Vom Denkmalsockel geholt

Lea Singer: Anatomie der Wolken

Das beginnende 19. Jahrhundert war ein Zeitalter der großen Umbrüche. Politisch veränderten die Feldzüge Napoleons die Landkarte Europas gravierend, gesellschaftlich sorgten die Ideen der französischen Revolution und das erstarkende Bürgertum für frischen Wind, wirtschaftlich stand die industrielle Revolution in den Startlöchern. Und kulturell wurde die Epoche der Klassik abgelöst durch die Zeit der Romantik. Zwei der bedeutendsten deutschen Künstler verkörpern wie kaum jemand sonst die Gegensätze, die damals aufeinandertrafen: Johann Wolfgang von Goethe und Caspar David Friedrich. Sie mochten sich nicht – und waren doch fasziniert voneinander. In ihrem Roman »Anatomie der Wolken« schildert Lea Singer, wie sich die beiden begegneten, beschreibt ihre Lebensumstände, lässt eine längst vergangene Zeit äußerst lebendig wiederauferstehen und holt den Dichter und den Maler mit fein dosierter Ironie von ihren Denkmalsockeln. 

Die Handlung setzt ein im Dezember des Jahres 1809. Auftritt Goethe: »Er hatte ihn immer gehasst. Weil er ihn an eine Leiche erinnerte, eine riesige, Raum und Zeit füllende Leiche. Ihr Verwesungsgeruch stieg mit dem Rauch aus den Kaminen, ihr Leichentuch aus Schnee verdreckte durch den Ruß. Er konnte sich aber nicht erinnern, jemals einen Winter so sehr gehasst zu haben wie diesen, den sechzigsten in seinem Leben.«

Mit diesen polternden Worten beginnt der Roman und sofort haben wir Goethe vor uns. Einen verbitterten Goethe, nicht mehr jung, für die damalige Zeit eigentlich schon recht alt. Kurz zuvor war sein Roman »Die Wahlverwandschaften« erschienen, der das Auseinanderbrechen einer Ehe thematisierte und überall moralische Entrüstung ausgelöst hatte. Unverstanden fühlte sich der Herr Geheimrat, immerhin der erfolgreichste lebende Dichter des Kontinents. Unverstanden und alleine, vier Jahre zuvor war Friedrich Schiller, sein Freund und intellektueller Sparringspartner, viel zu jung gestorben, seine Ehe mit Christiane Vulpius hatte ihn in Weimar gesellschaftlich isoliert. 

Und was ihn ebenfalls irritiert: Er, der sich nach wie vor für einen großen Charmeur hält, wird von jungen Frauen nicht mehr als solcher wahrgenommen – stattdessen ist in Gesellschaften immer häufiger von dem Landschaftsmaler Friedrich die Rede, der tage- und wochenlang draußen unterwegs ist, um Inspirationen für seine geheimnisvollen Landschaftsbilder zu sammeln. Eine gerade revolutionäre Vorgehensweise, die bei Goethe auf Unverständnis stößt: »Oje! Jetzt redeten sie auch noch vom Mut, zu wandern. Ohne Mittel, ohne fahrbaren Untersatz, ohne zu wissen, wo man nächtigt. Das imponierte denen offenbar. So ein Maler, der, anstatt sich mit Porträts ordentlich Geld zu verdienen, sich stundenlang in Wolken versenkte, der gab diesen jungen Frauen irgendetwas. Nur was?«

Auftritt Friedrich im zweiten Kapitel des Romans: »Jeden Tag fegte Friedrich den Dielenboden in seiner Wohnung in der Pirnaischen Vorstadt in Dresden, dritter Stock, Straßenseite. Er fegte im Atelier, in der Kammer, in der er unter nichts als einer Wolldecke schlief, in der Küche, in der er sich wusch, sich Roggenbrot vom Laib schnitt, Milch einschenkte, Kartoffeln briet und die Pfanne mit einem Leinenlappen auswischte.« 

