Im Lawinenwinter

Das Buch "Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod" von Gerhard Jäger erzählt vom Lawinenwinter 1951

Das Buch „Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod“ von Gerhard Jäger ist der Roman, der mich von allen Büchern in den letzten Monaten am meisten begeistert hat. Dabei wäre er beinahe an mir vorbeigegangen, wenn nicht Bloggerkollegin Mareike Fallwickl ihn auf Facebook als ihre nächste Lektüre angekündigt hätte, ich neugierig nachfragte, worauf Buchhändlerin Nina Merks meinte, ich würde das Buch lieben. Wir haben uns im realen Leben noch nie gesehen, trotzdem kennen wir unsere Lesevorlieben gegenseitig so gut, dass ich umgehend in eine der Buchhandlungen meines Vertrauens spaziert bin und das Buch gekauft habe. Und was soll ich sagen, sie hatte recht. Und wie.

Um was geht es? Der achtzigjährige Witwer und Ich-Erzähler John Miller fliegt im Jahr 2006 von den USA nach Österreich, um am Ende seines Lebens einem dunklen Familiengeheimnis nachzugehen. Mehr als ein halbes Jahrhundert zuvor war sein Cousin Max Schreiber in einem abgelegenen Alpendorf verschwunden. Es war im Lawinenwinter 1951, als der Schnee mit solch einer Gewalt über die Bergwelt der Alpen hereinbrach, dass am Ende 265 Todesopfer zu beklagen waren. Die meisten waren durch die vielen Lawinen umgekommen, die donnernd in die Täler hinabgekrachten und alles auslöschten, was ihnen im Weg stand. Die meisten, aber nicht alle. Und Max Schreiber war seitdem verschwunden. Das Einzige, was noch an ihn erinnert, ist ein Manuskript, das er hinterlassen hat. Das nach dem katastrophalen Winter in seinem Zimmer im einzigen Gasthaus des Ortes gefunden wurde und das seitdem im Innsbrucker Landesarchiv aufbewahrt wird. Und dieses Manuskript möchte John Miller sich anschauen, um vielleicht zu verstehen, was genau damals geschehen ist.

Als er an einem Arbeitsplatz im Landesarchiv sitzt und zu lesen beginnt, führen ihn die beschriebenen, vergilbten Seiten zurück in den späten Herbst 1950. Es ist eine Art Tagebuch, als Roman verfasst, in dem Max Schreiber über sich in dritter Person erzählt. Es beginnt mit seiner Ankunft dem abgelegenen Ort. „Vorsichtig erkundeten seine Augen in der hereinbrechenden Dunkelheit das vor ihm liegende Dorf: hingeduckt an die schützenden Hänge, hatte es sich in den Bergen über Generationen in die steinernen Leiber gefressen.“ Ein Schreibprojekt führt ihn, den jungen Historiker, hierher, für das er den Winter fernab der gewohnten Wiener Annehmlichkeiten verbringen möchte.

Von Beginn an ist klar, dass er ein Eindringling ist. Ein Städter, der hier nicht hergehört, „ein Studierter, der sich nicht die Finger und den Rücken krumm machen müsse, am Spaten, am Pflug, an der Sense.“ Ein schwächlicher Stadtmensch in einer Welt der Entbehrungen, der harten körperlichen Arbeit. Einer Welt, die den Dorfbewohnern nichts schenkt. Großartig ist die Szene, in der er nach seiner Ankunft das Gasthaus betritt, um dort sein im voraus per Brief reserviertes Zimmer zu beziehen: „Er stieg die Stufen zur Tür empor und drückte die Klinke durch. Ein rauchig-gelbes Licht drang in seine Augen, und als ob er mit der Tür nicht nur sich, sondern auch der nächtlichen Stille Zugang verschafft hätte, wurde es ruhig. Ein abgebrochener Satz schien mitten in der Luft zu hängen, und Schreiber hatte das Gefühl, vor einem Gemälde zu stehen: das gelbe Licht, Stühle, Tische, die Karte, gerade ausgespielt, die sich auf der Tischoberfläche noch drehte wie ein Kreisel, dann zur Ruhe kam, die Köpfe, die sich nach ihm umgewandt hatten, und die Augen, die ihn flackernd anschauten, ihn, den Mann, der unter der Tür stehen geblieben war, viel jünger, als in ihren Vorstellungen ein Historiker wohl war, in den viel zu feinen Schuhen, mit dem viel zu neuen Mantel, den beiden Koffern in der Hand.“

