Ein Buch wie ein Rocksong

Joseph O'Connor: Die wilde Ballade vom lauten Leben

Als ich das Buch »Die wilde Ballade vom lauten Leben« von Joseph O’Connor gekauft habe, wusste ich noch nicht, auf was für eine atemlose und sehr persönliche Gedankenreise mich dieser Roman schicken würde. Der Klappentext versprach die Geschichte einer Rockband mit ihren Höhen und Tiefen, die sich nach ihrem Überraschungserfolg zerstreiten würde; alles sei erzählt mit schrägem irischem Humor. Etwas für Zwischendurch, dachte ich. Etwas zur Entspannung, dachte ich. Doch weit gefehlt: Als ich das Buch nach fünf Jahren im Bücherregal endlich zur Hand nahm, fand ich darin viel, viel mehr als entspannende Unterhaltung. Und was ich am Ende bekommen habe, war nicht nur eine Romanhandlung, sondern ein Buch wie ein Rocksong aus Papier, Gänsehaut-Feeling inklusive.

Dabei konnte ich zu Beginn nur wenig mit der Handlung anfangen, es war okay, aber nicht mehr. Bis ich auf Seite 153 auf eine Passage stieß, die mich innehalten ließ. Nur ein paar Zeilen, aber die haben mich gepackt und regelrecht in die Story hineingerissen. Aber der Reihe nach.

Erzählt wird die Geschichte von Robbie »Rob« Goulding und Francis »Fran« Mulvey; zwei äußerst unterschiedliche Jungs, die zu besten Freunden werden und beginnen, zusammen Musik zu machen. Robbie stammt aus einer Arbeiterfamilie und wächst in ärmlichen Verhältnissen auf; er ist eher der etwas ruhigere, dafür aber hemdsärmelige Typ. Fran ist als vietnamesisches Flüchtlingskind in den Siebzigern nach England gekommen und durch die Hölle liebloser Pflegefamilien gegangen. Androgyn, extrem exzentrisch gekleidet und vollkommen unnahbar ist er die auffälligste Erscheinung in der Provinz-Uni im kleinstädtischen Luton. Wir befinden uns in den beginnenden Achtzigerjahren; gemeinsam haben die beiden ihre Außenseiterrollen, und aus einer Schicksalsgemeinschaft wird Freundschaft. 

Und aus dem dilettantischen Musikprojekt entsteht eine Band, als Trez, die eigentlich Sarah heißt, und Seán dazustoßen, ein Geschwisterpaar. Trez ist ein musikalisches Wunderkind, spielt Geige und Cello genauso exzellent wie Bass und für Seán bedeutete Schlagzeugspielen das Ticket in ein neues Leben.

Das alles erfahren die Leser aus verschiedenen Perspektiven: Meistens berichtet Robbie als Ich-Erzähler von den lange zurück liegenden Geschehnissen. Inzwischen ist er ein Mann Ende Fünfzig, der auf einem nicht mehr ganz taufrischen Hausboot auf der Themse lebt. »Hierher hat es mich verschlagen, als mein Leben auf Grund lief, in diesen Archipel alter Kähne nicht weit vom Zentrum Londons. Zuflucht vor dem Sturm.« Verbitterung liegt in der Luft. Dazu kommen Ausschnitte aus Interviews mit den anderen Bandmitgliedern, Tagebucheinträge und Rückblicke sowie die Perspektive von Robbies erwachsener Tochter Molly. 

Und in einem dieser Rückblicke bin ich auf die vorhin erwähnte Passage gestoßen, die mich bei Lesen innehalten ließ. Seán berichtet, wie er als jugendlicher Intensivtäter im Jugendknast saß. Sein Lebensweg schien vorgezeichnet, bis es einem der Betreuer gelingt, seine Begeisterung für Musik, für das Schlagzeugspielen zu wecken. 

