Acht Tage, sechs Bücher

Acht Tage, sechs Buecher

Ende Mai hatte ich eine Operation am Knie. Danach war ich im wahrsten Sinne des Wortes für acht Tage ausgebremst; damit die OP-Narbe gut verheilen konnte, verbrachte ich die Zeit mehr oder weniger liegend. Und lesend. Sechs Bücher sind es geworden, von denen vier schon länger im Regal standen und auf den richtigen Lesemoment gewartet haben. Ein neues Buch eines Lieblingsautors aus alten Zeiten war dabei, dann ein Buch, dass mich mit einer völlig unerwarteten Wucht traf. Ein Buch, das ich fast wieder weggelegt hätte, bevor eine kurze Textstelle mich geradezu in die Story hineingerissen hat. Ein Ausflug ins 19. Jahrhundert gehörte dazu, außerdem eine literarische Begegnung mit einem amerikanischen Kultautor. Und ein Buch, das weit hinter meinen Erwartungen zurückgeblieben ist.  

Großartig war, so viel Zeit zu haben, dass ich die meisten der Bücher komplett am Stück lesen konnte – dieses Gefühl eines Leserauschs ist immer wieder grandios. Und hier stelle ich sie kurz und knapp vor, meine sechs Rekonvaleszenz-Lektüren; bei drei von ihnen wird noch ein ausführlicherer Text folgen.

Philippe Djian: Morgengrauen

Die Romane von Philippe Djian prägten mein Leserleben zwischen dem zwanzigsten und dreißigsten Lebensjahr maßgeblich mit, es war die »Djian-Dekade«. Und »Betty Blue« wird immer zu den wichtigsten Büchern meines Lebens gehören. In den letzten zwanzig Jahren sind Djians Bücher nach und nach ruhiger geworden, sind mit ihm – und mit seinen Lesern – gealtert. »Morgengrauen« ist dieses Jahr erschienen und hat alles, was einen echten Djian ausmacht: Denn er beherrscht es immer noch perfekt, mit einem kurzen Satz der Geschichte eine komplett andere Wendung zu geben; mit zwei, drei Worten die Perspektive zu ändern. Die Handlung ist in Boston angesiedelt; Ich-Erzählerin Joan ist gerade in das Haus ihrer bei einem Unfall gestorbenen Eltern gezogen, um sich um ihren autistischen Bruder zu kümmern. Das ist nicht einfach zu vereinbaren mit ihrem Job als Escort-Dame, den sie diskret ausübt. Als dann noch Howard auftaucht, ein alter Freund ihrer Eltern, beginnen die Dinge aus dem Ruder zu laufen – denn er ist auf der Suche nach versteckten Unterlagen, die er im Nachlass der Verstorbenen vermutet. Nach und nach wird klar, um was es geht, in welche Machenschaften die Eltern verstrickt waren. Und als die unterschiedlichen Handlungsstränge beginnen, sich miteinander zu verknüpfen, entsteht kein Gesamtbild, sondern ein typisch Djiansches Chaos. Das er mit knappen Worten entwirrt. Und das nicht alle Beteiligten überleben werden.

Joseph O’Connor: Die wilde Ballade vom lauten Leben

Bei diesem Buch erwartete ich entspannte Unterhaltung à la Nick Hornby: Die Geschichte einer Rockband mit all ihren Höhen und vor allem den Tiefen, erzählt mit feinem Humor. Doch zu Beginn konnte ich nur wenig mit dem Roman anfangen, er war okay, aber nicht mehr. Bis ich auf Seite 153 auf eine Passage stieß, die mich innehalten ließ. Es waren nur ein paar Zeilen, aber die haben mich gepackt und regelrecht in die Story hineingerissen. Und was ich am Ende bekommen habe, war nicht nur eine Romanhandlung. Sondern ein Buch wie ein Rocksong aus Papier, Gänsehaut-Feeling inklusive. Bald mehr dazu.

