Berlin – Chicago – Jerusalem

Dana Vowinckel: Gewaesser im Ziplock

Der Roman »Gewässer im Ziplock« von Dana Vowinckel wurde schon einmal hier erwähnt, gehört er doch zu den fünfzehn besten Büchern, die ich im letzten Jahr gelesen habe. Nun durfte ich die Autorin bei einer Veranstaltung des Kölner Literaturhauses live erleben und das ist eine gute Gelegenheit, ihr Buch endlich ausführlich vorzustellen. »Gewässer im Ziplock« ist eine Familiengeschichte. Eine Familiengeschichte, durch die sich Risse ziehen; manche sind unübersehbar, andere ganz fein und im täglichen Leben kaum wahrzunehmen. Doch gerade die feinen Risse sind es, aus denen die Schatten der Geschichte hervorquellen und die sich jederzeit in aufplatzende, tiefe Furchen verwandeln können.

Die fünfzehnjährige Margarita lebt in Berlin und schlägt sich mit den üblichen Problemen einer Pubertierenden herum. Etwas ist jedoch anders als bei vielen Gleichaltrigen: Sie ist Jüdin, ihr Vater arbeitet als Chasan, als Vorbeter und -sänger in einer Synagoge. Und dieses Gefühl des Andersseins, das sie nur schwer in Worte fassen kann, zieht sich durch ihren Alltag: Die Schule hinter einem Sicherheitszaun, der Vater, der die Kippa unter einer Baseballkappe verbirgt, dumme Sprüche auf Partys, immer wieder antisemitische Anfeindungen. Und über allem liegt unausgesprochen der finstere Schatten der Shoah, ein Schatten, der nie vergehen kann, besonders nicht im Land der Täter. Die Romanhandlung umfasst wenige Wochen in einem Sommer, der Margarita von Berlin über Chicago nach Jerusalem führen wird; Wochen, die ihr Leben prägen werden. Die Erzählweise aus zwei Perspektiven – der ihren und der ihres alleinerziehenden Vaters Avi – verleihen der Handlung eine besondere Tiefe.

Dana Vowinckel liest aus »Gewaesser im Ziplock«
Dana Vowinckel liest aus »Gewässer im Ziplock«

In jenem Sommer ist Margarita bei ihren Großeltern in Chicago zu Besuch; es sind die Eltern ihrer Mutter. Ihrer Mutter, die sie kaum kennt, da sie die Familie kurz nach dem Umzug nach Berlin verlassen hat. Sie fühlt sich bei ihren Großeltern nicht wohl, kommt sich von ihrem Vater abgeschoben vor, vermisst ihr Leben in Berlin, vermisst den Jungen, in den sie sich – wahrscheinlich – verliebt hat; Heimweh und der Gefühlswirrwarr einer Fünfzehnjährigen vermischen sich zu einer bitteren Einsamkeits-Melange. Da meldet sich ihre Mutter Marsha aus Jerusalem; sie hat an der dortigen Universität eine Stelle als Linguistik-Professorin erhalten. Bis zum ersten Arbeitstag ist noch Zeit und sie schlägt Margarita vor, zu ihr zu kommen, um Israel kennenzulernen. Und ihre Mutter. Widerstrebend macht sie sich auf den Weg zu der Frau, die sie einst im Stich ließ. Und nicht lange nach dem Telefonat landet ihr Flugzeug in Tel Aviv. 

Das sind die drei Handlungsstränge des Romans: Das Leben Margaritas und Avis in Berlin. Die Reise Margaritas und Marshas durch Israel. Und Margaritas Beziehung zu ihren Großeltern in Chicago. Gleichzeitig lernen wir dabei völlig unterschiedliche jüdische Lebenswelten kennen. Diese Unterschiede waren eines der vielen Themen, über die Dana Vowinckel in Köln mit dem Moderator Manuel Gogos gesprochen hat. Denn jüdischen Autorinnen und Autoren wird in Interviews oft die Frage nach der Tradition des jüdischen Familienromans gestellt; Referenzen sind dann gerne die Bücher von Philip Roth oder Maxim Biller oder Werke wie Irene Disches »Großmama packt aus«. Und natürlich gibt es universale Erfahrungen der jüdischen Gemeinschaften weltweit; das Grauen der Shoah, das erst zwei Generationen zurückliegt, prägt die Gefühle bis heute. Doch innerhalb dieser universalen Erfahrungen sind jüdische Familien so unterschiedlich wie alle anderen auch. Und die jüdischen Gemeinschaften so heterogen wie alle anderen Gemeinschaften; in Deutschland zum Beispiel ist die jüdische Community in vielen Fragen sehr zerstritten – so die Autorin, die sich im Tagesspiegel zu ihrem Buch äußerte: »Ich will jüdisches Leben erzählen, nicht erklären.« Und genau dies gelingt ihr auf großartige, auf mitreißende Weise. 

