Zeitlose Gier nach Macht

Jo Nesbø: Macbeth - Das Shakespeare Projekt

William Shakespeares Drama „Macbeth“ dürfte eines der düstersten Stücke der Weltliteratur sein und es hat auch nach über vier Jahrhunderten nichts von seiner Faszination eingebüßt. Es ist die Geschichte des siegreichen Helden, der auf die dunkle Seite wechselt, zum machtbesessenen Tyrannen wird und im Irrsinn endet. An seiner Seite Lady Macbeth, Vertraute, Geliebte und tückische Verschwörerin in einer Person, vereint im blutig-bösen Triumph und im wahnhaften Scheitern.

Nun hat Jo Nesbø das Stück adaptiert und ins 20. Jahrhundert verlagert. Sein Roman „Macbeth“ ist ein wilder, actiongeladener Ritt durch Shakespeares Stück mit Noir-Elementen vom Feinsten. Als gleichermaßen begeisterter Shakespeare- und Nesbø-Leser war ich natürlich sehr gespannt auf das Buch. „Zeitlose Gier nach Macht“ weiterlesen

Nach dem Lesen Hände waschen

Ottessa Moshfegh: Eileen

Eine junge Frau ist in Ottessa Moshfeghs Roman „Eileen“ mit ihrem Leben in einer Sackgasse gelandet, finster, trostlos und ohne Hoffnung, umgeben von Schmutz und Verfall. Bis sich eines Tages die Möglichkeit für einen Neuanfang bietet – allerdings vollkommen anders, als sie es sich hätte vorstellen können.

Der Kaffeehaussitzer gehört zum Blogger-Redaktionsteam des Magazins der Büchergilde Gutenberg. So ist dieser Beitrag über „Eileen“ ursprünglich entstanden: Als Text, der neugierig auf das Buch machen, den Lesern des Magazins eine Buchempfehlung geben soll. Doch wie empfiehlt man einen Roman, in dem es um Selbstmitleid, Alkoholismus, Schmutz, Verwahrlosung und eine vollkommen verfahrene Lebenssituation geht? Will man sich das als Leser zumuten? Ich sage: Unbedingt!, denn es ist ein Buch, das ich nicht aus der Hand legen konnte. Eines, bei dem von Beginn an eine unterschwellige Spannung mitschwingt, das einen ganz eigenen Sog entwickelt und bei dem ich von Seite zu Seite neugieriger wurde, wie es wohl ausgehen würde. Nachdem mich bereits „McGlue“, der Debütroman der Autorin, sehr beeindruckt hatte, war ich umso gespannter auf ihr neues Werk – und wurde nicht enttäuscht. „Nach dem Lesen Hände waschen“ weiterlesen

Neue Ermittler, neue Zeitreisen

Alex Beer und Christof Weigold mit Auftaktbaenden neuer Krimireihen

Wenn historische Kriminalromane sauber recherchiert sind, wenn Sprache sowie Ambiente die geschilderte Zeit passend wiedergeben – dann kann es sehr reizvoll sein, mit ihrer Hilfe vergangene Epochen kennenzulernen. Was die Zwanziger- und Dreißigerjahre in Berlin betrifft, hat der Autor Volker Kutscher mit seiner Gereon-Rath-Reihe in den letzten Jahren Maßstäbe gesetzt. Umso gespannter bin ich jedesmal, wenn neue Krimireihen an den Start gehen, die in einem ähnlichen Zeitraum angesiedelt sind. In den letzten Monaten war das gleich zwei Mal der Fall; die Auftaktbände zweier neuer Reihen schicken die Leser in das Wien des Jahres 1919/1920 und in das Los Angeles des Jahres 1921. Um es gleich vorwegzunehmen: Beide haben mir sehr gut gefallen und versprechen viel Potential für die Folgebände. „Neue Ermittler, neue Zeitreisen“ weiterlesen

Regennasse Einsamkeit

Sven Heuchert: Dunkels Gesetz

Wenn die Menschen gehen, holt sich die Natur alles zurück. Häuser zerfallen, Straßen bekommen Risse, in denen das Unkraut sprießt, Büsche und Bäume überwuchern alles, Wege verschwinden, notdürftig erhalten die letzten Verbliebenen die Reste einer Infrastruktur am Leben, die eigentlich kaum jemand mehr braucht. Im Amtsdeutsch heißen solche Gegenden „strukturschwach“, für die Bewohner und für seltene Besucher wirken sie wie das Ende der Welt. Sven Heuchert schickt uns in seinem Roman „Dunkels Gesetz“ in genau solch eine Gegend, irgendwo in die Täler an der deutsch-belgischen Grenze, dort wo die Eifel am verlassendsten ist. „Regennasse Einsamkeit“ weiterlesen

Zeig doch mal die Bilder

Graphic Novels: Eine Bestandsaufnahme

Erst in den letzten zwei, drei Jahren habe ich die literarische Gattung der Graphic Novels für mich entdeckt. Nicht unbeteiligt daran waren die Blogs Muromez, Literaturen, Analog-Lesen und Papiergeflüster, die mich darauf neugierig machten. Und schnell habe ich dadurch staunend den Zutritt in eine mir bis dahin unbekannte Welt gefunden, eine Welt voller Überraschungen, vielseitig, bunt und spannend.

