Ein Suchender, verloren gegangen

Tina Ger: Das Angeln von Piranhas

Ab und zu habe ich Buchpost im Briefkasten. Doch über diese habe ich mich ganz besonders gefreut: »Das Angeln von Piranhas« von Tina Ger hatte ich im Februar 2018 Jahren als Manuskript in der Rohfassung gelesen und es für den Blogbuster-Preis eingereicht. Damals gewann ein anderer Titel und erhielt dadurch einen Verlagsvertrag. Umso schöner finde ich es, dass nun auch mein Favorit als gedrucktes Buch erschienen ist. „Ein Suchender, verloren gegangen“ weiterlesen

Gespiegelte Verzweiflung

Christian Torkler: Der Platz an der Sonne

Mit Sätzen wie „Dieses Buch sollte jeder lesen“ bin ich immer etwas vorsichtig, denn zu unterschiedlich sind die Lesevorlieben der Menschen. Dem Roman „Der Platz an der Sonne“ von Christian Torkler wünsche ich allerdings so viele Leser wie möglich, denn er ist für mich eines der wichtigsten Bücher für die Zeit, in der wir gerade leben. Es geht darin um Flucht und Migration, aber auf eine Art und Weise, die uns dieses emotional aufgeladene Thema vollkommen anders nahebringt als gewohnt. Und das mit einem ganz einfachen Trick: Torkler vertauscht den Blickwinkel. Wobei „einfach“ das falsche Wort ist, denn der Autor hat eine vollkommen neue Welt erschaffen, ausgefüllt mit zahllosen Details, die das Geschehen so wahrheitsgetreu und realistisch wie möglich machen. „Gespiegelte Verzweiflung“ weiterlesen

Bibliophiler Wahn

Gunnar Kaiser: Unter der Haut

Das Buch „Unter der Haut“ von Gunnar Kaiser in der Hand zu halten, ist etwas Besonderes für mich. Denn ich hatte den Roman schon einmal hier vorgestellt. Damals existierte er aber lediglich als Datei, als ein 563-seitiges PDF. Es war das Manuskript, das ich 2017 für die Longlist des Blogbuster-Preises nominierte. Der Blogbeitrag endete mit den Worten: „Hätte ich allerdings selbst einen Verlag, würde ich dieses Manuskript auf keinen Fall für den Preis einreichen, sondern mir die Rechte daran sofort selbst sichern und es drucken lassen. Als richtig schönes Buch.“ Einen Verlag habe ich zwar immer noch nicht, aber der Berlin Verlag hat diese Auffordung wörtlich genommen und so ist „Unter der Haut“ nun in gedruckter Form erschienen. Als richtig schönes Buch. „Bibliophiler Wahn“ weiterlesen

Blogbuster 2018

Blogbuster 2018: Kaffeehaussitzers Longlist-Titel

Nach dem erfolgreichen Start im letzten Jahr findet auch 2018 wieder der Blogbuster-Wettbewerb statt, der Preis der Literaturblogger. Der Ablauf ist der gleiche: Autorinnen und Autoren konnten bei den 15 beteiligten Literaturblogs bis zum 31. Dezember 2017 unveröffentlichte Romanmanuskripte einreichen. Jeder Blog entscheidet sich für ein Manuskript, das auf die Longlist kommt. Und aus dieser Longlist wird dann ab Anfang März von der Jury – bestehend aus Denis Scheck, Elisabeth Ruge, Isabel Bogdan, Sara Schindler, Lars Birken-Bertsch, Tilman Winterling und Tobias Nazemi – erst eine Shortlist und im Mai 2018 der Siegertitel gewählt. Der Gewinner erhält einen Verlagsvertrag und das preisgekrönte Manuskript wird im Herbst als Buch erscheinen. Letztes Jahr war der Tropen Verlag/Klett-Cotta der Verlagspartner des Wettbewerbs, 2018 wird das Gewinnerbuch bei Kein & Aber veröffentlicht. Der Kaffeehaussitzer ist auch dieses Mal wieder einer der 15 Literaturblogs, bei denen die Manuskripte zur Prüfung eingegangen sind. „Blogbuster 2018“ weiterlesen

Ungläubiges Staunen

Berlin Heartbeats

Es war auf der Leipziger Buchmesse 2015, als ich zum ersten Mal viele meiner Bloggerkollegen im echten Leben getroffen habe. Als Tobias Nazemi vom Blog buchrevier hörte, dass ich in Köln lebe, meinte er „Echt? Ich hätte dich eher in Berlin verortet.“ Meine spontane Antwort: „Ich mich auch.“ Und genau so ist ist es. Berlin ist die Stadtliebe meines Lebens – obwohl oder vielleicht gerade weil der Kontakt zu dieser Stadt über all die Jahrzehnte nie ein dauerhafter war. Aber die dort verbrachten Wochen und Monate während der Neunziger gehören zu meinen prägendsten Erinnerungen.