Durch die Perspektivwechsel, durch die sich parallel entwickelnden Handlungsstränge, durch Rückblenden und durch das Unterwegssein der Protagonisten – auch Avi wird nach Jerusalem kommen, als dort alles aus dem Ruder zu laufen beginnt – erhalten wir Einblicke in die große Vielfalt des jüdischen Lebens. Avi, der erst Pilot bei der israelischen Luftwaffe war, dann den Weg zur Religion gefunden hat und jetzt in einer Synagogen-Gemeinde in Berlin arbeitet; umgeben von dem deutschen Erinnerungstheater, das jederzeit einen Blick freigeben kann auf einen Antisemitismus, der nie weg war. Der als alleinerziehender Vater mit seiner Tochter ein einfaches Leben lebt, ihr aber Stabilität bietet und einen ruhigen, getakteten, schon fast ein wenig spießigen Alltag. Der – natürlich – besorgt ist um ihr Wohlergehen, aber nicht übervorsichtig. 

Marsha, die aus einer gutsituierten Chicagoer Familie stammt. Für die Avis Stelle in Berlin – die er angenommen hatte, ohne es mit ihr abzusprechen – etwas Unvorstellbares bedeutete. Sie war ihm zwar nach Deutschland gefolgt, aber in dem Land des Holocausts, der Shoa, der Vernichtung war es ihr unmöglich zu leben. Es funktionierte nicht, sie musste gehen und ließ ihren Mann mit ihrer Tochter ratlos zurück. 

Und Margarita, die wir auf ihrer Reise durch einen chaotischen Sommer begleiten. Als deutsche Jüdin fühlt sie sich fremd in Israel, fühlt sich fremd bei ihrer Mutter. Fühlt sich fremd mit sich selbst. Die Frage, ob Margaritas Grundemotion geprägt sei von Wut oder Scham verneinte die Autorin. Für Dana Vowinckel ist es in erster Linie das Gefühl der Verwunderung, das Margarita überallhin begleitet und mit dem sie dem Leben begegnet. Wohin, zu wem gehört sie? Wer ist ihre Familie? Es sind existenzielle Fragen, verknüpft mit der Geschichte von Menschen, deren Existenz seit unzähligen Generationen permanent bedroht ist. 

Durch die grauenvollen Ereignisse des 7. Oktober 2023 und deren Folgen hat »Gewässer im Ziplock« eine bedrückende Aktualität erhalten. In Köln ging es natürlich auch um dieses Thema. Doch Dana Vowinckel und Manuel Gogos gelang es, das Gespräch über das Buch dadurch zu vertiefen, ohne dass es alles dominiert hätte. Überhaupt hätte ich den beiden noch viel länger zuhören können, als die neunzig Minuten an diesem Abend, sie harmonierten wunderbar auf der Bühne. Einige Passagen des Gesprächs sind mir besonders im Kopf geblieben. Etwa als Dana Vowinckel sagte, dass für sie das Schreiben immer politisch ist, es sei gar nicht anders möglich – denn auch wenn sich eine Autorin, ein Autor beim Schreiben nicht politisch positioniert, so ist auch dies eine Positionierung. Und wenn sie als Autorin die politische Position einer ihrer Figuren beschreibt, müsse sie sich vollkommen in diese Haltung hineindenken können, auch wenn sie selbst eine gänzlich andere Meinung habe. Eine in diesem Sinne äußerst gelungene Stelle ist der Streit zwischen Avi und seiner Schwester, die beide sehr unterschiedliche Vorstellungen von Israel haben. Dana Vowinckel selbst sieht vieles an der aktuellen israelischen Politik kritisch, lehnt die Siedlerbewegung vehement ab – aber besonders der Erfolg der islamofaschistischen Ideologie zeigt deutlich, dass es den israelischen Staat braucht. Mehr denn je. 

