Norsk Litteraturfestival

Norsk Litteraturfestival - Literaturfestival Lillehammer

Wo anfangen? Eine Literaturreise nach Norwegen liegt hinter mir; sie war so voller Eindrücke und unvergesslicher Momente, dass ich mich kaum entscheiden kann, über was ich als erstes berichten soll. Vielleicht beginne ich am besten mit einem persönlichen Highlight dieser Tage, das wiederum zurückführt in die eigene Lesebiographie, genauer gesagt zurück ins Jahr 1995. Damals war ich mitten in meiner Buchhändlerlehre und hatte das Buch „Der Choral am Ende der Reise“ von Erik Fosnes Hansen in die Hände bekommen. Die Geschichte, die anhand der fiktiven Lebensläufe der Titanic-Musiker von den blinden Zufällen des Lebens und der Unausweichlichkeit des Schicksals erzählt, hat mich seinerzeit vollkommen begeistert und nie wieder losgelassen. Nun, dreiundzwanzig Jahre später begleitete mich dieses Buch nach Norwegen. Und in einem Restaurant hoch über den Dächern Oslos schrieb Erik Fosnes Hansen mir eine Widmung hinein.

Aber ich gehe besser einen Schritt zurück und erzähle, wie das alles zustande gekommen ist und um was für eine Reise es überhaupt geht.

2019 wird Norwegen das Gastland der Frankfurter Buchmesse sein. Die Planung dafür hat bereits begonnen und liegt in den Händen des Frankfurt-Projektteams von NORLA, einer Institution, die ausgeschrieben Norwegian Literature Abroad heißt. Dieses Projektteam hatte vom 30. Mai bis zum 1. Juni 2018 zu einer Pressereise nach Oslo und zum Literaturfestival Lillehammer eingeladen. Und ich hatte das große Vergnügen, Teil dieser fünfköpfigen Pressedelegation aus Deutschland zu sein, zusammen mit Andrea Gerk, tätig für den Deutschlandfunk und den WDR, Agnes Bührig, die u.a. für NDR Kultur oder Bayern2 Kulturwelt berichtet, Alva Gehrmann, die u.a. für ZEIT, FAZ oder GEO schreibt, und Florian Valerius, allen Instagramern als Literarischer Nerd wohlbekannt. Um es gleich vorwegzunehmen: Es waren drei inspirierende Tage, vollgepackt mit wunderbaren Gesprächen, beeindruckenden Erlebnissen und jeder Menge Literatur.

Dies soll kein „Und dann, und dann, und dann“-Aufsatz werden. Deshalb schreibe ich jetzt wild darauf los und trage die Erinnerungen an diese Literaturreise so zusammen, wie sie in meinem Kopf herumschwirren.

Hafen von Oslo

Hafen von Oslo

Wir sitzen im wunderschönen Jugendstil-Foyer des Hotels Bristol und werden vom NORLA-Team begrüßt. Um uns herum Bücherregale, Ledersessel, Kronleuchter, verzierte Wände. Die Autorin Marta Breen stellt sich und ihr Werk – ein knappes Dutzend Bücher zum Thema Feminismus – vor. Außerdem erhalten wir von ihr einen ersten Überblick über die norwegische Literaturszene und den aktuellen Trend zum erzählerischen Sachbuch. Es ist ein regelrechtes Namen- und Titelgewitter, man kann sich bei weitem nicht alle Details merken, bekommt aber einen lebhaften Eindruck von der großen Vielfalt der norwegischen Literatur.