Deshalb konnte ich an dem Buch „Berlin Heartbeats“ auf keinen Fall vorbeigehen. Darin sind Texte und Bilder versammelt, die Geschichten aus jenem Berlin der Neunzigerjahre erzählen; Geschichten aus einer Zeit des Umbruchs, als alles offen und möglich schien, als Berlin ein einziges großes Experimentierfeld der urbanen Moderne war. Eine Zeit, in der ich diese Stadt während unzähliger, teils mehrmonatiger Besuche kennen- und liebengelernt habe. Sich durch Berlin treiben zu lassen hatte für mich in dieser Zeit stets etwas Inspirierendes, etwas Belebendes, aber auch etwas vage Vertrautes – vielleicht sind es die Gene meiner Familie; meine Großmutter verbrachte die gesamten Zwanzigerjahre in dieser Stadt. Und auch wenn ich heute dort aus dem Zug steige, fühle ich mich auf eine unbestimmte Art und Weise zuhause.

Aber es soll ja eigentlich um das Buch gehen. „Ungläubiges Staunen“ weiterlesen

Graphic-Novel-Werkstattbericht

Arne Jysch und Volker Kutscher: Der nasse Fisch - Graphic Novel

Es ist noch nicht so lange her, seit ich Graphic Novels als Literatur- und Kunstform für mich entdeckt habe. Gleichzeitig bin ich begeisterter Leser der Krimireihe rund um den Ermittler Gereon Rath. Wenn dann der erste Band dieser Reihe – „Der nasse Fisch“ – als Graphic Novel erscheint und wenn Zeichner und Romanautor gemeinsam das Werk im Kölner Literaturhaus vorstellen – dann ist ja klar, dass ich mir diesen Abend auf keinen Fall entgehen lassen konnte. Und jede Minute hat sich gelohnt; es war eine ungemein spannende Veranstaltung, die den zahlreich erschienenen Zuhörern und Zuschauern die Entstehung einer Graphic Novel auf eine beeindruckende Art näher gebracht hat. „Graphic-Novel-Werkstattbericht“ weiterlesen

„Unsere Demokratie muss die Fäuste oben halten“

Mit Volker Kutscher durch Köln-Klettenberg

Durch Köln-Klettenberg mit Volker Kutscher – ein Autorenspaziergang

Hier auf Kaffeehaussitzer habe ich mich schon mehrmals mit der Krimireihe rund um den Ermittler Gereon Rath beschäftigt. Die im Verlag Kiepenheuer & Witsch erscheinende Reihe ist ein spannendes und faszinierendes Projekt, denn der Autor Volker Kutscher schafft es damit, die verhängnisvollsten Jahre in der deutschen Geschichte am Beispiel seiner Protagonisten zu erzählen. Gemeinsam mit Gereon Rath erleben wir das Ende der Weimarer Republik und den Weg in die Dunkelheit der Nazi-Diktatur. Und das alles verpackt als spannende Kriminalfälle mit akribisch recherchiertem historischen Hintergrund.

Im Herbst 2016 fragte mich Philipp Rusch – der sich bei Kiepenheuer & Witsch um die zahlreichen Social-Media-Kanäle kümmert – ob ich Interesse hätte, mich einmal mit Volker Kutscher zu treffen und aus dem Gespräch einen Beitrag für den KiWi-Blog zu verfassen. Klar, dass ich sofort zugesagt habe und herausgekommen ist dabei ein Text über das Schreiben, über Zeitgeschichte und den Bezug zum Heute, über Köln und Berlin. Und natürlich über Gereon Rath. Im November 2016 wurde der Beitrag im KiWi-Verlagsblog veröffentlicht; jetzt gibt es ihn auch hier. „„Unsere Demokratie muss die Fäuste oben halten““ weiterlesen

Im Dunkeln

Andreas Pflüger: Endgueltig

Um gleich einmal mit der Tür in Haus zu fallen: „Endgültig“ von Andreas Pflüger ist einer der besten deutschen Kriminalromane, den ich in den letzten Jahren gelesen habe. Punkt.