»Es gibt Tage im Leben, da ändert sich alles. Meiner Erfahrung nach sind das Tage, die nicht danach aussehen. Du betrittst einen Raum. Am Fenster steht ein Schlagzeug. Jeder Freund, den du haben wirst, jedes Land, das du sehen wirst, die Frau, von der du nicht wusstest, dass du sie bekommen wirst, deine wunderbaren Kinder, dein ganzes Leben. Alles geht auf den Tag zurück, an dem du zum ersten Mal getrommelt hast. Unheimlicher Gedanke, dass es vielleicht nie passiert wäre.«

Damit war der Funke endlich übergesprungen. Denn Gedanken dieser Art habe ich oft. Das Leben vergeht und wenn ich zurückblicke, gibt es eine Handvoll Tage, die alles verändert und geprägt haben, die den Weg bereiteten bis zum Moment, in dem ich das gerade schreibe. Und gleichzeitig ist dabei immer die Frage im Raum, wie ein Leben anders hätte verlaufen können – wenn eine Entscheidung anders gefallen wäre, wenn ich einmal »nein« statt »ja« gesagt hätte oder umgekehrt, wenn ich einen Raum vielleicht ein paar Minuten später betreten hätte. Oder, in einem extremen Fall, wenn ich einmal zehn Sekunden langsamer gelaufen wäre. Es mögen müßige Gedanken sein, aber ich habe schon viele Stunden mit ihnen verbracht.

Jetzt hatte mich das Buch und ich begleitete die Band auf ihrem Weg, der erst einmal steil bergab führte. Nach einem Umzug nach New York folgt ein Leben im Abbruchhaus, es folgen Drogen, viele Drogen, viel Sex, viel Alkohol, alles nur einen Hauch vor dem endgültigen Absturz entfernt. Dann gab es eine erste kleine Chance, dann die zweite, dann plötzlich der Durchbruch, ein paar Jahre werden die »The Ships« als Weltstars gefeiert. Grandios sind die Hits der Band in die Musikgeschichte der Achtzigerjahre eingebettet, zahllose echte Namen tauchen auf und vermischen sich mit erfundenen Erfolgen einer erfundenen Band. Alles wirkt so authentisch, dass ich fast glaubte, ich hätte deren Musik in meiner Jugend tatsächlich gehört. Dann platzt der Traum, brutal und endgültig. Und die Bandmitglieder zerstreuen sich in alle Welt.

Was war geschehen? Mit dem Ich-Erzähler Rob schauen wir aus der Gegenwart auf die Bandgeschichte zurück. Nach und nach wird klar, was ihm seinerzeit den Boden unter den Füßen weggezogen, was ihn zu einem enttäuschten Menschen gemacht hat, zu jemanden, der ohne Ziele, ohne Träume lebt. Alles was er hat, sind seine Erinnerungen, sehr schöne, aber auch sehr bittere. 

Doch da ist noch mehr, noch sehr viel mehr. Denn im Laufe der Erzählung wird er feststellen, dass es Menschen gibt, auf die man sich verlassen kann und die füreinander da sind – auch wenn es der andere nicht immer merkt. Es geht um Freundschaft. Um Verbundenheit, über all die Jahre hinweg. Und es geht um die Macht der Musik, die Macht eines Rocksongs. Musik ist nicht nur ein Erinnerungsspeicher, sondern sie kann auch die Energie über die Zeit retten, die sie einmal für einen ausstrahlte. Denn die Erinnerungen an die Musik, die man mochte, sind immer auch eine Reise zu sich selbst, zu dem Menschen, der man einst war, bevor Alltag und Enttäuschungen so vieles im Leben überlagerten. Musik kann diesen Menschen wieder hervorholen – und das wird für Robbie allerhöchste Zeit. 

»Dann gibt es noch die Fehlschläge, die man aus ganz anderen Gründen bedauert, wenn man nur die Sprache hätte, um es auszudrücken, aber die hat man nicht und bekommt man jetzt auch nicht mehr. Deshalb haben wir Songs. Die wissen, dass wir überfordert sind. Sie dringen in die interstellaren Räume zwischen den Tintenklecksen vor, die wir Wörter nennen, leben ohne Sauerstoff, heben die Entfernungen auf.«

Ich bin ein Buchmensch durch und durch, und es gibt viele Textstellen, die mich an wichtige Zeiten meines Lebens erinnern. Doch gegen die Macht eines Songs kommen sie nicht an – Musik ist eine Zeitkapsel, bei der nur wenige Takte genügen, um Erinnerungen hervorzurufen, so lebendig, als wären sie nicht Jahre, sondern nur ein paar Tage her. Literatur und Musik – zwischen diesen beiden Welten schlägt »Die wilde Ballade vom lauten Leben« eine perfekte Brücke. Als großartige Liebeserklärung an die Macht der Rocksongs, die einen das ganze Leben begleiten.

