Ist es möglich, sich dem Thema Flucht und Migration auf eine künstlerisch anspruchsvolle Weise zu nähern? Darf man das überhaupt, ohne die Tragik zahlloser menschlicher Schicksale zu ästhetisieren? Oder hilft es den von unzähligen Nachrichtenmeldungen abgestumpften Betrachtern ihr Mitgefühl zu bewahren? Ein Buch möchte ich hier vorstellen, das in herausragender Form klar macht, was es bedeutet, seine Heimat verlassen zu müssen – auf der Flucht vor Krieg, Folter und Tod oder auf der Suche nach einem Stückchen Hoffnung auf ein besseres Leben. Es ist der Photoband »Exodus« von Sebastião Salgado, der bereits 2000 erschienen ist und 2016 vom Taschen Verlag neu aufgelegt wurde. Und in Zeiten, in denen Zynismus und Menschenverachtung zunehmend die Politik dominieren, ist dieses Werk aktueller denn je. „Menschen auf der Flucht“ weiterlesen
Abgetaucht im Literaturmeer
Momentan herrscht etwas Ruhe hier auf Kaffeehaussitzer. Der Grund dafür ist auf dem Beitragsphoto zu sehen: Ein ganzer Berg leerer Kartons. Kartons, die mit Büchern gefüllt waren. Bücher, mit denen ich mich beschäftigen darf. Denn in diesem Jahr habe ich die große Ehre und das große Vergnügen, Jurymitglied des Deutschen Buchpreises zu sein. Und damit ist jede, wirklich jede freie Minute mit Lesen ausgefüllt. Im Februar hatte ich schon angekündigt, dass sich daher ab April die Beiträge im Blog etwas rar machen könnten – damals wusste ich noch nicht, was da wirklich auf mich zukommen würde. „Abgetaucht im Literaturmeer“ weiterlesen
Der Zeit nicht mehr gewachsen
Es geschieht manchmal, aber nicht oft: Man beginnt abends mit einem neuen Buch, versinkt vollkommen darin und klappt es komplett durchgelesen mitten in der Nacht wieder zu. Bei »Töchter« von Lucy Fricke war es genau so. Am Tag danach war ich zwar furchtbar müde, aber es hat sich gelohnt. Jede Seite. Jedes Wort.
Ich hatte sowieso vor, den Roman zu lesen. Bald. Dann landete ich beim abendlichen Durchforsten der Literaturblogs wieder einmal bei buchrevier, wo Blogger Tobias Nazemi Lucy Frickes Buch vorstellte – so begeisternd, dass ich »Töchter« direkt aus dem Berg der Buchvorräte hervorgezogen habe. „Der Zeit nicht mehr gewachsen“ weiterlesen
Welten hören auf
Der Tod ist ein Mysterium, das uns das ganze Leben begleitet und das wir nie ergründen werden, so oft wir es auch versuchen. Vor vielen Jahren arbeitete ich als Altenpflegehelfer und begleitete eines Nachts einen alten Menschen auf seinem letzten Weg. Als er ein letztes Mal tief ausatmete, klang es wie ein Seufzer der Erleichterung. Dann war alles still. Damals legte ich mein Ohr auf seinen Brustkorb und hörte kein Herz mehr schlagen. Der alte Mann war gegangen. Und gleichzeitig konnte ich spüren, dass er im selben Raum war wie ich, jedenfalls noch eine kurze Zeit. Es war ein vollkommen friedlicher Moment. Ein Moment, den ich nie vergessen werde.
Schon davor hatte ich viel über den Tod nachgedacht, nur ein paar Jahre zuvor war mein Vater gestorben. Gleichzeitig fühlte sich damals, mit Anfang zwanzig, die eigene Vergänglichkeit wie etwas Unwirkliches an, wie etwas, das noch nicht einmal vage am Horizont zu erkennen war. Obwohl diese Vergänglichkeit die einzige Gewissheit in unserem Leben ist.
