Die lange Nacht der Buchregale

Fischer TOR

Die Buchbranche ist eine überschaubare Welt und es ist an sich nichts Ungewöhnliches, Personen, Gesichtern oder Namen bei unterschiedlichen Gelegenheiten ein zweites oder drittes Mal zu begegnen. Als ich aber kürzlich Post im Briefkasten hatte, schloss sich der Kreis zu einem Abend, der schon lange zurückliegt, den ich aber noch gut in Erinnerung habe. Es würde mir aber auch schwerfallen, solch einen Abend, solch eine Büchernacht zu vergessen. Doch der Reihe nach.

Den Sommer 1998 verbrachte ich in Berlin und arbeitete als Praktikant bei Lettre International, einem – wie ich finde – mehr als faszinierenden Kultur- und Zeitschriftenprojekt, das hier bereits an anderer Stelle vorgestellt wurde.

Gewohnt habe ich in dieser Zeit in einem WG-Zimmer zur Zwischenmiete, irgendwo im Kreuzberger Bergmannkiez. Eine riesige Altbauwohnung, knarrende Böden, Graffiti im Treppenhaus, das übliche Kreuzberger Ambiente. Einer der Hauptmieter, Hannes, war gerade erst aus Freiburg nach Berlin gezogen. Vermutlich werde ich nie einen Menschen kennenlernen, der ein größeres Faible für Phantastik und Phantastische Literatur in all ihren Ausprägungen hat – weil es so jemanden fast nicht geben kann. Sein Umzug nach Berlin hatte auch einen dementsprechenden Grund: Zusammen mit einer Freundin plante er, eine Spezialbuchhandlung für Fantasy und Science Fiction aufzumachen.

Das heißt, „planen“ ist nicht das richtige Wort, denn als ich in diese WG einzog, stand die Eröffnung unmittelbar bevor. An einem Samstag im August 1998 sollte der Startschuss für die Buchhandlung UFO fallen, es waren Gäste geladen, die Presse informiert, Verlagsmenschen hatten sich angekündigt, Phantastik-Fans aus ganz Berlin waren gespannt. Es gab nur ein Problem: Am Freitagabend davor waren zwar sämtliche Bücher der Erstausstattung geliefert, sie befanden sich allerdings allesamt noch in den Kartons auf dem Boden mitten in der Buchhandlung. Und nicht in den Regalen.

Ein kleines Häuflein Freunde und Bekannter sollte dies ändern, ich hatte natürlich meine Hilfe angeboten. Und so begann eine lange, eine sehr lange Nacht. Wir packten Bücher aus, strichen Lieferscheine ab, schrieben Buchlaufkarten, stellten die Bücher in die entsprechenden Regale, ordneten sie thematisch und alphabetisch. Der späte Sommerabend dämmerte, es wurde dunkel, wir räumten weiter und weiter. Es gab Kaffee, irgendwo stand ein Kasten Bier, Musik lief, Stunde um Stunde verging und ganz langsam begann sich die Buchhandlung zu füllen, der riesige Kartonstapel schmolz dahin. Keine Ahnung, wann ich todmüde nach Hause stolperte, aber es wurde bereits hell. Und alle Bücher standen dort, wo sie sein sollten. Die Eröffnung ein paar Stunden später war ein voller Erfolg.

Als Dankeschön durfte ich mir ein Buch mitnehmen und ich wählte eine antiquarische Ausgabe von Ray Bradburys „Der illustrierte Mann“, eine Sammlung Short Stories aus dem Diogenes Verlag. Ein komplett in Hochglanzsilber gehaltener Schutzumschlag, ein Buch, das auffällt. Und das mich seitdem immer an diese legendäre Nacht erinnert.

Im Laufe der folgenden Jahre habe ich Hannes noch ein paar Mal auf Buchmessen getroffen. Irgendwann erfuhr ich, dass er seine Anteile der Buchhandlung verkauft hat – die jetzt Otherland heißt und sich immer noch an der Ecke Bergmannstraße/Friesenstraße befindet, direkt gegenüber der Marheineke-Markthalle. Er war schon immmer auch als Übersetzer und Lektor im Phantastikbereich tätig, konzentrierte sich jetzt auf diese Bereiche, gründete einen eigenen Verlag. Gesehen haben wir uns nun schon seit einiger Zeit nicht mehr.

Bis ich die eingangs erwähnte Post öffnete. In dem Umschlag befand sich eine Verlagsvorschau und ein Buch mit Leseproben – beides aus dem ersten Programm von TOR. Auch als nur gelegentlicher Phantastik-Leser sagte mir der Name sofort etwas, denn TOR ist der größte und wichtigste Science-Fiction- und Fantasy-Verlag der Welt, der bisher nur im englischsprachigen Raum agierte. Jetzt aber hat ihn der S.Fischer-Verlag als Partner nach Deutschland geholt und selbstbewusst heißt es nun „TOR – Die Weltmarke für Fantasy und Science Fiction. New York. London. Berlin“. Und weiter: „Mit dem Programmbereich Fischer TOR bringen die S. Fischer Verlage ab August 2016 eine weltbekannte Traditionsmarke für Science Fiction und Fantasy nach Deutschland. Bei Tor Books (USA) erscheinen unter der Leitung des Verlegers Tom Doherty seit 1980 Bücher von Bestseller-Autoren wie Orson Scott Card, George R. R. Martin, Phillip K. Dick, Terry Goodkind und Brandon Sanderson.“ Ziemlich hochkarätig und sehr spannend. Doch die eigentliche Überraschung erlebte ich beim Aufschlagen der Vorschau: Über dem Begrüßungstext ein bekanntes Gesicht: Hannes Riffel, Programmbereichsleiter von Fischer TOR.

Die Vorschau und das Buch mit den Leseproben sind in silberner Farbe gehalten. Kein Hochglanzsilber, sondern matt. Aber Silber. Wie jenes Buch. Und so schließt sich für mich ein Kreis, der meine Gedanken zurückspringen lässt in eine längst vergangene Nacht. Eine Nacht voller Bücher, leerer Kartons, konzentriertem Arbeiten. Und irgendwo in der Ecke einem leeren Kasten Bier.

Hannes, falls Du das hier lesen solltest: Ich wünsche Dir und Deinem Team einen fulminaten Start mit dem TOR-Verlagsprogramm und bin schon sehr gespannt, welche Bücher es bald zu entdecken gibt.

4 Kommentare

  1. Ich kenne den Hannes nicht, aber der Verlag hat da offensichtlich eine sehr kluge Wahl getroffen, da Hannes sowohl verlegerische als auch buchhändlerische Erfahrungen in dem Programmbereich hat. Das wird sich bestimmt auszahlen.

  2. Beim Kreuzberger Bergmannkiez musste ich sofort ans „Otherland“ denken, ein Pflichtbesuchsort für jeden meiner Berlinaufenthalte. Tadaaa… auch meine Kreise schließen sich! 🙂

  3. Oh! TOR in Deutschland! Wie schön. Ich mag ihre Autoren, ihre Bücher, ihre Art, mit Literatur und Popkultur umzugehen. Dass dies gerade durch Fischer nach Deutschland gebracht wird, überrascht mich. Aber ich bin sehr gespannt.

    Lächeln, Fabian

  4. Danke für die kleine Zeitreise in die 90er Jahre, Uwe! Hab ich sehr gern gelesen. Und nun weiß ich auch gleich bestens über TOR Bescheid.
    Schöne Grüße vom Südstern, Jacqueline

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