Wir stehen mit Erik Fosnes Hansen auf dem Holmenkollen, ganz weit oben auf der Skisprungschanze, mit einem gigantischen Blick über Oslo und den Oslofjord. Er erzählt von den sozialen, gesellschaftlichen und geographischen Gegensätzen zwischen Stadt und Land; Themen, die das Land prägen und sich wie ein roter Faden durch die Literatur dieses Landes ziehen, bis heute. Und der Blick von diesem grandiosen Aussichtspunkt unterstreicht seine Aussage: Auf der einen Seite sehen wir eine pulsierende Metropole, an den Rändern zerfasernd. Doch es reicht, sich einmal umzudrehen und in endlose Wälder zu schauen, Bergketten, eine nach der anderen bis weit hinein in den frühsommerlichen Dunst. Eine menschenleere Landschaft, in der man fast in Sichtweite der Großstadt verloren gehen kann. Faszinierend. Und mir kommt der Gedanke, wie schön es wäre, in einem Land zu leben, das bei annähernd gleicher Größe 75 Millionen Einwohner weniger hat als das unsere. Beim anschließenden Essen hat mir Erik Fosnes Hansen die eingangs erwähnte Widmung in das Buch geschrieben.

 

Mit Erik Fosnes Hansen auf dem Holmenkollen

Mit Erik Fosnes Hansen auf dem Holmenkollen

Es ist später Abend, als wir aus der Himkok-Bar in Oslo kommen, aber immer noch hell. Himkok hat den Ruf, zu den besten fünfzig Bars weltweit zu gehören; hinter einer sehr unauffälligen Türe verliert man sich in einem Labyrinth aus Räumen, Hinterhöfen, Gängen, alles im Stil der Prohibitionszeit gehalten und sehr stylisch. Bei ein paar vorzüglich gemixten Drinks haben wir dort die Autoren Nina Lykke, Finn Iunker, Ylva und Hilde Østby kennengelernt und mit ihnen über Gott und die Welt geredet. Und natürlich über ihre Bücher.

Innenhof Himkok Bar in Oslo

Innenhof der Himkok Bar in Oslo

Die Zugfahrt nach Lillehammer zum größten Literaturfestival Skandinaviens dauert etwa zwei Stunden. Der Zug ist voller Literaturmenschen, wir plaudern kurz mit Maja Lunde. Mir gegenüber sitzt Lars Petter Sveen, ein Autor, der an NORLAs Förderprogramm New Voices teilnimmt, in Norwegen schon einige Bücher veröffentlicht hat. Er erzählt mir von den Jahren, die er mit seiner Familie in Tansania verbracht hat, da seine Frau dort bei einer NGO arbeitete. Seine afrikanischen Erfahrungen sind in sein Werk eingeflossen, sein letztes Buch „Five Stars“ handelt von fünf afrikanischen Flüchtlingen auf der Suche nach einem besseren Leben. Es bleibt zu hoffen, dass es bald auch in Deutschland zu lesen sein wird.

Dafür stehen die Chancen nicht schlecht, wie uns Halldór Guðmundsson berichtet. Er ist der Projektleiter des Gastlandauftritts Norwegen 2019 und bringt für diesen Job eine Menge Erfahrung mit: 2011 plante und verantwortete er den legendären Auftritt Islands auf der Frankfurter Buchmesse, an den sich die damaligen Besucher sicherlich noch erinnern werden. Mit Halldór Guðmundsson unterhalte ich mich in Lillehammer etwas ausführlicher, wir sprechen über Literaturfestivals weltweit, über die große Bedeutung Deutschlands für Übersetzungen aus dem Norwegischen und natürlich über die Frankfurter Buchmesse. Der Gastlandauftritt hat ein Budget von 30 Millionen Kronen, was die immense Bedeutung dieses Ereignisses für die norwegische Kulturpolitik unterstreicht. Im Zuge dessen hat sich schon jetzt die Zahl der 2019 in Deutschland erscheinenden Übersetzungen verfünffacht. Vor 25 Jahren hat Halldór Guðmundsson übrigens als Verleger die isländische Version von „Der Choral am Ende der Reise“ veröffentlicht – wieder einmal ein Kreis, der sich schließt.

