Eine Ode an den Nebel

Steven Price: Die Frau in der Themse

Nebel. Ich liebe ihn. Nebeltage gehören zu meinen kostbarsten Erinnerungen. Als Kinder streiften wir durch den nebelverhangenen Wald, der fast direkt vor meinem Zuhause begann; kahle Äste, an denen die Tropfen hingen, reckten sich aus dem Dunst und dahinter verschwanden die dunklen Baumstämme in der Stille. Als Erwachsener lief ich durch Städte im Nebel; die gewohnte Umgebung war kaum wiederzuerkennen, Straßen endeten im Nichts, die Verkehrsgeräusche klangen gedämpft herüber. Immer war es das Gefühl, als wäre die Welt verschwunden, wäre geschrumpft auf die paar Meter, die man sie sehen konnte. Mystisch war das. Schön. Und immer auch ein bisschen schaurig. Solche Nebeltage sind wetterbedingt sehr selten, in den letzten Jahren habe ich sie kaum noch erlebt. Und das ist wohl mit ein Grund, warum mir der Roman »Die Frau in der Themse« von Steven Price so gut gefallen hat. Denn der Nebel spielt darin eine tragende Rolle und prägt die Atmosphäre. Und es ist auch nicht irgendein Nebel, sondern der von London. Dessen Ausläufer jetzt auch durch diese Buchvorstellung ziehen. „Eine Ode an den Nebel“ weiterlesen

Gestatten? Von Droste-Hülshoff*

Karen Duves und Tanja Kinkels Buecher ueber Annette von Droste-Huelshoff

Wenn man am Bodensee aufwächst, gehören regelmäßige Besuche auf der Meersburg zur Kindheit. Als Familien-, Schul- oder Geburtstagsausflug, per Auto, per Bus oder per Schiff – die älteste noch bewohnte Burg Deutschlands ist eines der beliebtesten Ziele in dieser Region. Sie ist allerdings auch wirklich beeindruckend, ein trutziges  Gemäuer mit dunklen, kargen Räumen hoch über dem  See. Es gehört aber auch ein schön angelegter Burggarten dazu und an der einen Seite dieses Gartens steht ein bescheidenes Häuschen, eingerichtet mit Möbeln aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Hier verbrachte die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff einen großen Teil der letzten Jahre ihres Lebens und hier steht ihr Sterbebett.

Ich weiß noch, wie ich mich als Kind über die Größe des Bettes gewundert habe, es ist so klein, dass nur eine äußerst zierliche Erwachsene darin hätte liegen können. Das war mein erster Kontakt mit Annette von Droste-Hülshoff und so wie die Besuche auf der Meersburg zu meiner Kindheit gehören, so ist auch ihr Name damit verbunden. Viel mehr wusste ich bis vor kurzem nicht über sie, mit ihrer Person und ihrem Werk habe ich mich bisher nie beschäftigt. Doch das hat sich nun dank zweier Bücher geändert, die ich hier vorstellen möchte. Es handelt sich um die Romane »Fräulein Nettes kurzer Sommer« von Karen Duve und »Grimms Morde« von Tanja Kinkel. Beide bringen uns auf sehr unterschiedliche Weise das kurze Leben Annette von Droste-Hülshoffs nahe und holen die heute kaum noch präsente Dichterin – die zu den wichtigsten Schriftstellerinnen des 19. Jahrhunderts gehörte – in unsere Zeit.  „Gestatten? Von Droste-Hülshoff*“ weiterlesen

Blick in den Abgrund

Ian McGuire: Nordwasser

Wenn auf der Rückseite von Büchern anstatt einer kurzen Inhaltsangabe nur lobende Ausschnitte aus Buchbesprechungen stehen, dann finde ich das fast immer ziemlich langweilig. Fast immer. Denn es gibt eine Ausnahme. Der Roman »Nordwasser« von Ian McGuire wird beworben mit diesem Zitat: »Verglichen mit diesem brutalen Überlebenskampf wirkt ›The Revenant‹ wie ein Geschichtchen von Winnie-the-Pooh.« Grandioser Vergleich, dachte ich und habe das Buch direkt gekauft. Und was soll ich sagen, es stimmt. Und wie.  „Blick in den Abgrund“ weiterlesen

Düstere Eleganz

Mathias Menegoz: Karpathia

Eine trutzige Burg, umgeben von bewaldeten Bergen, kaum sichtbar im nebligen Dunst. Düster. Unheilschwanger. Bedrohlich. Als ich das Buch „Karpathia“ von Mathias Menegoz das erste Mal gesehen habe, war mir anhand dieses Umschlagphotos sofort klar, dass ich es unbedingt lesen möchte. 636 Seiten später kann ich diese Vorahnung bestätigen: Der Roman hat mich mit seinem ganz eigenen Stil vollkommen begeistert.

Die Handlung beginnt im November 1833 in einem Wiener Kaffeehaus, wo wir dem Grafen Alexander Korvanyi zum ersten Mal begegnen, jüngster Sproß eines fast ausgestorbenen magyarischen Adelsgeschlechts. Ein Duell und eine Hochzeit später macht sich jener Graf mit seiner frisch angetrauten Ehefrau Cara auf den Weg zu dem Stammsitz seiner Familie, einer alten Burg irgendwo am Rande der Karpaten, mitten in Transsilvanien. „Düstere Eleganz“ weiterlesen

Lyrik aus dem Hinterhalt

Lord Alfred Tennyson: Ulysses

Einen tiefergehenden Zugang zu Lyrik hatte ich nie. Und werde ihn wohl auch nie haben. Trotzdem gibt es immer wieder ein Gedicht, das mich berührt. Oder auch nur eine Gedichtzeile, die unter die Haut geht und im Kopf bleibt. Das passiert oft ganz unvermittelt, hinterrücks, völlig überraschend und in Situationen, in denen man absolut nicht damit rechnet. Zum Beispiel, wenn man sich einen James-Bond-Film ansieht. So geschehen gestern bei »Skyfall«. „Lyrik aus dem Hinterhalt“ weiterlesen