In der Zeitschleife

»Suedkurier« vom 18. September 1968

Es sind eigentlich nur ein paar Blätter Papier und doch so viel mehr als das. Ein Blick zurück durch die Jahrzehnte. Eine Pforte für eine gedankliche Zeitreise, verbunden mit dem Gefühl, gleichzeitig in einer immer gleichen Zeitschleife festzustecken. Oder ganz profan: Eine alte Zeitung, eine Ausgabe des »Südkurier« vom 18. September 1968. Aber der Reihe nach.

Kürzlich war ich damit beschäftigt, zusammen mit meinem Bruder unser Elternhaus final aufzulösen. Die letzten beweglichen Dinge wurden zusammengetragen, dabei öffnete ich eine Holztruhe. Sie war leer, nur der Boden mit Zeitungspapier ausgelegt. Mit jener Ausgabe des »Südkurier«, der wichtigsten Regionalzeitung im Konstanzer Raum, die unsere Mutter ihr ganzes Erwachsenenleben lang abonniert hatte.

Ich nahm die Blätter heraus, wollte sie schon auf den Haufen mit dem Altpapier werfen, als mein Blick auf die Schlagzeile fiel. Dann auf die Überschrift und den Kommentar daneben, dann auf weitere Meldungen. Und das war so faszinierend, dass ich mich in einer achtundfünfzig Jahre alten Tageszeitung festgelesen habe. Hier ein paar Auszüge.

Der Aufmacher lautet: »USA: Mehr Truppen in die Bundesrepublik«. Darunter war zu lesen: »Die Vereinigten Staaten werden zwischen 20.000 und 40.000 Soldaten zu vorübergehenden Übungen nach Europa entsenden. Dies bestätigte gestern US-Verteidigungsminister Clifford. Die Truppen sollen Anfang 1969 in der Bundesrepublik eintreffen. Nach weiteren Berichten werden die USA außerdem 96 Phantom-Düsenjäger in die Bundesrepublik zurückverlegen. Diese Geschwader waren erst vor wenigen Monaten aus Ramstein in der Pfalz abgezogen worden. Eine dauernde Rückverlegung amerikanischer Truppen dürfte jedoch davon abhängig sein, daß die Bundesrepublik ihren Verteidigungshaushalt erweitert. Der CDU-Abgeordnete Birrenbach, der gestern aus Washington zurückkehrte, berichtete Bundeskanzler Kiesinger, daß die US-Regierung eine kräftige Steigerung der deutschen Verteidigungsanstrengungen erwartet.«


Im Kommentar daneben heißt es: »Was vor wenigen Monaten unwahrscheinlich schien, wird Wirklichkeit: Die USA entsenden zusätzliche Truppen nach Westeuropa, und die Bundesrepublik dürfte kaum um eine Erhöhung ihres Verteidigungshaushalts herumkommen. Erst vor kurzem zogen die Amerikaner Düsenjäger-Staffeln aus Deutschland ab. Sie taten dies nicht zuletzt deshalb, weil Bonn auf Grund der angespannten Haushaltslage nicht bereit war, höhere Stationierungskosten zu zahlen. Jetzt haben sich die Verhältnisse geändert. Nach dem sowjetischen Überfall auf die CSSR fühlt sich die Bundesrepublik bedroht. Wer sich bedroht fühlt, muß für Sicherheit sorgen. Und Sicherheit kostet Geld.«


In der Rubrik »Kurz notiert« ist unter anderem zu lesen: »Das Oberverwaltungsgericht in Lüneburg hat auf Antrag der NPD eine einstweilige Verfügung erlassen, wonach die Stadt Hannover unbeschadet der von ihr eingelegten Rechtsmittel bei Strafandrohung verpflichtet wird, der NPD die Niedersachsenhalle in Hannover für eine Wahlversammlung mietweise zu überlassen.«


Und eine weitere Meldung dort: »Der DGB-Vorsitzende Rosenberg hat die Vereinten Nationen telegrafisch gebeten, die Menschen in Biafra vor Hunger und Verfolgung zu schützen und ihre Versorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten zu sichern.« Biafra ist ein Teil Nigerias, der sich 1967 für unabhängig erklärte und in den kommenden drei Jahren von Nigeria brutal zurückerobert wurde.


Eine Meldung unter der Überschrift »Höcherl will billige Butter«.
»Bundesernährungsminister Höcherl will erreichen, daß eine Million Sozialempfänger zunächst ein halbes Jahr lang alle vierzehn Tage ein halbes Pfund Butter zum Preis von 60 Pfennig kaufen können. Der Bundesminister hat die Landwirtschafts- und Ernährungsminister der Bundesländer geben, sich bei den Landesregierungen dafür einzusetzen, daß sich die Sozialämter an dieser Aktion beteiligen und Berechtigungsscheine für die billige Butter ausgeben.«


