Mit T.C. zurück ins Leseleben

T.C. BoyleHeute kommt es mir kaum vorstellbar vor, aber es gab einmal eine Zeit, in der ich jahrelang fast kein einziges Buch gelesen habe. In der ich beinahe die Freude am Lesen verloren hätte. Es ist schon ein Weilchen her, aber ich habe nie vergessen, welchem Autor ich es verdanke, aus dieser buchlosen Zeit wieder herausgefunden zu haben. Es war T.C. Boyle mit seinen fulminanten Werken „Wassermusik“ und „Grün ist die Hoffnung“. 2014 und 2015 sind beide Bücher neu aufgelegt worden, in neuer Übersetzung und in wunderschöner Ausstattung. Ein guter Grund, sich wieder an längst vergangene Jahre zu erinnern.

Bis zum meinem sechzehnten Lebensjahr war ich ein begeisterter Leser, einer dieser Jungs, die mehrmals die Woche in der Stadtbibliothek auftauchten und ganze Regalmeter an Büchern durchgelesen haben. Dann war damit plötzlich Schluss, beinahe von einem Tag auf den anderen. Es wurde wichtiger, die Zeit mit Freunden zu verbringen, gemeinsam abzuhängen, sich in der Stadt zu treffen, durch die Gegend zu ziehen, unterwegs zu sein. Muße und Zeit für Bücher gab es da nicht mehr – und das war auch so in Ordnung, denn es ging auch darum seinen Platz im Leben zu finden.

Mit zwanzig war die Schulzeit zu Ende – die nicht immer ganz geradlinig verlief – und der Zivildienst rief. Damit verbunden war der Umzug nach Freiburg, für jemanden aus einer Kleinstadt eine deutliche Veränderung. Der Zivildienst war damals auf zwanzig Monate angesetzt, was in der heutigen wehrpflichtlosen Zeit unvorstellbar wirkt. Die ersten Monate vergingen wie im Flug, unendlich viele neue Eindrücke, neue Menschen, neue Bekannte, neue Freunde und eine lebendige Stadt voller Möglichkeiten. Dass ich jemals ganze Nachmittage lesend in meinem Zimmer verbracht hatte, war fast völlig vergessen.

Doch irgendwann begann sich eine Unzufriedenheit einzuschleichen. Die Zivi-Zeit kam einem endlos lange vor und wurde auf einmal als das empfunden, was es auch war: Ein Zwang, einem abstrakten Gebilde namens Staat geschuldet. Die Gedanken, wie es danach weitergehen sollte, wurden stärker, doch ich wusste keine Antwort darauf. Das ständige Unterwegssein, verbunden mit permanenter Müdigkeit begann sich schal anzufühlen. Kurz: Irgendetwas fehlte. Etwas für mich. Etwas, um sich zurückziehen zu können. Ein Lebensinhalt. Und als ich das nächste Mal wieder an einer Buchhandlung vorbeikam, lief ich nicht wie sonst daran vorbei, sondern ging hinein.

Es war wie Heimkommen.

Diesen ersten Besuch in einer Buchhandlung nach Jahren habe ich nie vergessen. Der vertraute Geruch nach Papier und Druckerschwärze. Die schon fast feierliche Ruhe. Die unendlichen Möglichkeiten, die auf einen warteten, um in unbekannte Welten einzutauchen. Vor Freude war ich den Tränen nahe, dieses beinahe verlorene Gefühl wieder neu zu entdecken. Nach langem Stöbern und Suchen entschied ich mich für „Wassermusik“ von einem T.C. Boyle, ein Name, den ich noch nie vorher gehört hatte. Wir befinden uns gerade im Jahr 1990 und er hatte damals zwar schon eine treue Fangemeinde, war aber längst nicht so bekannt wie heute.

Mungo Parks aberwitzige Forschungsreise den Verlauf des Niger entlang und T.C. Boyles trockener Humor hatten mich schnell begeistert und vollkommen in ihren Bann gezogen. Es war genau das richtige Buch zum richtigen Zeitpunkt! In kürzester Zeit war es zu Ende gelesen und ich wollte mehr. Viel mehr.

Das zweite Buch, das ich mir nach der langen Leseabstinenz zu Gemüte führte, war „Grün ist die Hoffnung“, ebenfalls von T.C. Boyle. Auch diese Geschichte – völlig anders als „Wassermusik“ – hat mich begeistert. Der Leser leidet mit, wenn Felix Nasmyth versucht, seinem Leben eine erfolgreiche Wendung zu geben, indem er mit seinen Kumpels einen Sommer lang in großem Maßstab Cannabis anbauen möchte, um dann eine Weile von den Einnahmen leben zu können. Ein absurder Plan, bei dem eigentlich alles schief läuft, was schiefgehen kann. Und ein wunderbares Lesevergnügen.

