Die Welt der Buchblogs

Die Welt der Buchblogs

Bei der permanenten Suche nach neuen Lektüren gibt es für mich zwei wichtige Inspirationsquellen: Zum einen der Bummel durch die Buchhandlungen meines Vertrauens. Und zum anderen das Flanieren durch die bunte, vielfältige Welt der Literaturblogs. Diese Vielfalt finde ich immer wieder faszinierend und seit 2016 stelle ich in einer monatlichen Kolumne meine Fundstücke vor, die ich beim Blog-Flanieren entdecke; seien es Buchbesprechungen, Texte über die Buchbranche oder Beiträge zu gesellschaftlichen Entwicklungen.

Bis Ende Dezember 2024 erschien diese Online-Kolumne als »Kaffeehaussitzers Netzrückblick« in der Zeitschrift BuchMarkt, seit Januar 2025 wird sie unter dem neuen Titel »Der Buchblog-Flaneur« bei Börsenblatt.net veröffentlicht, der Online-Ausgabe des Börsenblatts des Deutschen Buchhandels, dem offiziellen Magazin der Buchbranche. Dieser Wechsel war Anfang des Jahres der Anlass, für die Print-Ausgabe des Börsenblatts einen Text über die Welt der Buchblogs zu schreiben – wie es anfing und was sich alles daraus entwickelte. In einer leicht erweiterten Version erscheint der Text nun auch hier im Blog. „Die Welt der Buchblogs“ weiterlesen

Die Stadt auf dem Wasser

David Hewson: Garten der Engel

Ich liebe Venedig. Ich liebe alles an diesem Ort: das Prächtige, das Marode, das Vergängliche, das Neblige, das Grandiose, das Melancholische, das Labyrinthische, das Mystische, das Geschichtsträchtige, das Trotzige, das Zeitlose – eine ganz und gar unwahrscheinliche Stadt, schwebend zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart, einer ungewissen Zukunft entgegengehend. Und da ich dieses Venedig so sehr mag, war ich das letzte Mal vor über zwanzig Jahren dort und habe nicht vor, noch einmal dorthin zu fahren. Zumindest kann ich es mir momentan nicht vorstellen, denn ich möchte kein Teil des vollkommen außer Kontrolle geratenen Massentourismus sein, der alles an der Stadt zerstört, was sie ausmacht. Bei diesem letzten Aufenthalt vor mehr als zwei Jahrzehnten habe ich eine Woche lang die unvergleichliche Stimmung mit allen Sinnen genossen, war tage- und nächtelang in kleinen Gassen und an unzähligen Kanälen entlang unterwegs, konnte mich nicht sattsehen an den zahllosen Details dieser Stadt; die Bilder in diesem Blogbeitrag stammen von dieser Reise. Und natürlich ist es mir davor schon kaum möglich gewesen, an Büchern, deren Handlung in Venedig angesiedelt ist, vorbeizugehen. Daher war ich hocherfreut, den Roman »Garten der Engel« von David Hewson in die Hände zu bekommen. Und ich wurde nicht enttäuscht: das Buch führt uns auf zwei Zeitebenen durch die Geschichte der Lagunenstadt im 20. Jahrhundert. Eine wunderbar komponierte Handlung, voll finsterer Abgründe, verzweifelter Taten und überraschenden Wendungen. Und mit Venedig-Atmosphäre vom Allerfeinsten. „Die Stadt auf dem Wasser“ weiterlesen

Abschied von einem Leuchtturm

Buchhandlung Olitzky in Koeln-Klettenberg

Es sind sechs Buchstaben, die jahre- oder vielmehr jahrzehntelang das Straßenbild des Kölner Stadtteils prägten, in dem ich lebe: BÜCHER. Die schwarzen Versalien auf gelbem Hintergrund waren schon tagsüber kaum zu übersehen. Doch bei Nacht wirkten sie von innen angestrahlt wie ein Leuchtturm, wie ein helles Statement in der Dunkelheit: BÜCHER. Sie gehörten zur kleinen, sehr feinen Buchhandlung Olitzky in der Luxemburger Straße 275 in Köln. Von den Buchhandlungen meines Vertrauens war es diejenige, die fußläufig am nächsten lag – und bei all den »Nur mal schauen«-Besuchen bin ich ganz selten wieder ohne Buch aus dem Laden gegangen. 