Dieser Prozess ist mir gerade bewusst geworden, als ich vor meinem Bücherregal stand, auf der Suche nach der nächsten Lektüre. Dabei ist mir aufgefallen, dass sich inzwischen ein ganzer Stapel Graphic Novels darin angesammelt hat, wenn auch noch in bescheidenem Ausmaß; thematisch und künstlerisch vollkommen unterschiedliche Werke. Irgendwie ein guter Anlass für eine Bestandsaufnahme und eine kurze Vorstellungsrunde. „Zeig doch mal die Bilder“ weiterlesen

Hass-Botschaft

Dennis Lehane: Ein letzter Drink

Normalerweise schreibe ich erst über Bücher, wenn ich sie auch zu Ende gelesen habe. In diesem Fall muss ich allerdings eine Ausnahme machen, denn bei der Lektüre von Dennis Lehanes „Ein letzter Drink“ stolperte ich über eine Textstelle, die so perfekt zur derzeitigen Situation nach der US-Präsidentenwahl passt, dass ich sie hier direkt und umgehend zitieren möchte, denn ich finde, jeder sollte sie lesen. „Hass-Botschaft“ weiterlesen

Miniaturen der Hoffnungslosigkeit

Sven Heuchert: Asche

„Wir sitzen auf den Treppen an der Bahnstation, und Enge ist spürbar, Enge und Wut, direkt unter der Oberfläche. Ich kenne dieses Gefühl, ich kenne es sehr gut, und das Unerträgliche daran ist – die Wut findet hier immer Nahrung, einfach überall, die Wut ist wie eine zähe und gefräßige Ratte, sie überlebt immer. Die Maloche, die Fabrik, die Kollegen, die Familie, tagein, tagaus … zuerst nur ein Nagen, dann ein beständiger Schmerz, der sich seinen Weg suchen wird.“ Das hier ist eine kurze Passage aus einer der Kurzgeschichten Sven Heucherts, versammelt im Erzählband „Asche“. Es ist für mich eine Art Schlüsselstelle, denn bei aller Unterschiedlichkeit haben die Geschichten eines gemein: Sie handeln von der Wut, vom Ausbruch, vom Scheitern. „Miniaturen der Hoffnungslosigkeit“ weiterlesen

Erst schießen, dann fragen

Bruce Holbert: Einsame Tiere

Den Wilden Westen betrachtet man gemeinhin als eine Epoche des 19. Jahrhunderts. Nach der Lektüre von Bruce Holberts „Einsame Tiere“ weiß ich, dass dies nicht stimmt. Der Roman spielt zu Beginn der 1930er-Jahre im Okanogan County, einer abgelegenen Gegend nahe Kanada im US-Bundesstaat Washington. Auf den ersten Blick meint man, dass auch hier moderne Zeiten angebrochen sind, es gibt schließlich Elektrizität, Autos, Mähdrescher und Telefone. Aber es ist ein Grenzland. Und zwar gleich auf dreifache Weise. Die Grenze zwischen den USA und Kanada verläuft hier. Indianerreservation und Farmland der Weißen stoßen aneinander. Und die Vergangenheit des Wilden Westens grenzt an das 20. Jahrhundert. „Erst schießen, dann fragen“ weiterlesen

In Bewegung bleiben

Nic Pizzolatto: Galveston

„Du wirst geboren und vierzig Jahre später humpelst du aufgeschreckt von deinen Wehwehchen aus einer Bar. Niemand kennt dich. Du fährst über nachtschwarze Highways und erfindest ein Ziel, denn es kommt darauf an, in Bewegung zu bleiben. Deshalb steuerst du auf das Letzte zu, was du zu verlieren hast, ohne eine Ahnung, was du damit anfangen sollst.“ Klingt ziemlich düster. Ist es auch. So wie es eben sein muss, denn Nic Pizzolatto hat mit „Galveston“ einen ganz und gar großartigen Noir-Krimi geschrieben. „In Bewegung bleiben“ weiterlesen