Familien.Geschichte

Per Leo: Flut und Boden

Viele Leser kennen das: Man ist hin- und hergerissen von einem Roman; während der Lektüre kann man gar nicht genau beschreiben, was einem an dem Werk gefällt, ist aber gleichzeitig davon fasziniert. Doch ist es nicht gerade das, was ein gutes Buch ausmacht? Dass es einen nicht loslässt, auch wenn man beim Lesen merkt, dass es völlig anders ist als erwartet? Dass man es auch danach nicht wieder vergisst und auch viele Monate später noch darüber nachdenkt; eine Stimmung verinnerlicht hat, die nachschwingt. So ging es mir mit „Flut und Boden“ von Per Leo. Ich habe es vor über einem Jahr gelesen und merke, dass es zu den Büchern gehört, die mir nachhaltig im Kopf geblieben sind. Ein guter Grund also, es endlich hier vorzustellen.

Es waren falsche Voraussetzungen, unter denen ich mit „Flut und Boden“ begonnen hatte: In einem überfüllten Großraumwagen der Deutschen Bahn und in Erwartung entspannter Lektüre. Der Klappentext hatte eine Art Familiengeschichte mit Verwerfungen angekündigt, die mit Ereignissen während des „Dritten Reiches“ zu tun haben. Romane, deren Handlung von Geschehnissen beinflusst wird, die in in der Vergangenheit liegen und deren Folgen bis in die Gegenwart reichen, lese ich gerne. Und im Prinzip erfüllt „Flut und Boden“ auch diese Erwartungen. Aber in einer Tiefgründigkeit, die weit über die Form eines Romans hinausreicht – und genau das macht die Lektüre anspruchsvoll und zu etwas Besonderem. Das wurde mir schnell klar, als ich in jenem überfüllten Zug saß und mich kein bisschen auf das Buch konzentrieren konnte.

Um was geht es?

Per Leo beschreibt in Romanform die Geschichte seiner Familie, einer alteingesessenen Reederdynastie, deren Vegesacker Werft 1893 in der Bremer Vulkan AG aufging, lange Zeit eine der größten und wichtigsten Schiffswerften auf deutschem Boden. In Sichtweite der Kräne und Schiffsbauanlagen, in Hörweite der Niethämmer stand die alte Fabrikantenvilla, dort, wo die Lesum in die Weser fließt, einst stolzer Familiensitz. Heute ist die Familie längst in alle Winde zerstreut, aber das Haus ist immer noch da.

Um die Wende zum 20. Jahrhundert bot die eine Seite des imposanten Hauses eine Aussicht auf pulsierendes Industrieleben, während von der Dachterrasse der Blick in die andere Richtung weit über das Land, über Dörfer und Natur schweifen konnte. Dazwischen floß die breite Weser träge dem Meer entgegen. Wie ein Symbol ist diese Villa, eine Schnittstelle zwischen dem Fortschritt, dem Aufbruch in die Moderne und der Verwurzelung im Bodenständigen. Ein Spannungsfeld, das die gesamte geschichtliche Entwicklung der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Deutschland prägt – und damit auch das Leben der Menschen und ihrer Nachfahren.

Deshalb spielt dieses Haus eine wichtige Rolle in dem autobiographischen Roman, denn der Ich-Erzähler als alter Ego des Autors ist Historiker, der während einer Sinn- und Lebenskrise beginnt, sich mit seiner Familiengeschichte zu beschäftigen. Dafür seine Großmutter besucht, die als letzte alleine in der riesigen Villa lebt, „ihr Leben mit sich herumschleppte wie einen Staubmantel.“ Und dabei Erstaunliches, aber auch Erschreckendes zutage fördert.