Megan Hunter: Vom Ende an

Mit dem Klappentext haben die Marketingmenschen des Verlags diesem Buch keinen Gefallen getan. »Wie ein weibliches Gegenstück zu Cormac McCarthys ›Die Straße‹« steht dort. Und das ist schade, denn ich hatte bei der Lektüre dann natürlich stets dieses Meisterwerk im Kopf; für mich ist »Die Straße» eines der intensivsten Leseerlebnisse überhaupt gewesen. Hier konnte »Vom Ende an« bei weitem nicht mithalten. Um was geht es? Die namenlos bleibende Ich-Erzählerin ist gerade Mutter geworden, als eine Flutkatastrophe erst London verwüstet, dann halb England. Unruhen breiten sich aus, es gibt Tote, der Ausnahmezustand wird verhängt. Die junge Mutter und ihr Mann fliehen, werden getrennt, die Erzählerin schlägt sich mit ihrem Baby alleine durch, landet in einem Flüchtlingslager, wird mit Gewalt konfrontiert und der Auflösung aller gesellschaftlichen Strukturen. Und erlebt gleichzeitig das intensive Glück des Mutterseins, der vollkommenen Nähe zu einem anderen Menschen, ihrem Kind. Während um sie herum die Welt zerfällt, erzählt sie vom ersten Zahn, von ersten Auf-den-Bauch-drehen, von all den Entwicklungsschritten eines Kleinkinds. Dieser Gegensatz ist eigentlich eine spannende Idee, doch fesseln konnte mich der Roman nicht. Vielleicht lag es auch an der Sprache, die oft allzu gewollt apokalyptisch-dramatisch daher kam. Fazit: Kann man lesen. Muss man aber nicht.

Sorj Chalandon: Am Tag davor

Am Abend des 26. Dezember 1974 fährt der sechzehnjährige Michel mit seinem vierzehn Jahre älteren Bruder Joseph auf dem Moped durch die Straßen von Liévien-Lens, einer Stadt mitten im nordfranzösichen Kohlegebiet. Der von Michel vergötterte Joseph ist Bergmann in der Zeche Saint-Amé, in der am nächsten Tag 42 Bergleute bei einem Unglück ums Leben kommen werden. Joseph stirbt ein paar Wochen später im Krankenhaus. Zeit seines Lebens leidet Michel unter der Tragödie; als er viele Jahre später nach dem Tod seiner Frau vollkommen alleine dasteht, ist für ihn der Moment der Rache gekommen – denn es gibt jemanden, den er für das Zechenunglück verantwortlich macht. Aber alles kommt anders, als er es sich vorgestellt hat. Ein großartiger, wuchtiger Roman über den Wunsch nach Vergeltung, der ein Leben so überschatten kann, dass die eigenen Erinnerungen ausgelöscht werden. Bald mehr dazu.

Anthony McCarten: Jack

Der Roman »On the Road« von Jack Kerouac ist eines der großen Werke der amerikanischen Literatur. In der Figur des Romanhelden Dean Moriarty ist unschwer Kerouacs Freund Neal Cassady zu erkennen, der dadurch zu einer Kultfigur wurde – und letztendlich an diesem unverlangten Ruhm zerbrach. In »Jack« trifft die Linguistikstudentin Jan Weintraub ein Jahr vor Kerouacs Tod auf den Schriftsteller, der damals bereits ein körperliches Wrack war, aufgedunsen und alkoholabhängig. Unter dem Vorwand, gemeinsam eine Bibliographie aller seiner Werke zusammenzustellen, gewinnt sie sein Vertrauen. Ihr eigentliches Ziel ist es, herauszufinden, wie Kerouac zum Schicksal Cassadys steht. Und zu ihrem eigenen, denn sie und Jack verbindet mehr, als der Schriftsteller ahnt. Oder vielleicht doch nicht? Ein kurzweilig geschriebener Roman über den Ruhm und die Macht der Literatur, der ein paar unvorhergesehene Wendungen zu bieten hat. Bisher wusste ich nicht viel über das Leben Jack Kerouacs; Anthony McCartens Buch ist ein guter Einstieg, sich näher damit zu beschäftigen.

