Zeig doch mal die Bilder (Teil 2)

Zeig doch mal die Bilder (Teil 2): Zwölf ganz unterschiedliche Graphic Novels

Im Beitrag »Zeig doch mal die Bilder« hatte ich vor einiger Zeit beschrieben, wie ich durch den Austausch mit anderen Literaturbloggern die literarische Gattung der Graphic Novels für mich entdeckt habe. Damals stellte ich den ersten Stapel der beginnenden Sammlung vor. Inzwischen sind über zwei Jahre vergangen, es sind einige Bände dazugekommen und es wird Zeit für eine Fortsetzung.

Beim Zusammenstellen ist mir aufgefallen, dass es vor allem düstere Themen sind – wie beim ersten Teil auch. Nun habe ich ein Faible für Romane mit einem eher finsteren Setting, mit tragischen Schicksalen und mit einem offenen Ende; Geschichten mit weichgespültem Happy-End sind mir meist zu lebensfern. Diese Lesevorlieben schlagen sich auch in der Auswahl der Graphic Novels nieder – zumal man Düsternis in dieser Kunstform besonders intensiv zum Ausdruck bringen kann. Und es ist diesmal auch einiges Geschichtliches dabei, was ebenfalls eher zur dunklen Grundstimmung der Sammlung beiträgt.

Hier kommen die nächsten zwölf Graphic-Novel-Empfehlungen.

Die erste Graphic Novel des Berlin Verlags ist gleich ein Highlight: Margaret Atwoods dystopischer Roman »Der Report der Magd« wurde von der Autorin selbst textlich für diese Ausgabe angepasst; die Übertragung ins Deutsche stammt von Ebi Naumann. Zusammen mit den Zeichnungen von Renée Nault ist damit eine eindrucksvolle Adaption dieses feministischen Klassikers entstanden. Die detailreichen Bilder sind größtenteils farbig, doch stets sticht der blutrote Ton der Umhänge, mit denen sich die zu Gebärmaschinen herabgewürdigten Frauen kleiden müssen, heraus. So entsteht auch graphisch eine Welt ohne Hoffnung, mit zum Teil drastischen Szenen. Und bleibt im Roman manches der Phantasie der Leser überlassen, wird einem hier nichts geschenkt.

Upton Sinclair prangerte mit seinem Schaffen gesellschaftliche Mißstände an. Für den 1906 erschienenen Roman »Der Dschungel« arbeitete er in den riesigen Schlachthöfen Chicagos, um die brutalen und ausbeuterischen Arbeitsbedingungen möglichst authentisch darzustellen. Kristina Gehrmann hat dieses Buch als Graphic Novel umgesetzt. Im Mittelpunkt steht die Geschichte einer litauischen Auswandererfamilie, die in Chicago ein neues Leben anfangen möchte, dabei aber nur die Schattenseiten des »American Dream« kennenlernt. Und dabei zugrunde geht. Die Schwarzweiß-Bilder mit vielen Dialogen strahlen Ruhe aus, von Beginn an ist dabei aber eine unterschwellige Hoffnungslosigkeit erkennbar.  Die Zeichnerin erspart uns bei der graphischen Umsetzung größtenteils die drastische Darstellung der Tötung und Verarbeitung von Rindern und Schweinen in den Schlachthöfen. Eine Darstellung, mit der das Buch bei seinem Erscheinen einen Skandal auslöste – und die Politik dazu bewegte, die Hygienevorschriften in den Schlachthöfen zu verschärfen. An den katastrophalen Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie jedoch änderte sich nichts. Upton Sinclar kommentierte dies mit den berühmten Worten: »Auf die Herzen der Menschen hatte ich es abgesehen, ihre Mägen habe ich getroffen.« Im Original: »I aimed at the public’s heart and by accident I hit it in the stomach.«