Ebenfalls auf der Titelseite der Zeitung: »Israelische Stadt mit Raketen beschossen«. Im Text dazu heißt es: »Zum ersten Mal seit langer Zeit ist in der Nacht zum Dienstag eine israelische Stadt beschossen worden. In den letzten Monaten waren die Angriffsziele nur Siedlungen und Militäreinrichtungen. Arabische Untergrundkämpfer der ›El Fath‹-Organisation beschossen nach israelischen Angaben die Stadt Beisan im Jordantal mit 130-Millimeter-Raketen. Im Wohngebiet von Beisan wurden dabei durch acht Raketen acht Zivilisten verletzt. Als Gegenmaßnahmen beschoß israelische Artillerie gestern die jordanische Stadt Irbid, 32 Kilometer östlich des Jordans. Ein jordanischer Militärsprecher teilte mit, durch 5 Granaten seien 3 Zivilisten schwer verwundet und zwei Häuser zerstört worden.«


Im Sportteil ist zu lesen: »Olympia wird immer teurer«. Das wird dann genauer ausgeführt: »In Bezug auf München 1972 wird heute schon die Frage gestellt: ›Wer finanziert eigentlich die Olympischen Spiele?‹ Generalsekretär Herbert Kunze versuchte dieser Tage eine Antwort auf diese heikle Frage zu geben: ›Wir rechnen mit 200 bis 250 Millionen DM Einnahmen durch die Olympia-Lotterie und mit 60 bis 100 Millionen DM aus dem Verkauf von Olympia-Münzen und -Briefmarken. Kunze meint weiter, daß sich Aufbau, Durchführung und Abwicklung der Spiele dagegen selbst decken müssen, ein Wort, daß den braven Steuerzahler sicherlich erfreuen wird. Allerdings ist diese Rechnung noch nicht ganz fertig. Denn der Kostenvoranschlag für die Gesamtkosten beträgt bekanntlich 800 Millionen DM. Und um auf diesen Betrag zu kommen, fehlen nach den genannten Einnahmen noch rund 500 Millionen. Wer wird sie bezahlen? Letzten Endes wohl doch der brave Bürger. … In der Tat: Olympia ist zu einem teueren Vergnügen geworden.«


Eine Meldung habe ich noch: »Bücher haben in der Flaute Konjunktur«. Hier die Details: »Die Bundesbürger haben im konjunkturellen Flautejahr 1967 mehr als je zuvor gelesen, zumindest wurden mehr Bücher gekauft. Das läßt sowohl der vierprozentige Anstieg der Umsätze des Einzelhandels mit Büchern, als auch die Buchproduktion erkennen, die mit 30.683 Titeln um 29 Prozent höher als im Vorjahr war. Trotz des starken Vordringens der Massenmedien Rundfunk und Fernsehen und der damit verbundenen zeitlichen Beanspruchung der Bundesbürger hat deren Leseeifer erheblich zugenommen. Im vergangenen Jahr hat nach den Feststellungen der Buchhändler die Zunahme der Arbeitslosen- und Kurzarbeiterzahl zu einem stärkeren Interesse für das Buch geführt, wobei auch ein ausgeprägtes Bildungsstreben eine Rolle spielte. Je Einwohner wurden im letzten Jahr fast 44 DM für Bücher und Fachzeitschriften ausgegeben.«


Nun ist ein Blogbeitrag entstanden, der fast nur aus abgeschriebenen Zeitungsartikeln aus dem Jahr 1968 besteht. Aber einmal damit angefangen, konnte ich nicht mehr damit aufhören. Und das ist kein Wunder, sind all diese Meldungen auf eine erschreckende Art aktuell und heutig: Erhöhung des Verteidigungsetats aufgrund Drucks aus den USA. Angespannte Haushaltslage. Russische Aggression gegen einen europäischen Staat, hier die Tschechoslowakei. Der gescheiterte Versuch, einer Neonazi-Partei die Anmietung einer Halle zu verwehren. Krieg und Hungersnot in einem afrikanischen Land, diesmal Nigeria. Hilfe für sozial Schwache, die eher nach einem bürokratischen Monster aussieht. Arabische Terroristen – und nein, liebe Medien, es waren auch schon damals keine »Kämpfer« – die eine israelische Stadt mit Raketen beschießen, um einen Gegenschlag auszulösen. Und die explodierenden Kosten einer sportlichen Großveranstaltung, in diesem Fall die Olympiade 1972. Nur die Meldung über gestiegene Buchkäufe klingt leider nicht aktuell – die würde ich mir für unsere heutige Zeit wünschen. Alle anderen Nachrichten vermitteln das Gefühl, dass die Menschheit in den letzten sechzig Jahren nichts, wirklich gar nichts dazugelernt hat. Und als würden wir in einer Zeitschleife feststecken.

Gleichzeitig war es ein faszinierendes Erlebnis. Eine alte Zeitung, staubig, vergilbt, zerknickt und stockfleckig lässt einen in der Zeit zurückreisen. Die gleiche Zeitung hielt meine schwangere Mutter fünf Monate vor meiner Geburt in der Hand. Wie es ihr wohl ging in diesem Moment? Was hat sie gedacht, was gefühlt? Und jetzt liegen diese paar Blätter aus Papier neben mir und sind immer noch da – mitsamt ihren Botschaften aus einer anderen Welt, in der sich die Menschen mit den gleichen Themen auseinandersetzen mussten, wie wir heute.

Es gibt noch einen Grund, warum ich das alles aufgeschrieben habe: In absehbarer Zeit wird es solche Erlebnisse nicht mehr geben. Denn mit einer Zeitung im E-Paper-Format kann man keinen Truhenboden mehr auslegen. Und das ist schade. 

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