Bonustrack: Ein Erinnerungs-Mixtape

Nachdem ich das Buch beendet hatte, begann ein regelrechtes Gedankenkarussell; es sind eine Menge Songs, mit denen ich etwas verbinde, ein bestimmtes Erlebnis, manchmal nur einen kurzen Moment, manchmal auch ein ganzes Jahr. Es sind Erinnerungen an Situationen, die sich eingeprägt haben und die ich mit ein paar Takten Musik sofort wieder abrufen kann. Aber auch Erinnerungen an Menschen, an schöne und traurige Erlebnisse, an ausgelassene Abende oder melancholische Herbstnachmittage. Daraus ist eine Gedankenreise entstanden, die mich weit in der Zeit zurückgeführt hat. Und ein paar Stationen habe ich aufgeschrieben.

Gesang, Gitarre, Bass, Schlagzeug – das ist die Musik die ich mag. Laut muss sie sein und mitreißend. Ich bekomme Gänsehaut, wenn im Song »Let It Die« von den Foo Fighters in Minute 3:36 die Sologitarre einsetzt. Oder bei »State of Love and Trust» von Pearl Jam, um ein weiteres Beispiel zu nennen. Überhaupt Pearl Jam: Dieser Band verdanke ich mit »Alive« den Soundtrack eines ganzen Jahres. 

Meine erste große Reise führte mich 1988 per Interrail bis nach Marrakesch. Hier, im Innenhof eines Hostels, schwärmte ein anderer Reisender von einer Sängerin namens Tracy Chapman, die gerade ihr erstes Album veröffentlicht hatte. Er gab mir seinen Walkman, um einmal hineinzuhören. Ich schaltete ein, und hatte mitten in der marokkanischen Nacht »Talkin‘ Bout a Revolution« im Ohr. Ein Song, der mich damals vollkommen umgehauen hat – und die Themen, über die sie singt, sind heute noch so aktuell wie vor 32 Jahren. 

Durch die nächtliche Stille eines südfranzösischen Campingplatzes schallte im Sommer 1987 ein Song voller Kraft und Melancholie. Nur dieses eine Lied, dann war alles wieder vollkommen ruhig. Ich lag auf meiner Isomatte vor dem Zelt und war hingerissen. Es dauerte Monate, bis ich herausgefunden hatte, dass dies »Theme From Subway Sue« von Pavlov’s Dog gewesen war. 

Anfang der Neunziger lief »Losing My Religion« von REM die Playlists rauf und runter. Heute hat man diesen Song schon tausend Mal gehört, aber damals war er neu und elektrisierend. Ich verbinde ihn für immer mit einem Abend in einem Freiburger Club (hat man damals schon »Club« gesagt?) und mit dem Gefühl von Scherben unter den Schuhsohlen auf der Tanzfläche. Es war ein rauschhafter Moment, möglicherweise habe ich die Gläser heruntergefegt; ich weiß es nicht mehr. Vielleicht kann sich meine gute Freundin Julia daran erinnern, die hier gelegentlich mitliest. 

Es war auf einer anderen Tanzfläche in einem vollkommen verqualmten Raum, wo ich zum ersten Mal das grandiose Gitarrensolo von Carolyne Mas im Song »Sittin‘ in the Dark« erlebt habe. Ich war nicht nüchtern und es ist ziemlich lange her, aber fast meine ich noch das von der Decke tropfende Kondenswasser zu spüren und die neben mir ekstatisch tanzenden Menschen am Rand des Gesichtsfelds wahrzunehmen. 

Ein paar Jahre später war die Musik von Nirvana wie ein Erweckungserlebnis, der Rausch einer Tanzfläche mit sich zu »Smells Like Teen Spirit« umherschubsenden Menschen ist unvergesslich – was für eine Energie! Und selten haben die Zigarette und das Bier danach so gut geschmeckt. Es war die Zeit, in der es normal war, morgens mit pfeifenden Ohren und Kopfweh aufzuwachen, während die Kleidung des Vorabends roch wie Problemmüll. Es war mein lautes Leben und ich habe es geliebt. 