Apropos Politik. Die norwegische Kulturministerin Trine Skei Grande ist bei der Eröffnung des Norsk Litteraturfestivals in Lillehammer anwesend und nimmt sich eine Viertelstunde Zeit für uns. Im Gespräch erläutert sie die Bedeutung von Literatur zum einen als verbindendes Moment innerhalb der Bevölkerung eines Landes, zum einen aber auch als wichtiges Mittel des interkulturellen und internationalen Austauschs – in Zeiten, in denen überall neue Grenzen entstehen, in denen auch in Europa die Meinungsfreiheit gefährdet ist, sind Bücher und ist die Kraft der Literatur wichtiger denn je. Eine interessante Information am Rande: In Norwegen kauft der Staat von allen wichtigen Neuerscheinungen tausend Exemplare und verteilt sie in den Bibliotheken des Landes. Das ist gänzlich anders als bei uns, wo durch das geänderte Urheberrechtsgesetz eine gierige Selbstbedienungsmentalität seitens des Staates zu beobachten ist, die das Eigentumsrecht des Urhebers und der Verlage ad absurdum führt.

Die norwegische Kulturministerin Trine Skei Grande

Die norwegische Kulturministerin Trine Skei Grande

Wir stehen auf der Wiese vor einem beindruckenden Anwesen aus drei alten Holzhäusern oberhalb Lillehammers. Es ist der Wohnsitz der norwegischen Schriftstellerin Sigrid Undset, die 1928 für ihr Werk „Kristin Lavranstochter“ den Literaturnobelpreis erhielt. Heute ist darin ein Museum untergebracht und es ist der perfekte Ort, um zu verkünden, dass Lillehammer seit diesem Jahr die Auszeichnung Unesco City of Literature tragen darf. Mehrere kurze Reden werden gehalten, die norwegische Fahne hängt schlaff in der Hitze, festlich gekleidete Menschen stehen zusammen, Kinder toben durch den weitläufigen, verwilderten Garten, es gibt selbstgemachte Waffeln und Himbeerlimonade, alles ist gleichzeitig feierlich und entspannt  – eine Szene wie aus einem Norwegen-Bilderbuch. Florian Valerius hat übrigens per Instagram umgehend einen für seine Klassikerausgaben bekannten Münchner Verlag darauf aufmerksam gemacht, dass „Kristin Lavranstochter“ momentan nicht auf Deutsch erhältlich ist und damit gleich Interesse geweckt. Schauen wir einmal, was daraus wird.

Sigrid Undsets Haus in Lillehammer

Sigrid Undsets Haus in Lillehammer

Wir sitzen in der abendlichen Gala zur Eröffnung des Literaturfestivals Lillehammer. Musikalische und literarische Progammpunkte wechseln sich ab, norwegische und internationale Autoren sind auf der Bühne; etwa Jenny Erpenbeck, die mit Lars Petter Sveen – den ich bereits auf der Zugfahrt kennengelernt hatte – über Herkunft und Flucht spricht. Die Schriftstellerin Erika Fatland moderiert auf eine ungemein souveräne und charmante Art und Weise den Abend. Später sitzen wir mit ihr in einem Restaurant an einem Tisch. Mit ihr und mit Alice Lima de Faria, die gerade in Weimar den Huckepack-Bilderbuchpreis erhalten hat, mit Åsne Seierstad, die für ihr Buch „Einer von uns“ über den Massenmörder Breivik den Europäischen Verständigungspreis der Leipziger Buchmesse verliehen bekam, mit Morten Strøksnes, dessen „Das Buch vom Meer“ bei uns für Aufmerksamkeit sorgte, mit Nina Brochmann und Ellen Støkken Dahl, deren Buch „Viva la Vagina“ gerade viele Menschen begeistert und in Übersetzungen bereits in 36 Ländern erscheint.

Ich merke gerade, dass der Beitrag sehr lang wird. Aber ich kann nichts daran ändern, beim Schreiben ploppen so viele Erinnerungsfetzen an diese intensive Reiseerfahrung auf, die alle untergebracht sein wollen.

Etwa unsere Ankunft in Lillehammer, als das norwegische Staatsfernsehen das Eintreffen der deutschen Pressedelegation (das waren wir) filmte und uns ein Journalist interviewte (ab etwa Minute vier beginnt der Beitrag).

