Heiligabend mit John Dos Passos

DosPassos, Manhattan TransferDen 24. Dezember 1997 habe ich als einen der grauesten Tage meines Lebens in Erinnerung und trotzdem ist er verknüpft mit einer intensiven Leseerfahrung. Wenige Monate zuvor war ich als Student nach Leipzig gezogen, eine Stadt im Umbruch, nicht vergleichbar mit der Glitzerkulisse mit der sich die Leipziger Innenstadt heute umgibt. Abgebröckelte Fassaden, unsanierte, aber wunderschöne Gründerzeithäuser, der Braunkohlegeruch allgegenwärtig, dazu an vielen Gebäuden noch Kriegsschäden oder sogar verblichene Reklamemalereien aus den zwanziger Jahren. Ich als Süddeutscher hatte plötzlich das Gefühl, ganz nah an der Geschichte Deutschlands dran zu sein, denn überall stieß man auf ihre Spuren, seien es Einschusslöcher oder die Folgen der sozialistischen Mangelwirtschaft.

Der anfänglichen Euphorie folgte der Leipziger Winter mit seinem eisigen Ostwind und den zweistelligen Minustemperaturen, bei denen unsanierte Altbauwohnungen mit Kohleheizung und Toilette im Treppenhaus doch etwas an Charme verlieren können. Trotzdem, ich fand alles großartig, bis auf meine finanzielle Situation. Mein Antrag auf elternunabhängiges BaföG war abgelehnt worden, da mir ein Monat Arbeitszeit für die Berechtigung gefehlt hatte. Und der neue Antrag  auf reguläres BaföG war in Bearbeitung, während meine Ersparnisse dahinschmolzen, bis die Lage langsam etwas prekär wurde. Alle unnötigen Ausgaben hatte ich daher schon längst gestrichen, als ich an einem der Adventssamstage mit ein paar Freunden durch die Innenstadt bummelte. Ein trüber Tag, an dem es nicht hell werden wollte, graue Fassaden, keine Fußgängerzone, aber die Stadt war schwarz vor Menschen. In einer der Passagen war ein antiquarischer Buchverkaufsstand aufgebaut und dort hielt ich plötzlich „Manhattan Transfer“ von John Dos Passos in der Hand. In der deutschen Erstauflage von 1927 und mit 35 DM eigentlich bezahlbar. Die hatte ich aber nicht, so dass ich nach längerem Abwägen das Buch schweren Herzens wieder zurücklegte.

Ich hatte es ein paar Jahre zuvor gelesen. „Manhattan Transfer“ ist ein beeindruckender Roman, ein Meilenstein der amerikanischen Literatur und gleichzeitig ein faszinierendes Zeitdokument. Im Zentrum der Handlung steht die Stadt New York, Mittelpunkt und Kulisse gleichermaßen. Der Leser begleitet verschiedene Protagonisten über viele Jahre ihres Lebens, manche treffen sich im Verlauf der Handlung, manche nicht. Es sind Schicksale, Tragödien, Familiengeschichten, die wir erleben, während New York wächst und wächst, der technische Fortschritt die Stadt immer stärker verändert. Ein Moloch, eine Stadt von gigantischen Ausmaßen, die einfach da ist, immer, während die Personen der Handlung älter werden, scheitern, vergehen. Das Buch hatte mich damals fasziniert und eine Erstausgabe davon zu besitzen wäre natürlich schön gewesen.

Kurz nach dem beschriebenen Stadtbummel war Weihnachten. Ich wollte mir beweisen, dass für mich Heiligabend ein Tag wie jeder andere sein kann und hatte beschlossen, die Feiertage in Leipzig zu verbringen. Allein, denn fast alle Kommilitonen waren zu ihren Familien gefahren, auch meine WG-Mitbewohnerin war nicht da. So saß ich an jenem grauen 24. Dezember in einer Wohnung in Leipzig, einer Stadt, in der ich zu diesem Zeitpunkt kaum jemand kannte und die mir noch fremd war. Der dichte Nebel hing zwischen den Häusern, man konnte nur das Hinterhaus sehen, auf dessen verbogenen Fernsehantennen die Krähen saßen, ein paar qualmende Kamine ragten aus dem Dunst. Es war bitterkalt und totenstill. Ich habe mich wohl noch nie so alleine gefühlt. Doch auf dem Küchentisch lag ein Päckchen, das meine Mitbewohnerin mir dort hinterlassen hatte. Es war ein Geschenk, die Erstausgabe von „Manhattan Transfer“ die ich mir nicht hatte kaufen können. Ich hatte ihr davon erzählt und da lag es nun, das Buch. Eine perfekte Überraschung – und plötzlich war es doch Weihnachten.

Den ganzen Tag habe ich darin gelesen, machte mir einen Kaffee, schaute ab und zu auf den Nebel, der nicht weichen wollte, und auf die Krähen, die still auf den verbogenen Fernsehantennen saßen. So verstrich der 24. Dezember 1997.
Spätabends war ich noch im Markt 9 verabredet, einer mittlerweile leider verschwundenen, ganz wunderbaren Bar. Es wurde dann noch ein recht netter Heiligabend.

13 Kommentare

  1. Hab das Buch auch mal gelesen und in einem Antiquariat, als es geschlossen wurde, um vier Euro gekauft. Ob es die Erstausgabe ist, müßte ich erst nachschauen“

  2. Schöner versöhnlicher Literatur-Weihnachts-Text. Du warst also vor 17 Jahren im alten New York. Und bei John Dos Passos und seiner großartigen , bis heute von niemandem erreichten Collage-Technik samt Zeitungsschlagzeilen, Liedtexten und Webeslogans warst du ja mittendrin im Geschehen. Da konntest du deine prekäre Lage mit all dem Bafögkram sicher vergessen- und das auch noch mit Erstausgabe!
    War auch für mich ein Weihnachtsgeschenk heute, dein Artikel.
    Schöne Grüße und gute Feiertage.

  3. Meine dritte Buchbesprechung von dir, und ich weiß gar nicht mehr, welches Buch ich als erstes lesen möchten. Ich glaube ich bleibe bei deinen Texten. Alleine die sind schon wunderbare Lektüre. Danke und schönes restweihnachtsfest. Markus

  4. Ich finde das etwas ganz Besonderes, wie du das schaffst, Buchbesprechungen in einer ganz bestimmten Lebenssituation zu verankern. Liest sich total fein. Macht leider auch Lust auf die von dir vorgestellten Bücher.
    Ein wunderschönes Weihnachten wünsche ich dir. Natürlich auch mit einem oder auch mehreren Büchern.

    • Dankeschön, es freut mich immer, wenn Dir ein Text gefällt. Dir auch ein schönes und entspanntes Weihnachtsfest.

  5. Das habe ich gern gelesen, soeben, und es dann einer Freundin in Leipzig geschickt!
    Endlich jemand, der von Büchern erzählt und von grausligen Weihnachtsfesten – alles auch Meins……….Danke!

    • Das passt ja gut. Vielen Dank für das nette Feedback. Und ein hoffentlich nicht so grausliches Weihnachtsfest…

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