Angesprochen auf die Frage, wie sich ihr eigenes Jüdischsein nach dem 7. Oktober und angesichts der Zunahme antisemitischer Übergriffe anfühlen würde, gab Dana Vowinckel die einzig richtige Antwort: Es ist falsch, dass jüdische Menschen danach gefragt werden. Vielmehr sollte man alle anderen fragen, warum sie diesen Hass auf unseren Straßen dulden? Und wie man es schaffen kann, dass unser Land für alle Menschen sicher ist, die dort leben. 

Dana Vowinckel und Manuel Gogos
Dana Vowinckel und Manuel Gogos

Wie gesagt, ich hätte den beiden noch viel länger zuhören können: Auf der einen Seite die spannenden Fragen von Manuel Gogos, die nicht nur neugierig auf das Buch machten, sondern es in einen größeren Kontext einordneten. Und auf der anderen Seite Dana Vowinckel, deren entspannt, aber gleichzeitig souverän wirkender Auftritt mir noch lange im Kopf bleiben wird. Bei der Gelegenheit sei die Folge des Suhrkamp-Podcasts »Dichtung & Wahrheit« empfohlen, in der sie darüber spricht, wie man über junges jüdisches Leben heute schreibt. 

Und wer wissen möchte, was eigentlich »Gewässer im Ziplock« bedeutet – auch das verriet uns die Autorin an jenem Abend. Der Titel entstand aus einer spontanen Eingebung heraus. Als sie an dem Roman schrieb, reichte Dana Vowinckel die ersten Seiten ihres Textes für den Bachmann-Preis ein. Und als alles für die Post vorbereitet war, musste auf die Schnelle noch ein Titel her. Aus irgendeinem Grund hatte sie in diesem Moment eine Stelle aus dem 93. Psalm im Kopf, wo die Wasser, die Fluten brausen. Und da im Buch viel gereist wird, dachte sie gleichzeitig an die praktischen Ziplock-Beutel, in denen man seinen Kleinkram verstaut. Und wie es manchmal so ist: Die Gedanken verknüpfen sich, seltsame Kombinationen entstehen; etwa wie es wohl wäre, wenn man die brausenden Gewässer transportieren könnte. Tja, und das war es dann. Es blieb der Arbeitstitel, als das fertige Manuskript bei Suhrkamp das Lektorat durchlief, dann in den Satz ging und als alles bereit war zum Drucken meinte jemand noch, ob das jetzt wirklich der endgültige Titel sei – aber die Zeit bis zum Erscheinungstermin drängte und das Buch ging in Produktion. Und auf der Titelseite steht: »Gewässer im Ziplock«. 

Buchinformation
Dana Vowinckel, Gewässer im Ziplock
Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-47360-3

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Lesend durch die Cafés der Stadt

Olivia Laing: Die einsame Stadt

Manchmal, nicht sehr oft, gönne ich mir etwas Auszeit und ziehe einen Tag lang von Café zu Café. Mit einem Buch als Begleiter. Einen Tag lang lesen, schauen, sitzen, schlendern, lesen, schauen, lesen, lesen – es sind intensive Lektüreerlebnisse. Bei der letzten Kaffeehaustour, wie ich diese Tage hier im Blog nenne, war ich in Berlin unterwegs. Und mit dabei hatte ich das Buch »Die einsame Stadt« von Olivia Laing. »Vom Abenteuer des Alleinseins« lautet der Untertitel; perfekt passend für einen Leser alleine im Café, dachte ich. Und wurde nicht enttäuscht. Olivia Laing schickte mich auf eine inspirierende Reise durch die Kunstwelt des 20. Jahrhunderts. Und durch die Straßen New Yorks, gleichzeitig schillernde Kulisse und Hauptprotagonistin des Buches. „Lesend durch die Cafés der Stadt“ weiterlesen