1809 war Caspar David Friedrich fünfunddreißig Jahre alt. Ein fast besitzloser Maler, der polarisierte; dessen Mystifizierung der Natur besonders bei der jüngeren Generation auf begeisterte Zustimmung traf, während etablierte Kunstkritiker ihn vehement ablehnten. »Ein Mann von Mitte dreißig, der stundenlang gegen den Sturm anwanderte, Klippen erkletterte, an Steilküsten balancierte, durch Eisbäche auf Steinen watete und durch den schweren nassen Sand am Meer rannte.« Friedrich war am liebsten in der Natur unterwegs, fühlte sich in Gesellschaft nicht wohl, verhielt sich unbeholfen und überspielte seine Unsicherheit mit einem brüsken Verhalten. Doch seine Kunst, die geheimnisvolle Stimmung seiner Werke galt in der jungen Generation als das Symbol für Aufbruch und Erneuerung schlechthin. 

Sein erster größerer Erfolg wurde der Ankauf der Bilder »Der Mönch am Meer« und »Abtei im Eichwald« durch den preußischen König. Nachdem Heinrich von Kleist sie hymnisch besprochen hatte, drängte der Kronprinz seinen Vater, sie zu erwerben. Noch heute hängen beide in der Alten Nationalgalerie auf der Berliner Museumsinsel und wenn mir bei einem Berlin-Besuch Zeit bleibt, versäume ich nie, diese zwei Bilder zu besichtigen. Wie viele Stunden ich insgesamt schon vor ihnen verbracht habe, kann ich nicht sagen, es dürften einige gewesen sein. Für mich sind sie – ebenso wie »Das Eismeer« in der Hamburger Kunsthalle mit die großartigsten und mich am meisten berührenden Kunstwerke aller Zeiten, in ihrer Melancholie verloren zu gehen ist ein schon beinahe spirituelles Erlebnis. Übrigens: Im Blog Of Things Past and Imagined gibt es den wunderbaren Reisebericht »Caspar David Friedrich: A pilgrimage«. Unbedingt vorbeischauen!

Aber ich schweife mal wieder ab. Meine Begeisterung für Friedrichs Kunst war allerdings der Anlass, dieses Buch zu lesen. Durch Lea Singers wunderbar menschliche Darstellung der beiden großen Künstler wurden die Gegensätze so spürbar, dass alleine dadurch ein Spannungsbogen entsteht, der sich durch den gesamten Roman zieht. 

Hier der introvertierte, schüchterne, ärmliche, kaum ein Wort korrekt schreibende Maler, der sich von seinen verkauften Werken nur widerwillig trennen mag. Dort der von sich selbst überzeugte Dichter, etabliert, eitel, voll und ganz im Bewusstsein seiner künstlerischen Bedeutung. Der sich – ganz das Universalgenie – auch als Wissenschaftler sieht; als jemand, der Newton vom Thron zu stoßen vermag, auch wenn schon seine Zeitgenossen die Bedeutung seiner »Farbenlehre« etwas anders einschätzten. Nun sucht er ein neues wissenschaftliches Betätigungsfeld und macht sich Gedanken über die Klassifizierung der Wolken – etwas, das es bis dahin noch nicht gibt. 

Und dabei kommt wieder Friedrich ins Spiel, denn kein anderer Künstler versteht es so meisterhaft, Wolken zu malen. Für ihn sind sie Manifestationen einer geheimnisvollen Natur, für Goethe sind sie eine Ansammlung von Wassermolekülen. Die beiden beginnen sich zu umkreisen, Botschaften werden überbracht, Grüße übermittelt, sie sind zunehmend voneinander fasziniert, aber auch abgestoßen. Wie kann man so leben – denken beide über den jeweils anderen. Hinzu kommt der materielle Aspekt, denn ein gutes Wort von Goethe wäre der große Türöffner in die Welt der Kunstsammler.