»Tonight, Tonight« von den Smashing Pumpkins bringe ich in Gedanken stets mit einer Freundin zusammen, mit der ich an einem 31. Dezember zu einer Silvester-Party getrampt bin. Es ging von Hamburg nach Köln, wir waren zu dritt unterwegs, erhielten Bierdosen in die Hände gedrückt, saßen auf Bierkästen in einem Lieferwagen, bekamen von einem Fahrer einen Joint angeboten, waren in einen Auffahrunfall verwickelt und wurden zum Schluss auf der Standspur der Autobahn rausgelassen. Damals wusste ich noch nicht, dass ich ein paar Jahre später in Köln leben würde. Jene Freundin begann schon damals, Mitte der Neunziger, mit ersten größeren Tattoos zu experimentieren. Wir haben uns aus den Augen verloren und ich habe keine Ahnung, was aus ihr geworden ist. Außer, dass sie wahrscheinlich heute durchtätowiert sein dürfte und vermutlich irgendwo als Architektin arbeitet. 

»Am Fenster« von City ist einer der wenigen Songs, bei dem ich einen deutschen Text erträglich finde. In einem Lagerschuppen außerhalb Freiburgs lief er jeden Mittwoch als letztes Lied des Abends – und es war nicht immer ganz einfach, den vielen Öko-Barfußtänzern nicht auf die Zehen zu treten. 

Ich erinnere mich an eine Fahrt durch das nächtliche Berlin. Im alten Golf eines Freundes, der schon viele Jahre dort lebte, bretterten wir durch die Straßen und hatten das Gefühl, zur richtigen Zeit am richtigen Ort unterwegs zu sein. Entlang der Kreuzberger Hochbahn schrie sich Skin, die Sängerin von Skunk Anansie in voller Lautstärke ihre Wut aus dem Leib. »Stoosh« ist eines der großen Alben der Neunziger und »Brazen« dessen Hymne. 

»One« von U2 bringt mich sofort zurück in die irische Connemara, die ich zusammen mit einem Freund zu Fuß durchquerte. Oder zumindest liefen wir ein paar Tage einfach darauflos. Ohne Zelt, mit viel zu schweren Rucksäcken und einer Gitarre, auf der jener Freund versuchte, diesen – damals ganz neuen – U2-Song  zu spielen. Unterwegs stoppten wir an einem CD-Laden in einer kleinen Stadt im Nirgendwo und baten darum, den Text abschreiben zu dürfen. Und liefen weiter. Es war März, ständig zogen Regenwolken am Horizont auf, doch irgendwie haben wir immer einen trockenen Platz zum Schlafen gefunden. 

Das Album »August And Everything After« von den Counting Crows ist Melancholie pur. Ich weiß nicht, wie oft ich »Omaha« oder »Raining in Baltimore« im Herbst des Erscheinungsjahres gehört habe, während ich in meinem kleinen WG-Zimmer am Dachgaubenfenster saß und auf den Regen oder den Nebel oder den Dunst geschaut habe. In Dauerschleife. Wahrscheinlich haben mich die anderen Bewohner des Hauses gehasst. 

Und manchmal reicht auch einfach nur eine einzige Gitarre und eine eindrucksvolle Stimme, so wie beim Song »To Leave Something Behind« von Sean Rowe – ein Lied, das ich hörte, als ich dabei war, mein Elternhaus auszuräumen. Es lief in meiner Playlist, und als mir die Bedeutung der Worte klar wurde, kamen die Tränen. To leave something behind. 

Zurücklassen müssen wir viel, wenn die Jahre vergehen und wir älter werden. Ein Leben zu führen wie in jener grandiosen, rauschhaften Zeit, ständig unterwegs, rauchend, trinkend, niemals schlafend – das würde ich heute keine Woche mehr durchhalten. Manchmal kommen mir viele dieser Erinnerungen fast so vor, als hätte ich sie geträumt – und in Zeiten von Corona-Kontaktbeschränkungen wirken sie noch ein Stück unwirklicher. Aber da ist die Musik. Sie ist immer noch da, sie bringt die Bilder in den Kopf zurück und dann weiß ich: Es ist alles wahr. 