Robert Capa ist eine Photographenlegende. Zeit seines kurzen Lebens hielt er sich dort auf, wo gekämpft wurde. Ohne Rücksicht auf sich selbst war der den Faschismus mit der Kamera statt mit dem Karabiner bekämpfende Photoreporter stets an vorderster Front; seine Bilder aus dem Spanischen Bürgerkrieg oder von der Landung in der Normandie sind Ikonen der Photographie des 20. Jahrhunderts geworden. Der Graphic-Novel-Künstler Florent Silloray bringt uns den Menschen hinter der Legende näher, übersetzt hat den Text Anja Kootz. In der fiktiven Autobiographie erzählt Robert Capa von seinem unsteten Leben. Von den Anfängen als unbekannter Photograph in Paris, wo er als ein ursprünglich in Berlin arbeitender jüdischer Ungar vor den Nazis Schutz suchte. Von seinem unbändigen Wunsch, immer das Zentrum des Geschehens zu dokumentieren; immer auf dem Sprung, ruhelos, rastlos. Und von seiner goßen Liebe Greta Taro, ebenfalls eine außerordentlich talentierte Photographin, die gemeinsam mit ihm unterwegs war, an der Front in Spanien ums Leben kam und deren Werk lange im Schatten Capas stand. Erst in den letzten Jahren wurde sie wieder neu entdeckt. Die passend zum Thema in Sepia gehaltenen Bilder erzählen von einem Ausnahmeleben, das viel zu früh endete, als Robert Capa 1954 im Ersten Indochinakrieg auf eine Mine trat.

Rechts oben auf der Titelseite von Jason Lutes Graphic Novel »Berlin« steht ein Zitat des Krimiautors Volker Kutscher: »Ein opus magnum im wahrsten Sinne des Wortes, eine Sinfonie der Großstadt. Eine Comic-Sinfonie.« Und er hat recht: So wie Kutscher in seiner Romanreihe die Stadt Berlin auf ihrem Weg in die Nazi-Diktatur lebendig werden lässt, so perfekt gelingt dies Jason Lutes in seinem Werk, das den Umfang eines Großstadt-Telefonbuches hat und für das gesamte Genre Maßstäbe setzt. Er erzählt darin die Geschichten verschiedener Charaktere, etwa die der Kunststudentin Marthe Müller, die des Journalisten Kurt Severing, die der Arbeiterin Gudrun Braun oder die des Juden David Schwartz. In seinen Bildern, die durch ihre Detailverliebtheit bestechen, entsteht ein äußerst vielseitiges Panorama einer Zeit im Umbruch, einer Stadt und eines Landes auf dem Weg in die Finsternis. Laut Auskunft des Verlags arbeitete Lutes zwanzig Jahre an dieser Graphic Novel – jeder Tag davon hat sich gelohnt. Mit der Übersetzung waren zwei Personen beschäftigt: Heinrich Anders hat das Gesamtwerk aus dem amerikanischen Englisch übersetzt, während manche Textteile von Lutz Göllner an den Berliner Dialekt angepasst wurden.

Das Buch »Es wird Nacht im Berlin der wilden Zwanziger« fällt schon durch seine ungewöhnliche Höhe von 38 cm auf. Doch auch sonst ist das von Illustrator Robert Nippoldt und Kunstkritiker Boris Pofalla verfasste Gesamtkunstwerk außergewöhnlich. Der Gattungsbegriff der Graphic Novel muss hier erweitert werden, denn eigentlich handelt es sich um ein Sachbuch, das die Kunst und Kultur, das Leben, die Politik, doch vor allem die Stimmung im Berlin gegen Ende der Weimarer Republik darstellt. Vorlage für die großformatigen Schwarzweiß-Zeichnungen waren meist alte Photographien. Zusammen mit den ausführlichen Texten erhält man einen grandiosen Einblick in jene Zeit, angereichert mit Schaubildern, Porträts und einer beigefügten CD mit Schlagern der Zwanziger. Ein wahrer Prachtband und wieder einmal ein außergewöhnliches Buchprojekt aus dem Taschen Verlag.

Bei der Lektüre von »Wannsee« läuft es einem kalt den Rücken herunter. Der Zeichner Fabrice Le Hénanff hat mit dieser Graphic Novel einen äußerst gelungenen Versuch unternommen, den Verlauf der Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942 akribisch zu rekonstruieren. Bei diesem Treffen wurde von fünfzehn hochrangigen NS-Funktionären die organisatorische Grundlage für den industriellen Massenmord an den europäischen Juden geschaffen. Anhand von umfangreicher Literatur zum Thema und mit Hilfe des erhaltenen Protokolls der Sitzung konnte Le Hénanff diese wenigen Stunden nacherzählen, die für sechs Millionen Menschen tödliche Folgen haben sollten. Das Grauen wird untermalt durch die teilnahmslosen, exakt und doch leicht verwischt dargestellten Physiognomien der Teilnehmer, die vor allem bürokratische und technische Fragen diskutierten – und damit den Weg freimachten für einen Mordauftrag in einer unfassbaren Dimension. »Der Tod ist ein Meister aus Deutschland«: Der Satz aus Paul Celans »Todesfuge« bekommt mit Fabrice Le Hénanff ein Gesicht. Fünfzehn Gesichter; in Folge unterstützt von unzähligen Tätern und Helfern. Übersetzt aus dem Französischen wurde der Text dieser Graphic Novel von Thomas Laugstien.

