer verständlich macht.

Aber das hier soll keine Analyse des politischen Zustands des land of the free and the home of the brave werden, sondern dieser Beitrag möchte daran erinnern, dass nach wie vor auch Gutes aus den USA kommt – Gutes in Form von großartiger Literatur. Mein Faible für Autoren aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten spiegelt sich hier im Blog wieder, etwa in Besprechungen der Bücher von Cormac McCarthy, Nickolas Butler, Dennis Lehane, Don Winslow, John Dos Passos, Jack Kerouac, Daniel Woodrell, Bruce Holbert, Philip K. Dick oder Jocelyne Saucier.

Und jetzt warten die nächsten vier Bücher aus den USA auf mich; auf jedes von ihnen freue ich mich schon sehr. Nur über die Reihenfolge, in der ich sie lesen möchte, muss ich mir noch Gedanken machen.

Vielleicht beginnen mit T.C. Boyles „Die Terranauten“? Diesem Autor verdanke ich das Beenden einer mehrjährigen Lesepause, seitdem hat er immer einen wichtigen Platz in meinem Bücherregal eingenommen. Wobei ich gestehen muss, dass ich seine letzten Werke nicht kenne, dieses hier aber interessiert mich sehr. Es ist die Geschichte eines Experiments über menschliches Zusammenleben in einer künstlichen Welt; ein Scheitern des Projekts scheint vorprogrammiert zu sein. Guter Plot nach einer wahren Geschichte.

Paul Austers „4 3 2 1“ klingt ebenfalls vielsprechend: Die Lebensgeschichte eines jungen Amerikaners in den fünfziger Jahren, erzählt in vier verschiedenen Varianten. Als großer Fan gut erzählter Was-wäre-wenn-Geschichten auf jeden Fall eine Lektüre, an der ich auf keinen Fall vorbeigehen kann. Zumal Paul Auster einer der Schriftsteller ist, die mich zwischen 20 und 30 sehr intensiv begleitet haben; keine Ahnung, wie oft ich damals „Die New-York-Trilogie“ gelesen habe. Auch von ihm habe ich die letzten Jahre wenig mitbekommen, es ist wie das Wiedersehen mit einem alten Bekannten.

Über Hanya Yanagiharas „Ein wenig Leben“ muss man ja nicht viel Worte verlieren. Es gibt wohl kaum ein Buch, das momentan so massiv in allen Medien präsent ist. Vorab-Schwärmereien, Besprechungen, Schilderungen von Leseerfahrungen, Gespräche über die Gefühle, die das Buch auslöst. Es ist mir schon zuviel, denn wenn alle, wirklich alle über einen Roman sprechen, hat man das Gefühl, ihn gar nicht mehr selbst lesen zu müssen. In einer Buchhandlung habe ich dann doch einmal hineingeblättert. Und schon die ersten paar Seiten haben mich neugierig darauf gemacht, wie es weitergeht; haben eine Art Sog erzeugt, dem ich mich nun nicht entziehen möchte. Bin gespannt.

Jetzt noch ein Geständnis: Ich habe tatsächlich noch kein einziges Buch von Jonathan Safran Foer gelesen, obwohl „Alles ist erleuchtet“ und „Extrem laut und unglaublich nah“ schon seit Jahren im Bücherregal darauf warten. Unverzeihlich. Nun ist die Frage, ob ich erst einmal mit diesen beiden beginne oder gleich mit dem neuen Roman „Hier bin ich“ starte, der Ende 2016 erschienen ist. Was meint Ihr?

Vier Werke, die bei alle Unterschiedlichkeiten eines gemeinsam haben: Bücher wie diese verkörpern die USA, die ich eingangs als Sehnsuchtsort bezeichnet habe. Inspirierende Literatur, die bleibt und unsere Lesegewohnheiten prägt. Und über deren Autoren wir noch reden werden, wenn die unsäglichen Populisten unserer Zeit längst verschwunden sind. Hoffen wir, dass dieses Verschwinden nicht allzu lange auf sich warten lässt. Oder vielleicht auch erst einmal nur, dass sie wieder verschwinden.