Was wäre jetzt der passende Abschluss für diesen langen Blogbeitrag? Vielleicht ein Zitat aus einem der schönsten Songs des großen Bruce Springsteen: »No retreat, baby, no surrender!«

Zum Nachhören gibt es das Erinnerungs-Mixtape auf Spotify

Buchinformation
Joseph O’Connor, Die wilde Ballade vom lauten Leben 
Aus dem Englischen von Malte Krutzsch
S. Fischer Verlag
ISBN 978-3-10-002296-7

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Murakami, zweiter Versuch

Haruki Murakami: Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki

Es ist schon einige Jahre her, dass ich mein erstes Buch von Haruki Murakami gelesen habe. Es war »Wilde Schafsjagd«, ich habe mich bis zur letzten Seite durchgequält und fand es furchtbar. Abgehakt, dachte ich lange Zeit. Allerdings ist der Name des Autors so präsent, dass man immer wieder auf ihn stößt. Und durch das Bloggen über Literatur kenne ich etliche Menschen, deren Buchempfehlungen ich sehr schätze und die jedem neuen Murakami-Roman begeistert entgegenfiebern. Irgendetwas scheine ich überlesen zu haben, irgendetwas, das es doch noch zu entdecken gibt – diese Gedanken waren der Auslöser für den zweiten Versuch, den ich letzten Herbst mit »Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki« startete. Denn, so versicherten mir mehrere Murakami-Fans, dieser Roman sei einer der am leichtesten zugängliche und ein guter Einstieg. 

Um es gleich vorwegzunehmen: Ich gehöre immer noch nicht zur Murakami-Fangemeinde. Doch die Lektüre von »Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki« war ein Leseerlebnis der ganz besonderen Art. „Murakami, zweiter Versuch“ weiterlesen

Denkmal für die Verschwundenen

Pierre Jarawan: Ein Lied fuer die Vermissten

17415. Siebzehntausendvierhundertfünfzehn. Diese Zahl steht im Mittelpunkt des Romans »Ein Lied für die Vermissten« von Pierre Jarawan. Es ist die Anzahl der Menschen, die während des Bürgerkriegs im Libanon verschwanden – und bis heute vermisst werden. Während des Bürgerkriegs, der von 1975 bis 1990 vor allem in und um Beirut ausgetragen wurde, der eine der schönsten und multikulturellsten Städte des Mittelmeers in Schutt und Asche legte und der tiefe Wunden in den Seelen der Menschen dort hinterlassen hat. Diese Wunden sind nur schlecht vernarbt, sie drohen ständig wieder aufzureißen – doch von offizieller Seite wird alles getan, um nicht darüber reden zu müssen. Pierre Jarawan – dessen Eltern den Libanon 1982 verließen, als die alltägliche Gewalt einen Höhepunkt erreicht hatte – erzählt in seinem Roman die Geschichte von Amin, der auf der Suche nach der Vergangenheit seiner Familie uns Leser tief hineinführt in die Tragik jener Zeit. „Denkmal für die Verschwundenen“ weiterlesen

306 Quadratmeter in Manhattan

Johan Harstad: Max, Mischa & die Tet-Offensive

Normalerweise hat bei mir ein gelesenes Buch fast keine Gebrauchsspuren; ich kann gar nicht anders, als meine Bücher äußerst pfleglich zu behandeln. Bei »Max, Mischa & die Tet-Offensive« von Johan Harstad war das allerdings nicht möglich, denn dieses 1.242-Seiten-Werk habe ich über mehrere Wochen überallhin mitgeschleppt, um so oft wie möglich darin zu lesen. Verschrammt ist es nun, die Ecken angeschlagen, der Buchblock nicht mehr strahlend weiß und das Vorsatzblatt vollgeschrieben mit notierten Seitenzahlen. Und es fühlte sich an, als würden mich ein paar Freunde die ganze Zeit begleiten; nachdem die letzte Seite umgeblättert war, empfand ich so etwas wie Abschiedsschmerz, nun, da ich Max, Mischa, Mordecai und Owen zurücklassen musste. Dabei hatte ich ursprünglich gar nicht vor, den Roman zu lesen. „306 Quadratmeter in Manhattan“ weiterlesen