Lea Singer: Anatomie der Wolken

Der Beginn des 19. Jahrhunderts war nicht nur politisch, sondern auch kulturell eine Epoche der Umbrüche. Zwei der bedeutendsten deutschen Künstler verkörpern wie kaum jemand sonst die Gegensätze, die damals aufeinandertrafen: Johann Wolfgang von Goethe und Caspar David Friedrich. Der eine war einer der erfolgreichsten Dichter Europas, etabliert, vermögend, verbunden den Idealen der Aufklärung, der Wissenschaft und des Klassizismus. Der andere ein fast besitzloser Maler, der polarisierte; dessen Mystifizierung der Natur besonders bei der jüngeren Generation auf begeisterte Zustimmung traf, während etablierte Kunstkritiker ihn vehement ablehnten. Die Autorin Lea Singer beschreibt, wie diese beiden unterschiedlichen Menschen aufeinander trafen. Sie mochten sich nicht – und waren doch fasziniert voneinander. Ein wunderbares Leseerlebnis, von dem noch ausführlicher berichtet wird.

Es waren sehr abwechslungsreiche Lesetage, die mich durch die unterschiedlichsten Epochen geführt haben. Reich an Erlebnissen waren sie und eine Menge Menschen habe ich kennengelernt. Der Satz »Lesen ist Reisen im Kopf« wurde zwar schon viel zu oft zitiert, als dass er noch große Aufmerksamkeit erregen würde – er stimmt aber immer wieder.

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7 Antworten auf „Acht Tage, sechs Bücher“

  1. Hallo Uwe,
    zunächst einmal wünsche ich dir ebenfalls gute Besserung. Möge dein Knie dir möglichst schnell wieder gute Dienste tun. Du hast die „Auszeit“ ja wirklich eindrucksvoll genutzt. Vielen Dank für die tollen Leseanregungen. Sie kommen jetzt, so kurz vor den Ferien gerade recht. Ich habe schon lange nichts mehr von Joseph O´Connor gelesen. Du hast mich neugierig gemacht und der Roman liegt jetzt auf meinem Urlaubs-Stapel. „Am Tag davor“ von Sorj Chalandon habe ich vor einiger Zeit gelesen und die Geschichte hat mich umgehauen. Ich habe den Roman schon sehr häufig empfohlen oder verschenkt. Auf deine ausführliche Besprechung bin ich schon sehr gespannt.

  2. Hi Uwe,

    das Knie ist sicher eine blöde Sache, hatte ich auch jahrelang mit einem wassergefüllten Schleimbeutel unterhalb des Knies zu kämpfen. Zum Glück kam ich um eine OP herum. Daher von meiner Seite auch gute Besserung und gute Genesung.

    Die geschenkte Zeit hast du ja eindrucksvoll genutzt und bin schon auf die erweiterten Leseeindrücke gespannt.

    Liebe Grüße
    Marc

  3. Ach herrje, das Knie? Hmm, kenn ich … aber bei mir muss erst noch mal geguckt werden, woher es kommt … es gibt da so verschiedene Theorien. Hoffe, es ist schon besser und Du kannst Dich gut erholen. Bei der Lektüre wahrscheinlich schon.
    Jack von McCarten hat mich persönlich ja bei der ersten Halblektüre ein wenig ratlos gemacht und genau deshalb musste ich mir das Buch genauer ansehen und auch über Kerouac mehr erfahren. Ein guter Einstieg, wenn man oberflächlich guckt, eine sehr gute Verteitiefung wernn man ein wenig mehr über Kerouac weiß und für Kenner eine Entdeckung. Das ist schon ein vielschichtiger Roman, in dem mehr steckt, als man denkt. Also ich jedenfalls. LG, Bri

  4. Lieber Uwe,
    zunächst einmal gute Genesung! Die geschenkte Lesezeit hast Du ja eindrucksvoll genutzt. Ich las das Wolkenbuch Anfang 2016, fand den Anfang – mit der Leberpastete – schrecklich, wurde dann aber rasch begeistert.
    Ich bin schon gespannt auf Deine umfassenderen Leseeindrücke von diesem Buch.
    Viele Grüße
    Norman

    1. Lieber Norman,

      ja, man musste sich erst einmal an die etwas überzogene, leicht augenzwinkernde Darstellung von Goethe und Friedrich gewöhnen. Dann allerdings erhält man ein großartiges Stimmungsbild jener Zeit.

      Viele Grüße
      Uwe

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