Seitdem sind über zweieinhalb Jahrzehnte vergangen. Inzwischen weiß ich, dass jedes Jahr, jeder Tag ein Geschenk ist. Und wenn man mitbekommen hat, wie das Leben von Menschen, die man kannte – sei es gut oder nur flüchtig – zu Ende gegangen ist, bevor sie alt werden konnten, dann wird man sehr demütig. Nächstes Jahr ist mein fünfzigster Geburtstag. Aber nicht alle meiner Freunde und Bekannten von früher sind noch da. „Welten hören auf“ weiterlesen
Norsk Litteraturfestival
Wo anfangen? Eine Literaturreise nach Norwegen liegt hinter mir; sie war so voller Eindrücke und unvergesslicher Momente, dass ich mich kaum entscheiden kann, über was ich als erstes berichten soll. Vielleicht beginne ich am besten mit einem persönlichen Highlight dieser Tage, das wiederum zurückführt in die eigene Lesebiographie, genauer gesagt zurück ins Jahr 1995. Damals ging meine Buchhändlerlehre dem Ende entgegen und ich hatte das Buch »Der Choral am Ende der Reise« von Erik Fosnes Hansen in die Hände bekommen. Die Geschichte, die anhand der fiktiven Lebensläufe der Titanic-Musiker von den blinden Zufällen des Lebens und der Unausweichlichkeit des Schicksals erzählt, hat mich seinerzeit vollkommen begeistert und nie wieder losgelassen. Nun, dreiundzwanzig Jahre später begleitete mich dieses Buch nach Norwegen. Und in einem Restaurant hoch über den Dächern Oslos schrieb Erik Fosnes Hansen mir eine Widmung hinein.
Aber ich gehe besser einen Schritt zurück und erzähle, wie das alles zustande gekommen ist und um was für eine Reise es überhaupt geht. „Norsk Litteraturfestival“ weiterlesen
Ein Mahnmal aus Papier
Für das zentrale Spektakel war in Berlin auf dem Opernplatz ein großer Scheiterhaufen aufgebaut worden. Doch nicht nur dort, sondern in vielen anderen deutschen Orten loderten am Abend des 10. Mai 1933 die Flammen. Verbrannt wurden unzählige Bücher, die fanatisierte Studenten zuvor aus den Bibliotheken gezerrt hatten. Entweder waren ihre Autoren dem sich immer stabiler konstituierenden Nazi-Regime ein Dorn im Auge oder ihr Inhalt entsprach nicht »dem deutschen Geist«. Organisiert wurde die barbarische Aktion nicht von der NSDAP, sondern durch die Deutsche Studentenschaft, dem Dachverband der studentischen Selbstverwaltung. Diese Kampagne ist einer der Tiefpunkte unserer Geistesgeschichte, an Symbolik kaum zu überbieten.
Das Datum dieses widerwärtigen Schauspiels jährt sich 2018 zum fünfundachtzigsten Mal. Ein Grund, hier »Das Buch der verbrannten Bücher« vorzustellen, mit dem Volker Weidermann den verfemten, verfolgten und zu einem nicht unbedeutenden Teil heute vergessenen Autoren ein Denkmal gesetzt hat. Natürlich eines aus Papier. Bereits vor zehn Jahren erschienen, ist es heute immer noch erhältlich und ich hoffe, dass dies noch lange so bleiben möge. „Ein Mahnmal aus Papier“ weiterlesen
Das Bovary-Projekt
»Madame Bovary« von Gustave Flaubert ist einer der berühmtesten Romane der Literaturgeschichte. Bei seinem Erscheinen 1857 löste er einen Skandal aus, der Autor wurde wegen unmoralischen Verhaltens, insbesondere »Verherrlichung des Ehebruchs« angeklagt und musste sich vor Gericht verantworten. Die Verhandlung endete mit einem Freispruch – und förderte natürlich die Popularität des Werkes enorm. Der Roman ist als Frühwerk des Realismus ein Meilenstein auf dem Weg in die literarische Moderne; Flaubert zieht sich als Autor auf die Rolle eines Beobachters, eines Chronisten der Ereignisse zurück und beschreibt das tragische Leben der Emma Bovary. Eine Frau, die an ihrer provinziellen Umgebung verzweifelt und auf der Suche nach Erfüllung alles opfert. Und eben jenes Stilmittel der bloßen Beschreibung – ohne Wertung und ohne moralische Richtschnur – sorgte für die Empörung der Öffentlichkeit, die es nicht gewohnt war, auf solche Weise einen Spiegel vorgehalten zu bekommen. Realistisch und ohne Verklärung.
