Blick in den Abgrund

Ian McGuire: Nordwasser

Wenn auf der Rückseite von Büchern anstatt einer kurzen Inhaltsangabe nur lobende Ausschnitte aus Buchbesprechungen stehen, dann finde ich das fast immer ziemlich langweilig. Fast immer. Denn es gibt eine Ausnahme. Der Roman „Nordwasser“ von Ian McGuire wird beworben mit diesem Zitat: „Verglichen mit diesem brutalen Überlebenskampf wirkt ‚The Revenant‘ wie ein Geschichtchen von Winnie-the-Pooh.“ Grandioser Vergleich, dachte ich und habe das Buch direkt gekauft. Und was soll ich sagen, es stimmt. Und wie. 

„Nordwasser“ ist die Geschichte einer Fahrt ins Ungewisse, eine Reise an Bord des Walfängers „Volunteer“ mitten hinein in den tödlichen Winter des Nordpolarmeers. Es ist das Jahr 1859 und die große Zeit des Walfangs geht da schon ihrem Ende entgegen; für immer mehr Lampen wird statt des althergebrachten Walöls das neue Petroleum verwendet. Zudem wurden die Walherden in den fünfundzwanzig Jahren davor so dezimiert, dass die Schiffe immer länger unterwegs sein müssen. So wirkt die „Volunteer“ wie ein Abgesang auf ihre Epoche; ein Schiff, dass in die Jahre gekommen ist, geflickt, unansehnlich. Mit einer Mannschaft, bestehend aus vernarbten, düsteren Gestalten.

Zwei Männer stechen daraus hervor: Henry Drax, einer der Harpuniere, Mörder, Vergewaltiger, Dieb. Jemand, der jenseits aller Moralvorstellungen existiert, böse und verdorben durch und durch. Und Patrick Sumner, der Schiffsarzt. Der allerdings nicht als guter Widerpart von Drax herhalten muss, denn das wäre zu einfach. Sumner ist auf der Flucht. Vor sich selbst, vor seinen Gläubigern, vor dem Leben. Opiumabhängig und apathisch sucht er nur einen Platz, an dem er sich verkriechen kann, an dem ihn keiner mehr findet. Da ist dieses geflickte Schiff mit seiner finsteren Mannschaft, das ihn weit weg von allem bringen wird, genau der richtige Ort. „Niemand da, den er kennt. Die Welt ist groß, sagt er sich, und er an einem winzigen, unbedeutenden Flecken davon, den man leicht vergessen kann. … Sein Plan sieht vor, dass er verschwindet, sich auflöst und erst hinterher, einige Zeit später, wieder Gestalt annimmt.“ 

Was war geschehen? In gedanklichen Rückblenden wird das nach und nach klar. Sie führen in die indische Stadt Delhi, als Sumner in seiner Funktion als Militärarzt zwei Jahre zuvor buchstäblich in Blut watete – bei der Niederschlagung des Sepoy-Aufstands kämpften beide Seiten mit unsagbarer Brutalität. Sumner kann diese Bilder, Erinnerungen und grausamen Details nur durch seinen Drogenkonsum in Schach halten. Einigermaßen.

„Vielleicht ist er frei, denkt er, während er dort sitzt und darauf wartet, dass die Wirkung der Droge einsetzt. Vielleicht ist dies die beste Möglichkeit, sein momentanes Dasein zu beschreiben. Nach allem, was ihm zugestoßen ist … die vielen irregeleiteten oder vergeblichen Anstrengungen; die vertanen Chancen und misslungenen Pläne. Aber nach allem, nach alledem, ist er wenigstens am Leben.“

Ein innerer Monolog Sumners, der beim Lesen unter die Haut geht und diesen Menschen ganz nahe heranholt.

Zwei Männer also, Drax und Sumner. Der eine vollständig gewissenlos und triebgesteuert, der andere ein traumatisiertes Wrack. „Drax‘ ausgeprägter, fast greifbarer Scheunengeruch beherrschte den Raum. Er ist wie ein Tier, das in seinem Pferch ruht, denkt Sumner. Eine Naturgewalt, die vorübergehend gebändigt und befriedet wurde.“ Und ein Schiff auf seinem Weg nach Norden, weiter und weiter. Wochenlang, monatelang. Der Frühling war schon längst zum Sommer geworden, der Sommer zum Herbst und der gefährliche Polarwinter nur noch einen Hauch entfernt. Einen eisigen Hauch, der Tag für Tag spürbarer wird. Doch kaum ein Wal hatte bislang den Weg der „Volunteer“ gekreuzt, die Laderäume waren noch halbleer, der waghalsige Vorstoß in den hohen Norden, der Wettlauf mit dem Wetter könnte die letzte Chance sein, die Reise doch noch zu einem lohnenden Abschluss zu bringen.

Allerdings steht über alldem eine Frage, die immer deutlicher zutage tritt, Seite für Seite. Denn geht es überhaupt darum, Wale zu fangen? Steckt hinter der verzweifelten Fahrt der „Volunteer“ nicht ein ganz anderer Grund?

Viel mehr darf ich nicht vom Inhalt verraten, und das fällt mir schwer, denn „Nordwasser“ ist eines dieser Bücher, die bei aller geschilderten Brutalität einen Sog entwickeln, dem man sich kaum entziehen kann. Alles spielt dabei zusammen, die Schilderung des beengten Lebens an Bord, die immer düsterer werdende Stimmung, die Beschreibung einer Schicksalsgemeinschaft von einander fürchtenden oder sich hassenden Männern, die einer Katastrophe entgegensegeln. Ein Katastrophe, die in einem erbarmungslosen Kampf auf Leben und Tod enden wird.

