Wohin geht die Reise?

Rolf Lappert: Ueber den Winter

Wenn ich ein symbolisches Bild für den Begriff Familie finden müsste, würde ich an ein Planetensystem, an eine Galaxie denken. Jeder Planet steht alleine für sich, alle kreisen sie um ein Zentrum, sie ziehen sich an und sie stoßen sich ab, aber keiner kann ohne den anderen sein. Ein geschlossenes System, das man nur verlassen könnte mit einem radikalen Abbruch aller Beziehungen, einem Ausbruch ohne Wiederkehr. Hält man sich lediglich bedeckt, bleibt man trotzdem Teil des Ganzen, ob man will oder nicht. Und kann durch besondere Umstände jederzeit wieder mitten hinein in das Planetensystem gezogen werden. So geht es Lennard Salm, dem Protagonisten des Romans „Über den Winter“ von Rolf Lappert.

Lennard Salm lebt das unstete Leben eines Künstlers, wurzellos, rastlos, „erfüllt von einem Gefühl tröstlicher Verlorenheit“, immerhin so erfolgreich mit seiner Performance-Kunst, dass er davon leben kann. Gerade hat er sich in der Nähe einer heruntergekommenen Feriensiedlung irgendwo an der (nord)afrikanischen Küste einquartiert, in einem Haus, das seinem Mäzen und Freund Wieland gehört. Er versucht, sich auf sein nächstes Projekt zu konzentrieren, eine Art Installation aus angeschwemmtem Müll und Treibgut; dabei findet er regelmäßig angespülte Koffer und Taschen, die offensichtlich aus untergangenen Flüchtlingsbooten stammen. Nach einem besonders niederschmetternden Fund beginnt er an der Sinnhaftigkeit seiner Kunst, seines Lebens zu zweifeln. Der ruhelose, getriebene Künstler, umgeben von den Überbleibseln fremder Leben. Genau dann erreicht ihn die Nachricht vom Tod seiner Schwester Helene, die ihn zurückkatapultiert in das Planetensystem seiner Familie.

Die Planeten, um noch ein wenig bei diesem eingangs beschriebenen Bild zu bleiben, das sind zum einen vier Geschwister: Lennard, der Künstler, Sibylle „Bille“, die liebenswerte, lebensuntüchtige Chaotin, Paul, der Neubausiedlung-Spießer und Helene, die Sozialpädagogin, die beseelt von dem Gedanken war, anderen helfen zu können. Und die jetzt tot ist. Zum anderen sind da die geschiedenen Eltern, die dominante Mutter, der Lennard unversöhnlich gegenübersteht, der pflegebedürftige Vater, ein alter Mann, der mit seiner polnischen Pflegerin wie ein altes Ehepaar in der Hamburger Wohnung lebt, in der Lennard seine Jugend verbracht hat.

Zur Beerdigung seiner Schwester kehrt Lennard nach Hamburg zurück. Und sein Leben ändert sich. Denn plötzlich ist er wieder mittendrin in seiner Familie; vieles fühlt sich so an, als sei er nie weg gewesen, vieles ist fremd geworden. Besonders der körperliche Verfall seines alten Vaters macht ihm zu schaffen, seine Hilfsbedürftigkeit mitanzusehen tut ihm weh. Er wohnt in einem heruntergekommenen Altbau irgendwo in Hamburg-Wilhemsburg, dort, wo die Ränder der Großstadt zerfranst auslaufen. Eine marode Gegend, trostlos, geschlossene Geschäfte, eine einsame Leuchtreklame über einer kaum befahrenen Straße, letzte Industrieanlagen gehen in erste Äcker und Felder über. Lennard, der Getriebene, der beziehungsunfähige Künstler, der rastlose Familienflüchtling, er zieht zurück zu seinem Vater, in sein altes Zimmer. Das Mietshaus ist halb leer, alte Menschen wohnen darin, Ärmlichkeit, dunkle, muffige Wohnungen und gescheiterte Träume auf jeder Etage. „Er meinte das Gewicht des Gebäudes auf sich zu spüren, das Gewicht all der vergeblichen Worte, die darin gefallen waren, die Last der enttäuschten Hoffnungen, das schwerwiegende Glück, das am Ende des Tages so leicht war, dass es verflog.“

Wir erfahren viel über die zerrüttete Familiengeschichte, wie alles so wurde, wie es ist, unaufhaltsam, unabänderlich. Der sechsundvierzige Lennard sucht seit vielen Jahren seinen Platz auf dieser Welt und er weiß, dass er ihn in seinem alten Kinderzimmer nicht finden wird. „Alle würden fragen, was er die letzten Jahre gemacht hatte, und er würde irgendetwas von seiner Arbeit erzählen, die ihnen immer unbegreiflich gewesen war, von seinen irrlichternden Reisen und von Wüsten und Inseln und Bergen und Städten, tausend Punkten, die keinen Ort ergaben.“ Und jetzt?

Jetzt ist Lennard Salm wieder zu Hause, obwohl es natürlich schon lange nicht mehr sein Zuhause ist. In Hamburg ist Winter, und der eisige Wind scheint dem Leser aus den Seiten entgegenzuwehen. Die Kälte ist ein Konstante der Handlung, so als würde sie für die Vergänglichkeit unserer Hoffnungen und Träume stehen. Was passiert nun? Wie geht es weiter? Eigentlich geschieht nicht viel in diesem Roman und doch eine ganze Menge. Ein ganzes Leben wird in Frage gestellt, Dramen werden sich abspielen, die Möglichkeit einer romantiklosen Romanze wird im Raum stehen und immer wieder wird es um gescheiterte Beziehungen, gescheiterte Familien, gescheiterte Leben gehen. Bei alldem scheint aber auch stets etwas Tröstliches durch die Zeilen, ausgelöst durch die instinktive Gewissheit, dass Lennard bei aller Orientierungslosigkeit auf irgendeine Art und Weise das Richtige tut.

