Leseprojekt Spanischer Bürgerkrieg

Leseprojekt Spanischer Bürgerkrieg

In diesen Tagen jährt sich der Beginn des Spanischen Bürgerkriegs zum achtzigsten Mal. Gleichzeitig ist mir schon länger bewusst, dass ich bis auf die rudimentären Eckdaten kaum etwas Genaueres über diesen Konflikt weiß. Der schließlich nicht nur Spanien veränderte – und dort bis heute nicht vollständig aufgearbeitet ist – sondern viel mehr als ein Bürgerkrieg war. Nämlich ein Kampf der Ideologien, ein blutiges Experimentierfeld für die nur wenige Jahre später stattfindenen Auseinandersetzungen, die vom Zweiten Weltkrieg über die Stellvertreterkriege in Südostasien bis hin zum kalten Krieg Europa und die Weltordnung prägen sollten. Bis zum heutigen Tag.

Der Spanische Bürgerkrieg steht in der historischen Wahrnehmung für den Kampf der Republikaner gegen die Faschisten, des demokratischen Aufbruchs gegen die Kräfte der Reaktion. Und für den Versuch, die faschistische Machtausbreitung mit der Waffe in der Hand zu stoppen. Unvergessen etwa der vielzitierte Kampfruf ¡No pasarán! der kommunistischen Politikerin Dolores Ibárrur in ihrer Rundfunkrede vom 18. Juli 1936. Markige Worte wie diese, Texte eines Ernest Hemingways oder Photos eines Robert Capa prägen die Wahrnehmung der Geschehnisse jener Zeit. Die direkte Beteiligung oder ideelle Unterstützung zahlreicher Schriftsteller, Künstler und Intellektueller zementierte einen kämpferischen Mythos noch bevor der Krieg beendet und die Republikaner vernichtend geschlagen waren.

Ohne Frage steht der Faschismus für ein Gesellschaftssystem, dass unter allen Umständen verhindert werden sollte. Wenn es sein muss, eben mit der Waffe in der Hand. Aber wie in jedem Krieg gab es auch in diesem vor allem Grautöne. Zwar führten von Beginn an die Franco-Truppen den Krieg mit äußerster Härte und Brutalität, Menschenrechtsverletzungen, Exekutionen und Gräueltaten gegen die wehrlose Zivilbevölkerung gab es aber auch durch Einheiten der Republikaner. Auf beiden Seiten wurde mit Erbarmungslosigkeit und größter Erbitterung gekämpft, ein haßerfüllter Riss spaltete die spanische Bevölkerung. Dazu kam die die Zersplitterung des republikanischen Lagers; Sozialisten, Anarchisten, Kommunisten und Bolschewisten schwächten sich in ideologischen Grabenkämpfen gegenseitig, anstatt gegen den gemeinsamen Feind zusammenzustehen.

Die Anhänger Francos wurden durch Hitler und Mussolini mit Waffen und Truppen unterstützt; einerseits aus ideologischen Gründen, andererseits bot der Krieg in Spanien beste Möglichkeiten, Kriegsgerät und Taktiken im Echteinsatz zu testen – als Vorbereitung für den damals von Hitler schon fest geplanten großen Krieg, der Europa unter Nazi-Vorherrschaft bringen sollte. Die Verteidiger der Republik erfuhren direkte Waffenhilfe durch Stalins Sowjetunion, allerdings mit den Folgen, dass auch Stalins Politkommissare immer stärker das Sagen hatten und daran gingen, andere Meinungen als die sowjetische Parteilinie ebenso gnadenlos zu bekämpfen wie den faschistischen Gegner. Das Scheitern des linken Lagers auch durch die sowjetische Dominanz und die Uneinigkeit der Verbündeten ist ein Trauma, das die Linke nie überwunden hat. Besonders bitter muss es für die Geschlagenen gewesen sein, als Stalin 1939 knapp vier Monate nach Ende des Spanischen Bürgerkriegs einen Nichtangriffspakt mit Hitlers Deutschland schloss, der den Weg frei machte für den Zweiten Weltkrieg – und gleichzeitig das gegenseitige Ausliefern von Dissidenten beinhaltete. Zugleich begann in Spanien Franco eine Militärdiktatur zu errichten, die bis ins Jahr 1977 Bestand haben sollte. Er nahm furchtbare Rache an den Anhängern der gescheiterten Volksfrontregierung; hunderttausende von ihnen wurden ermordet oder verschwanden ohne ein Lebenszeichen zu hinterlassen, etwa eineinhalb Millionen politische Häftlinge wurden in Konzentrationslagern eingesperrt.

Das ist in etwa das, was ich über den Krieg in Spanien weiß oder zu wissen glaube. Ich habe mir vorgenommen, mit Hilfe eines Leseprojekts das Bild zu vervollständigen, zu ergänzen und wenn nötig zu korrigieren. Denn in den letzten Jahren haben sich etliche Bücher zu diesem Thema im heimischen Bücherregal angesammelt, die nur darauf warten, gelesen zu werden; Sachbücher, Romane, Anthologien. Hier sind sie, die Begleiter auf einer neuen Expedition in die Geschichte:

