Leiden im luftleeren Raum

Plötzlich war es da, wie aus dem Nichts aufgetaucht: Selten war ein Buch einer bis dahin kaum bekannten Autorin so präsent in Blogs und Medien wie Hanya Yanagiharas Roman „Ein wenig Leben“. Vorab-Schwärmereien, Besprechungen, Schilderungen von Leseerfahrungen, Gespräche über die Gefühle, die das Buch auslösen würde; es war mir schon fast zu viel, denn wenn alle, wirklich alle über einen Roman sprechen, meint man gerne, ihn gar nicht mehr selbst lesen zu müssen. Erst als dann in den Blogs buchrevier und Buzzaldrins Bücher erste kritischere Stimmen auftauchten, wurde ich neugierig. Und nachdem ich in einer Buchhandlung die ersten Seiten gelesen hatte, wollte ich wissen, wie es weitergeht, denn sie haben eine Art Sog erzeugt, dem ich mich nicht entziehen konnte.

Inzwischen dürfte der Inhalt ja hinlänglich bekannt sein, weshalb der folgende Text nach Herzenslust spoilert.

Es geht um die Lebensgeschichten von vier Freunden. Willem Ragnarsson, Malcolm Irvine, Jean-Baptiste »JB« Marion und Jude St. Francis kennen sich seit dem College und sind bei aller Unterschiedlichkeit eng miteinander verbunden. Jeder von ihnen schleppt seine familiäre Vergangenheit mit sich herum und versucht, sie zu überwinden. Willem hat den Kontakt zu seinen lieblosen Eltern abgebrochen, Malcolm steht im Schatten seines dominanten Vaters und der zum Egozentriker verzogene JB muss lernen, dass ihm Erfolg nicht geschenkt wird. Das sind alles mehr oder weniger alltägliche Probleme, sie prägen die Charaktere der Protagonisten und kommen in der Vorstellungsrunde im ersten Teil des Buches schnell auf den Tisch.

Ganz anders sieht es mit Jude St. Francis aus, der eigentlichen Hauptfigur des Romans. Um ihn und sein zerstörtes Leben geht es. Wie zerstört, das erfahren wir durch regelmäßige Rückblicke, die uns schaudernd in Abgründe blicken lassen. Und Judes vollkommen irrationales Handeln erklären, mit dem er sich selbst im Weg steht: „Aber was war Lebensglück schon anders als schierer Luxus, ein Zustand, der unmöglich aufrechtzuerhalten war, auch weil er sich so schwer in Worte fassen ließ? Er konnte sich nicht erinnern, als Kind ein Bewusstsein dafür gehabt zu haben, was Glücklichsein bedeutete: Er hatte nur Elend und Angst gekannt und die Abwesenheit von Elend und Angst, und Letzteres war alles, was er gebraucht oder gewollt hatte.“

Jude ist als elternloses Findelkind im Kloster und im Heim aufgewachsen, ist missbraucht worden, ist pädophilen Monstern in die Hände gefallen, musste sich prostituieren, um als Jugendlicher zu überleben – ein jahrelanges Martyrium, über das er nie redet, das er versucht, zu vergessen. Vergessen, um weiterzuleben. Das kann nicht funktionieren, wie er und wir Leser schmerzhaft erfahren müssen: „Sein Schweigen war anfangs ein Schutz gewesen, aber im Laufe der Jahre ist es zu etwas nahezu Erdrückendem geworden, etwas, das ihn beherrscht statt umgekehrt. Jetzt kann er es nicht mehr ablegen, selbst wenn er es sich manchmal wünscht.“

Um die seelischen Qualen auszuhalten, schneidet er sich mit Rasierklingen. Jahrelang, jahrzehntelang, weil er das Gefühl hat, „…dass es eine Form der Bestrafung und zugleich der Reinigung war, dass er dadurch alles Giftige und Verdorbene aus sich herausspülen konnte (…) , dass es ihm das Gefühl gab, sein Körper, sein Leben gehöre tatsächlich ihm und nur ihm.“ 

Dieses Schneiden hat mich bei der Lektüre des Romans am meisten mitgenommen, vielleicht weil ich mir in keinster Weise vorstellen kann, wieso man sich so etwas antut. Und erst durch dieses Unverständnis ist mir klar geworden, wie tief die psychischen Verletzungen Judes reichen, wie weit er sich aus der Welt der Lebenden zurückgezogen hat. Besonders diese Stelle ist mir dabei im Kopf geblieben: „Das Narbengewebe überzog seine Unterarme mittlerweile in einer so dicken Schicht, dass sie von Weitem aussahen wie in Gips getaucht.“ Schon beim Abschreiben des Zitats läuft mir ein Schauder über den Rücken und ich möchte unvermittelt über meine Unterarme streichen. Die geschundenen Arme als Sinnbild für Judes geschundenes Inneres.

