Der letzte Ort

Andreas Moster: Wir leben hier, seit wir geboren sind

Ein Buch von gerade einmal 175 Seiten ist normalerweise in wenigen Stunden durchgelesen. Nicht so der Roman „Wir leben hier, seit wir geboren sind“ von Andreas Moster. Für diesen schmalen Band habe ich vier Tage gebraucht, musste immer wieder innehalten, die gelesenen Sätze nachklingen lassen, konnte immer nur ein paar Seiten am Stück lesen, langsam und behutsam, um kein Wort zu überspringen. Denn es ist eine ganz besondere Sprache, die das Buch auszeichnet. Roh und zart, abweisend und einladend zugleich, archaisch und düster, durchsetzt mit hellen Flecken einer unbestimmten Hoffnung. Und jedes Wort sitzt perfekt an der Stelle, an der es stehen soll.

Es geht um ein Dorf mitten in den Bergen, in den Alpen vielleicht, aber weder die Lage noch die Landeszugehörigkeit werden genannt. Beides spielt auch keine Rolle, denn in seiner Abgeschiedenheit ist das Dorf eine Welt für sich, die kaum einer seiner Bewohner je verlassen hat. Auch die Zeit, in der die Handlung angesiedelt ist, bleibt unbestimmt. Sie könnte irgendwann zwischen 1920 und 1970 spielen, vielleicht sogar später, im Heute, irgendwo in einer abgelegenen, strukturschwachen Region im Gebirge. Ein letzter Ort, weit weg von allem.

Die Lebensader des Dorfes ist ein Kalksteinbruch, alle männlichen Bewohner arbeiten darin, ihre Augen und Lungen werden von dem feinen Staub langsam verätzt; es ist eine harte Arbeit, doch eine andere gibt es nicht. Aus Kalkstein sind die Häuser gebaut, ist der Dorfplatz gepflastert und die Straßen, sind die Begrenzungsmauern errichtet. „Ein stumpfes, schmutziges Weiß, eine Monokultur, die den Boden auslaugte und auf Sicht unbrauchbar machen würde, falls dies nicht schon vor Jahren unbemerkt geschehen war.“  

Mit Kalkstaub bedeckt sind die Arbeiter und die Bahn, die sie in den Steinbruch fährt. Das Dorf ist mit einer Bahnlinie an die Außenwelt angeschlossen, um den gebrochenen Kalkstein abzutransportieren. Bergab sind die Gleise wie eine Pforte in ein anderes Leben, irgendwo weit unten im Tal. Eine Pforte, die sich aber kaum einer der Dorfbewohner zu durchqueren traut. Denn was sollten sie woanders, außerhalb ihrer Gemeinschaft mit ihren Ritualen, ihren dumpfen Tagesabläufen, immer gleich, einer wie der andere. Und mit ihrer unterschwelligen Brutalität, die stets drohend in der Luft hängt und dafür sorgt, dass niemand aus der Reihe tanzt.

„Das Gewitter ist zwischen den Bergen hängen geblieben und kann nicht fort. Immer wieder rollt es mit gesenktem Kopf gegen den Hang, donnert gegen die Felsen und taumelt wutenbrannt ins Dorf zurück, schleudert uns seine Blitze vor die Füße und spuckt uns ins Gesicht, bis es müde wird.“

Es ist ein komplexe Welt, die der Autor mit wenigen Worten erschafft. Durch die konsequente Vermeidung einer geographischen und zeitlichen Verortung unterstreicht er die Abgeschiedenheit des Dorfes, erzeugt den Eindruck einer verschworenen Gemeinschaft mit ihren eigenen archaischen Strukturen, Bräuchen und Umgangsformen. Und mitten hinein in diesen abgegrenzten Kosmos kommt ein Besucher, ein junger Mann, Abgesandter der Minengesellschaft, die den Steinbruch betreibt. Einen Steinbruch, der fast gänzlich abgebaut ist und dessen Erträge ständig sinken. Der junge Mann, Georg Musiel, soll sich vor Ort umsehen, um die Unrentabilität zu bestätigen. Sein Urteil wird endgültig über eine Schließung entscheiden.