Im Zentrum seiner Nachforschungen anhand alter Briefe, vergilbter Dokumente und brüchiger Schwarzweiß-Photographien stehen dabei die Brüder Friedrich und Martin Leo. Genauer gesagt, sein Großvater Friedrich und dessen Bruder Martin. Und wenn die Redensart von den ungleichen Brüdern einmal zutreffend gewesen ist, dann in diesem Fall. An seinen Großvater Friedrich erinnert sich Per Leo: „Wie viele Männer seines Alters existierte er im Ruhestand wie ein Findling nach der Eiszeit. Er war einfach da. Nichts gab es, und sei es noch so klein, was ihn angezogen, worauf er sich zubewegt hätte. Sein gesamtes geistiges Kapital war von einem schwarzen Loch geschluckt worden, in das er vor vielen Jahren investiert hatte.“ Seinen Großonkel Martin wiederum kannte er nicht wirklich, ihn hatte es nach dem Krieg nach Dresden verschlagen, von Bremen aus viele Jahrzehnte fast unerreichbar weit weg.

Die Leben dieser beiden Männer erforscht der Autor für uns, er nimmt uns nicht nur mit in die Vergangenheit, sondert führt uns auf eine weit gefasste Reise durch die deutsche Kultur- und Geistesgeschichte. Dabei wirken die Brüder schon beinahe symbolisch für das Janusköpfige des so schwer beschreib- und greifbaren deutschen Wesens. Tief hinab taucht per Leo in die Wasser dieser deutschen Seele, und was er dabei findet, ist beunruhigend, geradezu monströs.

Bei dem einen der beiden Brüder erleben wir, wie Verträumtheit zur Sehnsucht nach Wissen wird, ein Weg, der zur Universität, zur Wissenschaft und zu freiheitlichem Denken führt. Bei dem anderen Bruder wird Naturverbundenheit, Rastlosigkeit und Freiheitsdrang zum Dogma, wird zum Fanatismus. Und zu einem Weg, der letztendlich im Rasseamt der SS endet.

Dieses falsche Abbiegen am moralischen Scheideweg scheint beinahe unvermeidlich in seiner dargestellten Kausalität. „Es ist genau diese Mischung aus Ressentiment und Feinsinn, die man im Blick haben muss, wenn man das Verhältnis der deutschen Bildungsschicht zum Dritten Reich begreifen will.“ Die im Buch beschriebene Entwicklung wirkt wie eine Verführung zum Bösen, auf die sich das deutsche Bildungsbürgertum über die Jahrzehnte hindurch zubewegt hat – wenn es nicht eben auch den anderen Bruder mit einem vollkommen unterschiedlichen Lebenslauf gäbe. Gemeinsam haben die beiden, dass ihre Leben durch die furchtbaren zwölf Jahre des „Dritten Reiches“ völlig anders verlaufen sind, als sie es sich hätten vorstellen können.

Ganz langsam spult sich die Geschichte vor dem Leser ab, nach und nach wird klar, wie einzelne Akteure miteinander in Verbindung stehen, wer wann wen geheiratet hat, welche Familienzweige und -namen entstanden oder verschwunden sind. Per Leo lässt sich dabei Zeit, es gibt seitenlange Abschweifungen, Exkurse zu historischen und kulturgeschichtlichen Details. Alles verschmilzt miteinander, die Gedanken wirbeln durcheinander, eine Chronologie lässt sich erst mit der Zeit erkennen, aber da hat einen die mitreißende Sprache längst in den Bann gezogen – wenn man sich als Leser auf diese Langatmigkeit einlässt.

Und was ist das Buch jetzt? Roman? Autobiographische Familienchronik? Geschichtsschreibung? Mahnung? Vielleicht von allem etwas. Auf jeden Fall ein beeindruckender Text, der mich noch lange beschäftigen wird.

Buchinformation
Per Leo, Flut und Boden 
Verlag Klett-Cotta
ISBN 978-3-608-98017-2 

#SupportYourLocalBookstore

1 Kommentar

  1. Hallo Uwe,

    ein sehr schöner Text, der auch aufzeigt, dass man auch lange Zeit nach der Lektüre ein Buch enthusiastisch besprechen kann. Steht schon lange auf meiner Liste der vorgemerkten Bücher. Nach der Lektüre von deinen Eindrücken rückt ein Erwerb von diesem Buch immer näher.

    Liebe Grüße
    Marc

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


%d Bloggern gefällt das: