Abhandengekommen

Demian Lienhard, Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat

In Köln gibt es die Redewendung: „Beim ersten Mal haben wir es ausprobiert, beim zweiten Mal ist es schon Tradition und beim dritten Mal Brauchtum.“ Allerdings geht es jetzt nicht um Köln, sondern um Leipzig. Genauer gesagt um die Wohnzimmerlesung anlässlich der Leipziger Buchmesse. Diese Lesung fand dieses Jahr zum zweiten Mal statt, ist nach obiger Definition also schon eine Tradition. Und genau so hat es sich angefühlt, etliche der letztjährigen Besucher waren wieder dabei, aber auch einige neue Gesichter. Zu Gast war dieses Jahr Demian Lienhard mit seinem Roman „Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat“. Ein Buch, dass den Lesern die dramatische Situation im Zürich der Achtzigerjahre nahebringt. Sehr nahe.

Regelmäßige Leser dieses Blogs erinnern sich vielleicht: Zum März 2018 hin entstand aus einer Facebook-Unterhaltung die Idee, anlässlich der Leipziger Buchmesse eine Lesung in der Wohnung meines guten Freundes Hannes zu veranstalten. An jenem Abend las Mareike Fallwickl aus ihrem Buch „Dunkelgrün, fast schwarz“, wir sprachen über Literatur und das Schreiben, es gab Bier und die Stimmung war wunderbar.

Jetzt also die Wiederholung. Und auch dieses Mal war das Wohnzimmer voller literaturinteressierter Menschen, die gekommen waren, um Demian Lienhard zu erleben. Sein Buch „Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat“ war am Tag unmittelbar vor der Buchmesse erschienen, also ganz neu in den Buchhandlungen. Sogar die Leipziger Volkszeitung berichtete vorab über die Lesung, war es doch die einzige unter all den unzähligen Leipzig-liest-Veranstaltungen, die in Privaträumen stattfand. Und wie im letzten Jahr war der Abend von Beginn an geprägt von einer entspannten, fast schon familiären Stimmung in der gemütlichen Dachwohnung.

„Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat“ ist Lienhards Romandebüt. Er stammt aus Baden in der Schweiz und dort in der Nähe ist auch der erste Teil seines Buches angesiedelt, nämlich in Neuenhof, einem städtebaulichen Monstrum im Großraum Zürich.

Zu den meisten Länder existieren Klischees in den Köpfen der Menschen. Bei der Schweiz sind es grüne Bergwiesen, eine wunderschöne Alpenlandschaft mit malerischen Dörfern und diskrete Banken in aufgeräumten Städten. Die Beschreibung Neuenhofs räumt mit diesen Vorstellungen gehörig auf.

„Eine Autobahn, die es in der Mitte zerschneidet, eine Bahnstrecke ohne Haltestelle, ein vergifteter Stausee, an dessen Oberfläche die Forellen ihre blasssen Bäuche sonnen, eine Hauptstraße mit künstlich aufgeschütteten Schallschutzhügeln zu den Seiten und jeder Menge Arbeiterschließfächer aus Stahlbeton. Überhaupt ist hier eigentlich alles aus Beton gemacht. … Ich habe von Leuten in Neuenhof gehört, die verlassen nur mit nüchternen Magen das Haus, weil sie sonst kotzen müssten, wenn sie frühmorgens durch die Straßen gehen und nicht einer dieser vielen Tage ist, an denen der dichte Nebel, der vom Stausee heraufsteigt, die Sicht auf das Schlimmste nimmt.“

Das ist also Neuenhof – auf Nachfrage erklärte der Autor, dass er in keinster Weise übertrieben habe, es sei genau so – und hier wächst Alba auf, die Ich-Erzählerin des Romans, zusammen mit ihrer prügelnden Mutter, der Erinnerung an eine tote Schwester und an einen Stiefvater, der sich erhängt hat. Es ist eine Geschichte voller Perspektivlosigkeit, enttäuschten Hoffnungen, vom Aufrappeln und Abgleiten, tief hinab in eine Welt, aus der es nur für wenige eine Wiederkehr geben wird.

Gleich zu Beginn lernt Alba Jack kennen, der eigenlich René heißt, einen auf Revoluzzer macht und aus einer reichen, linksliberalen Familie stammt. Wunderbar ist die treffende Beschreibung seiner Eltern: „Sie sehen aus, als hätten zwei Goldküstenbewohner eine Philosophen-WG überfallen in Zürich und deren Garderobe geplündert.“ 

Überhaupt ist eine der Stärken des Buches die sarkastisch-ironische Sprache, die manchmal ins Schnoddrige übergeht. Denn mit dieser Sprache lassen sich die Ereignisse besser ertragen, die folgen werden. All die kaputten Menschen, die Tragödien, die Selbstmorde, der alles verschlingende Drogensumpf.