Auf der Frankfurter Buchmesse 2017 sprach ich mit BuchGeschichten-Booktuberin Ilke Sayan über »Madame Bovary« und wir stellten fest, dass wir beide das Buch noch nie gelesen haben. So beschlossen wir, gleichzeitig mit der Lektüre zu starten und uns anschließend darüber auszutauschen. Die Idee war, im Gespräch über das Buch die weibliche und die männliche Leserperspektive miteinander zu vergleichen, Gemeinsamkeiten und unterschiedliche Sichtweisen auszuloten. Daraus ist nun ein Film auf BuchGeschichten entstanden – mein erster Booktube-Auftritt, ich war ehrlich gesagt, etwas nervös und bewundere alle Menschen, die entspannt und ohne zu stocken vor der Kamera über Bücher sprechen. Und dieser Blogbeitrag, der parallel zum BuchGeschichten-Film veröffentlicht wird. „Das Bovary-Projekt“ weiterlesen
Literaturszene Köln e.V.
Welttag des Buches. Gibt es ein besseres Datum, um einen Verein zu ins Leben zu rufen, der sich als Interessenvertretung des literarischen Lebens einer Stadt versteht? Wohl nicht. Deshalb wurde am 23. April 2018 der Verein Literaturszene Köln e.V. gegründet. Vorbereitet und maßgeblich vorangetrieben haben dieses Projekt Bettina Fischer, Leiterin des Literaturhauses Köln, und Dorian Steinhoff, Autor und freiberuflicher Literaturvermittler. Zusammen mit anderen Beteiligten haben sie die Idee in den letzten zwölf Monaten weiterentwickelt, die formalen Voraussetzungen geschaffen, eine Satzung erstellt, Unterstützer an Bord geholt. Und nun ist es soweit: Der Verein betritt als neuer Akteur des Kölner Kulturlebens die Bühne. Der Kaffeehaussitzer hat die Ehre, eines der Gründungsmitglieder zu sein. „Literaturszene Köln e.V.“ weiterlesen
Nach dem Lesen Hände waschen
Eine junge Frau ist in Ottessa Moshfeghs Roman »Eileen« mit ihrem Leben in einer Sackgasse gelandet, finster, trostlos und ohne Hoffnung, umgeben von Schmutz und Verfall. Bis sich eines Tages die Möglichkeit für einen Neuanfang bietet – allerdings vollkommen anders, als sie es sich hätte vorstellen können.
Der Kaffeehaussitzer gehörte eine Zeitlang zum Blogger-Redaktionsteam des Magazins der Büchergilde Gutenberg. So ist dieser Beitrag über »Eileen« ursprünglich entstanden: Als Text, der neugierig auf das Buch machen, den Lesern des Magazins eine Buchempfehlung geben soll. Doch wie empfiehlt man einen Roman, in dem es um Selbstmitleid, Alkoholismus, Schmutz, Verwahrlosung und eine vollkommen verfahrene Lebenssituation geht? Will man sich das als Leser zumuten? Ich sage: Unbedingt!, denn es ist ein Buch, das ich nicht aus der Hand legen konnte. Eines, bei dem von Beginn an eine unterschwellige Spannung mitschwingt, das einen ganz eigenen Sog entwickelt und bei dem ich von Seite zu Seite neugieriger wurde, wie es wohl ausgehen würde. Nachdem mich bereits »McGlue«, der Debütroman der Autorin, sehr beeindruckt hatte, war ich umso gespannter auf ihr neues Werk – und wurde nicht enttäuscht. „Nach dem Lesen Hände waschen“ weiterlesen
Über das Reisen und das Schreiben
Ein Gespräch mit Blogbusterpreis-Kandidatin Tina Ger
Der Blog Kaffeehaussitzer ist einer der fünfzehn am Blogbuster-Preis beteiligten Literaturblogs. Autorinnen und Autoren haben insgesamt 180 unveröffentlichte Manuskripte eingereicht; jeder Blog musste sich für eines entscheiden, das er für die Longlist des Preises nominiert. Die Jury wird diese Manuskripte eingehend prüfen und daraus eine Shortlist aus drei Titeln erstellen. Einer dieser drei geht dann als Sieger aus dem Blogbuster-Wettbewerb hervor und erhält einen Verlagsvertrag beim Verlag Kein & Aber. Das Buch erscheint dann im Herbst 2018.
Ich habe den Roman »Das Angeln von Piranhas« nominiert und nachdem ich bereits über das Manuskript und den Auswahlprozess berichtet habe, stelle ich nun die Autorin Tina Ger im Interview näher vor. „Über das Reisen und das Schreiben“ weiterlesen