Literatur im Wohnzimmer

Mareike Fallwickl: Dunkelgruen, fast schwarz

Die Leipziger Buchmesse hat dieses Jahr für mich bereits im Januar begonnen. Und zwar während der Lektüre des Romans »Dunkelgrün, fast schwarz« von Mareike Fallwickl. Warum das so war und wie es zu einer großartigen Wohnzimmerlesung in der ehemaligen Dienstbotenwohnung einer Leipziger Gründerzeitvilla kam, möchte ich hier erzählen.

Aber eines nach dem anderen: Ich hatte das Buch im Dezember als Vorabexemplar zugesandt bekommen – so wie viele meiner Bloggerkolleginnen und -kollegen. Schließlich ist die Autorin ebenfalls Literaturbloggerin und wir sind schon seit einigen Jahren vernetzt, kennen und schätzen uns, sehen uns auf den Buchmessen oder bei Verlagsveranstaltungen. Und auf ihrem Blog Bücherwurmloch finde ich regelmäßig Buchtipps, die genau meinen Literaturgeschmack treffen. Man kann sich also vorstellen, dass ich sehr gespannt auf ihren Debütroman war. Damit war ich nicht alleine. Anfänglich stand die Frage im Raum, ob es möglich ist, ein Buch objektiv zu bewerten, wenn man die Autorin kennt und mag – aber diese Bedenken verflüchtigten sich schon nach ein paar ersten Leseminuten, so sehr hat mich der Text von Beginn an fasziniert und mich alles andere um mich herum vergessen lassen. „Literatur im Wohnzimmer“ weiterlesen

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Anne von Canal: Whiteout

Das Setting ist minimalistisch in Anne von Canals Roman »Whiteout« und hat etwas von einem Kammerspiel, bei dem niemand den festgesteckten Rahmen verlassen kann: Ein Camp in der Antarktis, bestehend aus ein paar Baracken, die sich um einen Bohrschacht gruppieren. Dort leben auf beengtem Raum Hanna und ihr kleines Polarforscherteam; ihr Auftrag ist die Entnahme von Bohrkernen. Für Teamleiterin Hanna geht damit ein lange gehegter Traum in Erfüllung, sie ist genau dort, wo sie seit ihrer Kindheit und Jugend immer sein wollte. Aber dann kommt alles ganz anders, und eben jener Traum wird für einen seelischen Aufruhr sorgen, der nicht nur den Erfolg der Expedition gefährdet, sondern ihr ganzes Leben ins Wanken bringt. „Eisiges Kammerspiel“ weiterlesen

Leiden im luftleeren Raum

Plötzlich war es da, wie aus dem Nichts aufgetaucht: Selten war ein Buch einer bis dahin kaum bekannten Autorin so präsent in Blogs und Medien wie Hanya Yanagiharas Roman »Ein wenig Leben«. Vorab-Schwärmereien, Besprechungen, Schilderungen von Leseerfahrungen, Gespräche über die Gefühle, die das Buch auslösen würde; es war mir schon fast zu viel, denn wenn alle, wirklich alle über einen Roman sprechen, meint man gerne, ihn gar nicht mehr selbst lesen zu müssen. Erst als dann in den Blogs buchrevier und Buzzaldrins Bücher erste kritischere Stimmen auftauchten, wurde ich neugierig. Und nachdem ich in einer Buchhandlung die ersten Seiten gelesen hatte, wollte ich wissen, wie es weitergeht, denn sie haben eine Art Sog erzeugt, dem ich mich nicht entziehen konnte. „Leiden im luftleeren Raum“ weiterlesen

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Alex Capus: Das Leben ist gut

Obwohl ich die Werke des Autors kenne und schätze, hat erst die Besprechung der Klappentexterin dafür gesorgt, dass ich umgehend zu einer der Buchhandlungen meines Vertrauens gegangen bin und mir »Das Leben ist gut« von Alex Capus gekauft habe. Mal kein Buch über Sinnsuche, keines mit dramatischen Wendungen oder komplizierten Beziehungskonstellationen, sondern »Lesen voller Leichtigkeit«, wie Klappentexterin Simone Finkenwirth schreibt. Und trotzdem ein Buch mit Tiefgang. Funktioniert das? In diesem Fall, in diesem Buch ja, auch wenn es nachher noch ein »Aber« geben wird. „Das Leben in der Sevilla-Bar“ weiterlesen