Dann war der Bann endgültig gebrochen, das Lesen war zurück in meinem Leben. So manche Mark des mageren Zivi-Salärs ließ ich in Buchhandlungen zurück, jedes Mal im Tausch für neue Welten, die den Horizont Stück für Stück erweiterten. Bis heute. Und ein Ende ist nicht abzusehen. Manche der damaligen Leseerlebnisse haben das Leben nachdrücklich geprägt, wie etwa der Kafka-Text „Die Fürsprecher“, der die Angst vor der Ungewissheit der Zukunft nahm. Oder die Bücher von Philippe Djian, die für eine ganze Lebensdekade treue Begleiter waren.

Aber angefangen hat alles mit den beiden großartigen Büchern von T.C Boyle. Sie haben mich vor 26 Jahren wieder zurückgeführt in die Welt des Lesens, der Phantasie und der Literatur.

Und deshalb bleibt mir heute nur eines zu sagen:
Thank you, Mr. Boyle.

Bücherinformationen
T.C. Boyle, Wassermusik
Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsten
Hanser Verlag
ISBN 987-3-446-24324-8

T.C. Boyle, Grün die Hoffnung
Aus dem Amerikanischen von Dirk von Gunsten
Hanser Verlag
ISBN 978-3-446-24594-5

10 Kommentare

  1. Ich hatte auch eine Lesepause, allerdings noch länger – von ca. 13 bis 21. Mich hatte die unerträgliche Leichtigkeit des Seins von Kundera zurückgebracht in den Kreis der Lesenden. Danach gings wieder aufwärts!

  2. So schön geschrieben! Genauso fühlt es sich an, das Heimkommen! <3

    Dein Text macht mich neugierig. Ich habe schon viel von T.C. Boyle gehört und habe sein "Tortilla Curtain" erst letztens bestellt und freue mich schon es zu lesen!

  3. du magst bücher, wo buchstäblich ALLES den bach runtergeht und die protagonisten trotzdem nicht den mut verlieren? dann liegst du bei grün ist die hoffnung goldrichtig. wassermusik hat mich gelangweilt, aber grün ist die hoffnung ist das ultimativ unschlagbare marihuana-anpflanz-desaster.

    • Und schön ist auch T.C. Boyles Widmung zu Beginn des Buches: „Meinen gärtnernden Freunden.“

  4. Ich hatte gerade „The electric kool aid acid test” von Tom Wolfe gelesen, als „Drop City“ rauskam. Mein Einstieg in die Welt von T.C. Boyle. EIn paar Jahre später war ich auf einer seiner Lesungen, großartiger Mensch, leidenschaftlicher Erzähler. Ich habe zwar fast alle Bücher von ihm hier stehen, aber noch lange nicht alle davon gelesen. Danke für die Erinnerung!

    Lächeln, Fabian

  5. Kann gut nachvollziehen, was du meinst. Ich hatte auch jahrelang eine Lese-Blockade, dafür hab ich danach so ziemlich alles verschlugen, was man irgendwie lesen konnte. Im Ferienhaus (wo ich immer Widerwillens mitmahren musste) gab es immer ein paar Bücher und irgendeines davon hat mir das Lesen wieder schmackhaft gemacht. Kann mich leider nicht mehr erinnern welches Buch es war. T.C Boyle lese ich auch immer wieder gerne, obwohl ich da nicht alles mag. Grün ist die Hoffnung war als Teenager eines meiner Lieblingsbücher und momentan hab ich Drop City auf dem SUB liegen, darauf freu ich mich schon sehr.

  6. Immer wieder erstaunlich was für eine Wirkung Bücher haben können. Ich selber habe T.C. Boyle erst letztes Jahr für mich entdeckt, aber „América“ und „Hart auf Hart“ haben mich begeistert und die Neuausgabe von „Grün ist die Hoffnung“ steht auch schon hier. Dass die abgebildete Ausgabe von „Wassermusik“ eine Neuausgabe ist wusste ich bisher noch gar nicht. Merke ich mir direkt mal vor, die fleißigen Bemühungen des Hanser-Verlages um Neuübersetzungen alter und neuer Klassiker müssen schließlich unterstützt werden.

  7. Oh ja, das waren bei mir auch Meilensteine. Genau diese beiden. Vielleicht zwei Jahre später. Oder drei. Und die Lesepause, das kenne ich so genauso, ein paar Jahre ohne jedes Buch, und dann war es irgendwann nicht mehr vorstellbar, ohne eines zu sein.

  8. Der Beitrag spricht mir aus der Seele. Diese beiden Bücher und der Autor TC Boyle haben mich ebenfalls nachhaltig beeinflusst. Konnte ihn dann mal bei einer Lesung in Frankfurt sehen und hören und auch das war ein ganz besonderes Erlebnis. Er war amüsant, geistreich, kritisch; eine sehr beeindruckende Persönlichkeit.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


%d Bloggern gefällt das: