Gelebte Leben

Elizabeth Strout: Die langen Abende

»Intensiv leben wollte ich. Das Mark des Lebens in mich aufsaugen, um alles auszurotten, was nicht Leben war. Damit ich nicht in der Todesstunde innewürde, dass ich gar nicht gelebt hatte.« Dieses Zitat von Henry David Thoreau wurde 1989 durch den Film »Der Club der toten Dichter« weltbekannt. Auf mich wirkten die Sätze damals wie ein Faustschlag – es war die Zeit des Aufbruchs in das Erwachsenenleben, in das ich gerade vollkommen planlos hineinstolperte. Und die mahnenden Worte »Damit ich nicht in der Todesstunde innewürde, dass ich gar nicht gelebt hatte« waren prägend für mein Leben, ich habe sie nie wieder vergessen. Bewusst oder unbewusst ließen sie mich die Veränderung lieben und den Stillstand fürchten, sorgten für Entscheidungen aus dem Bauchgefühl heraus, für Aufbrüche ins Ungewisse, für große Umwege – und damit für unzählige Erfahrungen, von denen ich keine einzige missen möchte. Beim Lesen des Romans »Die langen Abende« von Elizabeth Strout musste ich unwillkürlich an Thoreaus Sätze denken, denn viele der Personen, die das Buch bevölkern, sind Menschen in der Endphase ihres Lebens. Und die Frage, ob das jetzt tatsächlich alles gewesen war, schwingt in ihren Gedanken und in ihrem Handeln mit. 

Gekauft habe ich das Buch wegen des Covers und des Titels. Denn zusammen strahlen sie eine Ruhe aus, die mich unweigerlich angezogen hat. Und die wir Leser in diesem Roman, der uns mitnimmt in das ländliche Maine an der amerikanischen Ostküste, tatsächlich finden können: In der Endlosigkeit des Meeres, in der Weite der Strände, in der Stille der abgelegenen Orte und im ewigen Rhythmus der wiederkehrenden Jahreszeiten. Doch eingebettet in diesen ruhigen Fluss der Zeit lernen wir die unterschiedlichsten Schicksale kennen – und kommen den Menschen, die mit ihnen verbunden sind, sehr nahe. 

Dreh- und Angelpunkt ist das kleine, fiktive Städtchen Crosby. Ein Städtchen, das Elizabeth Strout bereits für ihren 2009 erschienenen – und mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten – Roman »Mit Blick aufs Meer« erschaffen hat. Man muss ihn nicht gelesen haben, um »Die langen Abende« zu verstehen, es sind zwei getrennte Werke, in denen zum Teil die gleichen Menschen vorkommen. Alt sind sie geworden, das Leben mit all seinen Kämpfen, Mühen und Hoffnungen hat sie geformt. 

In jedem Kapitel stellt uns Elizabeth Strout andere Personen vor. Den zwangsemeritierten, verwitweten Professor, der jahrzehntelang in einer Ehe lebte, die nur noch auf dem Papier existierte. Die pensionierte Lehrerin, die ihren verstorbenen Mann schmerzlich vermisst und dafür bekannt ist, sich in alle Geschehnisse des Ortes einzumischen. Menschen, deren letzte Station die lieblose Aufbewahrung in einem Pflegeheim ist. Eltern und ihre erwachsenen Kinder, die sich nichts mehr zu sagen haben. Ein Ehepaar, das seit Jahrzehnten nicht mehr miteinander redet, aber zusammen in einem Haus wohnt. Menschen, die nur noch in ihren Erinnerungen leben, aber deren Zukunft nicht mehr stattfinden wird. Wir erfahren von gescheiterten Träumen, von Einsamkeit, von Entscheidungen, die in die falsche Richtung führten. Oder von falschen Richtungen, die eine andere Entscheidung verhindert hätte – aber vieles wird jedem Menschen erst im Nachhinein klar. Die einzelnen Kapitel verknüpfen sich nach und nach miteinander, die Handlung umspannt mehrere Jahre. Vielen der Protagonisten begegnen wir mehrfach, lesen manchmal in einem Nebensatz, wie es ihnen ergangen ist – es wirkt, als würden wir alten Bekannten begegnen. Und bei manchen erfahren wir im Laufe des Buches, dass sie inzwischen nicht mehr leben.