Die »Geschichten vom Herrn Keuner« von Bertolt Brecht sind kleine Parabeln, gedankliche Miniaturen, die sich um die Frage drehen, wie wir leben möchten. Oder wie Herr B. leben möchte, denn unschwer ist Brecht selbst hinter Herrn K. zu erkennen. In der grapischen Umsetzung der Keuner-Geschichten hat sich Zeichner Ulf K. dies zu Nutze gemacht und seiner Hauptfigur die karikierten Gesichtszüge des großen Dichters gegeben. Sprachlich wurden die kurzen Geschichten behutsam angepasst, um sie cartoontauglich zu machen. Und herausgekommen ist dabei eine wunderbar moderne Variante der ohnehin zeitlosen Gedanken Bertolt Brechts.

Immanuel Kant ist einer der größten Denker unserer Geschichte und sein »Sapere aude!« mit Abstand eine der wichtigsten Aufforderungen an die Menschheit. Dieser unnahbare Sockel lässt meist keinen Raum, den Menschen dahinter zu sehen. Die Zeichnerin Antje Herzog nähert sich in ihrer Graphic Novel »Lampe und sein Meister Immanuel Kant« auf einem sehr persönlichen Weg dem großen Denker an. Mit Hilfe der Figur Martin Lampes, der 40 Jahre lang der Leibdiener Kants war, beschreibt sie den Tagesablauf im Hause des Philosophen, schildert zahllose, oftmals kauzige Anekdoten und baut wie nebenbei viele Details Königsbergs ein – die Stadt, in der Kant sein gesamtes Leben verbrachte, ohne sie jemals zu verlassen. Es entsteht ein liebevolles Doppelporträt des Unnahbaren und seines Dieners, wunderbar gestalterisch und typographisch umgesetzt. Kant spricht in der deutschen Kurrentschrift, der typischen Handschrift des 18. Jahrhunderts, während Lampes direkte Rede in der Walbaum Fraktur gesetzt ist, einer Leseschrift des 18. Jahrhunderts. Diese Besonderheit verlangsamt zu Beginn den Lesefluss, sorgt aber für eine bespiellose Authentizität.

In der Graphic Novel »Die Reise des Marcel Grob« versucht Philippe Collin die Monate im Leben seines elsässischen Großonkels zu rekonstruieren, die dieser als Soldat im Zweiten Weltkrieg verbrachte. Der Zeichner Sébastien Goethals hat die Aufzeichnungen graphisch in Szene gesetzt. Marcel Grob diente nicht einfach nur als Soldat, sondern er war Angehöriger der Waffen-SS. Und war beteiligt an einem Massaker in Norditalien, wo die Mörder in Uniform das Dorf Marzabotte niederbrannten und fast 800 Menschen töteten. Grob war allerdings nicht freiwillig bei der Waffen-SS, sondern wurde zwangsrekrutiert – unter der Drohung, ansonsten seine gesamte Familie zu deportieren. Also Täter und Opfer gleichzeitig? Collin und Goehals bewegen sich auf einem schmalen Grat, meistern diesen Balanceakt mit ausdrucksstarken Bildern und emotionalen Texten – in der Übersetzung von Harald Sachse – aber souverän: Der 83jährige Marcel Grob sitzt in einem Verhörzimmer und erzählt einem Richter und dessen Protokollantin, was damals geschehen ist. Und ganz am Ende wird klar, um welches Gericht es sich handelt. Eine wichtige Ergänzung des Buches ist der historische Abriss im Anhang, der das wenig bekannte Thema der zwangsrekrutierten Elsässer erläutert.

