Am Tag nach dem Ende

Vor einigen Jahren hatte ich an anderer Stelle hier im Blog geschrieben, dass ich einen tiefergehenden Zugang zu Lyrik nie hatte und wohl auch nie haben würde. Inzwischen bin ich mir da nicht mehr so sicher. Denn wie kann es sonst sein, dass mich sechs Zeilen eines Gedichts so ins Innerste getroffen haben, dass es mir große Mühe macht, auch Tage danach meine Gedanken dazu aufzuschreiben. Dabei ist das vielleicht auch gar nicht notwendig, denn die zwanzig Worte des Gedichts sagen genug. Hier sind sie. 

The morning after
my death
we will sit in cafés
but I will not
be there
I will not be
 
Das Empfinden der Sterblichkeit und Vergänglichkeit, das aus diesen kurzen Zeilen spricht, ist überwältigend; ein poetisches Memento Mori für unsere Zeit.

Es ist der Beginn des Gedichts »The morning after / my death« aus dem Band »The Spring Flowers Own & The Manifestations of the Voyage« von Etel Adnan. Die libanesisch-amerikanische Autorin und Künstlerin ist am 14. November 2021 mit 96 Jahren in Paris gestorben. Ein bewegtes, kämpferisches, intellektuelles und kreatives Leben war zu Ende gegangen. Der Newsletter des ZEIT-Magazins verlinkte auf einen Beitrag des Instagram-Kanals @poetryisnotaluxury, wo anstelle eines Nachrufes einfach nur diese sechs Zeilen zu lesen waren. Und so bin ich selbst darauf gestoßen, saß vor dem Bildschirm und war nicht fähig, irgendeinen Gedanken zu fassen – während gleichzeitig ein wahrer Gefühlssturm in mir losbrach. 
 
The morning after
my death
we will sit in cafés
but I will not
be there
I will not be
 
Ganz viel kam bei diesen Worten in mir zusammen. Das Gefühl der eigenen Vergänglichkeit holt jeden irgendwann ein und bei mir war die letzte Zeit geprägt davon. Bei der Beerdigung meiner Mutter habe ich es intensiv gespürt, als wir alle am offenen Grab standen. Mein Vater lebt schon lange nicht mehr; und die Erkenntnis, jetzt zu der Generation zu gehören, die nachfolgen wird, trifft einen wie ein Faustschlag. Zumindest mir ging es so. Ich neige dazu, Dinge zu verdrängen oder mir schönzureden, doch das gelingt eben nicht immer und seit einiger Zeit immer weniger. Denn die letzten Jahre waren im Familien- und Freundeskreis geprägt von Abschieden, von zerbrochenen Beziehungen, von Auflösung und zerbröselnen Gewissheiten. Und als ich die Worte dieses Gedichts las – sparsam verwendet, keines ist zu viel, keines zu wenig – da war das Gefühl des Vergehens und des unaufhaltsamen Voranschreiten der eigenen Lebensminuten im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubend. 
 
Dazu der Café-Kontext. »The morning after / my death / we will sit in cafés / but I will not / be there / I will not be«. Mit einem Buch im Café zu sitzen, im Hintergrund das Rauschen der Kaffeemaschine, Klappern von Besteck, gedämpfte Gespräche, ab und zu öffnet sich die Türe, Menschen kommen und gehen – das alles ist für mich der Inbegriff davon, was es bedeutet, das Leben mit allen Sinnen zu genießen. Und mit ein paar Worten schafft es Etel Adnan mir ins Gedächtnis zu rufen, dass wie alles andere auch dies einmal vorbei sein wird. Nicht heute, hoffentlich auch nicht morgen und auch noch in vielen Jahren nicht. Aber irgendwann schon – und das Ende ist die einzige Gewissheit, die es im Leben gibt. Daher sollte man so viele Tage wie möglich davon genießen, allem Unschönen zum Trotz. Denn es gibt nur dieses eine. 
 
Ich hoffe, dass dies alles nicht zu konfus oder zu traurig geworden ist – ich hatte euch ja eingangs vor einem gedanklichen Wirrwarr gewarnt und habe versucht, das alles irgendwie in Worte zu fassen. Doch eines ist ganz klar: Diese sechs Gedichtzeilen sind mit ihrer spröden Eleganz mit das Schönste, das ich jemals gelesen habe. Danke dafür, Etel Adnan. Den nächsten Kaffee trinke ich auf Ihr Wohl. Oder vielleicht auch ein Gläschen Wein.
 