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14 Kommentare

  1. Ich möchte hier mal ein ganz dickes Lob zu deinem Blog loswerden! Die Verbindung von liebevoll arrangierten Photos und sehr persönlichem Schreibstil lassen wirklich Atmosphäre aufkommen und zeigen, dass gerade die Wechselwirkung zwischen Buch und Leser die spannendsten Geschichten schreibt.
    Weiter so!

  2. Ich werde den USA solidarisch verbunden bleiben. „Der Balken im eigenen Auge ist das beste Vergrößerungslas für den Splitter im Auge des anderen“ – ich finde, der Antiamerikanismus hierzulande sagt sehr viel mehr über unsere Gesellschaft aus, als etwas über die USA. Vielleicht ist auch jetzt gerade die richtige Zeit für einen Besuch. Die USA sind aber so vielfältig und von unterschiedlichen Mentalitäten geprägt, dass man schwerlich einen Eindruck von der Ostküste mit dem von der Westküste vergleichen kann. Und selbst bei den ehemaligen Kolonien macht es einen Unterschied, ob man sich die Nordstaaten oder Südstaaten ansieht. Man hüte sich vor Pauschalisierungen, wenn man einmal amerikanische Luft geschnuppert hat. Vielleicht ist das Bücherlesen daher wirklich besser geeignet, um einen umfassenderen Eindruck von der Mentalität zu bekommen.

    • Stimme ich Dir völlig zu. Wir haben hier bei uns wahrlich genug Baustellen, bei denen es nicht besonders gut aussieht.

  3. Ich bin auch noch niemals über den großen Teich geflogen. Leider! New York wäre mein Traumziel, obwohl ich es in Großstädten, riesige Metropolen nur kurze Zeit aushalte. Und auch ich lese amerikanische Literatur immer wieder gern, neben den bereits genannten schätze ich Don DeLillo, entdeckte kürzlich Richard Russo mit seinem „Die gottverdammten Träume“. Irgendwie haben alle großen Autoren die Gabe, die Essenz des Lebens in ihren Büchern auf besondere, unvergleichliche Weise zu erzählen. Deshalb freue ich mich auf Foer, Auster und Yanagihara. viele Grüße

  4. Ahoi!
    Ich habe von Foer bisher nur „Eating Animals“, sein Sachbuch, gelesen. Die anderen drei Bücher liegen auch bei mir auf dem Lesestapel, ich glaube aber, dass ich mit „Hier bin ich“ anfangen werde. Liegt eindeutig an der Lesung Ende Januar, da haben er und Saša Stanišić mich für das Buch begeistert.
    Hast du schon eine Entscheidung getroffen?

    Cheerio
    Mareike

    • Moin!

      Werde wohl mit „Extrem laut…“ beginnen, nachdem mir das schon mehrmals geraten wurde…
      Aber jetzt ist erstmal der Herr Auster dran.

      Liebe Grüße

      Uwe

  5. mir geht es da wie Dir, ebenfalls sehr geprägt durch viele großartige Schriftsteller und ihren Werken, gehört die amerikanische Literatur mit zu meinen liebsten. Unfassbar, wie das alles gerade zusammengeht oder bzw. nicht; meine Rat-und Verständnislosigkeit passt nicht zu meinem literarisch geprägten Amerikabild. Ich habe aus Deiner feinen Auswahl mit dem Jubilar begonnen und bin schon nach gut hundert Seiten sehr hingerissen.

    • Hallo Herr Schiefer,
      dann wird das wohl mein erstes Buch von ihm werden.
      Viele Grüße
      Uwe Kalkowski

  6. In Sachen Safran Foer,
    unbedingt zuerst »Extremely loud and incredibly close« lesen. Ist sein bestes.
    »Hier bin ich« ist über weite Strecken einfach nur geschwätzig.
    lg_jochen

  7. Witzig, mir geht es mit Foer so wie dir und ich lese deswegen gerade „Extrem laut und unglaublich nah“ und finde es einfach wunderbar.

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