An der Schwelle einer neuen Zeit

Das 19. Jahrhundert ist für mich eine der interessantesten Epochen der Geschichte. Hier liegen die Wurzeln unserer Gegenwart; unsere heutige Welt mit all ihren Verwerfungen, aber auch Errungenschaften der letzten hundert Jahre fußt zu einem großen Teil auf Geschehnissen, die sich zwischen 1789 und 1918 ereignet haben – weshalb oft vom »langen 19. Jahrhundert« die Rede ist, das eigentlich mit der Französischen Revolution begann und mit dem Ersten Weltkrieg endete. Gleichzeitig lese ich gerne historische Kriminalromane, sofern sie – und hier trennt sich die Spreu vom Weizen – präzise recherchiert sind. Denn wie schon einmal geschrieben, eignet sich kaum etwas besser, um in der Geschichte herumzustromern. Und ich finde es spannend durch die Straßen eines längst vergangenen Berlins zu flanieren und eine Atmosphäre in mich aufzunehmen, die es schon lange nicht mehr gibt. Kriminalroman, 19. Jahrhundert, Berlin: Die beiden Bücher von Ralph Knobelsdorf vereinen all dies miteinander, weshalb ich die Lektüre von »Des Kummers Nacht« und »Ein Fremder hier zu Lande« sehr genossen habe. Denn bei diesen Romanen passte einfach alles. „An der Schwelle einer neuen Zeit“ weiterlesen

Die Zerrissenheit jener Jahre

Szczepan Twardoch: Demut

»Ameise will ich sein, Teil des Ganzen.« Das ist der Wunsch von Alois Pokora, als er inmitten einer revolutionären Menge auf das Berliner Polizeipräsidium, die »Rote Burg« zustürmt, um Gefangene zu befreien. Es ist die Zeitenwende 1918/1919, die politische Ordnung und gesellschaftliche Normen zerbröseln. Chaos herrscht auf den Straßen und Szczepan Twardoch schickt uns mit seinem Roman »Demut« mitten hinein in diese Zeit des Umbruchs. Eine Zeit, in der vieles möglich schien. Eine Zeit voller Aufbruchsstimmung inmitten unzähliger Dramen am Ende des Ersten Weltkriegs. Eine Zeit der Kämpfe, des Hasses und des Beginns einer tiefen Spaltung der Gesellschaft. Und in der Figur jenes Alois Pokora spiegelt sich die ganze Zerrissenheit jener Jahre wider, denn er ist ein Mensch, der zwischen allen denkbaren Stühlen sitzt und droht, daran zugrunde zu gehen. Dabei hat er nur einen großen Wunsch: irgendwo dazuzugehören. »Ameise will ich sein, Teil des Ganzen.«  „Die Zerrissenheit jener Jahre“ weiterlesen

Aus Overstolz wird Camel

Volker Kutscher: Transatlantik - der neunte Roman der Gereon-Rath-Reihe

»Er zündete sich eine Overstolz an« – dieser Satz kündigt den Auftritt von Gereon Rath an und in den bisherigen Bänden der Buchreihe von Volker Kutscher dauert es nicht lange, bis er fällt. Diesmal nicht. In »Transatlantik«, dem neunten Rath-Roman, müssen wir bis Seite 63 warten, erst dann können wir ihn zum ersten Mal lesen. Denn inzwischen ist die Reihe im Jahr 1937 angekommen und für die Protagonisten hat sich alles verändert. Charlotte »Charlie« Rath arbeitet nach wie vor in der Detektei ihres früheren Vorgesetzten bei der Kripo und weiß nicht, ob und wo ihr Mann lebt. Gereon Rath, von SS und Gestapo verfolgt, schafft es per Zeppelin aus Deutschland heraus und versucht in New Jersey Fuß zu fassen. Und Ziehsohn Fritze, einst begeistertes HJ-Mitglied, wird zum Opfer des Systems und seiner verbrecherischen Machenschaften. Diese drei Erzählstränge bilden den Rahmen für die Handlung des Romans – der uns wieder einen Schritt weiter hinein in die Dunkelheit des »Dritten Reiches« führt. 

Bevölkert ist »Transatlantik« mit vielen Personen aus der Welt des Gereon Rath, die Volker Kutscher nunmehr seit fünfzehn Jahren mit akribischer Recherche und schriftstellerischer Leidenschaft geschaffen hat. Und wie es so ist beim neunten Band einer Reihe: Selbstverständlich kann man ihn auch einzeln lesen, im Großen und Ganzen ist die Handlung in sich abgeschlossen. Doch natürlich gibt es zahllose Verweise und Anspielungen auf die vorhergehenden Bände, so dass es empfehlenswert ist, mit Teil eins zu beginnen. Dann nämlich entfaltet die Reihe ihren ganz besonderen Reiz. „Aus Overstolz wird Camel“ weiterlesen

