Schlaflos in Stuttgart

Frank O. Rudkoffsky: Fake

Nicht oft führt ein Roman die Leser nach Stuttgart. Stopp! Bitte nicht gähnend wegklicken. Denn die eigentliche Handlung in „Fake“ von Frank O. Rudkoffsky spielt in den Weiten der sozialen Netzwerke. Das Buch zeigt auf eine beeindruckende Weise, wie sehr virtuelle und reale Welt zusammengehören. Wie diese Unterscheidung eigentlich schon längst verschwunden ist. Wie das Verhalten im Digitalen unser Leben im Realen mehr prägt, als sich viele eingestehen möchten. Und wie dies manchmal fatale Folgen haben kann.

Stuttgart also. Dort leben Sophia und Jan, ein junges Paar, eben noch voller Träume. Kennengelernt hatten sie sich in Berlin, Sophia erhielt nach Abschluss ihres Studiums ein Jobangebot bei Daimler und Jan zog mit in die Schwabenmetropole. Journalist möchte er werden und erhofft sich viel von seinem Volontariat bei der Stuttgarter Zeitung. Eine Weltreise planten die beiden, ein paar Monate, vielleicht ein Jahr Auszeit. Die große Weltkarte und unzählige Zettel mit Notizen hängen an der Wand und erinnern an den großen Traum. Der erst einmal ausgeträumt ist.

Denn da ist jetzt noch Max. Ein Säugling, der nicht geplant war. Der nicht schlafen will. Der schreit und schreit. Und der das Leben der beiden durcheinanderwirbelt, bis hin zur vollkommenen Erschöpfung.

Das ist die Ausgangssituation des Romans. Erzählt wird stets aus der Ich-Perspektive, und zwar abwechselnd aus der Sichtweise Sophias und aus der Sichtweise Jans. Durch diesen klugen Kniff verdichtet sich die Handlung sehr schnell, wird die Angespanntheit der Situation beinahe mit Händen greifbar, erleben wir das Gefühl hautnah mit, sich in einer Sackgasse zu befinden und nicht mehr weiterzuwissen.

Sophia muss damit klarkommen, bei ihrem vielversprechend gestarteten Job erst einmal nicht gebraucht zu werden: »Noch vor Monaten liefen alle Fäden bei mir zusammen, und nun warfen meine Kollegen das Knäuel einfach über mich hinweg. Vor Max‘ Geburt hatte ich mich für unverzichtbar gehalten, aber anscheinend kamen sie im Controlling genausogut ohne mich aus. Ich war nun überflüssig wie ein Blinddarm.«

Jan wiederum hadert mit seinem journalistischen Talent, sein Volontärskollege Martin zieht an ihm vorbei und er versucht, seine große Enttäuschung sich nicht anmerken zu lassen, damit klarzukommen, irgendwie. Zugleich entfremden sich Jan und Sophia zusehends voneinander. Über den anfänglich witzig-ironisch gemeinten Satz »Die Welt stand uns offen, aber wir haben uns dann doch für Stuttgart entschieden« können die beiden schon lange nicht mehr lachen.

Dann ist da die Wut. Sophia platzt beinahe, weiß nicht wohin damit: »Nicht umsonst gab es das Wort bemuttern, aber kein bevatern im Duden – sprachlich war die Arbeit für Männer nach dem Begatten getan. Wut auf Jan hätte vieles einfacher gemacht. Wut auf mich. Oder auf die Gesellschaft. Aber es gab kein Ziel für meine Wut, keinen Schuldigen, an dem ich sie hätte entladen können. Das änderte nichts daran, dass sie rausmusste, irgendwohin, wo sie keinen großen Schaden anrichtete.«

Es geht dann schnell und ist einfach. Nichts ist simpler, als in den sozialen Medien zu provozieren, in Facebook-Gruppen anzuecken, seinen Frust in den Beleidigungen anderer loszuwerden. Natürlich nicht unter dem eigenen Namen, sondern mit einem Fake-Profil. Mit zwei verschiedenen Fake-Profilen, dreien, schließlich so vielen, dass Sophia für den Überblick eine Liste führen muss. Nach ein, zwei Frust-Postings ist bald kein Halten mehr und niemand ist vor ihrem Getrolle sicher, keine Mütterforen, keine Vegetariergruppen, keine Tierschützer, keine politisch Korrekten. Wird sie aus einer Gruppe geschmissen, kommt sie mit einer neuen Identität zurück. Nächtelang.