Ich schreibe dies alles in der Vergangenheitsform. Leider. Denn am 30. Juni 2025 hatte die Buchhandlung Olitzky den letzten Tag geöffnet. Danach war Schluss – und eine Institution unseres Stadtteils ist verschwunden. Der Grund: Die beiden schon über siebzigjährigen Inhaber, das Buchhändlerpaar Nora und Manfred Ruland, haben sich in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedet. Einen Nachfolger gab es nicht. „Abschied von einem Leuchtturm“ weiterlesen

Jede Menge Buchtipps

Buchtipps der Kaffeehaussitzer-Leserinnen und -Leser

So. Die Jubiläumsverlosung ist abgeschlossen. Der Blog Kaffeehaussitzer ist zwölf Jahre alt geworden und anlässich dieses Jubiläums gab es ein Buchpaket mit einem Dutzend Bücher zu gewinnen. Wer daran teilnehmen wollte, musste im Kommentarbereich der Verlosung einen Buchtipp abgeben. Nun wurde die Gewinnbenachrichtigung versandt und allen, die sich beteiligt haben, möchte ich an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön sagen. Ich bin überwältigt, was da alles an Lektüreempfehlungen zusammengekommen ist: 247 Menschen haben Bücher empfohlen, Glückwünsche gesendet und wunderbare Rückmeldungen da gelassen. Viele haben gleich zwei, drei oder mehr Buchtipps abgegeben; die Bandbreite geht von Klassikern bis zur Gegenwartsliteratur, von zeitlosen Werken bis zu topaktuellen Themen, von Phantastik bis zum politischen Sachbuch. Es ist eine riesige Auswahl an Leseempfehlungen, einige Bücher kannte ich schon, einige sind auch bereits hier im Blog vorgestellt worden, aber viele Lektüretipps sind echte Entdeckungen für mich. Daher nochmals: Vielen, vielen Dank. In diesem Beitrag habe ich sämtliche genannten Bücher der Verlosungsaktion gesammelt und aufgelistet –  ich habe mehrere Stunden dafür gebraucht und es ist ein wunderbares Beispiel für die Vielfalt der Literatur. Aufgrund der Menge ist es ein bisschen unübersichtlich geworden, aber lasst euch davon nicht abschrecken: Stöbern lohnt sich, versprochen. Natürlich könnt ich auch die Kommentare unter dem Verlosungsbeitrag durchforsten – dort findet ihr bei vielen der genannten Bücher ausführliche und sehr persönliche Begründungen für die Empfehlung. „Jede Menge Buchtipps“ weiterlesen

Ein Dutzend Jahre und ein Bücherpaket

Ein Dutzend Jahre Kaffeehaussitzer: Ein Dutzend Buecher

Das Dutzend ist voll: Vor zwölf Jahren, am 16. Juni 2013, ist der erste Beitrag hier im Blog Kaffeehaussitzer online gegangen. Dass dies ausgerechnet am Datum des Bloomsday geschah, ist ein nettes Detail, aber das war völliger Zufall. Jedenfalls habe ich an jenem Tag zum ersten Mal den Button »Veröffentlichen« angeklickt und war dabei neugierig und gespannt, ob auch alles funktionieren würde. Es hat funktioniert, aber was sich alles aus diesem Moment entwickeln sollte, hätte ich niemals für möglich gehalten – so viele Rückmeldungen, Kontakte, Erlebnisse, Projekte, Aktionen, Reisen, sogar ein neuer Job. Der Blog ist in kürzester Zeit ein wichtiger Teil meines Lebens geworden, die virtuelle und die analoge Welt sind in ihm untrennbar miteinander verbunden. Mit dem Schreiben über Bücher und Leseerlebnisse habe ich etwas gefunden, wofür ich brenne, etwas, worin – bitte entschuldigt die Plattitüde – unendlich viel Herzblut geflossen ist und weiter fließen wird. Aber ich will mich nicht wiederholen, denn einen ausführlichen Bericht darüber, wie hier alles begann, wie sich eines zum anderen fügte und was der Blog für mein Leben bedeutet, gab es bereits zum Zehnjährigen – wobei es faszinierend und ein wenig beunruhigend ist, wie schnell schon wieder zwei Jahre ins Land gegangen sind. „Ein Dutzend Jahre und ein Bücherpaket“ weiterlesen

Ein Besuch im Bücherschloss

Herzogin Anna Amalia Bibliothek Weimar

Eigentlich war dieser Blogbeitrag ganz anders gedacht. Eigentlich sollte er vor allem aus Bildern bestehen und mit wenig Text auskommen; ein großes Photoalbum sollte es sein – von einem der schönsten Bücherräume, die ich je besucht habe. Und eigentlich hatte ich geschätzt, dass auf der Speicherkarte meiner Kamera Dutzende Photos dieser Räumlichkeiten vorhanden sind. Aber da hatte ich wohl eine falsche Erinnerung im Kopf. Doch für diesen Irrtum gibt es einen Grund: Ein Gespräch. Und zwar eines, das so faszinierend war, dass ich das Photographieren schlicht und ergreifend vernachlässigt habe. Zumindest sind deutlich weniger Photos entstanden, als gedacht. Aber dafür habe ich viele Bilder im Kopf mitgenommen – und darüber schreibe ich nun. „Ein Besuch im Bücherschloss“ weiterlesen