Hilfe von außen lehnt Jude ab. Und immer, wenn er bereit ist, sich etwas zu öffnen, hat die Autorin einen weiteren Schicksalsschlag auf Lager, dreht sie die Spirale der Verzweiflung etwas weiter. Das ist harter Stoff für die Leser und wird nur etwas abgemildert durch die Liebe, die Jude auch erlebt – sie aber nur schwer ertragen kann. „Manchmal fragt er sich, ober er sich überhaupt jemals einsam gefühlt hätte, wenn niemand ihm das Gefühl gegeben hätte, dass er sich einsam fühlen sollte, dass ein Leben, wie er es führte, in irgendeiner Weise sonderbar oder inaktzeptabel sei.“

958 Seiten lang begleiten wir Jude St. Francis beim Versuch, ein wenig zu leben. Es ist eine emotionale Achterbahnfahrt, die mich allerdings nicht ganz so berührt hat, wie andere Leser. Zumindest habe ich keine feuchten Augen bekommen (okay, einmal) und ich hatte auch nicht das Bedürfnis, über das Buch reden zu wollen – wie es der Verlag in seiner Werbung ankündigte.

Ich will damit nicht sagen, dass mich der Roman kalt gelassen hat, aber mehrere Gründe sind es, warum zwischen mir und den geschilderten Ereignissen so etwas wie eine Glasscheibe geblieben ist. Zum einen hat die Handlung keinerlei Bezug zur Gesellschaft, in der die Protagonisten leben; tagesaktuelle Geschehnisse, die auf jedes Leben einwirken, kommen nicht vor. Es wirkt wie ein luftleerer Raum, wie eine abstrakte Phantasiewelt, was durch die plakative Diversität der handelnen Haupt- und Nebenfiguren noch unterstrichen wird.

Zum anderen sind die Lebensläufe der vier Freunde so überzeichnet unwirklich, dass darunter meines Erachtens der ganze Plot leidet. Willem wird ein weltweit bekannter Filmstar, Malcolm ein extrem erfolgreicher Architekt, JB ein gefeierter Künstler und Jude ein gefürchteter Staranwalt. Als wären es vier Kunstfiguren ohne materielle Sorgen, die den luftleeren Raum der Handlung bevölkern und die mit dem realen Leben nichts zu tun haben. Kunstfiguren in einer künstlichen Welt.

Vielleicht wirkte es auch deshalb so auf mich, weil ich „Ein wenig Leben“ unmittelbar nach Paul Austers „4 3 2 1“ gelesen habe, ein Buch, bei dem nicht nur überraschende Schicksalsschläge, sondern auch die Schilderung des gesellschaftlichen Umfelds und der Ereignisse in der Welt da draußen immens wichtige Rollen spielen. Ein Buch, bei dem es vor allem um die Realität geht – in verschiedenen Ausprägungen.

Nichtsdestotrotz war „Ein wenig Leben“ eine Lektüreerfahrung, die ich nicht missen möchte. Doch während Jude St. Francis und seine Freunde sich in den Gedanken schon wieder zu verflüchtigen beginnen, steht Paul Austers Archie Ferguson wie ein alter Bekannter immer noch präsent vor mir und wartet darauf, dass wir endlich einmal zusammen ein Bier trinken gehen.

Buchinformation
Hanya Yanagihara, Ein wenig Leben
Aus dem Englischen von Stephan Kleiner
Hanser Berlin
ISBN 978-3-446-25471-8

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8 Kommentare

  1. Und ich dachte schon, du feierst dieses Buch jetzt total, nach deinen Tweets zu urteilen! In deiner Rezension dagegen kann ich mich sehr gut wiederfinden, vor allem diese „Glasplatte“ zwischen mir und den Charakteren trifft es sehr gut. Sie kamen mir alle so unecht vor, es war so schablonenhaft und… naja, ich hab aber auch bei Seite 600 (immerhin) aufgegeben. Wobei ich sagen muss, dass ich am Schreibstil nichts auszusetzen habe.
    Was dieses „Sie werden darüber reden wollen“ angeht, so stimmt es auch ein wenig – ich möchte darüber reden, weil ich diesen Hype nicht nachvollziehen kann.