Mehrmals begegnen sich die beiden, das letzte Mal am 9. Juli 1811. Der Meister des Wortes, unfähig, sich in die mystischen Gefilde der Bilder Friedrichs hineinzudenken, und der Meister der Landschaften, nicht in der Lage, mit Worten zu formulieren, was er mit seiner Kunst auszudrücken vermag. Die sprachlose Leere zwischen den beiden lässt sich nicht überbrücken. Unaufhaltsam steuert die Handlung des Romans auf den Eklat hin, der das Verhältnis der beiden unwiederbringlich zerstören wird. Im wahrsten Sinne des Wortes. 

Lea Singer – die eigentlich Eva Gesine Baur heißt und eine renommierte Kulturhistorikerin ist – schildert diese spannende Epoche der Kunstgeschichte auf eine mitreißende Weise, verbindet geschichtliche Hintergründe mit spekulativ dargestellten Emotionen, legt den beiden großen Künstlern alltägliche Gedanken in den Kopf und Sätze in den Mund. Und zeigt dadurch, dass auch Genies vor allem eines sind: Menschen. Fast nebenbei erfahren wir Leser, wie sich Kunst durch neue Impulse, neue Moden oder Techniken stets weiterentwickelt. Wir erleben mit, wie wenig sich menschliche Verhaltensweisen in den letzten zweihundert Jahren verändert haben, wie modern die Zeit Goethes und Friedrichs war, die heute weit weg erscheint, es aber eigentlich gar nicht ist. 

Beide leben in ihrer Kunst fort. Und ich freue mich bereits auf den nächsten Besuch in der Alten Nationalgalerie, bei dem ich sicherlich etliche Szenen aus diesem Buch im Kopf haben werde.

Die Klassifikation der Wolkenformationen mit den Bezeichnungen Cirrus, Stratus, Cumulus und Nimbus stammt übrigens tatsächlich aus jener Zeit und wird bis heute verwendet. Entwickelt wurde sie allerdings nicht durch Goethe, der das Projekt verwarf, sondern durch den englischen Apotheker Luke Howard

Dies ist ein Titel aus dem Leseprojekt Das Weimar-Gefühl.

Buchinformation
Lea Singer, Anatomie der Wolken
Verlag Hoffmann & Campe
ISBN 978-3-455-40519-4

#SupportYourLocalBookstore

Eine Ode an den Nebel

Steven Price: Die Frau in der Themse

Nebel. Ich liebe ihn. Nebeltage gehören zu meinen kostbarsten Erinnerungen. Als Kinder streiften wir durch den nebelverhangenen Wald, der fast direkt vor meinem Zuhause begann; kahle Äste, an denen die Tropfen hingen, reckten sich aus dem Dunst und dahinter verschwanden die dunklen Baumstämme in der Stille. Als Erwachsener lief ich durch Städte im Nebel; die gewohnte Umgebung war kaum wiederzuerkennen, Straßen endeten im Nichts, die Verkehrsgeräusche klangen gedämpft herüber. Immer war es das Gefühl, als wäre die Welt verschwunden, wäre geschrumpft auf die paar Meter, die man sie sehen konnte. Mystisch war das. Schön. Und immer auch ein bisschen schaurig. Solche Nebeltage sind wetterbedingt sehr selten, in den letzten Jahren habe ich sie kaum noch erlebt. Und das ist wohl mit ein Grund, warum mir der Roman »Die Frau in der Themse« von Steven Price so gut gefallen hat. Denn der Nebel spielt darin eine tragende Rolle und prägt die Atmosphäre. Und es ist auch nicht irgendein Nebel, sondern der von London. Dessen Ausläufer jetzt auch durch diese Buchvorstellung ziehen. „Eine Ode an den Nebel“ weiterlesen

Gestatten? Von Droste-Hülshoff*

Karen Duves und Tanja Kinkels Buecher ueber Annette von Droste-Huelshoff

Wenn man am Bodensee aufwächst, gehören regelmäßige Besuche auf der Meersburg zur Kindheit. Als Familien-, Schul- oder Geburtstagsausflug, per Auto, per Bus oder per Schiff – die älteste noch bewohnte Burg Deutschlands ist eines der beliebtesten Ziele in dieser Region. Sie ist allerdings auch wirklich beeindruckend, ein trutziges  Gemäuer mit dunklen, kargen Räumen hoch über dem  See. Es gehört aber auch ein schön angelegter Burggarten dazu und an der einen Seite dieses Gartens steht ein bescheidenes Häuschen, eingerichtet mit Möbeln aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Hier verbrachte die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff einen großen Teil der letzten Jahre ihres Lebens und hier steht ihr Sterbebett.