Reise in den Wahn

Hari Kunzru: Red Pill

Es war ein Leseerlebnis, wie es nicht allzu oft vorkommt. Der Liebeskind Verlag hatte mir den Roman »Red Pill« von Hari Kunzru zugeschickt, dessen »White Tears« für mich eines der besten Bücher der letzten Jahre war. Umso gespannter war ich auf das neue Werk – und direkt die ersten Sätze haben mich so tief getroffen, dass ich sprachlos vor dem aufgeschlagenen Buch saß und dachte, genau, ganz genau so ist es. Hari Kunzru ist 1969 geboren und damit der gleiche Jahrgang wie ich. In »Red Pill« schreibt er aus der Sicht eines Fünfzigjährigen darüber, wie es sich anfühlt, wenn man zu ersten Mal bemerkt, dass einen das Älterwerden nun doch eingeholt hat, auch wenn man es lange nicht wahrhaben wollte. Es sind lediglich ein paar Sätze, doch sie bringen dieses Gefühl absolut treffend auf den Punkt. Und man sitzt da und liest Gedanken, die einen selbst bewegen, die einen schon seit einiger Zeit nicht mehr loslassen, die man aber bisher nicht in Worte fassen konnte. Jedenfalls nicht so elegant. Hier sind sie, in der Übersetzung von Werner Löcher-Lawrence: „Reise in den Wahn“ weiterlesen

Eine Feier der Planlosigkeit

Seit vielen Jahren begleitet mich Sven Regeners Romanheld Frank Lehmann. Angefangen hat alles mit einem Päckchen: Im Frühjahr 2001 schickte mir eine Bekannte, die zu dieser Zeit als Volontärin beim Eichborn Verlag arbeitete, »Herr Lehmann« zu – mit den Worten, dies könne ein Buch für mich sein. Sie wusste nicht, wie recht sie damit haben würde, denn nie zuvor und nie danach habe ich mich so in einer Romanfigur wiedergefunden. Und es ist inzwischen eine liebgewordene Tradition, dass ich »Herr Lehmann« jedes Jahr lese; das zwanzigste Mal steht jetzt bevor und bei jedem Wiederlesen fühlt es sich an, als würde ich einem alten Freund begegnen. Natürlich ist es auch das allererste Buch, das ich hier im Blog vorgestellt habe, nicht ahnend, dass mich wiederum das Bloggen ein paar Jahre später zu einem neuen Job führen sollte. Genauer gesagt zum Eichborn Verlag, der allerdings nur noch den Namen mit dem früheren Unternehmen gemein hat; bei dem aber »Herr Lehmann« immer noch in der gebundenen Ausgabe erhältlich ist, auch wenn der Autor inzwischen beim Galiani Verlag veröffentlicht. 

Sven Regener beließ es nicht bei einem einzigen Roman. Nach und nach erschienen weitere Geschichten aus der Welt des Frank Lehmann, allesamt bevölkert mit wunderbar schrägen Gestalten, die eines einte: Irgendwie stolperten sie ziemlich planlos durch ihre Leben. Und es ist genau diese geschilderte Planlosigkeit, die ich an den Lehmann-Geschichten so liebe; verbunden mit einer In-den-Tag-hineinleben-Haltung, die in unseren Zeiten der Selbstoptimierung schon fast revolutionär wirkt. Das Erscheinen von »Glitterschnitter«, seines sechsten Romans, nehme ich als Anlass, um die Frank-Lehmann-Welt in ihrer Gesamtheit vorzustellen und mir Gedanken darüber zu machen, was genau mich daran so fasziniert. Hier kommen die Romane in der Reihenfolge ihres Erscheinens. „Eine Feier der Planlosigkeit“ weiterlesen

Über Gentrifizierung. Ein Textbaustein*

Ueber Gentrifizierung: Textstelle aus »Der Sollist« von Jan Seghers

»Als Gentrifizierung bezeichnet man den sozioökonomischen Strukturwandel großstädtischer Viertel durch eine Attraktivitätssteigerung zugunsten zahlungskräftigerer Eigentümer und Mieter und deren anschließenden Zuzug. Damit verbunden ist der Austausch ganzer Bevölkerungsgruppen.« Diese dürre Wikipedia-Definition beschreibt eines der größten Probleme unseres Wohnungsmarktes, bei dem es nicht nur um bezahlbaren Wohnraum, sondern um eine zunehmende Spaltung der Gesellschaft geht. „Über Gentrifizierung. Ein Textbaustein*“ weiterlesen

Wem gehört die Stadt?