Zwei Handlungsstränge gibt es: Zum einen die Geschichte von Georg, unsicher, phlegmatisch, einsam, von Selbstzweifeln und Hautausschlägen geplagt. Er trifft auf die Arbeiter des Dorfes, wortkarg, wettergegerbt und finster, die ihn als Bedrohung ansehen. Denn wird der Steinbruch geschlossen, hat das Dorf keine Zukunft mehr, ihre Heimat wäre dem Untergang geweiht.

Und zum anderen die Geschichte von fünf jungen Frauen, fast noch Mädchen. Fünf Freundinnen, die so viel Zeit miteinander verbringen, wie es nur geht. Die Ich-Erzählerin ist eine von ihnen und schnell wird klar, wie sehr die fünf unter der Situation der Abgeschiedenheit leiden. Wie sie sich wünschen, fortgehen zu können. Und wie sie von ihren Eltern misshandelt werden, schmerzhaft bestraft und geschlagen für kleinste Vergehen. Könnte der Fremde eine Hoffnung sein, von all dem wegzukommen?

„Der Blick meines Vaters geht durch mich hindurch, vor seinen Augen ziehen Schleier auf und verhüllen das leuchtende Blau, in dem meine Mutter vor langer Zeit ertrunken ist. Seine Hand drückt so fest, dass ich aufschreie.“

Es sind immer nur kleine Andeutungen, die sich mehr und mehr verknüpfen und diese archaische Welt – das Wort fiel schon öfters, aber ein passenders gibt es kaum – mit ihren dunklen Schatten langsam vor unseren Augen entstehen lassen.

„Ein Tag, tausend Tage. Sie fließen ineinander wie dunkles, flüssiges Brot, verkleben zu einer zähen Masse, aus der nichts herausragt, keine Erinnerung, nichts, wonach man greifen könnte, ein dunkler, zäher Strom, in den ich vor langer Zeit gefallen bin und nicht mehr herauskomme.“

Die fünf Mädchen, ein junger Fremder, eine abweisende Dorfgemeinschaft, die vor dem wirtschaftlichen Aus steht und gesellschaftliche Strukturen, die aus der Zeit gefallen scheinen und doch zeitlos wirken. Erwachende Sexualität, eingezwängt in die besitzergreifenden Rituale der kleinen Welt in den Bergen. Die unterschwellig bedrohliche, gewalttätige Stimmung, die von Beginn an in der Luft liegt, erst zwischen den Zeilen erkennbar, dann immer deutlicher zu Tage tritt: Das alles verschmilzt zu einer unheilvollen Mischung.

Am Ende wird nichts so sein wie zuvor. Aber ganz anders, als man denkt.

„Die Vergangenheit ist ins Tal gerutscht, die Gegenwart ein messerscharfer Grat, auf dem niemand Halt findet, kein Hund, kein Mensch, kein Maultier. 
Wir können hier nicht bleiben.“

Die Geschichte eines Fremden, der eine abgeschieden lebende Gemeinschaft sprengt, ist immer wieder erzählt worden; etwa in Thomas Willmanns Vergeltungsepos „Das finstere Tal“ oder in Gerhard Jägers Drama „Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod“, beides großartige Bücher. Andreas Moster hat mit „Wir leben hier, seit wir geboren sind“ aber nicht einfach eine weitere Variante hinzugefügt, sondern ein inhaltliches und sprachliches Gesamtkunstwerk geschaffen. Eine absolute Leseempfehlung.

Abschließend sei Bloggerkollege Jochen Kienbaum gedankt, ohne dessen Buchbesprechung auf lustauflesen.de der Roman an mir vorbeigegangen wäre. Und damit hätte ich ein sehr beeindruckendes Leseerlebnis verpasst.

Weitere Besprechungen gibt es in den Blogs Bücherwurmloch, Zeichen & Zeiten, literaturleuchtet und Zeilensprünge. Dort wurde außerdem ein Interview mit dem Autor Andreas Moster veröffentlicht.

Buchinformation
Andreas Moster, Wir leben hier, seit wir geboren sind
Eichborn Verlag
ISBN 978-3-8479-0627-8

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