Wer es etwas ausführlicher mag: Es liegt nicht nur an dem spannenden und vor allem temporeichen Plot, dem man mit seiner gekonnten Verdichtung die jahrelange Erfahrung des Schriftstellers als Drehbuchautor anmerkt. Es ist vor allem die Protagonistin Jenny Aaron, Mitglied einer Eliteeinheit der Polizei,  die mich sehr beeindruckt hat. Andreas Pflüger hat mit ihr eine starke Figur geschaffen, hart im Nehmen und gleichzeitig am Rande der Verzweiflung stehend. Denn sie ist blind. Oder vielmehr, sie wird es bei einem fehlgeschlagenen Einsatz, mit dem der Roman beginnt. „Im Dunkeln“ weiterlesen

Eine Entscheidung treffen

Blogbuster-Preis: Der Longlist-Titel des Blogs Kaffeehaussitzer

Das ist ein Beitrag, den ich eine Weile vor mir her geschoben habe, weil er mir nicht leichtfällt. Denn es musste eine Entscheidung getroffen werden. Und gleichzeitig freut er mich auch, denn ich habe eine literarische Entdeckung gemacht. Es geht um den Blogbuster-Wettbewerb und um den Titel, der durch den Blog Kaffeehaussitzer der Jury vorgelegt wird. „Eine Entscheidung treffen“ weiterlesen

Ermittler mit Scheuklappen

Volker Kutscher: Lunapark - Gereon Raths sechster Fall

Es gibt wenig Bücher, in denen Zeitgeschichte so lebendig wird, wie in der Buchreihe um den Ermittler Gereon Rath. Ich mag diese Reihe sehr und habe mich bereits mehrmals auf Kaffeehaussitzer damit beschäftigt. Sie ist ein spannendes und faszinierendes Projekt, denn der Autor Volker Kutscher schafft es darin, die verhängnisvollsten Jahre in der deutschen Geschichte am Beispiel seiner Protagonisten zu erzählen. Gemeinsam mit Gereon Rath erleben wir das Ende der Weimarer Republik und den Weg in die Dunkelheit der Nazi-Diktatur. Und das alles verpackt als spannende Kriminalfälle mit akribisch recherchiertem historischen Hintergrund. Der Roman „Lunapark“ spielt im Jahr 1934 und ist der sechste Band der Reihe; die Nationalsozialisten sind dabei ihre Macht weiter zu festigen, die SA terrorisiert die Bevölkerung, das Bürgertum – ursprünglich froh, der kommunistischen Gefahr Herr geworden zu sein – beginnt zu realisieren, auf was für eine Art Staat Deutschland unaufhaltsam zusteuert. „Ermittler mit Scheuklappen“ weiterlesen

Ein Jahr am Abgrund

Benedict Wells: Spinner

„Spinner“ ist ein früher Roman von Benedict Wells, den er jetzt, sieben Jahre nach Erscheinen, noch einmal überarbeitet hat. Das machte mich neugierig, denn es kommt selten vor, dass ein heutiger Autor ein Buch noch einmal in einer neuen Version veröffentlicht. Also habe ich es gekauft. Angefangen es zu lesen. Nicht mehr damit aufgehört, bis die letzte Seite umgeblättert war. Es hat mich umgehauen. Dabei ist die Handlung an sich schon beinahe banal: Ein junger Mann irrt durch Berlin auf der Suche nach dem Sinn in seinem Leben. Schon tausend Mal gelesen. Aber niemals so. Denn es waren unzählige Sätze und Gedanken in diesem Buch, die mich auf eine Reise zu einem anderen Ich aus einer längst vergangenen Zeit geschickt haben; eine Zeit, 27 Jahre her, die ich schon beinahe vergessen hatte, die mich aber geprägt hat bis heute. Es wird also gleich mal wieder etwas persönlicher, nur zur Vorwarnung. „Ein Jahr am Abgrund“ weiterlesen

Die lange Nacht der Buchregale

Fischer TOR

Die Buchbranche ist eine überschaubare Welt und es ist an sich nichts Ungewöhnliches, Personen, Gesichtern oder Namen bei unterschiedlichen Gelegenheiten ein zweites oder drittes Mal zu begegnen. Als ich aber kürzlich Post im Briefkasten hatte, schloss sich der Kreis zu einem Abend, der schon lange zurückliegt, den ich aber noch gut in Erinnerung habe. Es würde mir aber auch schwerfallen, solch einen Abend, solch eine Büchernacht zu vergessen. Doch der Reihe nach. „Die lange Nacht der Buchregale“ weiterlesen