Ich weiß noch, wie ich mich als Kind über die Größe des Bettes gewundert habe, es ist so klein, dass nur eine äußerst zierliche Erwachsene darin hätte liegen können. Das war mein erster Kontakt mit Annette von Droste-Hülshoff und so wie die Besuche auf der Meersburg zu meiner Kindheit gehören, so ist auch ihr Name damit verbunden. Viel mehr wusste ich bis vor kurzem nicht über sie, mit ihrer Person und ihrem Werk habe ich mich bisher nie beschäftigt. Doch das hat sich nun dank zweier Bücher geändert, die ich hier vorstellen möchte. Es handelt sich um die Romane »Fräulein Nettes kurzer Sommer« von Karen Duve und »Grimms Morde« von Tanja Kinkel. Beide bringen uns auf sehr unterschiedliche Weise das kurze Leben Annette von Droste-Hülshoffs nahe und holen die heute kaum noch präsente Dichterin – die zu den wichtigsten Schriftstellerinnen des 19. Jahrhunderts gehörte – in unsere Zeit.  „Gestatten? Von Droste-Hülshoff*“ weiterlesen

Blick in den Abgrund

Ian McGuire: Nordwasser

Wenn auf der Rückseite von Büchern anstatt einer kurzen Inhaltsangabe nur lobende Ausschnitte aus Buchbesprechungen stehen, dann finde ich das fast immer ziemlich langweilig. Fast immer. Denn es gibt eine Ausnahme. Der Roman »Nordwasser« von Ian McGuire wird beworben mit diesem Zitat: »Verglichen mit diesem brutalen Überlebenskampf wirkt ›The Revenant‹ wie ein Geschichtchen von Winnie-the-Pooh.« Grandioser Vergleich, dachte ich und habe das Buch direkt gekauft. Und was soll ich sagen, es stimmt. Und wie.  „Blick in den Abgrund“ weiterlesen

Düstere Eleganz

Mathias Menegoz: Karpathia

Eine trutzige Burg, umgeben von bewaldeten Bergen, kaum sichtbar im nebligen Dunst. Düster. Unheilschwanger. Bedrohlich. Als ich das Buch »Karpathia« von Mathias Menegoz das erste Mal gesehen habe, war mir anhand dieses Umschlagphotos sofort klar, dass ich es unbedingt lesen möchte. 636 Seiten später kann ich diese Vorahnung bestätigen: Der Roman hat mich mit seinem ganz eigenen Stil vollkommen begeistert.

Die Handlung beginnt im November 1833 in einem Wiener Kaffeehaus, wo wir dem Grafen Alexander Korvanyi zum ersten Mal begegnen, jüngster Sproß eines fast ausgestorbenen magyarischen Adelsgeschlechts. Ein Duell und eine Hochzeit später macht sich jener Graf mit seiner frisch angetrauten Ehefrau Cara auf den Weg zu dem Stammsitz seiner Familie, einer alten Burg irgendwo am Rande der Karpaten, mitten in Transsilvanien. „Düstere Eleganz“ weiterlesen

Lyrik aus dem Hinterhalt

Lord Alfred Tennyson: Ulysses

Einen tiefergehenden Zugang zu Lyrik hatte ich nie. Und werde ihn wohl auch nie haben. Trotzdem gibt es immer wieder ein Gedicht, das mich berührt. Oder auch nur eine Gedichtzeile, die unter die Haut geht und im Kopf bleibt. Das passiert oft ganz unvermittelt, hinterrücks, völlig überraschend und in Situationen, in denen man absolut nicht damit rechnet. Zum Beispiel, wenn man sich einen James-Bond-Film ansieht. So geschehen gestern bei »Skyfall«. „Lyrik aus dem Hinterhalt“ weiterlesen