Geheimdienst außer Kontrolle

Harris, IntrigeVor vielen Jahren habe ich das Buch „Vaterland“ von Robert Harris in die Hände bekommen. Und seitdem alles, was er geschrieben hat, mit Begeisterung gelesen. Ein großes Thema, das sich durch viele seiner Romane zieht, ist das des Außenseiters, der sich alleine mit den Mächtigen anlegt, um ein Unrecht oder ein Geheimnis aufzudecken, das ansonsten gerne verschwiegen worden wäre.

So auch in „Intrige“, seinem neuen Roman, der vollständig auf wahren historischen Begebenheiten beruht. Der Außenseiter ist diesmal George Picquart, ein Offizier der französichen Armee, der 1894 vom Kriegsminister beauftragt wird, ihn regelmäßig über den Prozess gegen den mutmaßlichen Spion und Verräter Alfred Dreyfus auf dem Laufenden zu halten.

Die Geschichte beginnt mit der öffentlichen Degradierung des verurteilten Dreyfus, eine sehr eindrucksvoll geschilderte Szene vor Tausenden von Zuschauern. Picquart meldet dem Kriegsminister die Vollstreckung, anschließend wird Dreyfus per Schiff auf die „Teufelsinsel“ gebracht, ein unwirtliches Eiland vor der Küste Französisch-Guyanas, wo er als einzelner Gefangener streng bewacht den Rest seines Lebens dahinvegetieren soll. Ein Vorgehen wie aus einem Dumas-Roman, aber die französische Regierung wollte damals ein Exempel statuieren.

Picquart jedenfalls wird von nun an protegiert und kurz darauf neuer Leiter der Geheimdienst-Abteilung der französichen Armee, deren alter Chef die Beweisbeschaffung gegen Dreyfus maßgeblich verantwortet hat und nun todkrank aus dem Dienst ausgeschieden ist. Die Mitarbeiter begegnen ihrem neuen Chef mit Misstrauen und bald stößt dieser auf die ersten Anzeichen, dass die Beweise, auf deren Grundlage Dreyfus verurteilt wurde, alles andere als hieb- und stichfest, ja sogar eher fragwürdig sind.

Die Hinweise mehren sich und endlich merkt Picquart, was gespielt wird: Alle Beteiligten seitens des Geheimdienstes, Militärs und Kriegsministeriums wussten, dass die Beweise für eine Verurteilung nicht ausreichen würden. Da man sich mit Vorverurteilungen aber zu weit hervorgewagt hatte, einen Irrtum gegenüber der Öffentlichkeit nicht eingestehen wollte und zudem antisemitische Ressentiments gegenüber dem jüdischen Offizier Dreyfus hochkochten, wurden neue „Beweise“ konstruiert und damit die Richter des Militärgerichts heimlich beeinflusst.

Jetzt nimmt der Roman Fahrt auf, denn nun schlägt das Militär zurück: Um zu verhindern, dass Picquart weiterforscht, wird er nach Tunesien versetzt. Er schafft es, seine gesammelten Unterlagen heimlich einem befreundeten Anwalt zukommen zu lassen, der beginnt, die ganze Geschichte publik zu machen. Und dann überschlagen sich die Ereignisse. Picquart wird nach Frankreich zurückgeholt, es kommt zu einem neuen Prozess, die öffentliche Meinung ist gegen ihn, intime Details seines Privatlebens werden anonym öffentlich gemacht, er wird selbst als Verräter und Nestbeschmutzer beschimpft – das Schicksal eines Aufklärers, das wir auch heute wieder erleben. Er kann niemandem trauen, wird beschattet und bedroht, Zeugen begehen angeblich Selbstmord, im späteren Verlauf der Handlung wird ein Prozessbeteiligter auf offener Straße niedergeschossen, Schaufenster jüdischer Geschäfte gehen zu Bruch, die Situation eskaliert.

Und dann wendet sich alles.

Wie Harris es schafft, eine Geschichte, deren historische Fakten und Akteure feststehen und deren Ende man kennt, so zuzuspitzen, dass ein mitreißender Thriller daraus entsteht – das ist große Kunst. Und ein Buch über die Macht der öffentlichen Meinung, über einen Geheimdienst außer Kontrolle, über das Aushebeln des Rechtsstaats, über die Bespitzelung der Privatsphäre, über die Ohnmacht des Einzelnen gegenüber der Staatsräson.

Das kommt einem irgendwie bekannt vor? Ein historischer Roman, wie geschaffen für unsere Gegenwart.

Buchinformation
Robert Harris, Intrige
Aus dem Englischen von Wolfgang Müller

Heyne Verlag
ISBN 978-3-453-26878-4

4 Kommentare

  1. Oha. Ich schleiche schon eine Weileum das Buch herum und bin unentschieden, ob Original (Originaltext, aber Paperback!) oder deutsche Ausgabe (tolle Ausstattung und HC).
    Das es gelesen werden wird, ist aber klar. Besser früher als später.
    Danke für die Besprechung.

    • Freut mich! Auf notizhefte habe ich aber auch schon eine Menge interessanter Buchtipps gefunden!

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