Freundschaft mit Glaswand

Ob jemals ein klassenloses Zusammenleben möglich sein wird? Ich glaube das nicht, zu ausgeprägt ist das menschliche Bedürfnis, sich in Gruppen zusammenzufinden und sich mit ungeschriebenen Verhaltensregeln und Codes von anderen Gruppen abzugrenzen. Natürlich ist unsere heutige Gesellschaft durchlässiger geworden, zumindest in der Theorie. Doch auch wenn ein sozialer Aufstieg gelingen sollte, dann endet er meist an der Glaswand jener Verhaltensregeln und Codes. »Wenn ich kämpfe, kann ich gewinnen« – dies ist das Credo von Freddy, der in einer halbkriminellen Prekariatsfamilie aufwächst. Das ihn allerdings nicht weit gebracht hat: Wir lernen ihn kennen, als er aus dem Gefängnis entlassen wird. Damit startet der Roman »Alleingang« von Stefan Moster. Es ist eine starke Szene. Die erste von vielen.

Die Geschichte, die der Autor erzählt, beginnt viele Jahre zuvor, in den Siebzigern des letzten Jahrhunderts. Freddy und Tom sind Nachbarsjungs, gehen in dieselbe Schule und werden enge Freunde.

»Als die Siedlung gebaut wurde, glichen die beiden Häuser einander bis in die Einzelheiten, doch vierzig Jahre später, Anfang der Siebzigerjahre, unterscheiden sie sich in jedem Detail: Das eine hält mit der Zeit Schritt, das andere bleibt zurück. Den beiden Jungen, die gemeinsam zur Schule gehen, sieht man auf Anhieb an, wer in welches Haus gehört: an der Kleidung, an den Zähnen, an den Fingernägeln und daran, wer gekämmt ist und wer nicht.«

Das Haus von Freddys Familie, dreizehn Kinder, Sozialhilfeempfänger, Vorbestrafte, Trinker, ist wie ein Fremdkörper in der kleinen Welt der sich herausbildenden Mittelschicht, in der »Siedlung der fleißig Kehrenden und Rechenden.« Während Freddy stets kurz an der vollkommenden Verwahrlosung entlangschrammt, wächst Tom in einem begüterten Umfeld auf. Und trotz dieses Ungleichgewichts ist es zunächst eine Freundschaft auf Augenhöhe. Ein Erlebnis, das Freddy für sein Leben prägen wird, ist Toms Einladung, gemeinsam mit ihm mitten in der Nacht vor dem Fernseher zu sitzen: Es ist der 30. Oktober 1974 und die beiden Jungs starren gebannt auf die Übertragung des legendären Boxkampfs zwischen George Foreman und Muhammad Ali; der »Rumble in the Jungle« war das erste internationale sportliche Großereignis auf dem afrikanischen Kontinent. Muhammad Ali ist fortan Freddys Idol und das Poster mit der berühmten Photographie des K.O.-Schlages begleitet ihn überallhin, auch ins Gefängnis. »Wenn ich kämpfe, kann ich gewinnen«. Doch auch mit noch so viel Kampfeswillen und Wut lassen sich die gesellschaftlichen Glaswände nicht zertrümmern.

»Alleingang« schickt uns auf zwei Zeitschienen durch die Erzählung. Die eigentliche Handlung spielt im Heute, an Freddys Entlassungstag aus dem Gefängnis. Es ist nur dieser eine Tag, an dem wir ihn begleiten, noch unsicher, was er mit der neugewonnenen Freiheit anfangen soll. Er klappert verschiedene Orte seines verkorksten Lebens ab, während in zahlreichen Rückblenden von seinem Aufwachsen erzählt wird. Von seiner Zeit als junger Erwachsener. Und von der Freundschaft mit Tom. Eine Freundschaft, die lange Bestand haben sollte, doch die irgendwann in eine gönnerhafte Schieflage geriet.