Eva Ladipo: Raeuber

Eine marode Sozialbausiedlung steht im Zentrum des Romans »Räuber« von Eva Ladipo. Aber natürlich geht es um viel mehr; die Überschrift, die ich mir von der Rückseite des Buches geliehen habe, sagt es schon: Die Frage, wie wir in den Städten leben wollen oder vielmehr können – sie ist für viele Menschen existenziell geworden. Und zwar nicht erst, seit Wohnungen zu reinen Spekulations- und Investitionsobjekten verkommen sind; diese Entwicklung hat schon viel früher eingesetzt. Nur haben diejenigen, die bereits seit Jahren von der Gentrifizierung vor sich hergetrieben werden, keine Lobby, keine Stimme und meist keine Kraft, sich zu wehren. Und sie stehen nun mit dem Rücken an der Wand. Solche sozialen Verwerfungen gibt es in vielen Großstädten, aber in Berlin sind sie besonders drastisch. Die fiktive Sozialbausiedlung in diesem Buch symbolisiert stellvertretend die Veränderungen in der Stadt. Ebenso wie die drei Protagonisten der Handlung, die aus unterschiedlichen Perspektiven mit den geschilderten Entwicklungen zu tun haben. „Wem gehört die Stadt?“ weiterlesen

Der Weg in die Dunkelheit

Volker Kutscher: Olympia

Im Jahr 2007 startete Volker Kutscher seine Buchreihe um den Kommissar Gereon Rath, den es 1929 von Köln nach Berlin verschlägt und der dort den Weg in die Dunkelheit des »Dritten Reiches« miterleben wird. Ich weiß noch, wie ich den ersten Band – »Der nasse Fisch« – zum ersten Mal sah und durch das Buchcover sofort meine Neugier geweckt wurde: Eine Straßenszene aus den Zwanzigerjahren, eine Limousine, die am Bürgersteig parkt und von Kindern bewundert wird, daneben eine Litfaßsäule, die wie eine Reminiszenz an »Emil und die Detektive« wirkt. Seitdem begleite ich Gereon Rath und Charlotte Ritter auf ihrem Weg durch die immer finsterer werdende Geschichte und auch dreizehn Jahre später ist meine Begeisterung für diese Reihe ungebrochen; der im November 2020 erschienene achte Band »Olympia« spielt im Jahr 1936. Und Gereon Rath ist inzwischen ein desillusionierter Polizist, der sich Gedanken macht über den Sinn von Mordermittlungen in einem Land, das von Mördern regiert wird. „Der Weg in die Dunkelheit“ weiterlesen

Ein Suchender, verloren gegangen

Tina Ger: Das Angeln von Piranhas

Ab und zu habe ich Buchpost im Briefkasten. Doch über diese habe ich mich ganz besonders gefreut: »Das Angeln von Piranhas« von Tina Ger hatte ich im Februar 2018 Jahren als Manuskript in der Rohfassung gelesen und es für den Blogbuster-Preis eingereicht. Damals gewann ein anderer Titel und erhielt dadurch einen Verlagsvertrag. Umso schöner finde ich es, dass nun auch mein Favorit als gedrucktes Buch erschienen ist. „Ein Suchender, verloren gegangen“ weiterlesen

Gespiegelte Verzweiflung

Christian Torkler: Der Platz an der Sonne

Mit Sätzen wie »dieses Buch sollte jeder lesen« bin ich immer etwas vorsichtig, denn zu unterschiedlich sind die Lesevorlieben der Menschen. Dem Roman »Der Platz an der Sonne« von Christian Torkler wünsche ich allerdings so viele Leser wie möglich, denn er ist für mich eines der wichtigsten Bücher für die Zeit, in der wir gerade leben. Es geht darin um Flucht und Migration, aber auf eine Art und Weise, die uns dieses emotional aufgeladene Thema vollkommen anders nahebringt als gewohnt. Und das mit einem ganz einfachen Trick: Torkler vertauscht den Blickwinkel. Wobei »einfach« das falsche Wort ist, denn der Autor hat eine vollkommen neue Welt erschaffen, ausgefüllt mit zahllosen Details, die das Geschehen so wahrheitsgetreu und realistisch wie möglich machen. „Gespiegelte Verzweiflung“ weiterlesen