Als es an einer Stelle um Glauben und Religion geht, gibt es eine Passage, die ich unterstrichen habe: »Weißt du, Bernie, ich habe viel über das alles nachgedacht. Richtig viel. Und das ist die – na ja, die Formulierung, die ich gefunden habe, nur für mich, meine ich, aber so habe ich es für mich im Kopf formuliert: Ich glaube, unsere Aufgabe – oder sogar unsere Pflicht – ist es, die Bürde des Unerklärlichen mit so viel Anstand zu tragen, wie wir können.«

Wenn ich mir das bisher Geschriebene durchlese, dann klingt das alles nach einem traurigen, schweren Buch. Aber das ist es nicht, ganz und gar nicht. Es ist ein Roman voller Wärme für seine Figuren, melancholisch, nachdenklich, bewegend und immer wieder tröstlich. Und mit so mancher skurillen Wendung. Das alles ist eingebettet in die wunderbare Landschaft von Maine, in die Ruhe einer Natur, die sich keinen Deut um uns Menschen schert. Eine brodelnde Ruhe, denn Elizabeth Strout beschreibt das Leben, wie es nun einmal ist. Die Jahre vergehen, so vieles bleibt ungetan und ungesagt – und dann ist es schon vorbei. Ob wir wollen oder nicht. Und gleichzeitig gibt es so viel Schönes im Leben, das wir oft gar nicht richtig wahrnehmen. In einer der wundervollsten Textstellen des Romans heißt es: 

»Und ihm schien, dass sie niemals leichtfertig abgetan werden durfte, die Einsamkeit am Grund eines jeden Lebens, und dass die Entscheidungen, die die Menschen trafen, um dieser klaffenden Schwärze zu entgehen, Entscheidungen waren, denen Respekt gebührte.«

Und an einer anderen Stelle hadert Denny, ein älterer Herr, mit der Stille, die nach dem Wegzug der drei Kinder bei ihm und seiner Frau Marie eingekehrt ist. Mit der Ereignislosigkeit des Lebens zweier Rentner. Bis ihn bei einem Spaziergang ein dramatisches Erlebnis wachrüttelt und es ihm endlich klar wird: »Das Problem war er selbst. Er trauerte schon jetzt um sein zu Ende gehendes Leben, aber noch war das Ende nicht da. Er eilte die Stufen zu seinem Haus hinauf, warf die die Jacke ab und im Bett saß Marie und las. Ihr Gesicht hellte sich auf, als sie ihn sah. Sie legte das Buch weg und winkte ein bisschen mit den Fingern. ›Wieder da?‹, sagte sie.«

Elizabeth Strout lässt einen mit »Die langen Abende« über das eigene Leben nachdenken – wie wird es sein, wenn wir am Ende zurückschauen? Und dann sitze ich wieder im Kinosaal, bin zwanzig Jahre alt und höre Robin Williams in der Rolle des Lehrers John Keating sagen: »Damit ich nicht in der Todesstunde innewürde, dass ich gar nicht gelebt hatte«.

Es liegt an uns, was wir mit unserem Leben machen. Wir haben nur dieses eine und es ist schnell vorbei. In den Routinen des Alltags verdrängt man diese Gedanken gerne, aber ein Buch wie dieses erinnert uns daran.

Und das ist gut so. 

Buchinformation
Elizabeth Strout, Die langen Abende
Aus dem Englischen von Sabine Roth
Luchterhand Literaturverlag
ISBN 978-3-630-87529-3

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