»Gift« mit den eindrucksvollen Zeichnungen von Barbara Yelin und dem Text von Peer Meter erzählt von der Hinrichtung der Bremer Giftmörderin Gesche Gottfried, die fünfzehn Menschen getötet hatte und 1831 auf dem Schaffott endete. Berichtet wird aus der Perspektive einer jungen Schriftstellerin, die auf Empfehlung Bettina von Arnims vom Verleger Brockhaus beauftragt wurde, eine Reisebeschreibung über Bremen zu verfassen. Als sie in die Stadt kommt, steht die Hinrichtung kurz bevor – es gibt kein anderes Thema. Doch wer war diese Gesche Gottfried? Wieso konnte sie jahrelang vor aller Augen morden? Je mehr sie in Erfahrung bringt, desto stärker werden die Ressentiments, die der jungen Schriftstellerin entgegengebracht werden. Von Männern, die sie nicht ernst nehmen, da sie nicht in ihr enges Weltbild passt, in dem Frauen keine Fragen zu stellen haben, sondern dem Mann untertan sind. Ausgehend von dem historischen Kriminalfall zeichnet »Gift« ein intensives Gesellschaftsbild einer Zeit der starren Konventionen, zementiert durch die Religion und durch eine patriarchalische Gesetzgebung. Eine Zeit, in der »Gesche Gottfried nichts anderes ist, als ein auf die absurdeste Weise auf die Spitze getriebenes Beispiel einer aggressiven, rücksichtslosen und an Seele und Geist kranken Gesellschaft.«

Zu Beginn diese Beitrags hatte ich viel Düsternis angekündigt. »Brodecks Bericht« von Manu Larcenet ist hier aber noch einmal etwas Besonderes, denn viel finsterer – und faszinierender – kann eine Graphic Novel kaum sein. Timur Vermes schrieb darüber auf Spiegel online: »So wie Kafkas ‚Schloss‘, aber ohne die lustigen Stellen.« Es ist die Zeit nach einem Krieg. Die Bewohner eines vollkommen abgelegenen Dorfes haben in der Dorfschenke »den Anderen« umgebracht, einen namenlosen Fremden, der nach dem Krieg im Dorf auftauchte und von den Einheimischen misstrauisch beäugt wurde. Brodeck ist eine Art Forstinspektor, lebt etwas außerhalb des Dorfes und kommt direkt nach der Tat in die Dorfschenke. Die Täter – nahezu die gesamte männliche Bevölkerung des Weilers – verlangen, dass er einen offiziellen Bericht schreibt, um die Tat zu vertuschen. Gewalt und Drohungen liegen in der Luft. Und je mehr sich Brodeck damit beschäftigt, umso klarer wird ihm, dass er – selbst ein Kriegsflüchtling – ebenfalls nicht zur Dorfgemeinschaft gehört, er auch ein »Anderer« ist. Was war während des Krieges geschehen? Worin war das Dorf verwickelt? Extrem harte Schwarzweiß-Kontraste sorgen von der ersten Seite an für eine Stimmung, die nichts Gutes verheißt. Die aber eine Sogwirkung entwickelt, der man sich kaum entziehen kann. Dazu gibt es eine Gestaltung, die von außen einem alten Photoalbum ähnelt, aber geschützt ist durch einen Schuber mit apokalyptischen Bildern – schon dadurch wird deutlich, dass nichts so ist, wie es scheint. Selten ist das Wort »Gesamtkunstwerk« so zutreffend wie bei dieser Graphic Novel. Die Romanvorlage stammt von Philippe Claudel, übersetzt wurde der Text von Ulrich Pröfrock.

Mit einem modernen Klassiker hat dieser Text begonnen, mit einem ebensolchen endet er. Ernest Hemingway hat in seinem kurzen Roman »Der alte Mann und das Meer« wesentliche Themen unseres Lebens auf wenigen Seiten dargestellt: Das Altern, die Einsamkeit, das Weitermachen. Und die Sinnlosigkeit unserer Anstrengungen. Der Zeichner Thierry Murat schuf aus dieser Vorlage eine Graphic Novel, die den Betrachter mit ihren plakativen, schon fast meditativen Bildern in den Bann zieht. Und es schafft, eine Spannung zu erzeugen, auch wenn der Ausgang der Geschichte schon längst bekannt ist. Die Übersetzung stammt von Anja Kootz.

Das war der zweite Teil der Graphic-Novel-Vorstellungsrunde hier auf Kaffeehaussitzer, den ersten Teil gibt es zum Nachlesen hier. Und wie immer freue ich mich über weitere Tipps und Leseanregungen – immer her damit.

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3 Antworten auf „Zeig doch mal die Bilder (Teil 2)“

  1. Das Buch über Kant spricht mich an, weil Kant und ich – auweia! Danke für den Tipp also, über Graphic Novels bin ich mir selbst noch nicht so einig. Viele finde ich zu ausladend. Aber ich bleibe dran. Und weil ich leider auch bei Dir keine Sternchen lassen kann, warum auch immer. Hier noch eins: ⭐️

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