Migrantenschicksale

Ulla Lenze: Der Empfaenger und Felix Kucher: Kamnick | Migrantenschicksale

Wirtschaftsflüchtlinge. Ein Wort für Menschen, deren Situation in ihrem Heimatland so perspektivlos ist, dass sie versuchen, sich in der Fremde eine menschenwürdige Existenz aufzubauen. Über ein Jahrhundert lang war Mitteleuropa eine Auswanderungsregion; Millionen dieser Wirtschaftsflüchtlinge ließen Deutschland  oder Österreich hinter sich, alle auf der verzweifelten Suche nach einem besseren Leben. Es begann mit den großen Migrationswellen im 19. Jahrhundert als Folge der Verelendung durch die Industrialisierung, der Hungersnöte durch Missernten oder der politischen Unfreiheit.

In den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts kehrten ebenfalls viele Auswanderer ihrer Heimat den Rücken. In ihren Ländern, die durch Kriegsfolgen, Inflation und Wirtschaftskrise geschwächt waren und im politischen Chaos zu versinken drohten, sahen sie für sich keine Zukunft mehr. Um zwei Menschen aus genau dieser Zeit geht es in den Romanen »Der Empfänger« von Ulla Lenze und »Kamnick« von Felix Kucher. Beide Bücher schildern auf unterschiedliche Weise, wie mühsam sich für diese Migranten ein Neuanfang gestaltete, wie wenig willkommen sie waren – und wie ihre Schicksale zu Spielbällen der politischen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts wurden. „Migrantenschicksale“ weiterlesen

Eine Ode an den Nebel

Steven Price: Die Frau in der Themse

Nebel. Ich liebe ihn. Nebeltage gehören zu meinen kostbarsten Erinnerungen. Als Kinder streiften wir durch den nebelverhangenen Wald, der fast direkt vor meinem Zuhause begann; kahle Äste, an denen die Tropfen hingen, reckten sich aus dem Dunst und dahinter verschwanden die dunklen Baumstämme in der Stille. Als Erwachsener lief ich durch Städte im Nebel; die gewohnte Umgebung war kaum wiederzuerkennen, Straßen endeten im Nichts, die Verkehrsgeräusche klangen gedämpft herüber. Immer war es das Gefühl, als wäre die Welt verschwunden, wäre geschrumpft auf die paar Meter, die man sie sehen konnte. Mystisch war das. Schön. Und immer auch ein bisschen schaurig. Solche Nebeltage sind wetterbedingt sehr selten, in den letzten Jahren habe ich sie kaum noch erlebt. Und das ist wohl mit ein Grund, warum mir der Roman »Die Frau in der Themse« von Steven Price so gut gefallen hat. Denn der Nebel spielt darin eine tragende Rolle und prägt die Atmosphäre. Und es ist auch nicht irgendein Nebel, sondern der von London. Dessen Ausläufer jetzt auch durch diese Buchvorstellung ziehen. „Eine Ode an den Nebel“ weiterlesen

Dokument der Hilflosigkeit

Frank Schirrmacher: Technologischer Totalitarismus - Eine Debatte

Flüchtlingskrise, ein Europa, das auseinanderzubrechen droht, ein neuer Kalter Krieg am Horizont – die Nachrichtenlage ist zur Zeit so bedrückend wie schon lange nicht mehr. Dabei gerät ein Thema völlig aus dem Fokus; ein Thema, das aber eine ebenso gewaltige Sprengkraft entfalten wird wie die genannten. Nur viel stiller und leiser. Denn wenn auch zur Zeit kaum darüber geredet oder berichtet wird, hat sich an der Brisanz der Datenüberwachung, des Datenmissbrauchs und der Datenspionage nichts geändert; sichere Regelungen sind weiter entfernt sind denn je. Es lohnt sich umso mehr ein Blick in das Buch „Technologischer Totalitarismus“, herausgegeben von Frank Schirrmacher. In dem 2014 gestarteten Leseprojekt Schöne neue, paranoide Welt hier auf Kaffeehaussitzer nimmt dieser Sammelband eine Schlüsselrolle ein, denn er vermittelt einen guten Eindruck über die Ratlosigkeit, mit der wir dem digitalen Umbau unserer Welt oftmals gegenüberstehen. „Dokument der Hilflosigkeit“ weiterlesen

