Auf dem Weg ins Nirgendwo

Alma Katsu: The Hunger - Die letzte Reise

Der lange Weg nach Westen gehört zu den Gründungsmythen der USA. Die Bilder dazu in unseren Köpfen verdanken wir Hollywoods Traumfabriken: Planwagenkolonnen, die durch eine endlose Prärie ziehen, hoffnungsvolle Menschen auf der Suche nach einem besseren Leben. Die harte Wirklichkeit sah anders aus, denn abgesehen davon, dass die Besiedlung des Westens einherging mit der gewaltsamen Vertreibung der indigenen Bevölkerung, waren es keine heldenhaften Pioniere, die Wagen an Wagen in Richtung Abendröte zogen. Sondern Familien, die nichts zu verlieren hatten, die aufgebrochen waren, um der Armut und Perspektivlosigkeit zu entkommen; Gücksritter waren dabei, die alles auf eine Karte setzten, Entwurzelte, aber auch Menschen, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten waren und eine zweite Chance suchten. Und längst nicht alle überstanden die monatelange Reise durch eine raue Natur, die lebensbedrohlich werden konnte. Die Opfer forderte und manchmal für furchtbare Tragödien verantwortlich war. Von einer dieser Tragödien erzählt die Autorin Alma Katsu in ihrem Roman »The Hunger« – mit dem vielsagenden Untertitel »Die letzte Reise«. 

Es geht um die sogenannte »Donner Party«. Dies war eine Gruppe Siedler, die unter der Leitung von George Donner im Sommer 1846 beschloss, von der bekannten Route der Trecks abzuweichen und eine bislang nur vage bekannte Abkürzung zu nehmen – die allerdings über die Sierra Nevada führen sollte. Und mitten hinein in den Winter. Was als Abkürzung gedacht war, erwies sich als Falle: Die Wagenkolonne mit fast hundert Reisenden kam in dem unwegsamen Gelände viel zu langsam voran, steckte irgendwann in Schneestürmen fest, ohne richtige Winterausrüstung und ohne ausreichend Vorräte. Nur wenige überlebten. Und als die paar ausgemergelten Gestalten im Frühjahr darauf von den Suchtrupps gefunden wurden, kursierten schnell die Gerüchte, dass sie es nur durch Kannibalismus geschafft hätten. Bis heute sind sie nicht verstummt. Die »Donner Party« ist eines jener Dramen, die mit der Besiedlung des Westens zusammenhängen und in den USA sind diese Geschehnisse in das kollektive Gedächtnis eingegangen. 

Alma Katsu erweckt die historischen Ereignisse mit feinem Gespür zum Leben und lässt den Treck der Donner Party wiederauferstehen. »Party« bedeutet in diesem Zusammenhang Reisegesellschaft und hat mit fröhlichem Zusammensein nichts zu tun. Ganz und gar nicht, denn vor unseren Augen entsteht nicht das Bild einer verschworenen Schicksalsgemeinschaft, sondern das einer Gruppe Siedler, die nur zufällig zusammen unterwegs sind und eifersüchtig auf ihre Befindlichkeiten  – und Besitztümer – achten. Bösartiger Tratsch machte Mitreisende schnell zu Außenseitern, Gruppen und Grüppchen bildeten sich, Streitereien waren an der Tagesordnung, religiöse Sticheleien konnten in Feindseligkeiten umschlagen, eine Affäre zu tödlichem Hass führen. Doch der mühsame Weg ließ sich nur gemeinsam bewältigen, man war aufeinander angewiesen. Das alles erinnert an die Zwangsgemeinschaft eines Dorfes. Ein rollendes Dorf, auf dem Weg in den Tod.  

Und dieser Tod schlägt bald das erste Mal zu. Ein Junge aus dem Treck verschwindet und wird übel zerfleischt gefunden. Wölfe vielleicht. Vielleicht aber auch etwas anderes. 

Viel mehr kann ich nicht über den Inhalt berichten, ohne zu viel zu verraten. Denn Alma Katsu beginnt in ihrer Erzählung, die Grenze der Realität zu überschreiten, und ganz langsam gehen die historischen Begebenheiten in einen Schauerroman über, düster, brutal und absolut mitreißend geschrieben. Die Abgeschiedenheit der Landschaft ist fast spürbar, die vollkommene, alles erdrückende Stille fast hörbar – doch die Siedler sind nicht allein. Etwas ist dort draußen.

Dann beginnt es zu schneien. 

»The Hunger« ist ein ganz besonderes Leseerlebnis. Eine literarische Horrorgeschichte vom Feinsten, bei der ich als Leser die Realität vollkommen ausblenden konnte, in sich stimmig umgesetzt. Dazu eine gelungene Schilderung des Siedleralltags, der ganz und gar nicht pionierromantischen Atmosphäre in einem Wagentreck gen Westen. Über allem liegt eine finstere Stimmung, die zu Beginn kaum wahrnehmbar ist, aber dann alles überschatten wird; gnadenlose Bösartigkeit, die zwischen den Zeilen in die Geschichte einsickert. 

Und last but not least: Der Roman hat mich mit frischem historischen Wissen versorgt, denn von der Tragödie des Donner-Trecks hatte ich noch nie gehört. Ein Wikipedia-Eintrag führte zum nächsten und vor diesem historischen Hintergrund entwickelt »The Hunger« eine große Faszination. Mir gefällt es sehr, wie souverän Alma Katsu mit den Genregrenzen spielt und dabei einen ganz eigenen Stil findet. Wie könnte man diese wilde Mischung nennen? Western-Gothic wäre ein Vorschlag. Gibt es das schon?

Noch ein spannendes geschichtliches Detail aus dem Nachwort des Buches: »Ein gewisser Abraham Lincoln hatte übrigens vorgehabt, sich George Donner anzuschließen, sich dann aber auf Bitten seiner Frau dagegen entschieden.«  

Die historische Wirklichkeit wird zum Schauermärchen: »The Hunger« ist mit seinen Überschreitungen der Genregrenzen wohl kein Buch für jeden Geschmack. Aber genau deshalb von mir eine große Leseempfehlung.

Buchinformation
Alma Katsu, The Hunger – Die letzte Reise
Aus dem Amerikanischen von Michael Pfingstl
Heyne Verlag
ISBN 978-3-453-31927-1

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