  2. Habe das Buch gelesen und sehr gemocht, obwohl ich den Ausdruck bei der Thematik immer etwas schwierig finde. Aber bei den Kritikpunkten die du ansprichst, war das bei mir tatsächlich ganz anders, meine Empfindungen kreisten gar nicht so sehr um die Umstände. Ich finde das Zitat, das du angebracht hast „Aber was war Lebensglück schon anders als schierer Luxus […]“ zeigt eigentlich ganz gut und passt auch ganz gut zur Aufstellung der Figuren und deren beruflichen Erfolgen. Für mich kam da eben wunderbar zur Geltung, wie wenig Geld, als Luxus allein angesehen werden sollte, wenn doch das innerliche Wohlbefinden leidet. Man lernt Jude ja zudem auch nicht bereits als „reichen“ Menschen kennen, man liest ja, wie sich die Wohnsituationen verändern. Und doch bleibt das wohl scheinbar in der Gesellschaft einzig wichtige, Geld zu besitzen, nur eine Nebensächlichkeit.

    Zu den nicht erwähnten Vorkommnissen der Welt hat sich Hanya Yanagihara in einem Interview mit Denis Scheck auch selbst kurz geäußert. Ihre Antwort auf die Frage, wieso sie diese Dinge auslässt fand ich wirklich nachvollziehbar und mir persönlich hat das an dem Roman gut gefallen. Zwar habe ich mich anfangs etwas schwer getan, die Jahre anhand solcher Ansätze zuzuordnen, aber dadurch konzentrierte ich mich als Leserin viel stärker auf die Entwicklungen der Beziehungen.

    Paul Austers Roman liegt noch ungelesen neben mir, aber mich lässt Hanya Yanagiharas Roman immer noch nicht ganz los. Immer wenn ich an die Figuren und vor allem an einen Satz fast zum Ende hin zurückdenke (ich spoiler mal nicht, falls jemand die Kommentare liest), packt mich wieder so ein herzzreißendes Gefühl.

    Liebe Grüße
    Karin

    • Auf jeden Fall hatte das Buch sehr beeindruckende Lesemomente, und ich habe mir zahlreiche Zitate angestrichen, die mich nachdenklich gemacht haben. Und es wird sicherlich eine Lektüre sein, die ich nicht so schnell vergesse. Aber die genannten Kritikpunkte haben – zumindest bei mir – dazu beigetragen, dass es letztendlich kein so prägendes Leseerlebnis geworden ist wie eben beispielsweise Paul Austers Roman. Und gerade weil in beiden Büchern New York als prägende Umgebung sowie Kunst und Kultur eine wichtige Rolle spielen, schwang bei aller Unterschiedlichkeit des Inhalts und des Stils beider Bücher ein Vergleich immer mit.

      Liebe Grüße

      Uwe

  3. Zitat:
    ich hatte auch nicht das Bedürfnis, über das Buch reden zu wollen – wie es der Verlag in seiner Werbung ankündigte.

    Sorry, aber dann kann ich nicht verstehen, dass Sie es trotzdem tun. Klingt irgendwie gegensätzlich ..

    Nun, ich habe das Buch gelesen. Und ja, es ist schon verwunderlich, dass die 4 Freunde alle beruflich so erfolgreich werden. Allerdings blieb das für mich eine Nebensächlichkeit. Mich sprach da mehr das Zwischenmenschliche an, daneben glaube ich auch nicht, dass es der Autorin darum ging die Ereignisse der Welt zu beschreiben, das können gerne andere machen wenn sie das mögen. Hier wurde sich rein um die Protagonisten gekümmert, Menschen in ihrem Privatesten, Intimsten offenbart. Vor allem ‚Jude‘ zog mich als Leser mit in ’seine Abgründe‘. Es gab diese Stellen an denen ich tatsächlich weinte, es gab diese Stellen, die mich beklommen zurück ließen, es gab diese Stellen der kleinen Freuden, der glücklichen Zeiten. Alles in Allem hat das Buch bi jetzt noch nicht losgelassen.

    Noch eine Anmerkung: Paul Austers 4 3 2 1 habe ich nicht gelesen, darum kann ich die beiden Bücher nicht vergleichen. Andererseits will ich das auch gar nicht, denn jedes Buch ist einzigartig in seiner Geschichte.

    • Touché, das stimmt natürlich.
      Was ich damit meinte: Mir ging die Geschichte nicht so nahe, dass ich deswegen darüber sprechen musste. Beeindruckt hat mich das Buch schon, aber völlig begeistert nicht. Eben weil mir die Handlung letzten Endes doch zu konstruiert war, blieben mir die Protagonisten fremd, wirkten auf mich nicht authentisch.
      Aber das mag jeder auf seine Weise empfinden.

  4. Hey Danke, für die kritische Auseinandersetzung. Ich lese das Buch bestimmt noch, aber ich hab gerne dazu mal jemanden im Hinterkopf der nicht mit der Meute jault – bzw. lobt!

    • Danke. Und hoffentlich habe ich Dir nicht zuviel verraten – aber eine Spoilerwarnung gab es ja… 😉

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