Doch zu viel verraten? Ich glaube nicht, denn schon nach den ersten Seiten sind die Handlungsstränge klar angelegt. Und zwar so, dass der Ausgang vollkommen ungewiss bleibt, bis ganz zum Schluss. Denn in einer Welt ohne Moral und ohne Gewissen steht es nicht fest, dass das Gute siegen wird, ganz und gar nicht. Falls es dieses „Gute“ überhaupt gibt.

Möglicherweise ist das Buch für zartbesaitete Leser eher nicht geeignet, zu düster und gewalttätig sind die geschilderten Ereignisse. Aber gibt es denn überhaupt einen Grund, warum man sich mit den verstörenden Details des Romans beschäftigen sollte? Ein ganz klares Ja. Vielleicht schon alleine deswegen, weil wir Menschen nicht von Natur aus gut sind. Es ist die dünne Decke unserer zivilisatorischen Wertvorstellungen, die das gemeinsame Leben regeln und die ein Miteinander möglich machen. Wird diese dünne Decke weggezogen, dann werfen wir unseren Blick schaudernd in einen tiefen Abgrund; sehen die dunkle Seite des Menschseins. Und das ist eine lehrreiche Erfahrung, immer wieder.

Die oben zitierte Textstelle, in der sich Sumners über das Freisein Gedanken macht, sie geht übrigens noch weiter: „Und was bedeutete ‚frei‘ überhaupt? Derlei Wörter sind dünn wie Papier, sie zerknittern und reißen beim geringsten Druck. Nur Taten zählen, denkt er zum zehntausendsten Mal, nur Ereignisse. Alles andere ist Dunst, Nebel. Er holt sich noch ein Glas und leckt sich die Lippen. Es ist ein schwerer Fehler, wenn man zu viel denkt, vergegenwärtigt er sich, ein schwerer Fehler. Das Leben lässt sich nicht übertölpeln oder gefügig quasseln, man muss es durchstehen, überleben, wie immer man das auch anstellt.“

Überleben, wie immer man das auch anstellt. Genau so wird es kommen. Ein beeindruckendes Buch und ein großer Roman.

Buchinformation
Ian McGuire, Nordwasser
Aus dem Englischen von Joachim Körber
mare Verlag
ISBN 978-3-86648-267-8

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14 Antworten auf „Blick in den Abgrund“

    1. Es ist anders, herber und archaischer.
      Aber die Trostlosigkeit und Verzweiflung in „Die Straße“ ging mir näher, wahrscheinlich auch deswegen, weil man es selbst sein könnte, der da durch die verwüstete Welt irrt.

  1. Der Roman hat mich auch begeistert. Das Buch ist von vornherein spannend und toll geschrieben. Der Roman lebt von seiner fast schon spürbaren Sprache und Bildern. Alles wird im Leser lebendig und erfahrbar. Die Farben, die Gerüche und die Stimmungen schwappen über einen und lassen sich nicht so schnell wieder abwaschen

  2. Hallo,

    eigentlich sind alle Bücher, die in Polargebieten spielen, hier Pflichtprogramm, seit mein Mann vor vielen Jahren sein Herz an die Arktis verloren hat. Allerdings liest mein Mann selber keine Romane, sondern nur Lyrik und Sachbücher, weswegen die Romane an mich weitergereicht werden, damit ich sie lese und ihm dann davon erzähle.

    „Nordwasser“ schiebe ich jetzt schon eine ganze Weile vor mir her, dabei vermute ich ganz stark, dass es mich begeistern wird.

    Danke für die großartige Rezension, die mir den Roman nicht nur wieder in Erinnerung gerufen hat, sondern mir auch richtig Lust darauf gemacht hat.

    LG,
    Mikka
    [ Mikka liest von A bis Z ]

  3. Ein Moby Dick (den ich so mag) in einer anderen, neueren Welt. Sogar mit einer heraufziehenden Katastrophe. Vielleicht zeitgemäßer geschrieben?
    Ich habs ja (noch) nicht gelesen, aber ich mag in Texten diese sprachliche Überhebung, die ich in Deinem kurzen, wiedergegebenen Zitat gefunden habe:
    „Aber nach allem, nach alledem, ist er wenigstens am Leben.“ Auch die Fortführung des Zitates in Deinem Blog macht mich sehr neugierig. Genau das sind Sätze, die ich in guten Büchern so sehr mag, weil Sie Stimmung übertragen, die beim Lesen in einen fährt.

    1. Der Unterschied zu Moby Dick (mal von der genialen Vielschichtigkeit dieses Meisterstücks der Weltliteratur abgesehen): In Nordwasser steht die Jagd auf Wale nicht im Mittelpunkt, sie ist zwar der Grund für die Fahrt in den hohen Norden, aber die eigentliche Auseinandersetzung beginnt erst dort.
      Und ja, die leicht theatralische Sprache des Autors hat mich auch sehr begeistert; ich mag das sehr.

  4. Hallo Uwe,
    ich bin genau deiner Meinung und manchmal bedarf es eben solcher Extreme um klar zu machen, was Zivilisation und Kultur für wertvolle Güter sind, die es zu schützen lohnt.
    Es ist ein hervorragendes Buch, der Schluss nach meinem Geschmack etwas zu klischeehaft.
    Ähnlich oder vielleicht noch etwas mehr hat mich von Franzobel „Das Floss der Medusa“ begeistert. Nach meiner Meinung noch „härter“ in der Aussage zu was Menschen fähig sind, wenn es um das eigene Überleben geht.
    Gruß Martin

    1. Hallo Martin,
      danke für die Erinnerung – „Das Floß der Medusa“ steht auch schon seit langem auf meiner Wunschliste.
      Das passt jetzt natürlich perfekt …
      Viele Grüße
      Uwe

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