„Über den Winter“ ist ein Buch mit einer zutiefst melancholischen Grundstimmung, und ein Buch, das mich sehr bewegt und beeindruckt hat. Wahrscheinlich, weil ich so viel aus meinem eigenen Leben wiedererkannt habe. Das Sich-Zurückziehen aus der Familie, eine Rastlosigkeit, die mir lange Jahre ein ständiger Begleiter war, die Konfrontation mit dem Alter und der damit einhergehenden Hilflosigkeit der Eltern – und die damit verbundene, brutale Erkenntnis, dass dieses Leben, das mit Anfang zwanzig weit ausgebreitet vor einem dalag, irgendwann zu Ende geht. Und dass es Träume gibt, die auf der Strecke bleiben werden. Dieses Gefühl, im Elternhaus inmitten fremder, aber vertrauter Gerüche mit schlafwandlerischer Sicherheit in absoluter Dunkelheit jeden Lichtschalter auf Anhieb zu finden – obwohl dies seit zweieinhalb Jahrzehnten nicht mehr das eigene Zuhause ist. Rolf Lappert hat dafür die perfekten Worte: „Er fühlte sich wie zwölf, wie frisch eingezogen in das riesige bedrohliche Haus, in das fremde Zimmer, das ihm zugeteilt und doch noch nicht sein eigenes war. Gleichzeitig kam er sich unendlich alt vor in dieser Kammer der nur scheinbar stillstehenden Zeit, wie ein aus der Zukunft zurückgefallener Besucher. Er öffnete die Augen und wandte sich von der Aussicht ab, die anders geworden war, verwahrloster, trauriger, ohne die Weite, die er als Kind gesehen hatte. Er löschte das Licht und verließ das Zimmer.“

So viel Gefühle und Erinnerungen löste das Buch in mir aus, dass ich immer wieder innehalten musste. Mit Lennard Salm lief ich schlaflos durch verschneite, nächtliche, menschenleere Straßen, fror in der kalten Nachtluft, wusste weder vor noch zurück, bewegte mich im Kreis. Dabei permanent die Frage im Kopf, wohin die Reise wohl gehen mag. Das alles kannte ich. Das alles war wieder da. So viel ist mir beim Lesen des Buches durch den Kopf gegangen, dass es mir schwerfällt, dies in die richtigen Worte zu fassen. Vielleicht würde es dann auch zu persönlich werden.

Und wohin geht sie nun, die Reise? Das wissen weder Lennard Salm noch ich selbst.

Ein leises Buch mit einer solchen Wirkung ist für mich große Literatur und damit der absolute Favorit für den Deutschen Buchpreis 2015.

Buchinformation
Rolf Lappert, Über den Winter
Hanser Verlag
ISBN 978-3-446-24905-9

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Buchpreisblogger lang
Dieses Buch wurde für den Deutschen Buchpreis 2015 nominiert.
Die Buchpreisblogger haben das Auswahlverfahren begleitet.

8 Kommentare

  1. Pingback: Sehnsucht nach Auflösung: “Über den Winter” von Rolf Lappert | Frank O. Rudkoffsky

  2. Pingback: Besuch der Frankfurter Buchmesse 2015 – Elementares Lesen

  3. Durch Zufall habe ich im Frühjahr Rolf Lappert entdeckt, auf dem Flohmarkt hat mir jemand „Pampa Blues“ empfohlen. Eine wunderbare Sommergeschichte, leicht erzählt und für mich ein besserer Jugendroman als „Tschick“. Jetzt macht mich natürlich eine schwerere Geschichte von diesem Autor neugierig. Eine wunderbare Besprechung!

  4. Lieber Uwe,
    nun kommst Du, nach Tobias, auch noch mit so vielen lobenden Worten daher! Und ich hänge immer noch am Einzug in das alte Zimmer in der Wohnung des Vaters, eine Situation, die ich mir beim besten Willen nicht gut vorstellen kann. – Wegen Eures Lobes wird mir Lapperts Roman beim nächsten Buchhandelsbesuch bestimmt in den Rucksack springen.
    Viele Grüße, Claudia

  5. Pingback: Kalt ist die Wirklichkeit, warm sind die Worte. | Klappentexterin

  6. Eine wunderbar melancholische Besprechung.
    Fühle mich total hingezogen zu dem Buch, dass ich vor einigen Wochen wegen so vieler anderer Lese-Projekte weg gelegt hatte. Ich denke, ich komme dank deiner behutsamen und doch ganz eindringlichen Beschreibung des Inhalts ganz leicht wieder rein in die Story! Vielen Dank.

  7. Ich bin gespannt auf das Buch, gerade jetzt nach deiner wunderbaren Besprechung und den Blog-Beiträgen der Vergangenheit. Mir haben bereits Lapperts „Nach Hause schwimmen“ und „Auf den Inseln des letzten Lichts“ sehr gefallen. Und ich mag allgemein Bücher mit einer etwas melancholischen Grundstimmung.

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