Jan hat inzwischen ebenfalls falsche Identitäten auf Facebook aufgebaut, allerdings für journalistische Projekte. Eines davon führt ihn tief hinein in die Pegida-Welt, in Dresden haben gerade die ersten Demonstrationen begonnen. Eine Erfahrung, die sein Weltbild erschüttert: »Was ich dank meines Fake-Accounts seit Wochen zu sehen bekomme, übertrifft meine Erwartungen – und Befürchtungen – um Längen. Die geschlossenen Gruppen der Neuen Rechten sind eine bizarre Parallelwelt voller Lügen und verzerrter Weltbilder, ein Musterbeispiel für kognitive Dissonanz.« Doch er macht weiter und weiter, spielt seine Rolle, recherchiert, reist nach Dresden, schreibt darüber. Bis es gefährlich wird. Nicht im Netz. Und nicht nur für ihn. Denn was ist wirklich geschehen, als die Situation auf dem Platz vor der Semper-Oper außer Kontrolle geriet? Und wo hört die Wahrheit im Journalismus auf?

Sophia hat eine seiner Fake-Identitäten gekapert, die er für eine andere Reportage gebraucht hatte. Sie baut sich damit eine komplette Identität auf, erfindet eine Krankengeschichte, erschafft ein virtuelles Drama im Netz. Doch auch dies wird Folgen haben. Und zwar ebenfalls nicht nur für sie. Irgendwann haben sich beide so in ihren Lügenwelten verstrickt, dass sie nur noch gemeinsam einen Ausgang finden können. Falls es nicht schon zu spät ist. Souverän beschreibt der Autor den Weg der beiden Protagonisten in eine Welt der Lügen, in der nichts so ist, wie es scheint.

Frank O. Rudkoffsky hat den perfekten Roman für unsere Zeit geschrieben. Für unsere Zeit der virtuellen Identitäten, der Parallelwelten, der Fake-News, der Dauerempörung, der veränderten Rolle der Medien, der Hassreden, des wütenden, dumpfen Grollens, das alle Kommunikation überlagert.

Überhaupt ist Wut das Leitthema. Eine Wut auf alles und jeden. Besonders in der Person Sophias ist diese Wut großartig geschildert. Es ist alles da: Die Überforderung, das Muttersein und den Job unter einen Hut zu bekommen, die Spitzfindigkeiten ihres Vaters, der immer nur kritisiert – mal subtil, mal weniger subtil. Die Enttäuschung über Jans Unfähigkeit, sich durchzusetzen und seine zunehmende Reserviertheit ihr gegenüber. Die selbstzufriedenen Latte-Macchiato-Mütter, die Sophia zutiefst verachtet. Und das Hintenanstellen der eigenen Träume. In einer besonders starken Szene reißt sie voller Zorn die Weltkarte mit all den über zwei Jahre zusammengetragenen Informationen für die geplante Weltreise von der Wand.

Doch inmitten all der Wut und Frustration gibt es immer wieder kurze Momente des Friedens, fein dosiert und von großer Zärtlichkeit: Dann nämlich, wenn Max, der Säugling, schläft. Und einen friedlicheren Anblick als ein schlafendes Kind gibt es nicht. Wird es nie geben.

Vielleicht wird doch noch alles gut.

Buchinformation
Frank O. Rudkoffsky, Fake
Verlag Voland & Quist
ISBN 978-3-863912-47-5

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Eine Antwort auf „Schlaflos in Stuttgart“

  1. ich kann leider auf Deiner Webseite nicht „liken“, deshalb jetzt so einen ⭐️ – Das mit der Wut finde ich ziemlich spannend. Vielleicht schaffe ich es, das Buch zu lesen. Aber auch so habe ich da was zu denken…

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