Ein Jahr am Abgrund

Benedict Wells: Spinner

„Spinner“ ist ein früher Roman von Benedict Wells, den er jetzt, sieben Jahre nach Erscheinen, noch einmal überarbeitet hat. Das machte mich neugierig, denn es kommt selten vor, dass ein heutiger Autor ein Buch noch einmal in einer neuen Version veröffentlicht. Also habe ich es gekauft. Angefangen es zu lesen. Nicht mehr damit aufgehört, bis die letzte Seite umgeblättert war. Es hat mich umgehauen. Dabei ist die Handlung an sich schon beinahe banal: Ein junger Mann irrt durch Berlin auf der Suche nach dem Sinn in seinem Leben. Schon tausend Mal gelesen. Aber niemals so. Denn es waren unzählige Sätze und Gedanken in diesem Buch, die mich auf eine Reise zu einem anderen Ich aus einer längst vergangenen Zeit geschickt haben; eine Zeit, 27 Jahre her, die ich schon beinahe vergessen hatte, die mich aber geprägt hat bis heute. Es wird also gleich mal wieder etwas persönlicher, nur zur Vorwarnung. „Ein Jahr am Abgrund“ weiterlesen

Heimatlose Schachspieler

Jean-Michel Guenassia: Der Club der unverbesserlichen Optimisten

Vor einiger Zeit unterhielt ich mich mit dem Buchhändler in einer der Buchhandlungen meines Vertrauens. Wir sprachen über Paris, über die Magie und Schönheit dieser Stadt und er bekam leuchtende Augen, hatte er doch dort eine Weile gelebt. Außerdem zog er das Buch »Der Club der unverbesserlichen Optimisten« von Jean-Michel Guenassia aus dem Regal und empfahl es mir. Ich kaufte es sofort. Aufgrund des Covers und des Klappentextes hätte ich es niemals gelesen, deutete beides eher auf eine etwas seichte Liebesgeschichte mit ein bisschen Lokalkolorit aus dem Paris der 60er-Jahre hin. Aber da wäre mir etwas entgangen, denn weder Coverphoto noch der Text auf der Rückseite werden dem Buch gerecht.

Es ist eine äußerst vielschichtige Handlung, erzählt in einem Plauderton voller Tiefgang. Und es ist kein Liebesroman, sondern es geht vor allem um das Gefühl der Heimatlosigkeit. Um die Verlorenheit. Um Schicksale von Emigranten aus dem Ostblock zu Zeiten des Kalten Krieges. Um das Zerbrechen einer Pariser Oberschichten-Familie. Es geht um Literatur, um Ideologien, um den Existenzialismus. Um Schach. Um das Aufwachsen. Und – ja, natürlich doch – um die Liebe. „Heimatlose Schachspieler“ weiterlesen

Das Weimar-Gefühl

Rüdiger Safranski: Goethe & Schiller - Geschichte einer Freundschaft

Durch Weimar zu streifen ist für mich etwas ganz Besonderes, schon fast etwas Magisches. Zwei Mal war ich in dieser Stadt, einmal 1999 und einmal 2015, vor wenigen Wochen. Ein interessanter äußerlicher Gegensatz: Gab es früher die bröckelnden Reste der sozialistischen Planwirtschafts-Tristesse zu bestaunen, so war man jetzt umgeben von beinahe überrestaurierten Gebäuden. Aber immer hat diese Stadt eine ganz besondere Ausstrahlung, die alten Straßen, Plätze, Gassen und Häuser atmen beinahe Geschichte – und das ist ja auch kein Wunder, es gibt wohl kaum einen anderen Ort in Deutschland, in dem die absoluten Höhepunkte und grausigsten Tiefen unserer Vergangenheit so dicht beiander liegen. Über diese Symbolik ist schon viel geschrieben und geredet worden, ragt doch schon von weitem sichtbar das Mahnmal des Konzentrationslagers Buchenwald über der Stadt auf.

