Abhandengekommen

Demian Lienhard, Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat

In Köln gibt es die Redewendung: „Beim ersten Mal haben wir es ausprobiert, beim zweiten Mal ist es schon Tradition und beim dritten Mal Brauchtum.“ Allerdings geht es jetzt nicht um Köln, sondern um Leipzig. Genauer gesagt um die Wohnzimmerlesung anlässlich der Leipziger Buchmesse. Diese Lesung fand dieses Jahr zum zweiten Mal statt, ist nach obiger Definition also schon eine Tradition. Und genau so hat es sich angefühlt, etliche der letztjährigen Besucher waren wieder dabei, aber auch einige neue Gesichter. Zu Gast war dieses Jahr Demian Lienhard mit seinem Roman „Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat“. Ein Buch, dass den Lesern die dramatische Situation im Zürich der Achtzigerjahre nahebringt. Sehr nahe. „Abhandengekommen“ weiterlesen

Blick in den Abgrund

Ian McGuire: Nordwasser

Wenn auf der Rückseite von Büchern anstatt einer kurzen Inhaltsangabe nur lobende Ausschnitte aus Buchbesprechungen stehen, dann finde ich das fast immer ziemlich langweilig. Fast immer. Denn es gibt eine Ausnahme. Der Roman „Nordwasser“ von Ian McGuire wird beworben mit diesem Zitat: „Verglichen mit diesem brutalen Überlebenskampf wirkt ‚The Revenant‘ wie ein Geschichtchen von Winnie-the-Pooh.“ Grandioser Vergleich, dachte ich und habe das Buch direkt gekauft. Und was soll ich sagen, es stimmt. Und wie.  „Blick in den Abgrund“ weiterlesen

Liebe in Zeiten des Überlebens

Isabelle Autissier: Herz auf Eis

Ein Paar nimmt sich ein Jahr Auszeit, kauft ein Schiff und startet zu einem Segeltörn um die Welt. Was traumhaft klingt, wird zu einem Alptraum, als die beiden bei einer Wanderung auf einer abgeschiedenen Insel ein heftiger Sturm überrascht. Nachdem sie sich aus ihrer Notunterkunft herauswagen, ist das Meer wieder ruhig. Und das Schiff verschwunden. So beginnt der Roman „Herz auf Eis“ von Isabelle Autissier. „Liebe in Zeiten des Überlebens“ weiterlesen

Woodrell-Lesetag in Berlin

Daniel Woodrell: Winters Knochen

Eigentlich sollte dies ein Text über die Ozarks-Trilogie von Daniel Woodrell werden. „Der Tod von Sweet Mister“ und „Winters Knochen“ standen schon lange ungelesen im Regal, das Erscheinen der Neuübersetzung von „Tomatenrot“ war der perfekte Anlass, alle drei Bände hintereinander zu lesen. Dabei wurde klar: Die Idee mit der Gesamtbesprechung wird nicht funktionieren. Zwar sind „Der Tod von Sweet Mister“ und „Tomatenrot“ beides lesenswerte Bücher; schon alleine durch Woodrells unnachahmliche Art die Trostlosigkeit gescheiterter Leben zu ästhetisieren.

Aber „Winters Knochen“ ragt aus diesen drei Werken so hervor, ist ein so sprachgewaltiges Buch, ein so durch und durch gelungener und mitreißender Roman, dass es nun vor allem um ihn gehen wird. Zumal mich die Geschichte einen Tag lang in Berliner Cafés begleitet hat. Ein Kaffeehaus-Lesetag, so wie schon einmal mit einem Buch von ihm in Köln. „Woodrell-Lesetag in Berlin“ weiterlesen

Ausgelöscht

Heinz Helle: Eigentlich muessten wir tanzen

Schon auf der zweiten Seite von Heinz Helles Roman „Eigentlich müssten wir tanzen“ haben die fünf Männer, um die es geht, sämtliche Sympathien verspielt. Gleichzeitig zeigt die geschilderte Szene unmissverständlich, dass sich der Leser in eine Welt hineinbegibt, in der die Regeln des menschlichen Zusammenlebens, des Anstands und der Moral vollkommen verschwunden sind. Eine kaputte Welt der tierhaften Triebe und des unbarmherzigen Überlebenswillens. Was ist geschehen?  „Ausgelöscht“ weiterlesen

„Walden“ auf die harte Tour

Doris Knecht: Wald

„Ich ging in die Wälder, denn ich wollte wohlüberlegt leben. Intensiv leben wollte ich. Das Mark des Lebens in mich aufsaugen, um alles auszurotten, was nicht Leben war. Damit ich nicht in der Todesstunde inne würde, dass ich gar nicht gelebt hatte.“ Diese Sätze von Henry David Thoreau sind seit dem Film Der Club der toten Dichter beinahe Bestandteil der Pop-Kultur. Und sie treffen immer noch einen Nerv der Zeit; viele ob der unendlichen Möglichkeiten zivilisationsmüde gewordenen Bewohner der westlichen Welt beginnen bei diesen Worten von einem Leben voller Einfachheit zu träumen. Genauso wie der Verfasser 163 Jahre zuvor; Thoreau lebte damals zwei Jahre in einer Blockhütte in den Wäldern, beschränkte seinen Komfort und seine Kommunikation mit der Außenwelt auf das Nötigste. Um zu sich zu finden, um Abstand zwischen sich und der in seinen Augen immer oberflächlicher und  hektischer werdenden Gesellschaft zu schaffen. Ein Ausstieg auf Zeit sozusagen und sein Buch „Walden“, aus dem diese Sätze stammen, ist bis heute eines der wichtigsten literarischen Zeugnisse, die von einem alternativen Leben handeln. Gerade eben ist es in einer wunderschönen Ausgabe bei Diogenes wieder neu aufgelegt worden; eine sehr lesenswerte Rezension von Gisa Funck auf Deutschlandfunk.de würdigt das Buch ausführlich.

Doch es soll hier nicht um Thoreaus „Walden“ gehen, sondern um das Buch „Wald“ von Doris Knecht. Ein ähnlicher Titel, eine ähnliche Ausgangssituation: Marian Malin, die Protagonistin des Romans, lebt alleine in einer einfachen Behausung im Wald irgendwo im österreichischen Voralpenland. Doch während Thoreau seinen Ausstieg freiwillig gewählt hat, um sich mit der Sinnsuche zu beschäftigen und danach wieder in die Zivilisation zurückzukehren, ist bei Marian gar nichts freiwillig. „„Walden“ auf die harte Tour“ weiterlesen

Roadmovie durch die Apokalypse

Cormac McCarthy: Die Strasse

Seit „All die schönen Pferde“ und „No Country for Old Men“ gehörte Cormac McCarthy für  mich sowie schon zu den ganz Großen der US-amerikanischen Gegenwartsliteratur. Dann habe ich „Die Straße“ in die Hände bekommen. Ein unglaubliches Buch. 253 Seiten. Also eigentlich nicht dick, zwei Abende, höchstens. Ich habe eine Woche dafür gebraucht, der Text ist wie ein permanenter Faustschlag und ich musste immer wieder aufhören zu lesen, um mich davon zu erholen und die Handlung sacken zu lassen. „Roadmovie durch die Apokalypse“ weiterlesen