Es ist eine Zeit, in der es brodelt in Zürich. Junge Menschen fordern Platz für eine lebendige Subkultur, wehren sich gegen die Spießigkeit und Behäbigkeit der städtischen Politik. Es gibt Demonstrationen und Straßenschlachten, Häuser werden besetzt, im Zentrum der Gegenbewegung steht das AJZ, das Autonome Jugendzentrum Zürich. Jack öffnet Alba die Türe in diese Welt ein kleines Stück, hindurchgehen wird sie alleine, später, nach einer der zahlreichen Katastrophen in ihrem Leben.

Der jugendliche Protest war geprägt von Drogenkonsum. Man wollte mit der bürgerlichen Welt nichts mehr zu tun haben, Drogen gehörten zur Abgrenzung unbedingt dazu. Allerdings nicht irgendwelche Drogen, sondern Heroin, das tödliche Rauschmittel der Achtziger. Und Zürich wurde in dieser Zeit der Drogenplatz Nummer eins in Europa, wenn nicht sogar weltweit; eine riesige offene Drogenszene etablierte sich unter den Augen der hilflosen Behörden.

Demian Lienhardt hat die Ereignisse dieser Jahre intensiv recherchiert und was wir in seinem Buch zu lesen bekommen – und was er an diesem Abend noch dazu erzählt – ist erschütternd.

Hinter dem Schweizerischen Nationalmuseum liegt am Zusammenfluss von Limmat und Sihl der Park Platzspitz, zentral und abgelegen gleichzeitig. Heute ist dies ein idyllischer Ort, an der Landspitze weist ein Schild darauf hin, dass diese Stelle der Lieblingsplatz von James Joyce während seiner Zeit in Zürich war. In den Achtzigerjahren aber bevölkerten diesen Park tausende Herionabhängige in allen Stadien des körperlichen Verfalls. Es wurde gedealt und gespritzt. Und gestorben. Hilfsorganisationen gaben 15.000 Nadeln aus. Pro Tag. Ebenfalls täglich gab es dort zwanzig bis dreißig notärztliche Wiederbelebungen – kaum vorstellbare Dimensionen; Bilder, die an mittelalterliche Höllendarstellungen erinnern.

Alba gleitet ab. Aus einem ersten Schuß wird schnell eine Abhängigkeit, aus der sie keinen Ausweg findet. Der Rausch wird zum dauerhaften Begleiter, zum Freund, der keiner ist, der Park ihr neues Zuhause. Das Buch bringt einem die Sucht sehr nahe; beeindruckend ist die Stelle, als sich Alba Gedanken über das Aufhören macht und dem Leser der endlose Teufelskreis klar wird:

„Und wenn du das nächste Mal auf Entzug kommst, wirst du wahnsinnig deswegen, du weinst und schwitzt und wimmerst und zitterst, und dann denkst du, dass es dir einfach nicht gelingen wird, obwohl du weißt: Du musst. Und dann, wenn du dir den nächsten Kick gibst, ist wieder alles besser, du wirst ruhig, die Sorgen sind weg, und du bist sicher, dass du es schaffen wirst. Das ist auch Heroin: Wenn du alle Hoffnung verloren hast, gibt es dir die Überzeugung, dass du den Ausstieg schaffen kannst. Nur gibt es dir nicht die Kraft, ihn ohne Heroin zu schaffen.“ 

Demian Lienhard beschreibt eine verlorene Generation. An unserem Leipziger Abend berichtet er von Gesprächen mit den älteren Geschwistern seiner Freunde, von denen einige damals dabei waren. Sie sind die Überlebenden. Als Kind – so erzählte er – durfte er nie in den Büschen am Spielplatzrand spielen, da lagen die Spritzen.

Es ist ein Schweizer Trauma, das bis heute nicht verarbeitet ist. Irgendwann wurde die Drogenszene aus dem Park vertrieben, verteilte sich in der ganzen Stadt, suchte sich neue Orte, und es dauerte viele Jahre, bis das Drogenproblem einigermaßen eingedämmt war. „Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat“ ist das erste Buch, das diese Zeit in Romanform beschreibt.

Und was wird aus Alba? Wird sie es schaffen? Auf Seite 265 steht ein Satz, der sie und all die anderen Menschen in jener drogenverseuchten Zeit beschreibt:

„Ich bin mir irgendwie abhandengekommen.“ 

Dieses Abhandenkommen, die Verlorenheit, aber auch die leise Hoffnung und das Weiterleben, wieder und wieder – das alles beschreibt Demian Lienhardt in seinem Roman mit einer Lässigkeit, in der die Tragik eines kaputten Lebens stets durchscheint. Und hinterlässt etliche Bilder im Kopf, die man so schnell nicht wieder vergessen wird.

Buchinformation
Demian Lienhard, Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat
Frankfurter Verlagsanstalt
ISBN 978-3-627-00260-2

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