Zwei Spannungsbögen ziehen sich durch den Roman. Zum einen ist es die Geschichte des Manuskripts, die erzählt, wie Max Schreiber wochen- und monatelang alleine durch das Dorf und seine Umgebung streift. Und dabei immer weiter in die Isolation abdriftet, das Fremdsein macht ihn zu einem wunderlichen Eigenbrötler, zu einem Schatten. Auch die Tatsache, das sein Tagebuch in der dritten Person verfasst ist, findet eine nachvollziehbare Erklärung. Gleichzeitig wird er damit konfrontiert, dass ein Dorf seine Geheimnisse hat, die jeder kennt und über die niemand spricht. Als dann langsam erste Kontakte zu den Dorfbewohnern entstehen, nimmt das Schicksal seinen Lauf. Und dann kommt der Winter. Mit ihm kommen die Lawinen. Und mitten in der Naturkatastrophe bricht sich eine Lawine menschlicher Leidenschaft Bahn. Eine Lawine aus Wahn, Hass und Eifersucht.

Zum anderen ist es die Lebensgeschichte des Ich-Erzählers John Miller, den wir regelmäßig beim Erforschen der Vergangenheit beobachten können. Um nach und nach seine Schicksalsschläge kennenzulernen, seine persönlichen Dämonen, die ihn stets verfolgen. Es sind zwei Welten, in denen wir uns als Leser bewegen, den Welten von Max Schreiber und John Miller. In der Aktentasche, die Miller ständig bei sich trägt, bewahrt er einen Gegenstand auf, der diese Welten möglicherweise miteinander verbinden könnte.

„Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod“ ist ein wunderbar komponierter Roman mit verschiedenen Zeit- und Erzählebenen, dazu sprachlich für mich ein vollkommener Lesegenuss. Eine bildhafte, emotionale Sprache voller poetischer Wucht bringt uns die Gefühle der Protagonisten sehr nahe. Sie gibt Einblick in eine archaische Bergwelt der beginnenden 5oer Jahre, eine Zeit, in die das uns heute so fern vorkommende 19. Jahrhundert noch deutlich hineinragt – die Alten des Dorfes sind alle in dieser fernen Zeit geboren und haben deren Wertvorstellungen verinnerlicht und weitergegeben. Gleich von Beginn an liegt eine bedrohliche Stimmung in der Luft, eine Stimmung, die sich zunehmend verdichten und im Lawinenchaos explodieren wird. Und der Schluss? Ist in meinen Augen perfekt.

Das Buch hat mich von Anfang bis Ende in seinen Bann gezogen, richtiggehend in die Geschichte hineingesaugt. Auf einer langen Zugfahrt habe ich es fast in einem Stück gelesen. Leider war die Fahrt nach fünf Stunden beendet, ich musste aussteigen und hätte mir beim Auftauchen in der Gegenwart beinahe den Schnee von der Kleidung abgestreift.

„Geschichten“, sagt der alte Mann, der immer noch mit dem Rücken zu Schreiber am Herd steht, „Geschichten treiben die Menschen an. Entweder sie suchen Geschichten, oder sie rennen weg vor Geschichten. Das ist alles.“

Buchinformation
Gerhard Jäger, Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod
Blessing Verlag
ISBN 978-3-89667-571-2

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12 Kommentare

  1. Wenn ich in den Urlaub fahre, nehme ich immer gerne entsprechende Lektüre mit. In den Befgen war das zB schon Die Wand von Marlen Haushofer oder Schlafes Bruder von Robert Schneider.
    Und nun eben Gehard Jägers DerSchnee…..
    Eine wunderbare Lektüre, so nahegehen wie oben beschrieben und in einem engen Tiroler Tal gelesen den Urlaubsrindruck definitiv intensivierend!!!!

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  3. Ich bin richtig glücklich, dass ich nach Deiner Bewertung das Buch angefangen habe zu lesen. So atmosphärisch, echt und fesselnd. Als Flachländerin liebe ich die Berge und hier fühlt man sie richtig.
    Danke für Deinen Tipp.
    Liebe Grüße
    Gela

  4. Pingback: Gerhard Jäger: Der Schnee, Das Feuer, Die Schuld Und Der Tod | Bücherwurmloch

  5. habe gerade das erste Viertel gelesen. Die Atmosphäre erinnert mich sehr an „Das finstere Tal“ von Thomas Wellmann, auch wenn die Geschichten zeitlich viele Jahre auseinander liegen….
    biblioviele Grüße,
    Susa

  6. … Danke! Ich habe das Buch direkt gekauft … was ich oft mache, wenn ich Deine Rezensionen hier gelesen habe … das sind immer Bücher, über die ich nie gestolpert wäre! Deshalb auch Danke fürs Horizont erweitern!

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