Während Freddy nach der Schule eine Lehre als Kfz-Schlosser beginnt und in einer Autowerkstatt arbeitet, wird Tom Student. Und zieht in eine linksalternative WG, in der vom Klassenkampf die Rede ist, vom Widerstand gegen den Kapitalismus und vom Sieg des Proletariats. Es ist der Zeit der großen Demonstrationen gegen die Startbahn West, gegen Wackersdorf und gegen den Nato-Doppelbeschluss; Namen, die mir als 1969 Geborener alle noch geläufig sind. Als Freddy in der WG auftaucht – ein echter Vertreter des Proletariats – bringt er das Selbstverständnis der Salonkommunisten gehörig durcheinander. Er nimmt den Kampf ernst und prügelt sich mit Polizisten. Er findet die proklamierte freie Liebe gut und schläft mit Toms Freundin. Er kann nicht diskutieren, aber Autos aus der Werkstatt »ausleihen«, um damit die WG zu Demos zu fahren. Großartig beschreibt Stefan Moster das Aufeinanderprallen zweier Lebenswelten, schildert jene eingangs erwähnten subtilen Codes und Verhaltensformen, die Freddy scheißegal sind (so würde er es ausdrücken), die ihn aber auch in einer linksalternativen WG zum Außenseiter, letztendlich zum Unerwünschten machen. Auch bei den Weltverbesserern ist kein Platz für einen, dessen Schicksal sie verändern möchten. In der Theorie zumindest.

»Als Tom seinen Kindheitsfreund Freddy zum ersten Mal mitgebracht hatte, war es ihm so vorgekommen, als wären die Mitglieder der WG geradezu stolz darauf, einem wie ihm Gastfreundschaft zu gewähren. Sie schienen ihm einen Ehrenplatz am Frühstückstisch zu geben, schoben Brötchen, Käse, Wurst vor ihn hin sowie ein braunes Ei in einem Becher, der mit Hahn und Henne verziert war. Freddy verriet nicht, dass es sich um das erste Frühstücksei seines Lebens handelte. Während er es noch betrachtete und überlegte, wie er es öffnen sollte, hörte er Tom etwas von ›schwierigen Verhältnissen‹ sagen.«

Eine Freundschaft beginnt zu kippen, wird eingeholt von den Normen und Verhaltensmustern, denen niemand von uns entkommen kann. Und auch wenn man sie bewusst ablehnt, ändert das nichts daran – denn jede Gruppe schafft sich neue. Die ebenfalls für eine unsichtbare Grenze sorgen. Stefan Moster bringt das wunderbar zeitlos auf den Punkt: 

»Die Generation der Revolte hatte Neues gedacht und Neues entwickelt, ihnen hingegen fiel nichts Neues mehr ein. Der Fluch der späten Geburt lastete auf ihnen. Trotzdem wollten sie die Welt verändern und vorführen, wie das ging, indem sie sich selbst als Modell der besten Lebensform zur Schau stellten. Alle sollten sehen, wie sie lebten, miteinander umgingen, sich kleideten, ernährten, fortbewegten.«

Während Freddy durch seinen Entlassungstag läuft, holen ihn seine Gedanken ein; mehr und mehr Details verbinden sich zu einem Gesamtbild. Die beiden zeitlich versetzten Handlungsstränge laufen aufeinander zu: Der Tag der Knastentlassung und die Schilderung eines Lebens, das Freddy irgendwann aus der Kurve getragen hat – das alles hat mit einer Freundschaft zu tun, die einst jenseits der Klassenschranken begann und irgendwann für den einen der beiden mit einer langjährigen Gefängnisstrafe endet. Weil er um einen Freundschaftsdienst gebeten wurde, der tragische Folgen haben sollte.

»Alleingang« ist eine Geschichte über Herkunft und Klassismus, über Freundschaft, über Veränderungen und Abschiede und über die Fallstricke des Lebens. Vor allem aber ist es ein mitreißend erzähltes Buch, dessen Dramatik und Tragik sich erst nach und nach herauszuschälen beginnt, bis klar wird, wie jener Freundschaftsdienst ausgesehen hat. Den ich hier natürlich nicht verrate.

Aber der im Gedächtnis bleiben wird. Ganz sicher. 

Buchinformation
Stefan Moster, Alleingang
mare Verlag
ISBN 978-3-86648-297-5

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