Oder mein Gespräch mit Festivalleiterin Marit Borkenhagen, die mich ein wenig hinter die Planungskulisssen blicken ließ und – voller Euphorie über den Beginn des diesjährigen Lesefestes – berichtete, dass die Planungen für 2019 schon abgeschlossen sind. Und die für 2020 schon weitgehend stehen.

Der Abend nach der Festivaleröffnung, als es nicht dunkel werden wollte und wir irgendwann spät in einer Bar landeten. Umgeben von unzähligen Buchmenschen, es fühlte sich an wie eine Buchmesseparty.

Schlendern durch Lillehammers Straßen: Das Städtchen ist nicht besonders groß und voller Besucher des Literaturfestivals. Schon nach einem Tag trifft man auf bekannte Gesichter, Maja Lunde nickt uns kurz grüßend zu – bevor sie das nächste Interview gibt.

Maja Lunde wird interviewt

Maja Lunde wird interviewt

Besonders im Kopf geblieben ist mir die Veranstaltung mit John Freeman, dem früheren Chefredakteur des Granta-Magazins. Er ist einer der renommiertesten Literaturkritiker der USA und gibt drei Jahren gibt er seine eigene Literaturzeitschrift heraus. Für Freeman’s reist er um die ganze Welt, von Stadt zu Stadt, von Literaturfestival zu Literaturfestival, immer auf der Suche nach neuen Stimmen, die noch nicht ins Englische übersetzt sind. Sucht in Rumänien nach neuer Literatur, in Japan, in Norwegen, überall. Immer unterwegs. Darüber sprach er, begeisternd, charismatisch, inspirierend und mit einem vollkommen kosmopolitischen Blick auf die Literatur. Was für ein Leben.

John Freeman in Lillehammer

John Freeman (links) in Lillehammer

Wir haben nur einen Bruchteil des Literaturfestivals mitbekommen, zahlreiche spannende Termine standen noch im Programmheft – aber am Freitagnachmittag ging unsere Reise schon zu Ende. Der Zug brachte uns zum Flughafen und einige Stunden später waren wir alle wieder zu Hause, jeder für sich. Und für mich hat sich das alles angefühlt wie ein Traum.

Es waren so unglaublich viele sympathische und interessante Menschen, die wir in kurzer Zeit kennenlernen durften. So viele Gespräche, die wir geführt haben. So viele Eindrücke und Erlebnisse. Und ich hoffe sehr, den ein oder anderen wiederzusehen – spätestens zur Frankfurter Buchmesse beim Gastlandauftritt Norwegen 2019.

Denn die Reise hat uns einen beeindruckenden Einblick in die norwegische Literaturszene beschert und ich hoffe, ich konnte mit diesem Beitrag etwas davon vermitteln. Es lohnt sich zu schauen, wen es neben den bereits bei uns bekannten Namen wie Karl Ove Knausgård, Jo Nesbø, Per Petterson oder Maja Lunde noch alles zu entdecken gibt. Und das sind sehr, sehr viele interessante Autorinnen und Autoren; der Gastlandauftritt Norwegen 2019 zur Frankfurter Buchmesse wird einen Titel- und Übersetzungsschub liefern – wir dürfen uns freuen!

Und zum Schluß möchte ich mich bedanken. Bedanken bei dem NORLA-Team für die Einladung nach Norwegen und hier ganz besonders bei Sunniva Adam, die gemeinsam mit Catherine Knauf von der Berliner Agentur Literaturtest diese großartige Literaturreise perfekt organisiert hat. Es war ein Fest!

Hier geht es zum Beitrag von Andrea Gerk im Deutschlandfunk.

Und hier zum Beitrag von Agnes Bührig auf Bayern2.

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2 Kommentare

  1. Danke, Uwe! Ich will jetzt nach Norwegen! :0) … toller Einblick… beneidenswert! Herzliche Grüße Ute

  2. Toller Beitrag, man spürt was es für eine tolle Reise war, beneidenswert.
    Ich freue mich schon auf die Buchmesse 2019!
    LG Isabel

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