Ein Tag bei Suhrkamp

Ein Tag bei Suhrkamp: Bloggertreffen beim Suhrkamp Verlag

#eintagbeisuhrkamp – so der Hashtag – begann schon am Vorabend. Genauer gesagt, am Abend des 19. Mai 2016 auf dem Platz vor dem Deutschen Theater in Berlin. Von allen Seiten tauchten vertraute Gesichter auf, fünfzehn Literaturblogger hatte der Suhrkamp Verlag nach Berlin geladen. Die meisten davon kannten einander bereits persönlich, es gab Umarmungen zur Begrüßung, Schulterklopfen, Lachen. Dann startete auch gleich das Programm, das Demian Sant’Unione, bei Suhrkamp für Online-Marketing und Bloggerkontakte zuständig, für uns vorbereitet hatte. Mit einem Theaterbesuch. „Ein Tag bei Suhrkamp“ weiterlesen

Das Leben der Mütter

Anke Stelling: Bodentiefe Fenster

Im April 1990 lief ich durch ein gigantisches Trümmerfeld. Endlos wirkende Straßenzüge ruinengleicher, aber immer noch prächtiger Häuser unter einem grauen, regnerischen Himmel. Braunkohlegeruch, kaum ein Mensch auf der Straße und was mir besonders in Erinnerung geblieben ist, waren die Metallträger, die aus den bröckelnden, schwarzen Fassaden ragten und damit andeuteten, wo einst Balkone waren. Alles war beeindruckend und trostlos zugleich. Niemals hätte ich es damals für möglich gehalten, dass dieser Bezirk nur fünfzehn Jahre später zu einer der angesagtesten, schönsten und gleichzeitig zu einer der gediegensten und auf eigene Art und Weise spießigsten Wohngegenden Deutschlands werden sollte. Zu einem Bionade-Biedermeier, wie die ZEIT treffend titelte. Genau, es geht um den Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg und Anke Stellings Roman „Bodentiefe Fenster“ führt mitten hinein ins Biotop der unangepassten Angepassten. „Das Leben der Mütter“ weiterlesen

Berliner Ermittlungen

Berlin-Noir-Krimis: Fünf Ermittler

Nur wenige Orte gibt es auf der Welt, an denen die Verwerfungen und Umbrüche der Geschichte so deutlich sehen waren und zu sehen sind wie in Berlin. Die Stadt stand das gesamte 20. Jahrhundert über im historischen Fokus, Brennpunkt und Symbol gleichermaßen. Die dramatischste Zeit dürfte ohne Zweifel die Epoche zwischen 1918 und 1945 gewesen sein; hier nahmen in Berlin Ereignisse ihren Anfang, die mit ihren Folgen unsere ganze Welt verändern sollten.

1918 strömte das geschlagene kaiserliche Heer nach vier Jahren Krieg zurück, es folgten eine Revolution und deren Niederschlagung mit bürgerkriegsähnlichen Zuständen in den Berliner Straßen. Dann die Inflation mit ihren verheerenden Folgen, eine erste vorsichtige Konsolidierung der jungen deutschen Republik, das langsame Erstarken der radikalen Parteien von rechts und links. Schließlich versetzte die Weltwirtschaftskrise dem Experiment der ersten deutschen Demokratie den Todesstoß, Straßenschlachten zwischen Nazis und Kommunisten waren an der Tagesordnung, Reichstagsauflösungen, Neuwahlen, immer schneller wechselten die Regierungen bis zu jenem unseligen Moment, als Hitler zum Reichskanzler ernannt wurde. Die Folgen sind bekannt.

Gleichzeitig war Berlin in den zwanziger Jahren eine der modernsten Städte der Welt, ein Zentrum der Kunst und Kultur, Treffpunkt der Avantgarde. Licht und Schatten nah beieinander – eine perfekte Atmosphäre für das Genre Kriminalliteratur und deshalb ist es kein Wunder, dass sich inzwischen einige Ermittler im Berlin der Zwanziger- und Dreißigerjahre tummeln. Mir gefällt das sehr gut, ich mag es, wenn historische Zusammenhänge gekonnt in Romanhandlungen eingebaut werden; besonders wenn es sich um so dramatische Zeiten handelt wie jene. Ein paar dieser Ermittler, deren Werdegang ich höchst gespannt verfolge, möchte ich hier vorstellen. „Berliner Ermittlungen“ weiterlesen