Derbe Zärtlichkeit

Sven Heuchert: Koenige von Nichts

Kann man objektiv über ein Buch urteilen, wenn ein Zitat von einem selbst auf der Rückseite steht? Wenn man mit dem Autor zwei-, dreimal im Jahr ein Bier trinken geht und über das Schreiben, die Literatur und Gott und Welt quatscht? Das waren die Gedanken, als ich Sven Heucherts »Könige von Nichts« aufschlug, ein Band mit vierzehn Short Stories. Allerdings waren sie schnell vergessen, diese Gedanken, denn die Geschichten haben es in sich.

Nach einem Roman ist dies Heucherts zweites Buch mit Erzählungen, kurz und knapp, ganz in der Tradition der amerikanischen Short Stories eben. Schon das erste beinhaltete Miniaturen der Hoffnungslosigkeit, die eine Alltagstristesse schilderten, die manchmal schwer zu ertragen war. Aber geschrieben mit einer erzählerischen Eleganz, welche die Kunst des Weglassens zelebriert. Kein Wort zu viel, keines zu wenig. Mit dem neuen Band „Könige von Nichts“ ist dem Autor ein würdiger Nachfolger gelungen. „Derbe Zärtlichkeit“ weiterlesen

Ein finsterer Held

Jo Nesbo: Durst

Harry Hole ist zurück. Und wie. Denn Jo Nesbø schickt seinen Ermittler in „Durst“ wieder auf Mörderjagd. Vor einiger Zeit hatte ich hier schon einmal geschrieben, wie sehr ich der Krimireihe rund um diesen Kommissar der Osloer Kripo verfallen bin und daran hat sich in den letzten Jahren, nach den letzten Fällen nichts geändert. So ist es kein Wunder, dass ich pünktlich zum Erscheinungstermin eine der Buchhandlungen meines Vertrauens besuchte und es auf dem Heimweg kaum erwarten konnte, mich mit den neuesten blutigen Verwicklungen zu beschäftigen. Zwei, drei Abende später klappte ich das Buch zu und war begeistert. Und jetzt versuche ich herauszubekommen, warum eigentlich. „Ein finsterer Held“ weiterlesen

Regennasse Einsamkeit

Sven Heuchert: Dunkels Gesetz

Wenn die Menschen gehen, holt sich die Natur alles zurück. Häuser zerfallen, Straßen bekommen Risse, in denen das Unkraut sprießt, Büsche und Bäume überwuchern alles, Wege verschwinden, notdürftig erhalten die letzten Verbliebenen die Reste einer Infrastruktur am Leben, die eigentlich kaum jemand mehr braucht. Im Amtsdeutsch heißen solche Gegenden „strukturschwach“, für die Bewohner und für seltene Besucher wirken sie wie das Ende der Welt. Sven Heuchert schickt uns in seinem Roman „Dunkels Gesetz“ in genau solch eine Gegend, irgendwo in die Täler an der deutsch-belgischen Grenze, dort wo die Eifel am verlassendsten ist. „Regennasse Einsamkeit“ weiterlesen

Monolog im Trinkerhirn

Ottessa Moshfegh: McGlue

Krass. Um dieses Wort inflationär zu benutzen bin ich etwas zu alt. Aber als Einstieg in diesen Beitrag passt es perfekt, denn besser kann man den Roman „McGlue“ von Ottessa Moshfegh eigentlich kaum beschreiben. Kostprobe? „Das Schiff legt ab. Ich klammere mich an der Reling fest und kotze, spucke Gift und Galle, während ich dem vorbeirauschenden Wasser zuschaue, bis kein Land mehr in Sicht ist. Eine kurze Zeit ist alles friedlich. Dann will etwas in mir sterben. Ich drehe den Kopf und huste. Zwei Zähne fallen mir aus dem Mund und rollen wie Würfel übers Deck.“

Direkt auf der ersten Seite ist diese Textstelle zu finden, als der Ich-Erzähler McGlue aus einem Vollrausch aufwacht und sich danach in der Zelle des Schiffes wiederfindet, auf dem er als Seemann angeheuert hat. Angeklagt des Mordes an seinem Freund Johnson. Was folgt, ist ein 141 Seiten langer Monolog, das Selbstgespräch eines Mannes, den der Alkohol zerstört hat und in dessen Verlauf nach und nach zu Tage kommt, was eigentlich passiert ist. Oder auch nicht. „Monolog im Trinkerhirn“ weiterlesen

Miniaturen der Hoffnungslosigkeit

Sven Heuchert: Asche

„Wir sitzen auf den Treppen an der Bahnstation, und Enge ist spürbar, Enge und Wut, direkt unter der Oberfläche. Ich kenne dieses Gefühl, ich kenne es sehr gut, und das Unerträgliche daran ist – die Wut findet hier immer Nahrung, einfach überall, die Wut ist wie eine zähe und gefräßige Ratte, sie überlebt immer. Die Maloche, die Fabrik, die Kollegen, die Familie, tagein, tagaus … zuerst nur ein Nagen, dann ein beständiger Schmerz, der sich seinen Weg suchen wird.“ Das hier ist eine kurze Passage aus einer der Kurzgeschichten Sven Heucherts, versammelt im Erzählband „Asche“. Es ist für mich eine Art Schlüsselstelle, denn bei aller Unterschiedlichkeit haben die Geschichten eines gemein: Sie handeln von der Wut, vom Ausbruch, vom Scheitern. „Miniaturen der Hoffnungslosigkeit“ weiterlesen