Denn die Welt dreht sich weiter, Tag für Tag. Und irgendwann auch ohne uns.
 
Hier auf Kaffeehaussitzer gibt es die Textbausteine, eine Sammlung von Texten, die mir wichtig sind. Dieses Gedicht gehört unbedingt dazu. 
 
Buchinformation
Etel Adnan, The Spring Flowers Own & The Manifestations of the Voyage
The Post-Appollo Press
ISBN 978-0-942996-14-2
 
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11 Antworten auf „Am Tag nach dem Ende“

  1. Lieber Uwe,

    danke für den Lyriktipp und vor allem auch Deine offenen Worte dazu. Kann ich nachvollziehen. Als sehr tröstlich empfinde ich immer wieder die Gedichte von Michael Krüger und natürlich die Haiku von Issa und Bashô, wo Vergänglichkeit und das Nicht-Festhalten an Dingen immer ein Thema sind.

    Viele Grüße aus Tübingen

    Norbert

  2. Danke! Für diese wahrlich tief berührenden Zeilen des Gedichts. Und Deiner nicht im mindesten konfusen, jedoch sehr treffenden Gedanken dazu. Du hast mir damit sehr aus der Seele gesprochen und genau auf den Punkt gebracht, was auch mich immer häufiger bewegt. Habe die Mitte der 50er überschritten, Eltern leben beide nicht mehr, ich selbst habe keine Kinder. Die Gedanken um die eigene Sterblichkeit rücken näher, ängstigen, werden verdrängt. Und die Frage: was bleibt von einem, wenn man nicht mehr da ist. Das Leben geht einfach weiter.
    Auch ich kann mit Lyrik „eigentlich“ nicht viel anfangen. Aber diese Zeilen sind eine Wucht! Nochmals danke dafür!

  3. Danke für den Post. Ich finde das Gedicht auch wunderschön und teile deine Einschätzung. Und dass du uns deine persönlichen Gedanken mitteilst, finde ich toll. Ich kaufe immer viele Bücher, die du empfiehlst und freue mich über jeden neuen Post.
    Kerstin

  4. Ich finde Ihre Ausführungen wenig wirr bis warr. Allerdings lässt sich feststellen, dass persönliche Verfassung eben diesen deutlichen Einfluss auf das Leseerlebnis und dessen Verarbeitung hat. (Vielleicht an den letzten beiden Beiträgen erkenntlich). Eigentlich nichts neues. Wie bei Musik, wie bei dem Betrachten eines Fotos, oder Gemäldes. Und doch sind wir als Menschen von diesem „nichtsneues“ getroffen und es fühlt sich „neu“ an. Geburt und später – Alter, Sterben, Tod. Und dahinter vor allem, vielleicht, aber nur vielleicht: Ängste? Kunst, (neben dem Kaffee und all den anderen Lebensmitteln), wenn es sie gibt, könnte sein, ein Überlebensmittel, gerade in Momenten dieser Verfassungen, wo es kaum spürbar hinab geht, nichts weiter, aber hinab.

  5. Danke.
    Für das Teilen des Gedichts. Für das Teilen deiner Gedanken. Das Lesen hat mich tief bewegt, denn du hast mir aus tiefster Seele gesprochen. Auch ich mache um Lyrik weitestgehend einen Bogen – und trotzdem haben diese sechs Zeilen mich im Inneren erreicht und getroffen.
    Danke.

    1. Moin Uwe,
      Lyrik liebe ich schon fast mein Leben lang und endgültig vefallen bin ich damals Wolf Wondratschek mit Zeilen wie diesen:
      „und Gott geht unerkannt nachhause, duzt die Sünder und betritt menschenscheu das Paradies“
      oder
      „Ich liebe und habe eine Freude und eine Angst, daß du Liebe verlangst“
      also nur keine Angst vor der Lyrik. Herzlichen Gruß Jürgen

      1. DANKE auch für diesen Kommentar und die in Erinnerung gerufenen Zeilen von Wondratschek…
        Die Kombination aus diesen beiden, dem „Tag danach“ und dem Zitat von WW berührt mich heute auf bislang unbekannte und tiefgreifende Weise….

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