Ein Suchender, verloren gegangen

Tina Ger: Das Angeln von Piranhas

Ab und zu habe ich Buchpost im Briefkasten. Doch über diese habe ich mich ganz besonders gefreut: »Das Angeln von Piranhas« von Tina Ger hatte ich im Februar 2018 Jahren als Manuskript in der Rohfassung gelesen und es für den Blogbuster-Preis eingereicht. Damals gewann ein anderer Titel und erhielt dadurch einen Verlagsvertrag. Umso schöner finde ich es, dass nun auch mein Favorit als gedrucktes Buch erschienen ist.

Für diejenigen, die den Blogbuster-Preis nicht kennen: Er besteht aus einem Procedere in zwei Schritten. Es gibt eine Bloggerjury aus – damals – 15 Blogs. Hier können von Autorinnnen und Autoren unveröffentlichte Romanmanuskripte eingereicht werden. Jeder Blog wählt daraus eines aus, mit dem er in den Ring steigt. Die so entstandene Longlist wird von der prominent besetzten Fachjury ausgewertet, die eine Shortlist aus drei Titeln und aus diesen das Siegermanuskript wählt. Der Gewinnertitel wird bei dem Partnerverlag des Blogbuster-Preises veröffentlicht – beim ersten Mal war es Klett-Cotta/Tropen und beim zweiten Mal Kein & Aber. Vor kurzem ist der Preis das dritte Mal angelaufen, diesmal mit Eichborn als Partnerverlag. Bei diesem Verlag arbeite ich seit August 2019 und finde es spannend, diesmal die andere Seite des Wettbewerbs mitzuerleben.

Aber zurück zum Buch. Nun ist »mein« Titel vom letzten Mal also ebenfalls in gedruckter Form erschienen. Ich freue mich umso mehr, da »Das Angeln von Piranhas« ein Roman ist, der mich schon als unkorrigiertes Manuskript vollkommen in seinen Bann gezogen hat. Tina Ger erzählt die Geschichte einer Suche, die bis tief hinein in einen der abgelegendsten Landstriche Südamerikas führt. Und gleichzeitig die Geschichte eines Mannes, der sich bei dieser Suche selbst verliert.

Zu Beginn sieht alles nach einer Midlifecrisis-Story aus. Luca leidet unter der Enge des Familienlebens, ist umgeben von seinen Kindern, von denen er sich überfordert fühlt, und von seiner enttäuschten Ehefrau Johanna – die Liebe zwischen ihr und ihm ist schon längst im Alltag auf der Strecke geblieben. Dadurch quält ihn ein permanentes schlechtes Gewissen, während das Scheitern seiner künstlerischen Ambitionen ihn frustriert. Kurz: Luca hat das Gefühl, in einem Leben festzustecken, das er nicht führen will, schön angesiedelt im Prenzlauer-Berg-Bio-Idyll. Das klingt jetzt wie einer der zahlreichen in Berlin angesiedelten Nabelschauromane – doch es wird nicht lange so bleiben. Ganz und gar nicht.

Er verliebt sich in Yara, eine Brasilianerin aus Fortaleza, die in seinem Stammcafé arbeitet und es kommt zu einer gemeinsamen Nacht. Nur einer einzigen, denn dann verschwindet Yara aus seinem Leben, aus Berlin, aus dem Land. So, als hätte sie es nie gegeben. Luca schafft es noch eine kurze Zeit, den Anschein der Normalität aufrecht zu halten, dann, ja, dann nimmt die Geschichte Fahrt auf. Er beginnt Nachforschungen anzustellen, möchte Yara wiederfinden, lässt alles hinter sich. Landet in Brasilien, in Fortaleza. Ist pleite. Einsam. Und geht vollständig verloren, auf der Suche nach einem Traumbild, auf der Suche nach einem Leben, das es nicht gibt. Er schlägt sich durch, ein Getriebener auf der Flucht vor sich selbst, wochenlang, monatelang. Eine Flucht, die ihn tief ins Landesinnere Brasiliens treibt, ins Pantanal, in eine menschenleere Gegend im Herzen des südamerikanischen Kontinents, sumpfig, unwegsam, feucht und vollkommen abgelegen. Hier, am Ende der Welt, kommt es zu einem dramatischen Finale. Dramatisch und unerwartet, aber perfekt passend.

Wunderbar schildert Tina Ger die Gegensätze dieses Romans: Den Prenzlauer Berg in all seiner gediegenen Selbstzufriedenheit, die laute, große brasilianische Küstenstadt mit ihren trostlosen Ecken, die einsame, regnerische Schwüle des Pantanal. Dazu gibt es zwei ungeklärte Todesfälle in Berlin und die Machenschaften einer evangelikalen Gemeinde – diese sektenähnlichen Gruppen gehören zu den in Brasilien am stärksten wachsenden Glaubensgemeinschaften. Viele verschiedene Elemente, gekonnt verknüpft zu einer packenden Geschichte.

Der Protagonist Luca ist nicht sympathisch, sein triebgesteuertes, egozentrisches Verhalten, sein jämmerliches Versinken im Selbstmitleid, seine Verzweiflung, die immer irrationalere Züge annimmt, sind kaum auszuhalten. Und doch leidet man mit ihm, möchte unbedingt wissen, wie es ausgeht, wie viel er noch einzustecken hat, bis er – vielleicht – den Frieden mit sich selbst findet. Und so viel sei verraten: Das wird er. Aber vollkommen anders, als ich es erwartet habe.

Die Autorin war oft und länger in Brasilien, war im Pantanal unterwegs – man merkt, dass viel eigenes Erleben hier literarisch verarbeitet ist. Dazu habe ich sie seinerzeit interviewt und zum Entstehen des Romans befragt.

Als ich das Manuskript damals für den Blogbuster-Preis nominiert habe, schrieb ich: »Mein Fazit: Ich freue mich sehr, diesen Text entdeckt zu haben. Dieses Manuskript, das ich als Leser unbedingt als Buch in der Hand halten möchte.« 

Und jetzt ist es soweit. Tina Ger und ihrem Buch wünsche ich alles Gute!

Buchinformation
Tina Ger, Das Angeln von Piranhas
fineBooks Verlag
ISBN 978-3-948373-03-0

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Alle Informationen über die aktuelle Runde des Blogbuster-Preises gibt es unter Blogbuster-Preis.de

2 Antworten auf „Ein Suchender, verloren gegangen“

  1. Ich finde es großartig, daß es beim Blogbuster eigentlich nicht nur immer den „einen“ Gewinner gibt, sondern daß doch recht viele Titel bei dem ein oder anderen Verlag unterkommen.
    Super, daß es jetzt auch für deinen Favoriten geklappt hat!
    Bin schon gespannt auf die neuen Manuskripte… 😉

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