Bügeln mit Pearl Jam

Buegeln mit Pearl Jam

Kaum eine Tätigkeit im Haushalt kann ich so wenig leiden wie das Bügeln. Man könnte auch sagen, dass ich es hasse. Wenn man aber in einem Alter ist, in dem zerknitterte Hemden nicht mehr unangepasst, sondern eher ungepflegt aussehen, bleibt einem von Zeit zu Zeit leider nichts anderes übrig, als sich an diese ungeliebte Arbeit zu machen.

Das Gute dabei: Zwar haben in der Wohnung längst Spotify & Co. Einzug gehalten, neben dem Bügelbrett steht aber das unverwüstliche CD-Regal mit seinen Schätzen aus der Vergangenheit. Und so ist das Bügeln meist begleitet von unglaublich lauter Musik (so wie früher) mit entspanntem Headbangen (fast so wie früher). Frank Goosen hat in seinem wunderbaren Buch „So viel Zeit“ passende Worte dazu geschrieben: „Musik brachte einen in Kontakt zu jemanden, den man früher gekannt hatte, dem Jemand, der man gewesen ist, bevor man der wurde, der man jetzt war.“ 

Und genau so ist es. Jeder von uns kennt sie wahrscheinlich, die Erinnerungen, die man mit bestimmter Musik verbindet und die sofort wieder präsent vor einem stehen. Als wären nicht Jahre oder Jahrzehnte vergangen, sondern nur ein paar Wochen.

Als ich kürzlich wieder einmal das Bügeleisen einsteckte und den Lautstärkeregler nach rechts drehte, war dieses Erinnern, dieses Gefühl der Verbundenheit mit der eigenen Geschichte allerdings so intensiv wie nur ganz selten zuvor. Das lag – natürlich – an der Musik. Ich hatte das Album „Ten“ von Pearl Jam eingelegt, eine meiner absoluten Lieblingsplatten, trotzdem lange Zeit nicht mehr gehört. „Ten“ muss etwa im Herbst 1992 veröffentlicht worden sein; ich hatte die Lieder damals im Kopf, als ich Anfang 1993 zu einer mehrmonatigen Reise durch Neuseeland und Australien aufbrach; ein Trip, an den ich noch heute fast täglich denke. Überhaupt war 93 eines der prägendsten Jahre meines Lebens – und Pearl Jam lieferte den Soundtrack dazu. Vor allem den Song „Alive“ verbinde ich mit dieser Zeit.

„I’m still alive“ singt Eddie Vedder und dieser kurze, trotzige Satz ist meine ganz persönliche Hymne an das Leben geworden.

„I’m still alive.“ Ich habe diese Liedzeile gehört, als ich mitten im australischen Nirgendwo in irgendeinem Kaff vor dem Pub saß, in Gesellschaft und trotzdem alleine, glücklich darüber unterwegs zu sein und doch nicht frei von Heimweh. Betäubt von etlichen Bieren und doch nüchtern genug, um nur durch den einen Song meine Freunde daheim schmerzlich zu vermissen.

„I’m still alive.“ Der Song lief, als ich etliche Wochen später abends auf der Fensterbank meines unkomfortablen, überteuerten Mini-Zimmers in Freiburg saß, eine Zigarette rauchend in den Sonnenuntergang schaute und wieder weg wollte; vor Sehnsucht nach dem Unterwegssein fast verging. Nach monatelangem Herumreisen wieder im Trott des Alltags Fuß zu fassen fiel schwer.

„I’m still alive.“ Die Zeile half mir ein halbes Jahr später dabei, über den schlimmsten Liebeskummer meines Lebens hinwegzukommen; Wochen und Monate voller Traurigkeit und Melancholie. Und nein, es ist nicht alles gut geworden. Jedenfalls damals nicht.

„I’m still alive.“ Diese drei, eigentlich vier Worte haben mich in dieser Zeit der Veränderungen die ganze Zeit begleitet. Auch meine Buchhändlerlehre startete 1993, die den Weg in eine Welt der Buchmenschen bahnte, der ich mich bis heute mit Haut und Haaren zugehörig fühle.