Aber in diesem Text soll es nicht um dieses Düstere gehen, denn meine letzte Reise nach Weimar hat mich mitten hineingeführt in eine Zeit, in der sich die Menschen einen solchen Absturz in die Barbarei niemals hätten vorstellen können. Als Reiselektüre hatte ich nämlich das Buch »Goethe & Schiller – Geschichte einer Freundschaft« von Rüdiger Safranski dabei. Und es hat mir die beiden großen Dichter, die Stadt und die literarische Epoche so nahegebracht wie nie zuvor. „Das Weimar-Gefühl“ weiterlesen

Zwei Leben in der Sackgasse

Petterson, Nicht mit mir

Vor einigen Wochen habe ich das Buch »Nicht mit mir« von Per Petterson gelesen – und seitdem denke ich darüber nach. Vordergründig eine unspektakuläre Geschichte, zwei Männer, deren Leben nicht so gelaufen ist, wie sie vielleicht früher einmal gedacht haben. Zwei, die als Kinder und Jugendliche unzertrennbare Freunde waren, bis diese Freundschaft plötzlich endet. Einfach so. Oder eben nicht einfach so. Das ist die Frage, die zu lösen uns das Buch aufgibt.

Es ist nicht ganz einfach, über diesen Roman zu schreiben. Eigentlich passiert darin eine Menge, die Lebensläufe zweier unterschiedlicher Personen werden erzählt. Und doch bleibt das Wesentliche ungesagt. Taucht vage und unbestimmt zwischen den Zeilen auf, kaum greif- und nur schwer beschreibbar. „Zwei Leben in der Sackgasse“ weiterlesen

Im Rausch der Sprache

Lutz Seiler: Kruso

174 Tote, 4522 Festnahmen. Das sind die Menschen, die versuchten, aus dem großen Gefängnis, dass sich Deutsche Demokratische Republik nannte, über die Ostsee zu entkommen. Nach Dänemark, dessen Küste von der Insel Hiddensee aus am Horizont zu sehen ist. Dazwischen das Meer. Eine unüberwindlich wirkende Barriere, doch gleichzeitig die Verheißung von Freiheit unter einem grenzenlosen Himmel. Hiddensee lag irgendwo dazwischen, nicht mehr ganz das Festland mit all seinen Zwängen, aber auch nicht wirkliche Freiheit angesichts der Patrouillenboote und Suchscheinwerfer. Doch eine kleine Welt für sich, mit eigenen Regeln. Lutz Seiler erzählt in seinem Buch „Kruso“ die Geschichte von Edgar Bendler, genannt Ed, der im Sommer 1989 auf dieser Insel strandet. „Im Rausch der Sprache“ weiterlesen

Große Gefühle in Wisconsin

Shotgun Lovesongs

„Shotgun Lovesongs“ von Nickolas Butler ist eine Geschichte über Freundschaft, Liebe, Vertrauen, Heimat und die Lebensentwürfe von fünf Freunden, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Große Gefühle in dem 1.500-Einwohner-Städtchen Little Wing in Wisconsin, einer amerikanischen Kleinstadt, die zu veröden beginnt, umgeben von Sojafeldern, Rinderweiden und Maisplantagen. Das ist das Zuhause von Henry, Beth, Ronny, Kip und Lee. Sie sind dort aufgewachsen und kennen sich schon ihr ganzes Leben. „Große Gefühle in Wisconsin“ weiterlesen

Mittelalter ohne Folklore

Holger Karsten Schmidt: Isenhart

„Isenhart“ von Holger Karsten Schmidt ist ein historischer Roman, der deutlich aus dem Einheitsbrei dieses Genres herausragt. Beurteilt man ihn nur nach dem Klappentext, wird dies nicht sofort deutlich. Dort ist von einem Serienmörder die Rede, von einem mittelalterlichen Profiler; insgesamt entsteht dadurch ein falscher Eindruck von diesem großartigen Buch. Denn es handelt sich hier nicht um einen Mittelalter-Krimi. „Isenhart“ ist viel mehr als das. „Mittelalter ohne Folklore“ weiterlesen