Das Leben feiern. Irgendwie

Miqui Otero: Simón

Beim Lesen des Romans »Simón« von Miqui Otero war ich mir etwa ab der Hälfte nicht ganz sicher, ob ich ihn hier im Blog vorstellen und empfehlen möchte. Das Buch hat einen starken Anfang, schnell entsteht ein Sog, der einen in die Geschichte hineinzieht. Aber in der Mitte zerfasert die Handlung, der Spannungsbogen droht verloren zu gehen. Doch dann, gerade rechtzeitig, schaffte es der Autor, mich zurückzuholen. Im letzten Drittel nimmt die Story wieder Fahrt auf, Kreise schließen sich, Handlungsstränge biegen auf die Zielgerade ein und ich war gespannt, wie alles enden würde. Es war dann mitten in der Nacht, als ich das Buch zugeklappt und mich über die Feier des Lebens gefreut habe, an der ich teilhaben durfte. Und so ist trotz der ein oder anderen erzählerischen Schwäche »Simón« ein Roman, der in Erinnerung bleiben wird. Und im Herzen. „Das Leben feiern. Irgendwie“ weiterlesen

Weit oben in den Bergen

Regina Denk: Die Schwarzgeherin

Als ich mir Gedanken darüber gemacht habe, wie ich die Vorstellung des Romans »Die Schwarzgeherin« von Regina Denk beginnen könnte, ist mir aufgefallen, dass hier im Blog inzwischen etliche Romane zusammengekommen sind, die weit oben in den Bergen spielen. Und es geht darin meist um Menschen, die in einer Umgebung, einer Landschaft überleben müssen, die keinen Fehler verzeiht. Oft um Einzelgänger, die versuchen, aus gesellschaftlichen Strukturen auszubrechen oder sich mit ihnen auseinanderzusetzen, ihnen vielleicht sogar Risse zuzufügen. Es sind festgefügte Regeln des Zusammenlebens, die sich über die Jahrhunderte geformt haben und die – bedingt durch die Einsamkeit und Lebensfeindlichkeit der Berge – noch undurchdringlicher sind als anderswo. Ein weiterer Gedanke: Vielleicht hat die Faszination für Bücher, deren Handlung im Gebirge angesiedelt ist, auch damit zu tun, dass ich in Sichtweite der Alpen aufgewachsen bin, wer weiß.

Menschen in Ausnahmesituationen, auf sich allein gestellt; Menschen die kämpfen müssen, um ihren eigenen Weg zu gehen – das ist eines der klassischen literarischen Themen, von denen ich nie genug bekomme. In den Bergen angesiedelt entsteht dabei eine Situation, in der es kein Ausweichen geben kann und in der alles auf ein Drama hinausläuft. Hinauslaufen muss. Und trotz der ähnlichen Rahmenbedingungen erzählt jeder dieser Romane seine Geschichte auf eine einzigartige Weise. So, dass man sie nicht wieder vergisst. »Die Schwarzgeherin« ist eines dieser Bücher. „Weit oben in den Bergen“ weiterlesen

Madonna in den Trümmern

Cay Rademacher: Nacht der Ruinen

Eigentlich mag ich sie sehr, die Romane von Cay Rademacher, die ein historisches Setting haben. Die Hamburg-Trilogie etwa, angesiedelt in den Jahren 1947 und 1948, als es in der zerstörten Stadt für viele Menschen um die nackte Existenz ging. Oder den Roman »Die Passage nach Maskat«, in dem die Passagiere eines Ozeandampfers ein Abbild der Gesellschaft Deutschlands sind, unmittelbar vor der großen Weltwirtschaftskrise 1929 – und das inklusive einer spannenden Whodunit-Geschichte in der Tradition Agatha Christies. Der Roman, um den es in diesem Beitrag gehen soll, trägt den Titel »Nacht der Ruinen«, er führt uns nach Köln und in das Jahr 1945. Das Wort »eigentlich«, mit dem ich den Text begonnen habe, lässt erahnen, dass mich dieses Buch nicht ganz überzeugen konnte. Zumindest was die Handlung angeht; vieles wirkte zu überfrachtet und gleichzeitig zu vorhersehbar. Doch die Schilderung der vollkommen zerbombten Stadt geht unter die Haut. „Madonna in den Trümmern“ weiterlesen

Was wurde aus all den Träumen?

Beatriz Serrano: Geht so

Man stelle sich folgende Situation vor: Im Ruhebereich eines ICE sitzt ein Typ, der alle paar Minuten laut auflacht und ab und zu vor sich hin kichert. Klingt nervig, oder? Mich jedenfalls hätte das gehörig auf die Palme gebracht, da ich in Ruheabteilen sehr empfindlich auf laute Geräusche reagiere. In diesem Fall allerdings, na ja, was soll ich sagen – dieser Typ war ich und ich möchte mich bei allen unbekannten Mitreisenden entschuldigen. Der Grund für dieses seltsame Verhalten liegt gerade neben mir, es ist der Roman »Geht so« von Beatriz Serrano. Und eigentlich ist er gar nicht lustig, und genau das ist das Grandiose daran. „Was wurde aus all den Träumen?“ weiterlesen