Das alles ging mir durch den Kopf, als ich vor dem Bügelbrett stand, das heiß gewordene Bügeleisen klickte vor sich hin, doch ich war unfähig, mich zu bewegen. So intensiv kreisten meine Gedanken um jene lange zurückliegende Epoche des eigenen Lebens.

„I’m still alive.“

Und dabei wurde mir eines klar: Heute, vierundzwanzig Jahre später, hat der Text noch eine ganz andere, viel brutalere Bedeutung. Denn dieses „I’m still alive“ ist inzwischen nicht mehr nur abstrakt gemeint. Seit diesem Jahr 1993, das auf immer und ewig mit dem Song verbunden sein wird, sind einige Menschen, die mir nahestanden, gestorben. Sind für immer gegangen. Familie, Freunde, Bekannte. Krankheit, Unfall, Alter.

Dies alles vermischt sich in meinen Gedanken, während das blöde Bügeleisen immer noch auf seinen Einsatz wartet. Die maßlose Unbeschwertheit der jungen Jahre, als der Horizont noch so unglaublich weit weg schien, alle Wege in die Endlosigkeit führten. Dann die ersten Konfrontationen mit der Endlichkeit des Lebens, erste Risse in der In-den-Tag-hinein-leben-Attitüde, mit der wir uns damals alle schmückten. Das Älterwerden. Aber auch das Reiferwerden. Das Sammeln von Erfahrungen, schöne, traurige, prägende. Und das Erkennen, wie wichtig es ist, sich bei all dem treu zu bleiben. Weiterzumachen. Neues zu entdecken. Offen zu bleiben. Nicht stillzustehen.

Irgendwann werden wir die Vorausgegangenen vielleicht wiedersehen, aber ich hoffe, dass dieser Moment noch lange auf sich warten lässt. Ich denke an sie, denke an all die vergangenen Jahre und widme diesen vielen Erinnerungen die Refrainzeile des besten Songs, der jemals geschrieben wurde:

„I’m still alive.“

Das Bügeleisen habe ich dann wieder ausgesteckt, mir ein Bier aus dem Kühlschrank geholt und über all das nachgedacht. Dann versucht, es aufzuschreiben. Denn mir wurde bewusst, dass diese kurze Liedzeile mir mehr bedeutet als so mancher tausendseitige Roman. Weshalb sie unbedingt Teil der Sammlung Textbausteine werden musste. Und in Zeiten, in denen nuschelnde Folksänger einen Literaturnobelpreis erhalten, ist das eigentlich ja ganz passend.

19 Kommentare

  1. Wow, ist mir wirklich unter die Haut gegangen, der Text, das Lied, die Erinnerung. Alles zusammen eine Feier der Melancholie. Und: vielen Dank für den Bügeltip. Die Sommerkleider liegen seit ein paar Tagen auf dem Bügelbrett, jetzt geht’s los: „I’m still alive!“

  2. Ein so schöner Text, umso mehr, da ich Pearl Jam, Ten und Alive auch so sehr liebe. Danke fürs Teilhabenlassen und für den Vorsatz, das Album mal wieder hervorzuholen und es anzuhören.

    • Dann hat sich der Beitrag ja schon gelohnt. Zumal „Ten“ ein Album ist, das nie, nie, nie langweilig wird.

  3. Lieber Uwe,

    ich habe deinen Text sehr gern gelesen und habe großen Respekt davor, dass du solche privaten Gedanken mit uns teilst. Musik kann unheimlich viel auslösen, Erinnerungen und Gefühle hervorbringen, die man vergessen oder überwunden glaubt. Ich bin ’95 geboren und habe die Band bisher nicht gekannt und das Lied heute zum ersten Mal gehört. Ich kann verstehen, dass dich das Lied so sehr geprägt hat. Ein Lied, mit dem ich viel verbinde, ist „Sway“ von The Kooks.

