Schreiben, um zu leben

Lily King: Writers & Lovers

Der Roman »Writers & Lovers« von Lily King beginnt mit einem starken ersten Satz: »Ich verbiete mir strikt, schon am Morgen an Geld zu denken.« Schon hat man als Leser eine Person vor Augen, die vollkommen mit dem Rücken zur Wand steht. Diese Person, diese Ich-Erzählerin ist Casey, die einen ganzen Sack voll heftiger Probleme mit sich trägt; ihr einziger Trost, ihre einzige Hoffnung, ihr einziges Verlangen ist das Schreiben. »Ich schreibe, weil sich ohne das Schreiben alles noch trostloser anfühlt.« Casey ist Autorin, 31 Jahre alt, pleite, Halbwaise mit einem gebrochenen Herzen und gelegentlichen Angstattacken, und sie schreibt seit sechs Jahren an ihrem ersten Roman.

Dieses Arbeiten an ihrem Roman – dessen Inhalt wir nur bruchstückhaft erfahren – steht im Mittelpunkt der Handlung. Casey kann gar nicht anders, sie benötigt das tägliche Schreiben, das Herumfeilen an der Sprache wie Luft zum Atmen. Sie schreibt um zu leben, inklusive ständiger Selbstzweifel und der Furcht davor, das bisher Verfasste jemanden lesen zu lassen. Über Wasser hält sie sich durch ihre Arbeit als Kellnerin in einem gediegenen Bostoner Restaurant  – ein wahrer Knochenjob, Frühschicht, Spätschicht, manchmal beides. Über die Runden kommt sie gerade so; durch die Kredite für ihr Studium verfolgen sie dreiundsiebzigtausend Dollar Schulden, regelmäßig flattern Mahnungen oder Pfändungsdrohungen in den Briefkasten. Die Situation ist erdrückend, aber Casey schreibt. 

»Fast kann ich glauben, dass vielleicht doch alles ins Lot kommt, dass ich diese Zeit überstehen werde, wie ich auch schon andere Zeiten überstanden habe, dass die unendliche bedrohliche Leere vor mir bloßer Einbildung entspringt und das Leben leichter und lustiger ist, als es mir im Moment möglich scheint. Aber diesem Gefühl, dieser Ahnung, dass nicht alles verloren ist, folgt der Drang, meiner Mutter davon zu erzählen, ihr zu sagen, dass es mir heute gar nicht so schlecht geht, dass ich etwas empfunden habe, das fast als Glück durchgehen könnte, dass ich eventuell doch noch glücklich sein kann. Sie wird das wissen wollen. Aber ich kann es ihr nicht sagen.«

Ihre Mutter ist tot. Überraschend gestorben vor nicht allzu langer Zeit und sie hat mit diesem Tod zu kämpfen, der sie völlig aus der Bahn geworfen hat. Das Schreiben hilft ihr, damit zurechtzukommen. 

Die bisher genannten Zitate stammen aus den ersten zehn, zwölf Seiten des Buches. Doch diese vielversprechende Intensität weiß die Autorin leider nicht durchgehend zu halten. Es gibt zahlreiche eindringliche Momente, aber als das Liebesleben Caseys ins Spiel kommt, wird die Handlung blasser. Das mag an den beiden Männern liegen, zwischen denen sie sich nicht entscheiden kann. Ein arrivierter, selbstzufriedener und deutlich älterer Autor der eine. Ein Softie, der erst einmal zu sich selbst finden muss, auch schreibt, aber sein Geld als Highschoollehrer verdient, der andere. Etwas vereint Casey und die beiden: Alle drei haben jemanden verloren, eine Mutter, eine Ehefrau, eine Schwester. Und bei ihnen allen hat der Tod eine große Lücke hinterlassen. 

Trotzdem bleiben die beiden Typen farblos, jeder auf seine Weise. Das mag so gewollt sein, denn eigentlich will Casey nur schreiben und das Leben einer Autorin leben. Und keiner der beiden kämpft um sie, umwirbt sie – kann man auf eine so langweilige Art und Weise verliebt sein? Und ist Casey eine Kämpferin? Was ihren Roman angeht, auf jeden Fall – denn der steht im Mittelpunkt ihres Lebens, nicht ihr Beziehungsstatus. Sie ist zäh, hält irgendwie durch und versucht, ihren Traum zu verwirklichen. Gleichzeitig verzweifelt sie fast daran, und in manchen Szenen ist ihr Selbstmitleid kaum auszuhalten. 

Ich bin hin- und hergerissen von diesem Buch. Es gibt unglaublich starke Momente, dann aber plätschert die Handlung vor sich hin. Grandios erzählt sind die wunderbar sarkastischen Szenen in dem Restaurant, der Stress, das Hauen und Stechen der Angestellten um die besten Tische, durchdrehende Köche, dazu die Beschreibungen der Gäste, die von blasiert über jovial bis zu sympathisch reichen. Aber auch die völlige Erschöpfung nach der Schicht, die Heimwege, bei denen die düsteren Gedanken in Caseys Kopf rotieren. Gleichzeitig ist es aber auch der Ort, an dem sie so etwas wie Freunde findet, die mit ihr mitfiebern, ihr die Daumen drücken, wenn es darauf ankommt und ihr helfen, so gut es geht. 

Auf das gesamte Buch bezogen ist die Mischung aus Sarkasmus und plakativem Selbstmitleid nicht immer gelungen, ein Tiefpunkt ist für mich die Stelle: »Alles was ich will, ist Geschichten schreiben. Nur dafür schleppe ich mein Gepäck aus Schulden und Träumen herum und liege der Gesellschaft zu Last.«

Dann gibt es wieder so großartige Momente, wie derjenige, als Casey an eine alte Freundin denkt, die enormes schauspielerisches Talent hatte – und nun als Anwältin arbeitet: »Ich denke an sie in ihrer Kanzlei in Alexandria, wo sie für einige Stunden am Tag die Juristin spielt. Ich denke an all die anderen Menschen, die eine Rolle spielen und sich dabei immer weiter von sich selbst entfernen, vom dem was sie antreibt, was sie im Innersten ausmacht.«

Wie gesagt, ich bin hin- und hergerissen. Trotz vieler guter Gedanken und treffender Formulierungen blieb mir ein echter Zugang zu »Writers & Lovers«  verwehrt. Es gab kein Mitfiebern, alles war dann doch ein Hauch zu gefällig und zu vorhersehbar. Die Handlung ließ mich auf der Oberfläche treiben; so, als würde man durch einen See schwimmen, in dem immer mal wieder eine Boje für eine Verschnaufpause verankert ist – in diesem Fall waren es regelmäßig auftauchende markante Sätze über Literatur und das Schreiben, die einen weiterschwimmen ließen. Aber nach 319 Seiten war ich froh das andere Ufer erreicht zu haben und Casey mit ihren Problemen hinter mir zu lassen.

Auch mit dem Trost, dass es am Ende des Romans für sie deutlich besser aussieht als zu Beginn. Denn sie geht ihren Weg, irgendwie.

Weitere Besprechungen gibt es u. a. in den Blogs pinkfisch, The Read Pack und Buch-Haltung.

Buchinformation
Lily King, Writers & Lovers
Aus dem Englischen von Sabine Roth
Verlag C.H. Beck
ISBN 978-3-406-75698-6

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