  • Anthony Beevor, Der Spanische Bürgerkrieg
  • Erich Hackl (Hrsg.), So weit uns Spaniens Hoffnung trug
  • Mercè Rodoreda, Der Garten über dem Meer
  • Joan Sales, Flüchtiger Glanz
  • Leif Davidsen, Die Wahrheit stirbt zuletzt
  • Julio Llamazares, Wolfsmond
  • George Orwell, Mein Katalonien
  • Hans Magnus Enzensberger, Der kurze Sommer der Anarchie
  • Ernest Hemingway, Wem die Stunde schlägt
  • Amanda Vaill, Hotel Florida
  • Susana Fortes, Warten auf Robert Capa
  • Carlos Saura, Dieses Licht!
  • Laurie Lee, Ein Moment des Krieges
  • Wilfried F. Schoeller (Hrsg.), Die Kinder von Guernica
  • Gustav Regler, Das große Beispiel
  • Almudena Grandes, Der Feind meines Vaters
  • Almudena Grandes, Inés und die Freude
  • Arthur Koestler, Ein spanisches Testament
  • Elsa Osorio, Die Capitana
  • Jaume Cabré, Die Stimmen des Flusses
  • Irme Schaber, Gerda Taro – Fotoreporterin
  • Eduard Torrents & Denis Lapière, Der Treck (Graphic Novel)

Sicherlich wird der ein oder andere Titel noch dazu kommen, aber wie alle meine Leseprojekte ist auch dieses auf eine lange Zeit angelegt und dient vor allem dazu, Titel thematisch in Zusammenhang zu setzen. Welche Texte werde ich finden? Welche Schicksale kennenlernen? Welche Zusammenhänge verstehen? Ich bin neugierig darauf.

An dieser Stelle seien auch die Blogs Glasperlenspiel13 und novelero empfohlen, die sich mit Themenbereichen wie diesem intensiv auseinandersetzen.

11 Kommentare

  1. Hm, da fehlt noch von Andre Malraux „Die Hoffnung“. Und wenn man sich dann auch noch mit der Aufarbeitung des spanischen Bürgerkrieges und der Franco-Zeit beschäftigen möchte, sind die Werke von Rafael Chirbes eine wunderbare Lektüre.

  2. Auch wenn die Leseliste schon sehr umfangreich ist, hier noch ein Hinweis auf einen Primärtext: Ilja Ehrenburg, Menschen – Jahre – Leben, insbesondere Band 2 ( http://d-nb.info/203535111 ). Ehrenburg war einige Jahre in Spanien, traf dort mit Hemingway und Durruti zusammen. Wie bei allen Primärtexten ist allerdings einordnendes Wissen hilfreich und Ehrenburgs manchmal sehr assoziatives Schreiben macht ein gezieltes Lesen nicht einfach, dafür lesen sich die Memoiren – bei einem geübten Journalisten nicht überraschend – sehr leicht. Mehr dazu schrieb ich in jungen Jahren mal hier: https://gachmuretsnotizblog.wordpress.com/2010/09/25/buch-sonntag-9461597/

    Ist aber schon eher speziell, kann dafür aber eine bereichernde Perspektive bieten.

  3. Pingback: Netzalmanach Juni 2016 | notizhefte

  4. zwei kleine anregungen/ergänzungsvorschläge:
    – für die – teilweise ja ziemlichen verworrenen und verwirrenden – geschichtlichen hintergründe ist „Der Spanische Bürgerkrieg. Geschichte eines europäischen Konflikts“ von Carlos Collado Seidel eine sehr gute, sachliche, knappe und doch ziemlich umfassende einführung (beck 2006, 222 seiten im taschenbuch)
    – und natürlich darf (für mich) nicht fehlen: peter weiss, ästhetik des widerstands (das ist natürlich keine kleine ergänzung und reicht auch weit über den spanischen bürgerkrieg hinaus, bringt dazu aber einen der größten texte des 20. jahrhunderts in spiel …)

    • Vielen Dank, gute Hinweise. Und Peter Weiss steht hier schon seit Längerem bereit, es wäre in der Tat eine perfekte Gelegenheit, dieses Buch endlich einmal zu lesen.

  5. Pingback: #netzrundschau 06/2016 | SchöneSeiten

  6. Lieber Uwe,

    ein sehr spannendes und wenn jetzt das Thema nicht so tragsich wäre auch ein wunderbares Leseprojekt. Die Hälfte deiner literarischen Wegbegleiter habe ich bereits gelesen und zwei, drei Titel waren auch für mich neu. Auf diversen anderen Kanäle habe ich dir meine Anregungen bereits via Foto geschickt. Vielleicht verschriftliche ich sie hier noch einmal für die Nachwelt.
    -Constancia de la Mora: Doppelter Glanz
    -Max Aub: die Stunde des Verrats
    -Erich Hackl: Der Entwurf einer Liebe auf den ersten Blick
    -Jaume Cabre: Die Stimmen des Flusses
    -No pasarán

    Besonders faszinierend finde ich, dass mit jedem zusätzlichen Buch ein weiteres kleines Puzzleteil in dem großen zeitgeschichtlichen Gefüge sichtbar wird. So behandelt Almudena Grandes in ihrem Roman „Inés und die Freude“ eine Invasion im Val d’Aran am 19. Oktober 1944. Vorwiegend kommunistischer Kämpfer lehnten sich gegen die faschistische Diktatur auf. In der offiziellen Geschichtsschreibung ist davon nichts zu finden.

    Ich bin gespannt auf deine Eindrücke und werde dir folgen in die Wirren des Spanischen Brügerkriegs, der so viele wunderbare Leben gekostet und Ideale hat sterben lassen.

    Danke für deine Anregung und dein Interesse!

    • Liebe Vera,

      vielen Dank für Deinen begeisterten Kommentar und die Lektüretipps. Ich wusste ja, dass Dich dieses Thema interessiert und freue mich schon auf unseren Austausch. Sozusagen als Basis habe ich jetzt mit dem Beevor angefangen und schon auf den ersten 60 Seiten gemerkt, wie wenig ich über diese Zeit in Spanien weiß. Hochspannend – wenn, wie Du richtigerweise sagst, es nicht so tragisch wäre.

      Auf jeden Fall hat die Reise begonnen und ich bin neugierig, wohin sie mich führen wird.

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