    Liebe Grüße,
    Cora

    • Liebe Cora,

      vielen Dank für Deinen Kommentar. Wenn man hier auf dem Blog ein wenig herumliest, dann erfährt man – glaube ich – so einiges von mir. Wobei ich stets darauf zu achten versuche, die schwierige Gratwanderung des Persönlichen hinzubekommen, ohne dass es zu sehr ins Private kippt. Nicht immer ganz leicht…
      Übrigens kannte ich wiederum „Sway“ von The Kooks nicht, eine Wissenslücke, die ich dann aber gleich geschlossen habe.

      Liebe Grüße

      Uwe

  4. Sehr schöner Text! Irgendwo in einer Kiste auf dem Dachboden liegt die alte „Ten“-CD. Vielleicht sollte ich die wieder einmal hervorkramen.

    Ich bügle mittlerweile übrigens sehr gerne. Vor allem Hemden — das folgt einer klaren, sich immer wiederholenden Struktur und hat deshalb etwas fast schon Meditatives.

  5. „Ten“ ist auch eines meiner „Lebens-Alben“, auch wenn ich ein „Black“- Kind bin. Es gibt so diese Zeilen, die einem beim Hören den Atem abschnüren und den Magen umstülpen, aber missen möchte ich sie nie. Ich bin doch jedes Mal wieder erstaunt, wie ein paar Zeilen einen verwandeln können, und manchmal ist es schwer, mit dem Menschen, der man jetzt ist, weiterzumachen.
    Danke für die Gedankenanstöße,
    Gruß, Miriam

    • Ja, das beschreibt dieses Zitat von Frank Goosen eben so perfekt: „Musik brachte einen in Kontakt zu jemanden, den man früher gekannt hatte, dem Jemand, der man gewesen ist, bevor man der wurde, der man jetzt war.“
      Daraus ergibt sich dann die Frage, wo derjenige jetzt ist, der man einst gewesen war. Und diese Antwort kann manchmal weh tun.

      Viele Grüße

      Uwe

  6. Ungemein hilfreich sind Bügeleisen, die sich nach Minuten des Stillstands (in diesem Fall des Gedankentieftauchgangs) von allein abschalten. Sie kosten ein wenig mehr, haben bei mir aber schon mindestens einen Wohnungsbrand verhindert.

    Wann, wenn nicht beim Bügeln, hat man in unserer heutigen Welt überhaupt noch Zeit, sich Gedanken zu machen?

    • Muss gestehen, dass ich einmal ein Bügeleisen 24 Stunden lang eingeschaltet aufrecht auf dem Bügelbrett stehen hatte. Es ist nichts passiert, aber als ich am Tag nach dem Bügeln das Knacken hörte, ist mir fast das Herz stehen geblieben…

  7. Guten Morgen,
    ein sehr schöner Text.
    Musik kann – wie kaum etwas anderes – Erinnerungen und Gefühle wecken. Manchmal braucht es nur ein, zwei Töne um vergessenes Glück zu spüren, an geliebte Menschen zu denken etc.
    „Alive“ ist eins der besten Lieder der Welt. Eins, das mich an eine Zeit erinnert, in der ich viel Mut aufbringen musste, aber auch eine Zeit der Freundschaft. Auf der Liste von Lieblingsliedern steht es direkt vor Pearl Jams „Last Kiss“, das mich immer wieder ganz tief drinnen ergreifen kann.

    Liebe Grüße
    Nanni

    • Ja, Musik ist unübertroffen darin, Erinnerungen zu wecken. Das war auch bei mir schon immer so, aber selten hat es mich so kalt erwischt, wie in dem Text beschrieben.

      Liebe Grüße

      Uwe

  8. Wunderschöner Text. Mir geht es da wie dir: Musik hat einen wichtigen Platz in meinem Leben und zu vielen Liedern gibt es eine Geschichte, die sofort präsent ist, wenn das Lied läuft.

    Danke fürs Teilen deiner Gedanken, das bei mir grad viel auslöste.

  9. Sehr schön.

    Pearl Jam war meine absolute Lieblingsband und gehört auch heute noch zu meinen All-time-favorites. Und „Black“ war genaugenommen der Grund, warum ich selber eine Band gegründet habe und Sänger wurde.

    Gruß,
    Anton

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