Blogbuster 2018

Blogbuster 2018: Kaffeehaussitzers Longlist-Titel

Nach dem erfolgreichen Start im letzten Jahr findet auch 2018 wieder der Blogbuster-Wettbewerb statt, der Preis der Literaturblogger. Der Ablauf ist der gleiche: Autorinnen und Autoren konnten bei den 15 beteiligten Literaturblogs bis zum 31. Dezember 2017 unveröffentlichte Romanmanuskripte einreichen. Jeder Blog entscheidet sich für ein Manuskript, das auf die Longlist kommt. Und aus dieser Longlist wird dann ab Anfang März von der Jury – bestehend aus Denis Scheck, Elisabeth Ruge, Isabel Bogdan, Sara Schindler, Lars Birken-Bertsch, Tilman Winterling und Tobias Nazemi – erst eine Shortlist und im Mai 2018 der Siegertitel gewählt. Der Gewinner erhält einen Verlagsvertrag und das preisgekrönte Manuskript wird im Herbst als Buch erscheinen. Letztes Jahr war der Tropen Verlag/Klett-Cotta der Verlagspartner des Wettbewerbs, 2018 wird das Gewinnerbuch bei Kein & Aber veröffentlicht. Der Kaffeehaussitzer ist auch dieses Mal wieder einer der 15 Literaturblogs, bei denen die Manuskripte zur Prüfung eingegangen sind. „Blogbuster 2018“ weiterlesen

Ungläubiges Staunen

Berlin Heartbeats

Es war auf der Leipziger Buchmesse 2015, als ich zum ersten Mal viele meiner Bloggerkollegen im echten Leben getroffen habe. Als Tobias Nazemi vom Blog buchrevier hörte, dass ich in Köln lebe, meinte er »Echt? Ich hätte dich eher in Berlin verortet.« Meine spontane Antwort: »Ich mich auch.« Und genau so ist ist es. Berlin ist die Stadtliebe meines Lebens – obwohl oder vielleicht gerade weil der Kontakt zu dieser Stadt über all die Jahrzehnte nie ein dauerhafter war. Aber die dort verbrachten Wochen und Monate während der Neunziger gehören zu meinen prägendsten Erinnerungen.

Deshalb konnte ich an dem Buch »Berlin Heartbeats« auf keinen Fall vorbeigehen. Darin sind Texte und Bilder versammelt, die Geschichten aus jenem Berlin der Neunzigerjahre erzählen; Geschichten aus einer Zeit des Umbruchs, als alles offen und möglich schien, als Berlin ein einziges großes Experimentierfeld der urbanen Moderne war. Eine Zeit, in der ich diese Stadt während unzähliger, teils mehrmonatiger Besuche kennen- und liebengelernt habe. Sich durch Berlin treiben zu lassen hatte für mich in dieser Zeit stets etwas Inspirierendes, etwas Belebendes, aber auch etwas vage Vertrautes – vielleicht sind es die Gene meiner Familie; meine Großmutter verbrachte die gesamten Zwanzigerjahre in dieser Stadt. Und auch wenn ich heute dort aus dem Zug steige, fühle ich mich auf eine unbestimmte Art und Weise zuhause.

Aber es soll ja eigentlich um das Buch gehen. „Ungläubiges Staunen“ weiterlesen

Graphic-Novel-Werkstattbericht

Arne Jysch und Volker Kutscher: Der nasse Fisch - Graphic Novel

Es ist noch nicht so lange her, seit ich Graphic Novels als Literatur- und Kunstform für mich entdeckt habe. Gleichzeitig bin ich begeisterter Leser der Krimireihe rund um den Ermittler Gereon Rath. Wenn dann der erste Band dieser Reihe – »Der nasse Fisch« – als Graphic Novel erscheint und wenn Zeichner und Romanautor gemeinsam das Werk im Kölner Literaturhaus vorstellen – dann ist ja klar, dass ich mir diesen Abend auf keinen Fall entgehen lassen konnte. Und jede Minute hat sich gelohnt; es war eine ungemein spannende Veranstaltung, die den zahlreich erschienenen Zuhörern und Zuschauern die Entstehung einer Graphic Novel auf eine beeindruckende Art näher gebracht hat. „Graphic-Novel-Werkstattbericht“ weiterlesen