Stasi reloaded

Glenn Greenwald: Die globale Überwachung - der Fall Snowden und die Geheimdienste

Als im Sommer 2013 Edward Snowden mit Unterstützung des Journalisten Glenn Greenwald das Ausmaß der globalen NSA-Spitzelaktivitäten offenlegte, ging ein Ruf der Entrüstung um die Welt. Knapp ein Jahr später veröffentlichte Greenwald das Buch „Die globale Überwachung“, in dem er die Strukturen und den gigantischen Umfang der geheimdienstlichen Datensammlungen ausführlich darstellte. Ich hatte mir das Buch damals gleich gekauft, bin aber erst jetzt dazu gekommen, es zu Ende zu lesen. Ein lehrreicher zeitlicher Abstand, denn was hat sich seitdem getan, insbesondere in unserem Land? Nichts. Durch das einer Demokratie unwürdige, soeben verabschiedete Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung wurde sogar von unserer eigenen Regierung noch einmal nachgelegt. Von daher ist es ein guter Zeitpunkt, Greenwalds Buch hier und jetzt vorzustellen. „Stasi reloaded“ weiterlesen

Romanhelden in der Matrix

Håkan Nesser: Himmel über London

„Himmel über London“ von Håkan Nesser ist eines der irritierendsten Bücher, das ich in letzter Zeit gelesen habe. Und eines der faszinierendsten. Eigentlich hatte ich Lust auf einen Krimi und gedacht, dass ich da mit dem neuen Nesser nichts falsch machen kann. Nur dass „Himmel über London“ gar kein Krimi ist. Aber allein die Sprache hat mich gleich in ihren Bann gezogen, die Handlung versprach konfliktreich und spannend zu werden, es ging um ein Geheimnis, eine Reise in die Vergangenheit. Und dann wurde alles ganz anders. So richtig anders. „Romanhelden in der Matrix“ weiterlesen

Made in Germany

Gerhard Seyfried: Verdammte Deutsche

Was es bedeutet, nicht in einer bestimmten Phase seines Lebens hängenzubleiben, das zeigt beeindruckend der Cartoonist und Schriftsteller Gerhard Seyfried. Erschienen in den Achtzigern seine wunderbar schrägen Comics rund um die linksalternative Berliner Hausbesetzerszene, hat er sich in den letzten elf Jahren einen Namen als Autor beeindruckend recherchierter historischer Romane gemacht. „Verdammte Deutsche“ thematisiert wie die Vorgänger-Romane „Herero“ und „Gelber Wind“ die Zeit des wilhelminischen Kaiserreichs und nimmt uns mit in ein Europa kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. „Made in Germany“ weiterlesen

Geheimdienst außer Kontrolle

Robert Harris: Intrige

Vor vielen Jahren habe ich das Buch „Vaterland“ von Robert Harris in die Hände bekommen. Und seitdem alles, was er geschrieben hat, mit Begeisterung gelesen. Ein großes Thema, das sich durch viele seiner Romane zieht, ist das des Außenseiters, der sich alleine mit den Mächtigen anlegt, um ein Unrecht oder ein Geheimnis aufzudecken, das ansonsten gerne verschwiegen worden wäre. So auch in „Intrige“, seinem neuen Roman, der vollständig auf wahren historischen Begebenheiten beruht. Der Außenseiter ist diesmal George Picquart, ein Offizier der französichen Armee, der 1894 vom Kriegsminister beauftragt wird, ihn regelmäßig über den Prozess gegen den mutmaßlichen Spion und Verräter Alfred Dreyfus auf dem Laufenden zu halten. „Geheimdienst außer Kontrolle“ weiterlesen