Miniaturen der Hoffnungslosigkeit

Heuchert„Wir sitzen auf den Treppen an der Bahnstation, und Enge ist spürbar, Enge und Wut, direkt unter der Oberfläche. Ich kenne dieses Gefühl, ich kenne es sehr gut, und das Unerträgliche daran ist – die Wut findet hier immer Nahrung, einfach überall, die Wut ist wie eine zähe und gefräßige Ratte, sie überlebt immer. Die Maloche, die Fabrik, die Kollegen, die Familie, tagein, tagaus … zuerst nur ein Nagen, dann ein beständiger Schmerz, der sich seinen Weg suchen wird.“ Das hier ist eine kurze Passage aus einer der Kurzgeschichten Sven Heucherts, versammelt im Erzählband „Asche“. Es ist für mich eine Art Schlüsselstelle, denn bei aller Unterschiedlichkeit haben die Geschichten eines gemein: Sie handeln von der Wut, vom Ausbruch, vom Scheitern.

„Geschichten“ ist nicht ganz das passende Wort, es sind kleine Miniaturen, Short Stories in bester angelsächsischer Tradition. Die Leser erhaschen einen kurzen Blick auf Menschen, denen im Leben nichts geschenkt wurde, die am Rande der Gesellschaft stehen, die versuchen, irgendwie durchzukommen, bis sie der Suff, die Drogen, die Gewalt, die Vergangenheit, die gesamte Hoffnungslosigkeit ihres Daseins wieder einholt. Von der ersten Seite, vom ersten Wort an schwelt etwas unter der Erzählebene, etwas, das versucht auszubrechen und eine Situation eskalieren zu lassen. Nur wenige Seiten nach der oben zitierten Textstelle bricht die Brutalität mit einer solchen Wucht über den Leser herein, dass ich danach das Buch erst einmal kurz weglegen musste. Um durchzuatmen.

Doch nicht bei allen Stories erleben wir diese Gewaltausbrüche. Manchmal erwischen wir Momente der Ruhe, nicht der Ruhe vor dem Sturm, eher der Ruhe zwischen zwei Katastrophen. Vielleicht aber auch nicht? Denn vieles bleibt ungesagt, sachte angedeutet, der Phantasie des Lesers überlassen. „Und da waren Menschen. Manche von ihnen kamen an, irgendwo. Manche brachen auf. Manche waren mittendrin, so wie er. Er wusste das. Kein Vor, und kein Zurück. Mittendrin, und vielleicht eine Chance, aber das konnte man nie wissen. Das konnte einem niemand verraten.“ Auch der Autor verrät uns nichts, er führt uns in eine Welt kaputter Träume, immer nur für ein paar Minuten. Doch das hat nichts von Voyeurismus, mit sprachlicher Wucht zeigt er uns Menschen auf ihrem Weg von unten nach ganz unten. Menschen, die nie in ihren Leben eine Chance hatten. Wir lernen sie dabei nicht wirklich kennen, dazu sind die Momente zu kurz, aber sie hinterlassen Eindrücke, eine Mischung aus Fassungslosigkeit, Abscheu und manchmal auch Mitleid.

Das liegt vor allem an der kristallklaren Sprache; Sven Heuchert ist ein großer Stilist, der die Literaturform der Short Stories perfekt beherrscht. Einer, der ohne Umwege auf den Punkt kommt und es trotzdem schafft, dabei vieles im Ungewissen zu lassen, um einen Spannungsbogen aufzubauen. Einer der genau hinschaut. Für mich ist das große Sprachkunst, man kann nicht aufhören zu lesen, auch wenn man an manchen Stellen vor Entsetzen beinahe ins Stocken gerät. Für allzu zart Besaitete sind die Stories eher nicht geeignet, gerade wenn die geschilderten Gewaltexzesse völlig Unbeteiligte treffen, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Aber sie sind außerordentlich intensive Leseerlebnisse. Und wer mehr über den Autor wissen möchte: Auf der Seite von edel & electric, wo „Asche“ als eBook erscheint, gibt es ein spannendes Interview mit ihm.

Sven Heuchert schreibt schon lange, veröffentlicht hat er bisher in Zeitschriften, Magazinen und im Netz. „Asche“ ist sein erstes Buch, erschienen im Bernstein-Verlag, dem hauseigenen Verlag der ambitionierten R2-Buchhandlung in Siegburg. Über Twitter stehen wir schon eine Weile in Kontakt und Siegburg ist nicht weit. Vor ein paar Monaten haben wir uns verabredet, uns im Café Schmitz in Köln getroffen und ein paar Bier getrunken. Und viel geredet. Über Literatur, über Umwege im Leben, über das Schreiben. Es war ein guter Abend.

Buchinformation
Sven Heuchert, Asche
Bernstein Verlag
ISBN 978-3-945426-08-1
eBook bei edel & electric
ISBN 978-3-96029-004-9

4 Kommentare

  1. Ich bin zwar kein großer Liebhaber von Kurzgeschichten, aber Deine Vorstellung macht neugierig!

    Literatur ist für mich auch immer ein Spiegel der Gesellschaft. Vieles habe ich durchs Lesen besser verstanden. Auch oder gerade weil es unbequem ist. Ich sehe es daher ähnlich wie Du – bei einer Lektürebeschränkung auf die angenehmen Themen wäre mir einiges Bereichernderes entgangen!

  2. Als würde die Realität nicht schon reichen! Ich sehe nicht, warum ich mir solche Wut&Elend-Texte noch zusätzlich antun sollte.

    • Kann man so sehen und es geht mir ehrlich gesagt auch manchmal so. Aber ich hätte auch schon einiges an großartiger Literatur verpasst, wenn ich dem immer nachgeben würde.

  3. Vielen Dank für diesen Tipp. Es scheinen sehr intensive Texte zu sein.
    Wenn man den Autor persönlich kennenlernen kann, dann erschließt sich sein Werk oft noch besser, da man es in Bezug zu ihm setzen kann.

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